define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":205,"date":"2014-05-31T18:08:45","date_gmt":"2014-05-31T16:08:45","guid":{"rendered":"https:\/\/stefan-soyka.de\/?page_id=205"},"modified":"2019-01-11T14:31:20","modified_gmt":"2019-01-11T13:31:20","slug":"5-alte-gemaeuer-junge-herzen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/stefan-soyka.de\/?page_id=205","title":{"rendered":"5. Alte Gem\u00e4uer, junge Herzen"},"content":{"rendered":"

24. August<\/p>\n

Die Sul\u00adtan-Ahmet-Moschee<\/a> in Istan\u00adbul wird \u201eBlaue Moschee\u201d genannt, weil bei den dort zu bewun\u00addern\u00adden, pr\u00e4ch\u00adti\u00adgen Flie\u00adsen-Mosai\u00adken<\/a> Blau die domi\u00adnie\u00adren\u00adde Far\u00adbe ist.<\/p>\n

Da eine bild\u00adli\u00adche Dar\u00adstel\u00adlung \u201ebeseel\u00adter\u201d Wesen in der isla\u00admi\u00adschen Welt ver\u00admie\u00adden wird \u2013 in der sakra\u00adlen Kunst und Archi\u00adtek\u00adtur gibt es sogar ein regel\u00adrech\u00adtes \u201eBil\u00adder\u00adver\u00adbot\u201d<\/a> \u2013, zie\u00adren \u00fcber\u00adwie\u00adgend flo\u00adra\u00adle Orna\u00admen\u00adte<\/a> die W\u00e4n\u00adde und Kup\u00adpeln des Got\u00adtes\u00adhau\u00adses. <\/span>Und zwar zie\u00adren sie die Innen<\/em>w\u00e4n\u00adde und \u2011kup\u00adpeln, wes\u00adhalb die gan\u00adze Sch\u00f6n\u00adheit des (frag\u00adlos auch von au\u00dfen sehr beein\u00addru\u00adcken\u00adden) Geb\u00e4u\u00addes sich nur dem erschlie\u00dft, der Gele\u00adgen\u00adheit hat, es auch zu betreten.<\/p>\n

Seit dem Ruf des Muez\u00adzins zum Mor\u00adgen\u00adge\u00adbet ist schon eini\u00adge Zeit ver\u00adgan\u00adgen, als Inge und ich uns auf den Weg zur Blau\u00aden Moschee machen. Weit haben wir es ja nicht.
\nTat\u00ads\u00e4ch\u00adlich ist die Moschee nun wie\u00adder auch zur Besich\u00adti\u00adgung ge\u00f6ffnet.<\/p>\n

\"77017_blauem.jpg\"<\/p>\n

Unse\u00adre Schu\u00adhe las\u00adsen wir neben dem Ein\u00adgang stehen.
\nEinen Moment lang z\u00f6ge\u00adre ich, als ich sehe, dass die meis\u00adten der dort bereits auf\u00adge\u00adreih\u00adten Paa\u00adre einen weit\u00adaus sch\u00e4\u00adbi\u00adge\u00adren Ein\u00addruck machen als Inges Mar\u00adken-Turn\u00adschu\u00adhe und mei\u00adne brand\u00adneu\u00aden Leder\u00adsan\u00adda\u00adlen\u2026 Aber dann den\u00adke ich an den alten Mann von ges\u00adtern \u2013 \u201eAllah sieht alles!\u201d \u2013 und h\u00f6re auf, mir Sor\u00adgen zu machen.<\/p>\n

\n
\"77018_blauem.jpg\"<\/div>\n
Die Ruhe, die uns drin\u00adnen umf\u00e4ngt, ist die\u00adsel\u00adbe, die man auch in christ\u00adli\u00adchen Got\u00adtes\u00adh\u00e4u\u00adsern erlebt, zumin\u00addest dann, wenn die\u00adse eben\u00adfalls gro\u00df und alt sind.<\/div>\n<\/div>\n

Ich den\u00adke, die\u00adse beson\u00adde\u00adre Ruhe r\u00fchrt nicht nur von den dicken Stein\u00admau\u00adern her, die Orte wie die\u00adsen vom L\u00e4rm der Welt abschir\u00admen. Sie ist viel\u00adleicht auch eine Art Nach\u00adhall der inne\u00adren Stil\u00adle, Ein\u00adkehr und Besin\u00adnung, die vie\u00adle tau\u00adsend Gl\u00e4u\u00adbi\u00adge im Lau\u00adfe der Jahr\u00adhun\u00adder\u00adte hier gefun\u00adden haben m\u00f6gen.
\nDie\u00adse Atmo\u00adsph\u00e4\u00adre der Abge\u00adschie\u00adden\u00adheit \u2013 qua\u00adsi eine Ver\u00adlang\u00adsa\u00admung jeder Hek\u00adtik des All\u00adtags und der Au\u00dfen\u00adwelt \u2013 scheint mir aber auch die ein\u00adzi\u00adge Gemein\u00adsam\u00adkeit mit einem christ\u00adli\u00adchen Sakral\u00adge\u00adb\u00e4u\u00adde ver\u00adgleich\u00adba\u00adren Alters zu sein.<\/p>\n

Ich habe noch nie eine Moschee von innen gese\u00adhen, und mein ers\u00adter Ein\u00addruck ist der von Leere.
\nKein prunk\u00advol\u00adler, gro\u00ad\u00dfer Altar, auf den hin der Raum aus\u00adge\u00adrich\u00adtet ist, kein Gest\u00fchl, kei\u00adne reich ver\u00adzier\u00adte Orgel oder Orgel-Empo\u00adre, kei\u00adne Trepp\u00adchen, Gel\u00e4n\u00adder, Abtren\u00adnun\u00adgen, Beicht\u00adst\u00fch\u00adle, und \u2013 nat\u00fcr\u00adlich \u2013 kei\u00adne Dar\u00adstel\u00adlun\u00adgen Got\u00adtes oder sei\u00adner Hei\u00adli\u00adgen bzw. Pro\u00adphe\u00adten. Die ver\u00adschlun\u00adge\u00adnen Orna\u00admen\u00adte der Wand- und Decken\u00adflie\u00adsen und die zahl\u00adlo\u00adsen, teils wohl sehr kost\u00adba\u00adren Tep\u00adpi\u00adche auf dem Boden des Kup\u00adpel\u00adsaals sind die ein\u00adzi\u00adgen deko\u00adra\u00adti\u00adven Ele\u00admen\u00adte; ansons\u00adten wirkt der Raum allein durch sei\u00adne Gr\u00f6\u00ad\u00dfe und die wei\u00adhe\u00advol\u00adle Stille.
\nDie rie\u00adsi\u00adgen, an der hohen Decke befes\u00adtig\u00adten Leuch\u00adter aus geschw\u00e4rz\u00adtem Metall h\u00e4n\u00adgen sehr tief, nicht weit \u00fcber den K\u00f6p\u00adfen der ste\u00adhen\u00adden oder umher\u00adschrei\u00adten\u00adden Men\u00adschen. Sie brin\u00adgen ein Ele\u00adment funk\u00adtio\u00adna\u00adler, moder\u00adner Innen\u00adar\u00adchi\u00adtek\u00adtur in den Raum, das erstaun\u00adlich gut mit des\u00adsen kla\u00adren For\u00admen, dem fein gemus\u00adter\u00adten Flie\u00adsen-Wand\u00adschmuck und den klei\u00adnen und gro\u00ad\u00dfen Kup\u00adpeln harmoniert.<\/p>\n

Als wir die Moschee ver\u00adlas\u00adsen, schl\u00e4gt uns die Mit\u00adtags\u00adhit\u00adze gna\u00adden\u00adlos ent\u00adge\u00adgen. Obwohl die Sul\u00adtan-Ahmet-Moschee bestimmt nicht mit einer Kli\u00adma\u00adan\u00adla\u00adge aus\u00adge\u00adr\u00fcs\u00adtet ist, herrscht da drin eine um eini\u00adge Grad k\u00fch\u00adle\u00adre Tem\u00adpe\u00adra\u00adtur, was mei\u00adne Hoch\u00adach\u00adtung vor den begna\u00adde\u00adten Erbau\u00adern wei\u00adter stei\u00adgen l\u00e4sst.
\nUnse\u00adre Schu\u00adhe sind noch da, wo wir sie ste\u00adhen gelas\u00adsen haben. Wir schl\u00fcp\u00adfen hin\u00adein und schlen\u00addern gem\u00e4ch\u00adlich die Allee in Rich\u00adtung Haupt\u00adstra\u00ad\u00dfe hinab.<\/p>\n

\"77016_blauem1.jpg\"<\/div>\n

Ich blei\u00adbe ste\u00adhen, um noch ein Foto von der Blau\u00aden Moschee aus der Ent\u00adfer\u00adnung zu machen. Als ich gera\u00adde dabei bin, mei\u00adnen Foto\u00adap\u00adpa\u00adrat wie\u00adder in mei\u00adnem Beu\u00adtel zu ver\u00adstau\u00aden, spre\u00adchen uns zwei jun\u00adge T\u00fcr\u00adken an. Sie w\u00e4ren Stu\u00adden\u00adten und w\u00fcr\u00adden neben\u00adher auch als \u201eTou\u00adrist Gui\u00addes\u201d arbei\u00adten \u2013 ob wir Inter\u00ades\u00adse an einer F\u00fch\u00adrung durch die Blaue Moschee h\u00e4tten?<\/p>\n

Inge und ich leh\u00adnen lachend ab. Nein, die Moschee h\u00e4t\u00adten wir uns gera\u00adde schon ange\u00adguckt, und au\u00dfer\u00addem w\u00e4ren wir selbst Stu\u00adden\u00adtin\u00adnen, kei\u00adne rei\u00adchen Tou\u00adris\u00adtin\u00adnen, und k\u00f6nn\u00adten uns kei\u00adnen \u201eGui\u00adde\u201d leis\u00adten (geschwei\u00adge denn zwei).
\n\u201eNo pro\u00adblem,\u201d sagt da der eine der bei\u00adden Jungs, sie h\u00e4t\u00adten heu\u00adte eh\u2019 einen frei\u00aden Tag, und es w\u00e4re ihnen ein Ver\u00adgn\u00fc\u00adgen, uns ihre Stadt zu zei\u00adgen \u2013 und zwar kos\u00adten\u00adlos, \u201efor free\u201d.
\nOb wir denn schon ent\u00adschie\u00adden h\u00e4t\u00adten, was wir uns als N\u00e4chs\u00adtes anse\u00adhen woll\u00adten? Inge und ich bera\u00adten kurz auf deutsch.<\/p>\n

Zwar sind in den letz\u00adten Tagen schon mehr\u00adfach \u00e4hn\u00adli\u00adche Ange\u00adbo\u00adte an uns her\u00adan\u00adge\u00adtra\u00adgen wor\u00adden, die von uns gr\u00f6\u00df\u00adten\u00adteils wort\u00adlos igno\u00adriert wur\u00adden, aber bei die\u00adsen zwei jun\u00adgen M\u00e4n\u00adnern ist es anders \u2013 in ihren Jeans, T\u2011Shirts und Turn\u00adschu\u00adhen wir\u00adken sie tat\u00ads\u00e4ch\u00adlich wie Stu\u00adden\u00adten (die auch im Ham\u00adbur\u00adger Uni-Vier\u00adtel nicht auf\u00adfal\u00adlen w\u00fcr\u00adden), und sie spre\u00adchen flie\u00ad\u00dfend und bei\u00adna\u00adhe akzent\u00adfrei eng\u00adlisch. Und, da sind wir einer Mei\u00adnung, sie sehen Bei\u00adde ganz pas\u00adsa\u00adbel aus\u2026<\/p>\n

\u201e<\/span>Las\u00adsen wir uns doch ein\u00adfach die Hagia Sophia von ihnen zei\u00adgen, dann wer\u00adden wir schon mer\u00adken, was sie als Frem\u00adden\u00adf\u00fch\u00adrer drauf haben,\u201d schl\u00e4gt Inge vor.
\n\u201eHagia Sophia? A very good choice,\u201d strahlt einer unse\u00adrer bei\u00adden neu\u00aden \u201eGui\u00addes\u201d, der sich nun als Ali vor\u00adstellt. Sein Freund, etwas schweig\u00adsa\u00admer, aber eben\u00adso freund\u00adlich l\u00e4chelnd, hei\u00dft Yussuf.<\/p>\n

Als wir zusam\u00admen wei\u00adter\u00adge\u00adhen, lie\u00adfert Ali schon mal eine Pro\u00adbe sei\u00adnes Wis\u00adsens ab und erz\u00e4hlt uns, war\u00adum die Blaue Moschee sechs Mina\u00adret\u00adte<\/a> hat, also ein bis zwei mehr, als bei einer Moschee die\u00adser Gr\u00f6\u00ad\u00dfe \u00fcblich: Sul\u00adtan Ahmet, der sie Anfang des 17. Jahr\u00adhun\u00addert erbau\u00aden lie\u00df und nach dem sie auch benannt ist, soll in einem Anfall von k\u00f6nig\u00adli\u00adchem Gr\u00f6\u00ad\u00dfen\u00adwahn von sei\u00adnem Bau\u00admeis\u00adter ver\u00adlangt haben, die Mina\u00adret\u00adte des Got\u00adtes\u00adhau\u00adses mit Blatt\u00adgold zu bede\u00adcken. Da das unbe\u00adzahl\u00adbar gewe\u00adsen w\u00e4re, der Archi\u00adtekt aber sei\u00adnem Chef nicht wider\u00adspre\u00adchen konn\u00adte, beschloss er ein\u00adfach so zu tun, als habe er den Sul\u00adtan falsch ver\u00adstan\u00adden \u2013 das t\u00fcr\u00adki\u00adsche Wort f\u00fcr \u201eGold\u201d klingt n\u00e4m\u00adlich fast so wie die Zahl \u201eSechs\u201d auf t\u00fcrkisch\u2026
\nAlso bau\u00adte er dem Sul\u00adtan eine Moschee mit sechs T\u00fcrmen.
\nWas umge\u00adhend f\u00fcr einen Rie\u00adsen-Auf\u00adruhr in der isla\u00admi\u00adschen Welt sorg\u00adte \u2013 denn sechs Mina\u00adret\u00adte hat\u00adte bis dato nur die Moschee in Mek\u00adka, und dass eine in Istan\u00adbul eben\u00adso vie\u00adle hat\u00adte, wur\u00adde als Angriff auf die Aus\u00adnah\u00adme\u00adstel\u00adlung des Pil\u00adger-Ortes gewer\u00adtet. Sul\u00adtan Ahmet blieb schlie\u00df\u00adlich nichts Ande\u00adres \u00fcbrig, als auf sei\u00adne Kos\u00adten ein sieb\u00adtes<\/em> Mina\u00adrett neben der Moschee in Mek\u00adka errich\u00adten zu las\u00adsen. Womit die Idee mit dem Blatt\u00adgold wohl end\u00adg\u00fcl\u00adtig erle\u00addigt gewe\u00adsen sein d\u00fcrfte.<\/p>\n

Bei unse\u00adrem Rund\u00adgang durch die Hagia Sophia<\/a> erwei\u00adsen sich Ali und Yus\u00adsuf als kom\u00adpe\u00adten\u00adte Gui\u00addes, die ihre Kennt\u00adnis\u00adse dazu noch auf unter\u00adhalt\u00adsa\u00adme und zum Teil aus\u00adge\u00adspro\u00adchen wit\u00adzi\u00adge Wei\u00adse \u201ean die Frau\u201d brin\u00adgen k\u00f6nnen.
\nVer\u00adgli\u00adchen mit der aus gigan\u00adti\u00adschen Stein\u00adbl\u00f6\u00adcken erbau\u00adten
Hagia Sophia<\/a> kommt mir die auch nicht gera\u00adde klei\u00adne Blaue Moschee im Nach\u00adhin\u00adein nun aus\u00adge\u00adspro\u00adchen ele\u00adgant, gera\u00adde\u00adzu fili\u00adgran vor. Es \u00fcber\u00adrascht mich weder, dass die ehe\u00adma\u00adli\u00adge Kir\u00adche der \u201eHei\u00adli\u00adgen Weis\u00adheit\u201d mehr als tau\u00adsend Jah\u00adre vor der Moschee (532 \u2013 537 n. Chr.) errich\u00adtet wur\u00adde, noch, dass sie in der Sp\u00e4t\u00adan\u00adti\u00adke als ach\u00adtes Welt\u00adwun\u00adder galt.
\nIch sehe zu den aus rie\u00adsi\u00adgen Bl\u00f6\u00adcken zusam\u00admen\u00adge\u00adf\u00fcg\u00adten B\u00f6gen hin\u00adauf und fra\u00adge mich, wie man die damals, ohne Kr\u00e4\u00adne und ande\u00adres Ger\u00e4t, da wohl hin\u00adauf bekom\u00admen und so exakt anein\u00adan\u00adder f\u00fcgen konn\u00adte. Am beein\u00addru\u00adckends\u00adten ist zwei\u00adfel\u00adlos die zen\u00adtra\u00adle, frei schwe\u00adben\u00adde Haupt\u00adkup\u00adpel mit einem Durch\u00admes\u00adser von mehr als 30 Metern.<\/p>\n

Man k\u00f6n\u00adne heu\u00adte, meint Yus\u00adsuf mit ver\u00adhal\u00adte\u00adner Stim\u00adme, nicht mehr nach\u00advoll\u00adzie\u00adhen, wie die Archi\u00adtek\u00adten des Kai\u00adsers (ein byzan\u00adti\u00adni\u00adscher Gelehr\u00adter und ein grie\u00adchi\u00adscher Phy\u00adsi\u00adker \/ Mathe\u00adma\u00adti\u00adker) es in jener Zeit geschafft haben, eine sta\u00adbi\u00adle Kup\u00adpel so gewal\u00adti\u00adgen Aus\u00adma\u00ad\u00dfes zu ent\u00adwer\u00adfen\u2026 F\u00fcr die damals gr\u00f6\u00df\u00adte und herr\u00adlichs\u00adte Kir\u00adche der Welt, die sie aus\u00adge\u00adrech\u00adnet in die\u00adser immer schon erd\u00adbe\u00adben\u00adge\u00adf\u00e4hr\u00adde\u00adte Stadt errich\u00adten mussten!<\/p>\n

Yus\u00adsuf und Ali zei\u00adgen uns auch die Spu\u00adren des Umbaus der ortho\u00addo\u00adxen Kir\u00adche in eine isla\u00admi\u00adsche Moschee, der in den Jahr\u00adzehn\u00adten und Jahr\u00adhun\u00adder\u00adten nach der osma\u00adni\u00adschen Erobe\u00adrung der Stadt am Gol\u00adde\u00adnen Horn erfolgte.
\nSeit den 30er Jah\u00adren des 20. Jahr\u00adhun\u00addert wird die Hagia Sophia, auf eine Anre\u00adgung Ata\u00adt\u00fcrks hin, als Muse\u00adum genutzt, und auch die Spu\u00adren ihrer christ\u00adli\u00adchen Ver\u00adgan\u00adgen\u00adheit wer\u00adden wie\u00adder sicht\u00adbar gemacht. So wur\u00adden bei\u00adspiels\u00adwei\u00adse christ\u00adli\u00adche Mosai\u00adke von dem Putz befreit, unter dem sie \u2013 wegen des bereits erw\u00e4hn\u00adten
\u201eBil\u00adder\u00adver\u00adbots\u201d<\/a> \u2013 w\u00e4h\u00adrend der Nut\u00adzung als Moschee ver\u00adbor\u00adgen waren.
\nAuch dass eini\u00adge Ein\u00adbau\u00adten im Inne\u00adren der Hagia Sophia (die nicht zuletzt wegen die\u00adser Ein\u00adbau\u00adten kaum den Ein\u00addruck stil\u00adler \u201eLee\u00adre\u201d hin\u00adter\u00adl\u00e4sst) schein\u00adbar zusam\u00admen\u00adhangs\u00adlos und \u201eschr\u00e4g\u201d im Raum ste\u00adhen, h\u00e4ngt mit die\u00adsem Umbau zusammen.
\nDer
Mih\u00adrab<\/a> bei\u00adspiels\u00adwei\u00adse, jene nor\u00adma\u00adler\u00adwei\u00adse dem Moschee-Ein\u00adgang gegen\u00ad\u00fcber lie\u00adgen\u00adde Nische, die die Gebets\u00adrich\u00adtung \u2013 also die Rich\u00adtung, in der Mek\u00adka liegt \u2013 anzeigt, befin\u00addet sich in der Hagia Sophia<\/a> in einer Ecke. Denn nat\u00fcr\u00adlich, erkl\u00e4rt uns Yus\u00adsuf, haben die christ\u00adli\u00adchen Erbau\u00ader ihre Kir\u00adche nicht nach Mek\u00adka, son\u00addern in Rich\u00adtung Jeru\u00adsa\u00adlem aus\u00adge\u00adrich\u00adtet. Und das ist, von Istan\u00adbul aus gese\u00adhen, zwar fast die\u00adsel\u00adbe Rich\u00adtung, aber eben nur fast\u2026<\/p>\n

Die restau\u00adrier\u00adten christ\u00adli\u00adchen Ele\u00admen\u00adte neben den teil\u00adwei\u00adse \u00e4u\u00dferst prunk\u00advol\u00adlen isla\u00admi\u00adschen Erg\u00e4n\u00adzun\u00adgen, der Gold\u00adglanz ortho\u00addo\u00adxer wie auch osma\u00adni\u00adscher Insi\u00adgni\u00aden, das har\u00admo\u00adni\u00adsche Bild eines byzan\u00adti\u00adni\u00adschen Kup\u00adpel\u00adbaus mit vier mus\u00adli\u00admi\u00adschen Mina\u00adret\u00adten und, nicht zuletzt, die Dimen\u00adsio\u00adnen der gan\u00adzen Anla\u00adge sind \u00fcberw\u00e4ltigend.
\nVor allem fin\u00adde ich es gro\u00df\u00adar\u00adtig, dass sich par\u00adtout nicht mehr sagen l\u00e4sst, wel\u00adche der bei\u00adden Riten, die hier einst prak\u00adti\u00adziert wur\u00adden, mehr zum Gesamt\u00adein\u00addruck beitragen\u2026<\/p>\n

Auch wenn dies ver\u00admut\u00adlich weder den ortho\u00addo\u00adxen Chris\u00adten noch den Mus\u00adli\u00admen beson\u00adders gefal\u00adlen w\u00fcr\u00adde \u2013 ich, als kei\u00adner Reli\u00adgi\u00adons\u00adge\u00admein\u00adschaft ange\u00adh\u00f6\u00adren\u00adde \u201eAu\u00dfen\u00adste\u00adhen\u00adde\u201d, kom\u00adme zu der Auf\u00adfas\u00adsung, dass gera\u00adde die Tat\u00adsa\u00adche, dass die Hin\u00adter\u00adlas\u00adsen\u00adschaf\u00adten bei\u00adder<\/em> Glau\u00adbens\u00adrich\u00adtun\u00adgen sich die R\u00e4um\u00adlich\u00adkei\u00adten der Hagia Sophia \u201etei\u00adlen\u201d, den beson\u00adde\u00adren Zau\u00adber die\u00adses alt\u00adehr\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adgen Geb\u00e4u\u00addes ausmachen.
\nUnd wenn man dann noch bedenkt, dass es sich bei den zwei genia\u00adlen Gelehr\u00adten, die vor fast ein\u00adein\u00adhalb\u00adtau\u00adsend Jah\u00adren die l\u00e4ngst ver\u00adschol\u00adle\u00adnen Pl\u00e4\u00adne f\u00fcr die\u00adsen wun\u00adder\u00advol\u00adlen Bau erstellt haben, um einen T\u00fcr\u00adken und um einen Grie\u00adchen gehan\u00addelt hat, also um Ange\u00adh\u00f6\u00adri\u00adge zwei\u00ader angeb\u00adlich \u201eseit jeher\u201d ver\u00adfein\u00adde\u00adter V\u00f6l\u00adker \u2013 dann wird die Hagia Sophia end\u00adg\u00fcl\u00adtig zu einem Denk\u00admal f\u00fcr die Bl\u00f6d\u00adsin\u00adnig\u00adkeit aller reli\u00adgi\u00f6\u00adsen, kul\u00adtu\u00adrel\u00adlen und natio\u00adna\u00adlen Grenzen.
\nZum Stein gewor\u00adde\u00adnen Beweis daf\u00fcr, dass Men\u00adschen immer dann zu den gro\u00df\u00adar\u00adtigs\u00adten Leis\u00adtun\u00adgen f\u00e4hig sind und die fan\u00adtas\u00adtischs\u00adten Din\u00adge bewir\u00adken, wenn sie alle klein\u00adli\u00adchen geis\u00adti\u00adgen Gar\u00adten\u00adz\u00e4u\u00adne au\u00dfer Acht lassen.<\/p>\n

Nach der Besich\u00adti\u00adgungs\u00adrun\u00adde sit\u00adzen wir zu viert in einer Tee\u00adstu\u00adbe, st\u00e4r\u00adken uns mit \u00c7ay und dis\u00adku\u00adtie\u00adren \u00fcber Geschich\u00adte, Poli\u00adtik und Religion.
\nNat\u00fcr\u00adlich sind Yus\u00adsuf und Ali Mus\u00adli\u00adme durch Geburt, aber sie sind kei\u00adne Gl\u00e4u\u00adbi\u00adgen. Sie gehen nicht zum Gebet in die Moschee und befol\u00adgen die Ge- und Ver\u00adbo\u00adte Moham\u00admeds ohne \u00dcber\u00adzeu\u00adgung und nur soweit, wie es unbe\u00addingt n\u00f6tig ist \u2013 um den Schein ihren Fami\u00adli\u00aden und den Nach\u00adbarn gegen\u00ad\u00fcber zu wahren.
\nDaf\u00fcr haben sie ihren Marx gr\u00fcnd\u00adlich gelesen.
\nReli\u00adgi\u00adon sei Opi\u00adum f\u00fcr\u2019s Volk, into\u00adniert Ali im Brust\u00adton der \u00dcberzeugung.
\nAls ich von mei\u00adnem Erleb\u00adnis mit dem ehr\u00adli\u00adchen Fin\u00adder mei\u00adner Rei\u00adse\u00adkas\u00adse erz\u00e4h\u00adle und dass jener sei\u00adne gute Tat mit sei\u00adnem Glau\u00adben begr\u00fcn\u00addet habe, und als ich dann mei\u00adne, dass Reli\u00adgi\u00adon wohl doch nicht immer nur schlecht sei, l\u00e4chelt Yus\u00adsuf mich an und sagt, dass sol\u00adche Reli\u00adgio\u00adsi\u00adt\u00e4t zwei\u00adfel\u00adlos Gutes bewir\u00adken k\u00f6n\u00adne \u2013 aber Reli\u00adgi\u00adon an sich trotz\u00addem schlecht sei.
\nAls ich ihn ver\u00adst\u00e4nd\u00adnis\u00adlos angu\u00adcke, lacht er und sagt: \u201eThat\u2019s dialectic.\u201d<\/p>\n

Die Zwei \u00fcber\u00adzeu\u00adgen Inge und mich, den Plan einer Top\u00adka\u00adpi-Besich\u00adti\u00adgung<\/a> sau\u00adsen zu las\u00adsen. Der ehe\u00adma\u00adli\u00adge Wohn- und Regie\u00adrungs\u00adsitz der Osma\u00adnen sei so gro\u00df wie eine klei\u00adne Stadt, beteu\u00adern sie, und eigent\u00adlich sei sogar ein gan\u00adzer Tag noch zu wenig, um auch nur einen Teil der Geb\u00e4u\u00adde und der in ihnen pr\u00e4\u00adsen\u00adtier\u00adten Sch\u00e4t\u00adze zu sehen.
\n\u201eYou bet\u00adter visit Top\u00adka\u00adpi, when you come to Istan\u00adbul next time\u2026\u201d<\/p>\n

Statt des Muse\u00adums, f\u00fcr des\u00adsen Besuch man zudem einen statt\u00adli\u00adchen Ein\u00adtritts\u00adpreis zah\u00adlen m\u00fcs\u00adse, soll\u00adten wir uns lie\u00adber die alten Fes\u00adtungs\u00adan\u00adla\u00adgen<\/a> ober\u00adhalb des Bos\u00adpo\u00adrus von ihnen zei\u00adgen lassen.
\nWir wil\u00adli\u00adgen ein.
\nEine drei\u00advier\u00adtel Stun\u00adde sp\u00e4\u00adter sind Inge und ich nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee war. Wir sind unse\u00adren \u201eGui\u00addes\u201d in einen Bus gefolgt, dann irgend\u00adwo tief im Bauch der Metro\u00adpo\u00adle wie\u00adder aus- und in einen ande\u00adren Bus ein\u00adge\u00adstie\u00adgen \u2013 und haben inzwi\u00adschen nicht mehr den lei\u00adses\u00adten Schim\u00admer, an wel\u00adchem Ende der Stadt wir uns eigent\u00adlich mitt\u00adler\u00adwei\u00adle befinden.
\nEs scheint in jedem Fall an irgend\u00adei\u00adnem Rand der Stadt zu sein, denn als wir aus dem zwei\u00adten Bus aus\u00adstei\u00adgen und zu Fu\u00df wei\u00adter\u00adge\u00adhen, machen Gas\u00adsen und Geb\u00e4u\u00adde einen zuneh\u00admend d\u00f6rf\u00adli\u00adchen Ein\u00addruck. Tou\u00adris\u00adten schei\u00adnen sich nicht gera\u00adde h\u00e4u\u00adfig hier\u00adher zu ver\u00adir\u00adren; Inge und ich wer\u00adden offen ange\u00adstaunt und Ali und Yus\u00adsuf mehr\u00admals \u2013 offen\u00adbar unse\u00adret\u00adwe\u00adgen \u2013 angesprochen.<\/p>\n

Die Gas\u00adse wird zu einem Weg, und die\u00adser wird schma\u00adler und f\u00fchrt berg\u00adauf, bis sich uns hin\u00adter einer Bie\u00adgung ein phan\u00adtas\u00adti\u00adscher Aus\u00adblick auf den Fluss hin\u00adun\u00adter darbietet.<\/p>\n

\n
\"77019_istanb.jpg\"<\/div>\n<\/div>\n

Nun haben wir auch die Fes\u00adtung<\/a> erreicht, und Ali, der an der Bus\u00adhal\u00adte\u00adstel\u00adle kurz in einem Lebens\u00admit\u00adtel\u00adge\u00adsch\u00e4ft ver\u00adschwun\u00adden und mit zwei wei\u00ad\u00dfen Plas\u00adtik\u00adt\u00fc\u00adten in der Hand wie\u00adder her\u00adaus\u00adge\u00adkom\u00admen war, brei\u00adtet sei\u00adne Ein\u00adk\u00e4u\u00adfe auf einem Stein\u00adqua\u00adder aus: Fla\u00adden\u00adbro\u00adte, Toma\u00adten, ein hel\u00adler, fes\u00adter K\u00e4se und in But\u00adter\u00adbrot\u00adpa\u00adpier gewi\u00adckel\u00adte, recht\u00adecki\u00adge St\u00fcck\u00adchen eines Sirup- oder Honig-trie\u00adfen\u00adden Bl\u00e4tterteiggeb\u00e4cks.<\/p>\n

Inge und ich mer\u00adken jetzt erst, wie hung\u00adrig wir inzwi\u00adschen sind, und so ver\u00adan\u00adstal\u00adten wir ein ein\u00adfa\u00adches, aber unge\u00admein befrie\u00addi\u00adgen\u00addes Pick\u00adnick am Fu\u00dfe der im 15. Jahr\u00adhun\u00addert von den osma\u00adni\u00adschen Erobe\u00adrern erbau\u00adten Felsenburg.<\/p>\n

\n
\"77020_istanb.jpg\"<\/div>\n<\/div>\n

Unse\u00adre bei\u00adden Stu\u00adden\u00adten erz\u00e4h\u00adlen von der Bela\u00adge\u00adrung und der Schlacht um Kon\u00adstan\u00adti\u00adno\u00adpel mit solch einer Begeis\u00adte\u00adrung und mit so detail\u00adlier\u00adten Aus\u00adschm\u00fc\u00adckun\u00adgen, dass ich es schwie\u00adrig fin\u00adde, die\u00adse Geschich\u00adten mit den vor\u00adher von ihnen so n\u00fcch\u00adtern und sach\u00adlich ver\u00adtre\u00adte\u00adnen mar\u00adxis\u00adti\u00adschen Posi\u00adtio\u00adnen unter einen Hut zu bringen.
\nAuf ein\u00admal h\u00f6ren sie sich nicht mehr an wie zwei dem Mate\u00adria\u00adlis\u00admus ver\u00adpflich\u00adte\u00adte Intel\u00adlek\u00adtu\u00adel\u00adle, son\u00addern wie zwei klei\u00adne Roman\u00adti\u00adker, die blu\u00adti\u00adge his\u00adto\u00adri\u00adsche Rea\u00adli\u00adt\u00e4\u00adten mit einem blu\u00admi\u00adgen Karl-May-Roman verwechseln.<\/p>\n

Und dann sehe ich mich um, betrach\u00adte die Mau\u00adern und das wild wuchern\u00adde Gr\u00fcn um uns her\u00adum und den\u00adke, hm, genau das<\/em> ist das hier wahr\u00adschein\u00adlich f\u00fcr sie \u2013 eine Art Karl-May-Abenteuerspielplatz.
\nSo, wie ich fr\u00fc\u00adher mit den Nach\u00adbars\u00adkin\u00addern aus der Sied\u00adlung am Ham\u00adbur\u00adger Stadt\u00adrand durch das klei\u00adne W\u00e4ld\u00adchen an unse\u00adrem See geschli\u00adchen und getobt bin \u2013 ent\u00adwe\u00adder war ich eine \u201eedle\u201d India\u00adne\u00adrin, oder ich geh\u00f6r\u00adte zur Ban\u00adde von Robin Hood \u2013, so sind wahr\u00adschein\u00adlich der klei\u00adne Ali und der klei\u00adne Yus\u00adsuf vor zehn, f\u00fcnf\u00adzehn Jah\u00adren hier als uner\u00adschro\u00adcke\u00adne K\u00e4mp\u00adfer des Sul\u00adtans durchs Unter\u00adholz gest\u00fcrmt\u2026<\/p>\n

Ein wenig von der kind\u00adli\u00adchen Begeis\u00adte\u00adrung hat zumin\u00addest Ali auch in sein \u201eerwach\u00adse\u00adnes\u201d, poli\u00adti\u00adsches Den\u00adken hin\u00ad\u00fcber geret\u00adtet. Eben noch hat er von der klu\u00adgen Tak\u00adtik des Sul\u00adtan Meh\u00admet (\u201ethe con\u00adque\u00adr\u00ador\u201d) geschw\u00e4rmt, da ruft er pl\u00f6tz\u00adlich im glei\u00adchen, ent\u00adz\u00fcck\u00adten Ton: \u201eLook, a soviet con\u00adtai\u00adner ship is pas\u00adsing by!\u201d.
\nUnd dann schw\u00e4rmt er Inge und mir von der ste\u00adti\u00adgen Zunah\u00adme des Han\u00addels zwi\u00adschen T\u00fcr\u00adkei und UdSSR vor, und wie gro\u00df\u00adar\u00adtig die\u00adse Han\u00addel\u00adbe\u00adzie\u00adhun\u00adgen sowie die Sowjet\u00aduni\u00adon und der Sozia\u00adlis\u00admus gene\u00adrell doch seien.<\/p>\n

\"77021_istanb.jpg\"<\/div>\n

Ali und Inge klet\u00adtern auf der Fes\u00adtung und dem H\u00fcgel her\u00adum, w\u00e4h\u00adrend Yus\u00adsuf und ich auf dem Stein\u00adwall sit\u00adzen blei\u00adben, auf den Fluss hin\u00adab schau\u00aden und uns unter\u00adhal\u00adten. Wir spre\u00adchen sehr offen \u00fcber unse\u00adre Tr\u00e4u\u00adme, unse\u00adre Gef\u00fch\u00adle, aber auch \u00fcber unse\u00adre \u00c4ngste.
\nEs ist, als w\u00fcr\u00adden wir uns schon ewig kennen.<\/p>\n

Als ich von mei\u00adnem Gef\u00fchl des Hin- und Her\u00adge\u00adris\u00adsen\u00adseins spre\u00adche (zwi\u00adschen dem Bed\u00fcrf\u00adnis, an das Gute in jedem Men\u00adschen zu glau\u00adben einer\u00adseits und der Furcht, betro\u00adgen und benutzt zu wer\u00adden ande\u00adrer\u00adseits), l\u00e4chelt er mich wie\u00adder auf die\u00adse unglaub\u00adlich strah\u00adlen\u00adde Art an und meint, es k\u00f6n\u00adne mir doch nicht all\u00adzu schwer fal\u00adlen, mich in kon\u00adkre\u00adten Situa\u00adtio\u00adnen zwi\u00adschen Ver\u00adtrau\u00aden und Miss\u00adtrau\u00aden zu ent\u00adschei\u00adden: \u201eYou just have to lis\u00adten to your instinct.\u201d
\nEr hal\u00adte mich f\u00fcr eine \u201eopen min\u00added per\u00adson\u201d, f\u00e4hrt er fort, und das sei sei\u00adner Erfah\u00adrung nach auch der bes\u00adte Weg, ande\u00adre Men\u00adschen und ihre Absich\u00adten rich\u00adtig ein\u00adzu\u00adsch\u00e4t\u00adzen. Wenn ich f\u00fcr Ande\u00adre offen w\u00e4re, w\u00fcr\u00adde ich schnell mer\u00adken, ob ich ihnen trau\u00aden k\u00f6n\u00adne oder nicht \u2013 \u201eand if they can touch your heart or not\u201d.
\nWenn ich hin\u00adge\u00adgen ver\u00adsu\u00adchen w\u00fcr\u00adde, mei\u00adne Gedan\u00adken und Gef\u00fch\u00adle zu ver\u00adber\u00adgen, eine Mas\u00adke zu tra\u00adgen, dann w\u00fcr\u00adde das die Distanz zwi\u00adschen ande\u00adren Men\u00adschen und mir unn\u00f6\u00adtig vergr\u00f6\u00dfern.
\nUnauf\u00adrich\u00adtig\u00adkeit ver\u00adl\u00e4n\u00adge\u00adre immer nur den Weg, den man mit Offen\u00adheit direkt gehen k\u00f6nn\u00adte. Und wer die\u00adsen l\u00e4n\u00adge\u00adren Weg w\u00e4h\u00adle, w\u00fcr\u00adde ohne\u00adhin fr\u00fc\u00adher oder sp\u00e4\u00adter eben\u00adfalls den Punkt errei\u00adchen, an dem er die Kom\u00admu\u00adni\u00adka\u00adti\u00adon ent\u00adwe\u00adder been\u00adden m\u00fcs\u00adse \u2013 oder sich doch noch (dann aber m\u00f6g\u00adli\u00adcher\u00adwei\u00adse zu sp\u00e4t\u2026) \u00f6ff\u00adnen und sein wah\u00adres Gesicht hin\u00adter der Mas\u00adke zeigen.<\/p>\n

\u201e<\/span>What do you stu\u00addy,\u201d fra\u00adge ich Yus\u00adsuf, \u201epsy\u00adcho\u00adlo\u00adgy?\u201d
\n\u201eEco\u00adno\u00admy,\u201d ant\u00adwor\u00adtet er und grinst.<\/p>\n

Wir reden \u00fcber Selbstbewusstsein.
\nAli und er wir\u00adken auf mich benei\u00addens\u00adwert selbst\u00adbe\u00adwusst, klar, gelas\u00adsen und hei\u00adter \u2013 alles Eigen\u00adschaf\u00adten, die ich gern h\u00e4t\u00adte. Statt\u00addes\u00adsen kom\u00adme ich mir aber all\u00adzu h\u00e4u\u00adfig unsi\u00adcher, ziel\u00adlos und total kon\u00adfus vor.
\n\u201eThe only way to beco\u00adme self\u00adcon\u00adfi\u00addent, is to make experiences.\u201d
\nUm selbst\u00adsi\u00adche\u00adrer zu wer\u00adden, musst du Erfah\u00adrun\u00adgen machen.
\nSchon wie\u00adder so ein druck\u00adrei\u00adfer Satz, den ich gleich heu\u00adte Abend in mein Tage\u00adbuch schrei\u00adben werde\u2026
\nNat\u00fcr\u00adlich m\u00fcs\u00adse man, um Erfah\u00adrun\u00adgen zu machen, auch mal etwas ris\u00adkie\u00adren, sagt Yus\u00adsuf, aber das bedeu\u00adte nicht, dass man sein Gehirn abschal\u00adten sol\u00adle. Im Gegen\u00adteil, man soll\u00adte sei\u00adnen Ver\u00adstand sch\u00e4r\u00adfen und alles beden\u00adken, was einem an Infor\u00adma\u00adti\u00adon zur Ver\u00adf\u00fc\u00adgung steht. Und sobald man eine Erfah\u00adrung \u2013 egal, ob eine gute oder schlech\u00adte \u2013 gemacht hat, sei es wich\u00adtig, sie gr\u00fcnd\u00adlich zu ana\u00adly\u00adsie\u00adren und aus\u00adzu\u00adwer\u00adten. Nur so k\u00f6n\u00adne man dar\u00adaus lernen.<\/p>\n

Es beginnt zu d\u00e4mmern.
\nInge und Ali kom\u00admen von ihrem Rund\u00adgang zur\u00fcck, und die bei\u00adden jun\u00adgen M\u00e4n\u00adner laden uns ein, noch mit in ihre Woh\u00adnung zu kommen.
\nIch bin sofort ein\u00adver\u00adstan\u00adden; es inter\u00ades\u00adsiert mich zu erfah\u00adren, wo und wie die Zwei leben. Aber Inge z\u00f6gert. Sie gibt zu beden\u00adken, dass wir mor\u00adgen nicht ver\u00adschla\u00adfen d\u00fcr\u00adfen und p\u00fcnkt\u00adlich um zehn Uhr beim 608 sein m\u00fcs\u00adsen, sonst w\u00fcr\u00adde Rolf ohne uns abfahren.
\n\u201eWir k\u00f6n\u00adnen uns vom Hos\u00adtel wecken las\u00adsen,\u201d wen\u00adde ich ein, \u201eau\u00dfer\u00addem macht es nichts, wenn wir v\u00f6l\u00adlig \u00fcber\u00adn\u00e4ch\u00adtigt in den Bus klet\u00adtern \u2013 wir k\u00f6n\u00adnen doch auch w\u00e4h\u00adrend der Fahrt pennen.\u201d
\nInge wirft mir einen zwei\u00adfeln\u00adden Blick zu, und ich ver\u00adste\u00adhe, dass die Sor\u00adge, wir k\u00f6nn\u00adten die Abfahrt unse\u00adres Bus\u00adses ver\u00adpas\u00adsen, nicht der wirk\u00adli\u00adche Grund ihres Zau\u00adderns ist. Sie ist ein\u00adfach unsi\u00adcher, ob wir zwei jun\u00adgen T\u00fcr\u00adken, die wir gera\u00adde seit ein paar Stun\u00adden ken\u00adnen, in deren Woh\u00adnung fol\u00adgen sollten\u2026<\/p>\n

\u201e<\/span>T\u00fcr\u00adkin\u00adnen w\u00fcr\u00adden so was bestimmt nicht machen,\u201d meint sie.
\n\u201eAber wir sind kei\u00adne T\u00fcr\u00adkin\u00adnen,\u201d stel\u00adle ich fest. \u201eIch hab ein gutes Gef\u00fchl bei der Sache. Die sind in Ord\u00adnung, die wer\u00adden nichts machen, was wir nicht wollen.\u201d
\nInge zieht eine Gri\u00admas\u00adse: \u201eViel\u00adleicht ist genau das mein Pro\u00adblem \u2013 dass ich nicht wirk\u00adlich wei\u00df, was ich will und was nicht\u2026\u201d
\n\u201eDon\u2019t think too much about tomor\u00adrow \u2013 or yes\u00adter\u00adday!\u201d ruft Ali fr\u00f6hlich.
\n\u201eYou live right now \u2013 THIS<\/span> IS<\/span> WHAT<\/span>\u2019S HAPPENING<\/span>!\u201d<\/p>\n

Inge lacht.
\n\u201eNa gut, dann mal los\u2026 star\u00adten wir ein deutsch-t\u00fcr\u00adki\u00adsches Happening!\u201d<\/p>\n

Ali und Yus\u00adsuf tei\u00adlen sich eine Woh\u00adnung, die nur aus zwei win\u00adzi\u00adgen, durch einen klei\u00adnen Flur ver\u00adbun\u00adde\u00adnen Zim\u00admern besteht. Die Toi\u00adlet\u00adte befin\u00addet sich im Trep\u00adpen\u00adhaus. In bei\u00adden Zim\u00admer\u00adchen gibt es jeweils ein Bett, eine Kom\u00admo\u00adde und ein B\u00fccher\u00adre\u00adgal \u2013 mehr w\u00fcr\u00adde auch nicht hin\u00adein passen.
\nWir sit\u00adzen in Alis Zim\u00admer auf dem Tep\u00adpich, weil das einen Tic gr\u00f6\u00ad\u00dfer ist als das ande\u00adre. Er stu\u00addiert Kunst und zeigt uns stolz sein neu\u00ades\u00adtes, noch nicht ganz voll\u00adende\u00adtes Werk.
\nEs erin\u00adnert mich an die gigan\u00adti\u00adschen Gem\u00e4l\u00adde aus der Sowjet\u00aduni\u00adon und DDR<\/span>, die ich schon immer extrem scheu\u00df\u00adlich fand. Jene \u201esozia\u00adlis\u00adti\u00adsche Kunst\u201d, die mus\u00adkel\u00adbe\u00adpack\u00adte Arbei\u00adter-Hel\u00adden zeigt, die sich in revo\u00adlu\u00adtio\u00adn\u00e4r-k\u00e4mp\u00adfe\u00adri\u00adschen Posen einer roten Fah\u00adne oder Ham\u00admer und Sichel ent\u00adge\u00adgen recken \u2013 nur dass das Bild\u00adfor\u00admat hier weit beschei\u00adde\u00adner ist und dass die mus\u00adkel\u00adstrot\u00adzen\u00adden Arbei\u00adter mit ihren schwar\u00adzen Schnauz\u00adb\u00e4r\u00adten eben sehr t\u00fcr\u00adkisch aussehen.<\/p>\n

\"77022_alibild.jpg\"<\/p>\n

Aber das sage ich Ali nicht.
\nEs gibt auch Momen\u00adte, da ist Offen\u00adheit fehl am Plat\u00adze; dann n\u00e4m\u00adlich, wenn sie abso\u00adlut nichts bewirkt \u2013 au\u00dfer, m\u00f6g\u00adli\u00adcher\u00adwei\u00adse Jeman\u00adden zu verletzen.<\/p>\n

Wir reden, trin\u00adken Tee, lachen. Es wird sp\u00e4t.
\nEini\u00adge Male ver\u00adsinkt mein Blick tief in Yus\u00adsufs war\u00admen, dunk\u00adlen Augen.
\nUnd als Inge schlie\u00df\u00adlich meint, sie wol\u00adle nun wirk\u00adlich lang\u00adsam los, fragt er: \u201eWhy don\u2019t you stay here tonight? I could bring you to your Hos\u00adtel very ear\u00adly in the morning\u2026\u201d.
\nIch bin unschl\u00fcssig.
\nEiner\u00adseits ist er ein klu\u00adger, attrak\u00adti\u00adver, ein\u00adf\u00fchl\u00adsa\u00admer Mann, ander\u00adseits bin ich aber jetzt schon in einem Zustand geis\u00adti\u00adger und emo\u00adtio\u00adna\u00adler Ersch\u00f6p\u00adfung \u2013 zuviel habe ich heu\u00adte gese\u00adhen, erlebt, geh\u00f6rt, gelernt.
\nSo mache ich schlie\u00df\u00adlich das, was er selbst mir heu\u00adte Nach\u00admit\u00adtag gera\u00adten hat, ich ver\u00adlas\u00adse mich auf mei\u00adnen Instinkt.
\nUnd der sagt mir, dass ich gehen und die\u00adse nur noch kur\u00adze Nacht allein in mei\u00adnem Bett im Hos\u00adtel ver\u00adbrin\u00adgen sollte.<\/p>\n

Yus\u00adsuf und Ali brin\u00adgen uns noch bis zur Ufer\u00adpro\u00adme\u00adna\u00adde am Bos\u00adpo\u00adrus, von wo aus Inge und ich den Weg zum Hos\u00adtel kennen.
\nEs ist etwa so sp\u00e4t wie vor f\u00fcnf Tagen, als ich nach unse\u00adrer Ankunft nachts durch die\u00adse Stadt irr\u00adte, auf der Suche nach einem Platz zum Schlafen.
\nSo vie\u00adles hat sich in die\u00adsen f\u00fcnf Tagen ge\u00e4n\u00addert. Istan\u00adbul ist von einem fins\u00adte\u00adren Moloch zu einem fas\u00adzi\u00adnie\u00adren\u00adden, leben\u00addi\u00adgen Ort gewor\u00adden, ich habe die Wahl zwi\u00adschen zwei ver\u00adschie\u00adde\u00adnen, aber glei\u00adcher\u00adma\u00ad\u00dfen net\u00adten Schlaf\u00adge\u00adle\u00adgen\u00adhei\u00adten, \u2013 und, ja, auch ich habe mich ein wenig ver\u00e4ndert.<\/p>\n

Zum Abschied hau\u00adche ich Yus\u00adsuf einen Kuss auf die Wange.
\n\u201eYou,\u201d sage ich lei\u00adse, \u201eyou defi\u00adni\u00adte\u00adly touch\u00aded my heart.\u201d<\/p>\n

\"01_bluemosq.jpg\"<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

24. August Die Sul\u00ad\u00adtan-Ahmet-Moschee in Istan\u00adbul wird \u201eBlaue Moschee\u201d genannt, weil bei den dort zu bewun\u00addern\u00adden, pr\u00e4ch\u00adti\u00adgen Flie\u00ad\u00adsen-Mosai\u00adken Blau die domi\u00adnie\u00adren\u00adde Far\u00adbe ist. Da eine bild\u00adli\u00adche Dar\u00adstel\u00adlung \u201ebeseel\u00adter\u201d Wesen in der isla\u00admi\u00adschen Welt ver\u00admie\u00adden wird \u2013 in der sakra\u00adlen Kunst und Archi\u00adtek\u00adtur gibt es sogar ein regel\u00adrech\u00adtes \u201eBil\u00adder\u00adver\u00adbot\u201d \u2013, zie\u00adren \u00fcber\u00adwie\u00adgend flo\u00adra\u00adle Orna\u00admen\u00adte die W\u00e4n\u00adde und \u2026 5. Alte Gem\u00e4u\u00ader, jun\u00adge Her\u00adzen<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":183,"menu_order":5,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false,"footnotes":""},"class_list":["post-205","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/205","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=205"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/205\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1819,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/205\/revisions\/1819"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/183"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}