define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":1316,"date":"2015-06-24T19:25:36","date_gmt":"2015-06-24T17:25:36","guid":{"rendered":"https:\/\/stefan-soyka.de\/?p=1316"},"modified":"2015-11-15T10:10:51","modified_gmt":"2015-11-15T09:10:51","slug":"die-geister-der-moldau-kapitel-1-ankunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stefan-soyka.de\/?p=1316","title":{"rendered":"Die Geister der Moldau \u2014 Kapitel 1 Ankunft"},"content":{"rendered":"

Es gibt Augen\u00adbli\u00adcke, in denen wir pl\u00f6tz\u00adlich um vie\u00adles \u00e4lter wer\u00adden, um dann wie\u00adder lan\u00adge anzu\u00adhal\u00adten und zu blei\u00adben, was wir sind, bis wir den n\u00e4chs\u00adten gro\u00ad\u00dfen Schritt tun. Solch ein Augen\u00adblick war es, als ich zum ers\u00adten Mal ins Semes\u00adter fuhr. Ich hat\u00adte gedacht, dass mei\u00adne Mut\u00adter wei\u00adnen w\u00fcr\u00adde. Aber das tat sie nicht. Schon manch\u00admal war ich abge\u00adreist, aber immer nur, um \u00fcber kurz oder lang wie\u00adder\u00adzu\u00adkom\u00admen. Dies\u00admal ging ich f\u00fcr immer fort. Von jetzt an w\u00fcr\u00adde ich zu Hau\u00adse nur noch Besuch sein. Als ich zum Abschied in das ruhi\u00adge, freund\u00adli\u00adche Gesicht mei\u00adner Mut\u00adter sah, erkann\u00adte ich, dass es Zeit f\u00fcr mich war, heranzuwachsen.<\/p>\n

Mei\u00adne \u00e4lte\u00adre Schwes\u00adter stand neben ihr und schob ihren Arm in den mei\u00adner Mut\u00adter, als der Zug zu rol\u00adlen anfing. Es war gut, dass Mut\u00adter nicht allein heim\u00adge\u00adhen muss\u00adte an die\u00adsem neb\u00adlig-feuch\u00adten Mor\u00adgen. Noch heu\u00adte sehe ich sie dort auf dem Bahn\u00adsteig ste\u00adhen und win\u00adken, und ich dan\u00adke ihr, dass sie es ohne Tr\u00e4\u00adnen tat. Damals war ich eigent\u00adlich nur betrof\u00adfen, im Inners\u00adten sogar ein wenig gekr\u00e4nkt, dass sie, die mich so sehr lieb\u00adte, mich so gehen lie\u00df.<\/p>\n

Die frem\u00adde Stadt emp\u00adfing mich in Nach\u00admit\u00adtags\u00adlicht. Aus einem Neben\u00adaus\u00adgang des Haupt\u00adbahn\u00adhofs trat ich hin\u00adaus in die Son\u00adne. Ver\u00adwun\u00addert sah ich, die ich aus dem Flach\u00adland kam, die brei\u00adte Gro\u00df\u00adstadt\u00adstra\u00ad\u00dfe sich tal\u00adw\u00e4rts nei\u00adgen und alles, was sich auf ihr beweg\u00adte, wie in sanf\u00adter \u00dcber\u00adre\u00addung mit sich hin\u00adun\u00adter\u00adneh\u00admen, w\u00e4h\u00adrend sie zur lin\u00adken Hand alles berg\u00adw\u00e4rts lockte.<\/p>\n

Ich kann\u00adte mich nicht aus in die\u00adser Stadt. Mein Blick fiel auf einen der Fia\u00adker, die damals das Gesch\u00e4ft der Auto\u00adta\u00adxen besorg\u00adten. Ein Schim\u00admel stand davor, nicht geb\u00fcckt ins Joch der Dienst\u00adbar\u00adkeit wie Drosch\u00adken\u00adg\u00e4u\u00adle sonst, im Gegen\u00adteil: mit erho\u00adbe\u00adnem Kopf schien er das Licht der Son\u00adne zu genie\u00ad\u00dfen, in die ich hin\u00adein gera\u00adten war aus dem hei\u00admi\u00adschen Regen\u00adgrau. Er trug einen Strau\u00df am Ohr, Wie\u00adsen\u00adblu\u00admen nur, wie man sie am Feld\u00adrain fin\u00addet, und schon ein wenig welk, als h\u00e4t\u00adten sie die M\u00fche des Gauls auf sich genom\u00admen. Die\u00adser Schim\u00admel mit dem Strau\u00df am Ohr scheint mir immer wie ein Bild der Stadt, in der er mich will\u00adkom\u00admen hie\u00df.<\/p>\n

Z\u00f6gernd nann\u00adte ich, des Tsche\u00adchi\u00adschen nicht m\u00e4ch\u00adtig, dem Kut\u00adscher Stra\u00ad\u00dfe und Haus\u00adnum\u00admer auf Deutsch. Dass er sich dar\u00adauf mit dem Peit\u00adschen\u00adstiel am Kopf kratz\u00adte, konn\u00adte ent\u00adwe\u00adder bedeu\u00adten, dass die Stra\u00ad\u00dfe sehr ent\u00adle\u00adgen war oder dass er mich nicht ver\u00adstan\u00adden hat\u00adte. Da er aber sei\u00adnen Schim\u00admel antrieb, ohne wei\u00adte\u00adre Aus\u00adk\u00fcnf\u00adte ein\u00adzu\u00adho\u00adlen, nahm ich an, dass wir einen sehr wei\u00adten Weg vor uns h\u00e4t\u00adten. Ich lehn\u00adte mich in die abge\u00adschab\u00adten Pols\u00adter zur\u00fcck und frag\u00adte mich, ob ich die Fahrt am Ende bezah\u00adlen k\u00f6nnte.<\/p>\n

Der Schim\u00admel beweg\u00adte sich mit sei\u00adnem leich\u00adten Gef\u00e4hrt indes\u00adsen berg\u00adw\u00e4rts, hin\u00adauf gegen ein gr\u00fcn\u00adder\u00adzeit\u00adli\u00adches, kup\u00adpel\u00adge\u00adkr\u00f6n\u00adtes Unge\u00adt\u00fcm von grau\u00adem Stein. Ihm aus\u00adzu\u00adwei\u00adchen, neig\u00adte die Stra\u00ad\u00dfe sich ein wenig abw\u00e4rts. Zwi\u00adschen zwei H\u00e4u\u00adser\u00adrei\u00adhen senk\u00adte sich zur Rech\u00adten ein brei\u00adter Platz nach unten.<\/p>\n

Es war, als atme hier \u00fcber\u00adall die Erde. Ich hat\u00adte schon St\u00e4d\u00adte gese\u00adhen, die sich aus einem Tal \u00fcber H\u00fcgel hoch\u00adzo\u00adgen, auch alte St\u00e4dt\u00adchen, die die Schrift ihrer Gas\u00adsen steil auf und ab gekrit\u00adzelt hat\u00adten auf ein miss\u00adg\u00fcns\u00adti\u00adges Gel\u00e4n\u00adde. Aber hier schien es mir, als atme die Erde noch unter der Stadt, als sei sie leben\u00addig geblie\u00adben unter der Decke von Stein. Stau\u00adnend sah ich hin\u00adun\u00adter auf den Platz, \u00fcber dem die Son\u00adne im blau\u00aden Abend\u00adlicht schwamm.<\/p>\n

Der Schim\u00admel hielt pl\u00f6tz\u00adlich inne mit\u00adten im Trab, als h\u00e4t\u00adte er mei\u00adne Gedan\u00adken gele\u00adsen. Da stan\u00adden wir, und um uns her wog\u00adte wei\u00adter das haupt\u00adst\u00e4d\u00adti\u00adsche Trei\u00adben. Hin\u00adter uns wur\u00adden \u00e4rger\u00adli\u00adche Stim\u00admen laut. Mein Kut\u00adscher, nach\u00addem er sich anf\u00e4ng\u00adlich nur mit dem Peit\u00adschen\u00adstiel ver\u00adle\u00adgen den Kopf gekratzt hat\u00adte, ver\u00adsuch\u00adte es nun mit dem Sur\u00adren der Peit\u00adschen\u00adschnur. Pas\u00adsan\u00adten kamen lachend \u00fcber den Damm und rede\u00adten dem Pfer\u00adde g\u00fct\u00adlich zu in ihrer frem\u00adden Spra\u00adche. Der Kut\u00adscher selbst stieg end\u00adlich ab, um es am Zau\u00adme wei\u00adter\u00adzu\u00adf\u00fch\u00adren. Ich sel\u00adber hat\u00adte inzwi\u00adschen Zeit, den Platz zu begr\u00fc\u00ad\u00dfen. Um ihn her war nichts, was man h\u00e4t\u00adte sch\u00f6n nen\u00adnen k\u00f6n\u00adnen. Das stei\u00adner\u00adne Unge\u00adt\u00fcm, das mit sei\u00adner Kup\u00adpel \u00fcber ihm thron\u00adte, war eben\u00adso wenig sch\u00f6n wie die Rei\u00adhen grau\u00ader Miets\u00adh\u00e4u\u00adser zu bei\u00adden Sei\u00adten. Aber da war die\u00adses Rei\u00adter\u00adstand\u00adbild, das bereit schien, als n\u00e4chs\u00adtes \u00fcber den Platz zu tra\u00adben \u2014 der hei\u00adli\u00adge Wen\u00adzel, wie ich sp\u00e4\u00adter h\u00f6r\u00adte \u2014 und der Platz neig\u00adte sich zwi\u00adschen gr\u00fc\u00adnen B\u00e4u\u00admen der Abend\u00adson\u00adne gegen, rau\u00adnend von Leben und Freude.<\/p>\n

Als ich davon genug gese\u00adhen hat\u00adte, setz\u00adte der Schim\u00admel gelas\u00adsen sei\u00adnen Weg fort. Am obe\u00adren Ran\u00adde des Plat\u00adzes f\u00fchr\u00adte die Stra\u00ad\u00dfe wei\u00adter berg\u00adan, und nach kur\u00adzer Zeit hiel\u00adten wir vor dem grau\u00aden Haus, das mich beher\u00adber\u00adgen soll\u00adte. Ein grau\u00ades Haus in einer grau\u00aden Stra\u00ad\u00dfe, so schien es mir damals. Sp\u00e4\u00adter ver\u00adga\u00df ich, dass es so h\u00e4ss\u00adlich war. Ich lieb\u00adte es ein\u00adfach, und noch heu\u00adte sehe ich im Traum sei\u00adne Zimmer.<\/p>\n

Der Kut\u00adscher kratz\u00adte sich wie\u00adder mit dem Peit\u00adschen\u00adstiel am Kopf. Ich sah jetzt, dass es \u00fcber\u00adhaupt nichts bedeu\u00adte\u00adte. Ich trat noch ein\u00admal zu dem Schim\u00admel. Ich h\u00e4t\u00adte ihm gern ein St\u00fcck Zucker gege\u00adben, wenn ich nur eines gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n

Er wand\u00adte den Kopf und sah mich an. Im Bern\u00adstein\u00adgelb sei\u00adner Augen war etwas bezau\u00adbern\u00addes. Ich habe ihn nie wie\u00adder\u00adge\u00adse\u00adhen. Es war, als w\u00e4re er nur eben dage\u00adwe\u00adsen, um mich will\u00adkom\u00admen zu hei\u00dfen.
\n
\nDas Stu\u00adden\u00adten\u00adheim, in das ich mich ein\u00adge\u00admie\u00adtet hat\u00adte, ver\u00adgab Ein\u00adzel\u00adzim\u00admer nur an h\u00f6he\u00adre Semes\u00adter, die f\u00fcr ihre Arbeit Ruhe brauch\u00adten. Ich wuss\u00adte also, dass ich mich mit einer Stu\u00adben\u00adge\u00adnos\u00adsin abfin\u00adden muss\u00adte. Aber mein Wunsch, sie m\u00f6ge noch nicht da sein, erf\u00fcll\u00adte sich. Das Zim\u00admer war noch kahl und unbe\u00adwohnt. Da war nicht viel mehr als das N\u00f6tigs\u00adte f\u00fcr zwei Men\u00adschen unter einer kalk\u00adwei\u00ad\u00dfen Lam\u00adpen\u00adku\u00adgel von Milch\u00adglas. Mit m\u00fcden H\u00e4n\u00adden bezog ich mein Bett und rich\u00adte\u00adte mich in einem der bei\u00adden Schr\u00e4n\u00adke ein. Jetzt, da ich am Ziel war, w\u00fcnsch\u00adte ich mich pl\u00f6tz\u00adlich nach Hau\u00adse zur\u00fcck. Die Frem\u00adde schien mir d\u00fcs\u00adter, jetzt, da sich die Abend\u00adschat\u00adten \u00fcber Stadt und Stra\u00ad\u00dfe senk\u00adten. Im Ein\u00adschla\u00adfen h\u00f6r\u00adte ich aus einem nahen Fens\u00adter jen\u00adseits der Stra\u00ad\u00dfe eine Gei\u00adge spie\u00adlen. Das Herz der Stadt schlug in der Nacht lau\u00adter als bei Tage. Zum ers\u00adten Mal h\u00f6r\u00adte ich es schlagen.<\/p>\n

\"Prager<\/a>
Pra\u00adger Burg zur Zeit der Hand\u00adlung \u2014 Quel\u00adle: Pan\u00ado\u00adr\u00adamio, Fotos von dudeyberlin<\/figcaption><\/figure>\n

Mit\u00adten in der Nacht wach\u00adte ich auf. Die Milch\u00adglas\u00adku\u00adgel an der Decke brann\u00adte. Das Zim\u00admer war sehr wei\u00df und sehr hoch bei Licht. Ich sah hel\u00adles Haar und ein Gesicht, auf das ein Schat\u00adten fiel. Eine Stim\u00adme ent\u00adschul\u00addig\u00adte sich und woll\u00adte wei\u00adter\u00adspre\u00adchen. Aber ich konn\u00adte aus mei\u00adnem Traum nicht fort. Bald danach wur\u00adde es dunkel.<\/p>\n

M\u00fcde und zer\u00adschla\u00adgen erwach\u00adte ich am andern Mor\u00adgen. Unru\u00adhe war im Hau\u00adse gewe\u00adsen die gan\u00adze Nacht, ein Kom\u00admen und Gehen im Flur und auf den Trep\u00adpen, Sin\u00adgen hin\u00adter der Wand und T\u00fcren\u00adschla\u00adgen n\u00e4her und fer\u00adner. Als es Mor\u00adgen wur\u00adde, kamen die Ger\u00e4u\u00adsche von der Stra\u00ad\u00dfe her\u00adauf durch das offen\u00adste\u00adhen\u00adde Fenster.<\/p>\n

Milch\u00adwa\u00adgen pol\u00adter\u00adten und die Eimer der M\u00fcll\u00adab\u00adfuhr, Rad\u00adfah\u00adrer klin\u00adgel\u00adten und Stim\u00admen rie\u00adfen frem\u00adde Wor\u00adte die Stra\u00ad\u00dfe ent\u00adlang. Die Luft, die ins Fens\u00adter weh\u00adte, war beklem\u00admend und fast atem\u00adrau\u00adbend, gewebt aus tau\u00adsend Ger\u00fc\u00adchen, wie man sie in gro\u00ad\u00dfen St\u00e4d\u00adten fin\u00addet. Aber da war \u00fcber allem noch ein uner\u00adkl\u00e4r\u00adli\u00adcher Ober\u00adton, \u00e4hn\u00adlich dem Ton der Gei\u00adge vom Abend zuvor. Trau\u00ader \u2014 Sehn\u00adsucht, Hoffnung.
\n
\nM\u00fcde dreh\u00adte ich mich auf die ande\u00adre Sei\u00adte, um noch ein Weil\u00adchen wei\u00adter\u00adzu\u00adschla\u00adfen in die\u00adser Woge von Duft. Da sah ich das Bett dr\u00fc\u00adben, das jetzt bezo\u00adgen war. Weich und wol\u00adkig bausch\u00adte sich die Dau\u00adnen\u00adde\u00adcke \u00fcber dem Kopf\u00adkis\u00adsen. Von der Schl\u00e4\u00adfe\u00adrin sah man nur ein paar locki\u00adge Haar\u00adstr\u00e4h\u00adnen, fast so wei\u00df wie das Kis\u00adsen. Im fah\u00adlen Mor\u00adgen\u00adlicht gl\u00e4nz\u00adten sie wie Silber.<\/p>\n

\u00dcber mei\u00adner Bewe\u00adgung moch\u00adte die Schla\u00adfen\u00adde wach gewor\u00adden sein.<\/p>\n

Auch sie dreh\u00adte sich zur andern Sei\u00adte, aber die Lider blie\u00adben fest geschlos\u00adsen. Das Dau\u00adnen\u00adbett w\u00f6lb\u00adte sich wie\u00adder bis hoch \u00fcber ihren Kopf, als m\u00fcss\u00adte sie dar\u00adin Schutz suchen vor einer unbe\u00adkann\u00adten Gefahr. Das Gesicht, das sie mir jetzt zukehr\u00adte, war sch\u00f6n, aber etwas Befremd\u00adli\u00adches lag dar\u00adin, etwas Nixenhaftes.<\/p>\n

\u201e<\/span>Eine Baro\u00adnin Scharff-Habe\u00adland aus der Gegend von Ber\u00adlin\u201c, hat\u00adte mir am Abend zuvor Frau Palacek gesagt, die Haus\u00adwir\u00adtin, eine stark\u00adkno\u00adchi\u00adge, str\u00e4hn\u00adhaa\u00adri\u00adge Per\u00adson mit einem Dutt hoch am Kopf und einem Zwi\u00adcker auf der Nase. \u201eSie wer\u00adden schon mit ihr zurecht\u00adkom\u00admen. Aber kei\u00adne Her\u00adren\u00adbe\u00adsu\u00adche! Das bitt\u2019 ich mir aus!\u201d Und ihr \u201er\u201d roll\u00adte wie ein klei\u00adner Donner.<\/p>\n

Ich kann\u00adte die\u00adsen Pas\u00adsus. Eine Schul\u00adfreun\u00addin hat\u00adte mir das Heim emp\u00adfoh\u00adlen und mich zugleich mit den Eigen\u00adhei\u00adten von Frau Palacek ver\u00adtraut gemacht. Ehe ich die\u00adses Haus kann\u00adte, hat\u00adte es sich mir immer dar\u00adge\u00adstellt als ein Haus, in dem eine Frau mit Kno\u00adten und Zwi\u00adcker unter die Bet\u00adten kriecht und die Schr\u00e4n\u00adke nach uner\u00adw\u00fcnsch\u00adtem Her\u00adren\u00adbe\u00adsuch inspi\u00adziert, bis es ihr end\u00adlich doch gelingt, im Besen\u00adschrank drau\u00ad\u00dfen auf den Flur solch eines scham\u00adlo\u00adsen Ein\u00addring\u00adlings hab\u00adhaft zu wer\u00adden, eines au\u00dfer\u00ador\u00addent\u00adlich ver\u00adsch\u00fcch\u00adter\u00adten noch dazu, den die M\u00e4d\u00adchen mehr zum Spa\u00df und um ihn zu \u00e4ngs\u00adti\u00adgen, da hin\u00adein gedr\u00e4ngt hat\u00adten. Denn f\u00fcr die wis\u00adsen\u00adden und rou\u00adti\u00adnier\u00adten Besu\u00adcher gab es eine Aus\u00adflucht nach oben zu, auf den Dach\u00adbo\u00adden, auf die aber Frau Palacek nie ver\u00adfiel. Eben\u00adso ent\u00adging ihr stets der gel\u00adlen\u00adde War\u00adnungs\u00adpfiff, der bei ihrer Ankunft durch das Haus t\u00f6n\u00adte, und die Tat\u00adsa\u00adche, dass die K\u00fch\u00adnen furcht\u00adlos, wenn auch auf Zehen\u00adspit\u00adzen die Trep\u00adpe hin\u00adun\u00adter\u00adstie\u00adgen, w\u00e4h\u00adrend sie in den ers\u00adten Zim\u00admern ihrem Schn\u00fcff\u00adler\u00adge\u00adsch\u00e4ft oblag.<\/p>\n

Mich sel\u00adber bek\u00fcm\u00admer\u00adte die Aus\u00adsicht auf sol\u00adche Haus\u00adsu\u00adchun\u00adgen wenig. Aber der Gedan\u00adke, wie Frau Palacek unter das Bett der Baro\u00adnin fah\u00adren w\u00fcr\u00adde, um ver\u00adwe\u00adge\u00adne Lieb\u00adha\u00adber zu ertap\u00adpen, mach\u00adte mich lachen. Denn wer sie so schla\u00adfen sah, muss\u00adte es mehr als wahr\u00adschein\u00adlich fin\u00adden, dass sie bald Freun\u00adde haben w\u00fcr\u00adde. Mit ihnen w\u00fcr\u00adde sie tan\u00adzen gehen und ins Caf\u00e9, und sicher w\u00fcr\u00adde ich sie auch hier im Heim zu sehen bekommen.<\/p>\n

Noch am\u00fc\u00adsier\u00adte mich die\u00adses fl\u00fcch\u00adtig gezeich\u00adne\u00adte Zukunfts\u00adbild, als es sich pl\u00f6tz\u00adlich \u00e4nder\u00adte. Die Baro\u00adnin schob jetzt den rech\u00adten Arm vors Gesicht wie zum Schutz gegen mei\u00adne Bli\u00adcke. Ihre rech\u00adte Hand lag auf der lin\u00adken Schul\u00adter, mit\u00adten in Licht. An ihrem Ring\u00adfin\u00adger gl\u00e4nz\u00adte ein Ehe\u00adring, ein brei\u00adter Gold\u00adreif ohne Stein, nicht in die schma\u00adle\u00adre moder\u00adne Form gepresst. Er nahm sich merk\u00adw\u00fcr\u00addig unbe\u00adhol\u00adfen aus an der schma\u00adlen Hand, zu plump und wie ein geborg\u00adtes Requisit.<\/p>\n

Vor\u00adher war es mir erschie\u00adnen, als kenn\u00adte ich mei\u00adne Zim\u00admer\u00adge\u00adnos\u00adsin schon fast ganz. Ich mein\u00adte, ich k\u00f6nn\u00adte ihren Kum\u00admer erra\u00adten und ihre Freu\u00adden, k\u00f6nn\u00adte vor\u00adaus\u00adse\u00adhen, wie die Mona\u00adte ver\u00adlau\u00adfen w\u00fcr\u00adden, die sie hier mit mir ver\u00adbrin\u00adgen w\u00fcr\u00adde. Ich glaub\u00adte schon ihre Freun\u00adde zu ken\u00adnen, flat\u00adter\u00adhaf\u00adte und ernst gesinn\u00adte, Stu\u00adden\u00adten und jun\u00adge Offi\u00adzie\u00adre. Ihr gan\u00adzes Sein war mir so durch\u00adschau\u00adbar und \u00fcber\u00adsicht\u00adlich vorgekommen.<\/p>\n

Aber jetzt war sie ver\u00adhei\u00adra\u00adtet. Das mach\u00adte sie pl\u00f6tz\u00adlich wie\u00adder zur Frem\u00adden, zu jenem sche\u00admen\u00adhaf\u00adten Gesicht, das sich in der Nacht gegen mich geneigt hat\u00adte, g\u00e4nz\u00adlich unbe\u00adkannt, g\u00e4nz\u00adlich undurch\u00adsich\u00adtig. Wie konn\u00adte man so jung sein und ver\u00adhei\u00adra\u00adtet ? Wie konn\u00adte man ver\u00adhei\u00adra\u00adtet sein und sich in ein sol\u00adches Heim ein\u00admie\u00adten, wo M\u00e4n\u00adner aus Besen\u00adschr\u00e4n\u00adken geholt wurden?<\/p>\n

Es gab ver\u00adschie\u00adde\u00adne Erkl\u00e4\u00adrun\u00adgen daf\u00fcr. Kriegs\u00adtrau\u00adung, ihr Mann im Feld, sie auf der Suche nach einer T\u00e4tig\u00adkeit, die ihr das War\u00adten leich\u00adter mach\u00adte, stell\u00adte ich mir vor. Aber ich f\u00fchl\u00adte, dass da noch etwas ande\u00adres war. Etwas Gequ\u00e4l\u00adtes war in ihrem Gesicht, etwas Gehetz\u00adtes in ihren Bewe\u00adgun\u00adgen, nicht nur Kum\u00admer, nicht nur Angst, son\u00addern ein Gemisch wider\u00adstre\u00adben\u00adder Gef\u00fch\u00adle. Sp\u00e4\u00adter soll\u00adte ich sie bes\u00adser begreifen.
\n
\nIch nahm Wasch\u00adzeug und Bade\u00adman\u00adtel aus dem Schrank und schlich mich lei\u00adse aus dem Zim\u00admer, hin\u00ad\u00fcber in den Wasch\u00adraum. Das \u00e4rm\u00adli\u00adche Gelass, in das ich ein\u00adtrat, war eng und fens\u00adter\u00adlos, von einer hoch oben schwe\u00adben\u00adden Gl\u00fch\u00adbir\u00adne tr\u00fc\u00adbe beleuch\u00adtet. Ich erschrak vor einem ent\u00adbl\u00f6\u00df\u00adtem R\u00fccken, den ich mit einem sch\u00fcch\u00adter\u00adnen \u201eGuten Mor\u00adgen\u201d begr\u00fc\u00dfte.<\/p>\n

Der Kopf \u00fcber dem R\u00fccken, auf dem kas\u00adta\u00adni\u00aden\u00adfar\u00adbe\u00adnes Haar zu einem locki\u00adgen Berg zusam\u00admen\u00adge\u00adsteckt war, wand\u00adte sich mir zu. Aus schr\u00e4g\u00adge\u00adstell\u00adten Augen traf mich ein sp\u00e4\u00adhen\u00adder, unan\u00adge\u00adneh\u00admer Blick. Die Lip\u00adpen waren wie mit einem Stift gezeich\u00adnet. Sie erwi\u00adder\u00adte mei\u00adnen Gru\u00df. Unm\u00f6g\u00adlich konn\u00adten sie so fr\u00fch schon geschminkt sein, und doch sah es so aus.<\/p>\n

Nach einer Wei\u00adle erkun\u00addig\u00adte ich mich \u00fcber das Pl\u00e4t\u00adschern des Was\u00adsers hin\u00adweg nach Poli\u00adzei\u00adre\u00advier und Stu\u00adden\u00adten\u00adwerk. Ich wur\u00adde belehrt, dass und wo ich mir nach der Anmel\u00addung zun\u00e4chst eine Stra\u00ad\u00dfen\u00adbahn\u00adkar\u00adte beschaf\u00adfen m\u00fcs\u00adse, bil\u00adlig, f\u00fcr alle Lini\u00aden. \u201eIch muss auch nach\u00adher hin. Sie k\u00f6n\u00adnen mit\u00adkom\u00admen.\u201d Der Ton der Stim\u00adme war g\u00f6n\u00adner\u00adhaft und gefiel mir nicht, aber ich war froh, irgend\u00adwie ein\u00adge\u00adf\u00fchrt zu sein. Die Fremd\u00adheit wich um einen Schritt zur\u00fcck. Siche\u00adrer gewor\u00adden, ging ich wie\u00adder in mein Zimmer.<\/p>\n

Die Baro\u00adnin sa\u00df im bunt\u00adsei\u00adde\u00adnen Mor\u00adgen\u00adman\u00adtel mit einem Mus\u00adter in krei\u00adschen\u00adden Far\u00adben auf dem Bett\u00adrand. Sie mus\u00adter\u00adte mich, als ich ein\u00adtrat. Alles in ihrem Gesicht war schmal und undeut\u00adlich. Selbst die Pupil\u00adlen, von kal\u00adtem Was\u00adser\u00adblau, gin\u00adgen unge\u00adnau ins Wei\u00ad\u00dfe der Augen \u00fcber, oder jeden\u00adfalls schien es so. Ihre Lip\u00adpen, blass wie Haut und Haar, waren leicht ge\u00f6ff\u00adnet, als loh\u00adne es nicht, sie zu schlie\u00ad\u00dfen. Wenig Leben war in dem Gesicht.<\/p>\n

Da sie kei\u00adne Mie\u00adne mach\u00adte auf\u00adzu\u00adste\u00adhen, ging ich auf sie zu und gab ihr die Hand.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich hei\u00ad\u00dfe Rich\u00adter\u201d, sag\u00adte ich. \u201eFran\u00adzis\u00adka Rich\u00adter\u201d. Ihre Hand war sehr leicht.<\/p>\n

\u201e<\/span>Maria Jen\u00adsen\u201d, sag\u00adte sie. \u201eNen\u00adnen wir uns doch beim Vor\u00adna\u00admen. Es ist zu bl\u00f6d, \u201aFr\u00e4u\u00adlein\u2019 zu sagen, wenn man jeman\u00adden jeden Mor\u00adgen auf\u00adste\u00adhen sieht\u201d.<\/p>\n

Obwohl ich gar nicht gefragt wor\u00adden war, stimm\u00adte ich zu, w\u00e4h\u00adrend mich die zwei\u00adte \u00dcber\u00adra\u00adschung die\u00adses Mor\u00adgens besch\u00e4f\u00adtig\u00adte. Was war mit der Baro\u00adnin? \u201eIch dach\u00adte nur \u2014 sind Sie nicht, ich mei\u00adne, sind Sie nicht aus Ver\u00adse\u00adhen ins fal\u00adsche Zim\u00admer geraten?\u201d<\/p>\n

Ihr Gesicht ver\u00adh\u00e4r\u00adte\u00adte sich ein wenig. \u201eEs ist schon rich\u00adtig. Ich bin Baro\u00adnin Scharff-Habe\u00adland, wenn Ihnen das lie\u00adber ist. F\u00fcr die Leu\u00adte zu Hau\u00adse bin ich es noch.\u201d Sie r\u00fcck\u00adte an dem brei\u00adten, unge\u00adschick\u00adten Gold\u00adrei\u00adfen auf ihrem rech\u00adten Ring\u00adfin\u00adger und biss die Z\u00e4h\u00adne zusam\u00admen, um ihn \u00fcber die klei\u00adne Wulst des unters\u00adten Fin\u00adger\u00adglie\u00addes zu schie\u00adben. Er lie\u00df sich etwas bewe\u00adgen, aber er wider\u00adsetz\u00adte sich ihrem Ver\u00adsuch, ihn abzustreifen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Er geht nicht ab\u201d, sag\u00adte sie \u00e4rger\u00adlich. \u201eIch wer\u00adde mal hun\u00adgern m\u00fcssen.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Viel\u00adleicht ein Zei\u00adchen\u201d, sag\u00adte ich, ohne zu \u00fcber\u00adle\u00adgen und erschrak: wie geschmack\u00adlos, nach f\u00fcnf S\u00e4t\u00adzen gleich zu sagen, was man wirk\u00adlich denkt. Sich hin\u00adein zu dr\u00e4n\u00adgen in eine Sache, die nur zwei Men\u00adschen angeht und kei\u00adnen Frem\u00adden. \u201eEnt\u00adschul\u00addi\u00adgen Sie bit\u00adte\u201d, setz\u00adte ich dazu. \u201eEs geht mich ja nichts an.\u201d<\/p>\n

Aber sie schien nichts dabei zu fin\u00adden. W\u00e4h\u00adrend sie wei\u00adter an dem Ring dreh\u00adte, sag\u00adte sie etwas milder:<\/p>\n

\u201e<\/span>Man kann nicht mehr tun, als es ver\u00adsu\u00adchen, immer wie\u00adder und immer wie\u00adder und immer wieder.\u201d<\/p>\n

Ich hat\u00adte mich nun mal drauf ein\u00adge\u00adlas\u00adsen, eine Beich\u00adte zu h\u00f6ren. Mir war es recht, wenn es ihr recht war. Damals wuss\u00adte ich noch nicht, dass es meist schon aus\u00adreicht, zuzu\u00adh\u00f6\u00adren. Ich mein\u00adte, ich m\u00fcss\u00adte auch reden. Was soll\u00adte ich sagen? Erfah\u00adrun\u00adgen hat\u00adte ich nicht. Von zuhau\u00adse wuss\u00adte ich nur, dass eine Ehe unan\u00adtast\u00adbar ist.<\/p>\n

\u201e<\/span>Viel\u00adleicht gen\u00fcgt es nicht, wenn man es nur drei\u00admal ver\u00adsucht\u201d, sag\u00adte ich unsicher.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ach, neh\u00admen Sie das nicht w\u00f6rt\u00adlich\u201d, sag\u00adte sie weg\u00adwer\u00adfend und ging zu dem Kabi\u00adnen\u00adkof\u00adfer, der noch halb zuge\u00adklappt neben der T\u00fcr stand. \u201eWas n\u00fctzt es, eine Ehe zu f\u00fch\u00adren, wenn die Lie\u00adbe nicht da ist, die da sein m\u00fcsste?\u201d<\/p>\n

Auch von der Lie\u00adbe wuss\u00adte ich nur eini\u00adges aus B\u00fcchern. Ein paar jun\u00adge Leu\u00adte, von denen ich man\u00adche um kei\u00adnen Preis und die andern nur unter Umst\u00e4n\u00adden h\u00e4t\u00adte k\u00fcs\u00adsen m\u00f6gen. Getan hat\u00adte ich es nie. Aber sicher war ich, dass mei\u00adne Eltern ein\u00adan\u00adder immer noch lieb\u00adten nach mehr als drei\u00ad\u00dfig Jah\u00adren Ehe. Gab es eine Ehe ohne Lie\u00adbe, wie war das alles \u00fcber\u00adhaupt? Ich wuss\u00adte es nicht.<\/p>\n

Sie hat\u00adte aus dem Durch\u00adein\u00adan\u00adder des Kof\u00adfers das Wasch\u00adzeug gefun\u00adden und wand\u00adte sich wie\u00adder zu mir. Ihr Gesicht schien mir jetzt weni\u00adger blass, ganz so, als keh\u00adre mit der Erin\u00adne\u00adrung auch Leben in ihre Adern zur\u00fcck. \u201eEs ist eine zu lan\u00adge Geschich\u00adte, man kann sie jetzt nicht so schnell erz\u00e4h\u00adlen\u201d, sag\u00adte sie. \u201eAber \u2014 ich wei\u00df nicht, war\u00adum \u2014 ich m\u00f6ch\u00adte, dass Sie mich nicht falsch ver\u00adste\u00adhen. Viel\u00adleicht \u2014 es hat mich nie jemand danach gefragt, wis\u00adsen Sie, und ihm konn\u00adte ich es nie so sagen. Er h\u00e4t\u00adte es nicht ver\u00adstan\u00adden.\u201d Sie sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf. \u201eEs war so furcht\u00adbar. Und dann bin ich ein\u00adfach weggegangen.\u201d<\/p>\n

Sie fuhr sich mit dem Kamm durchs Haar, das lei\u00adse knis\u00adter\u00adte und sich in einer leich\u00adten, silb\u00adri\u00adgen Wol\u00adke hoch\u00adhob, wo sie es k\u00e4mmte.<\/p>\n

\u201e<\/span>Wol\u00adlen Sie sagen, dass er gar nichts wei\u00df?\u201d frag\u00adte ich und sah etwas erschro\u00adcken dem gespens\u00adti\u00adschen Wogen des wei\u00ad\u00dfen Haa\u00adres zu.<\/p>\n

\u201e<\/span>Nat\u00fcr\u00adlich wei\u00df er\u201d, sag\u00adte sie unge\u00addul\u00addig. \u201eWir haben ja oft genug davon gespro\u00adchen. Er wei\u00df, dass ich fort woll\u00adte und nicht wie\u00adder\u00adkom\u00adme. Aber ihm konn\u00adte ich ein\u00adfach nicht sagen, war\u00adum. Er wei\u00df es nicht. Er denkt, es ist ein ande\u00adrer Mann.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Und es ist keiner?\u201c<\/p>\n

Sie sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf. Es nahm sich drol\u00adlig aus, denn ihr Haar stand immer noch wie eine Wol\u00adke um ihr schma\u00adles Gesicht, das jetzt anfing zu l\u00e4cheln.<\/p>\n

\u201e<\/span>Kom\u00admen Sie von einer Aus\u00adkunf\u00adtei?\u201d frag\u00adte sie belustigt.<\/p>\n

\u201e<\/span>Nein, nein\u201d, erwi\u00adder\u00adte ich und lach\u00adte auch. \u201eIch bin blo\u00df Jour\u00adna\u00adlis\u00adtin. In den zwei Jah\u00adren seit mei\u00adnem Abitur habe ich f\u00fcr die Zei\u00adtung in unse\u00adrer Stadt geschrieben.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Sie sehen nicht aus wie eine Jour\u00adna\u00adlis\u00adtin\u201d, mein\u00adte Maria l\u00e4chelnd. Da ich sie sp\u00e4\u00adter so nann\u00adte, will ich sie auch jetzt schon so nen\u00adnen, obwohl mir ihr Vor\u00adna\u00adme lan\u00adge nicht \u00fcber die Lip\u00adpen woll\u00adte. \u201eAller\u00addings sieht im Bade\u00adman\u00adtel kaum jemand so aus, als ob er einen ehren\u00adhaf\u00adten Beruf h\u00e4t\u00adte. Was schrei\u00adben Sie denn?\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Mein Vater sag\u00adte mal: von Blu\u00admen und Schmet\u00adter\u00adlin\u00adgen. Das stimmt so ungef\u00e4hr.\u201d<\/p>\n

Eine klei\u00adne stei\u00adle Fal\u00adte stand auf ihrer Stirn. \u201eKann man das heu\u00adte noch?\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>War\u00adum nicht?\u201d Ich ver\u00adstand ihre Fra\u00adge nicht.<\/p>\n

\u201e<\/span>Und Ihre Sachen wer\u00adden gedruckt?\u201d<\/p>\n

Ich nick\u00adte beschei\u00adden aber nicht ganz ohne Stolz. \u201eWar\u00adum soll man das nicht k\u00f6n\u00adnen?\u201d forsch\u00adte ich noch ein\u00admal. \u201eSehen Sie, das geht ganz ein\u00adfach so: mei\u00adne Redak\u00adti\u00adon sagt mir: es wird Fr\u00fch\u00adling. Schrei\u00adben Sie was \u00fcber die Son\u00adne. Oder: es ist Weih\u00adnach\u00adten. Schrei\u00adben Sie was von Weih\u00adnach\u00adten. Oder gehen Sie in die Aus\u00adstel\u00adlung f\u00fcr Gebrauchs\u00adke\u00adra\u00admik. Oder in den Zir\u00adkus. Oder zum Sport\u00adfest. Und dann schrei\u00adbe ich. War\u00adum soll das nicht gehen?\u201d<\/p>\n

Sie kram\u00adte jetzt wie\u00adder in ihrem Kof\u00adfer und nick\u00adte vor sich hin. \u201eJa, so geht es wohl auch. Sie haben ganz Recht. War\u00adum soll es nicht gehen?\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Aber was ist denn nur? War\u00adum erkl\u00e4\u00adren Sie es nicht?\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Es ist schon gut\u201d, sag\u00adte sie in den Kof\u00adfer hin\u00adein. \u201eVer\u00adges\u00adsen Sie\u2019s! Wis\u00adsen Sie, wo der Wasch\u00adraum ist?\u201d<\/p>\n

Ich stand auf, um ihn ihr zu zei\u00adgen, weil man die rich\u00adti\u00adge T\u00fcr leicht ver\u00adfeh\u00adlen konn\u00adte. Dicht neben ihr ging ich \u00fcber den Flur und sah im Licht der Trep\u00adpen\u00adfens\u00adter, dass ihr Gesicht jetzt abge\u00adspannt und m\u00fcde war.<\/p>\n

\u201e<\/span>War\u00adum haben Sie so gefragt?\u201d dr\u00e4ng\u00adte ich noch ein\u00admal. \u201eWar\u00adum wol\u00adlen Sie es mir nicht sagen?\u201d<\/p>\n

Sie sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf und schwieg.
\n
\nAuf dem Kocher in einer Flur\u00adni\u00adsche hat\u00adte ich Tee gekocht. Mei\u00adne Freun\u00addin hat\u00adte mir gesagt, was ich brau\u00adchen w\u00fcr\u00adde; so fand sich alles zum Kochen N\u00f6ti\u00adge in mei\u00adnem Kof\u00adfer. Von dem reich\u00adli\u00adchen Rei\u00adse\u00adpro\u00advi\u00adant waren noch Bro\u00adte, Obst und zwei Eier da. Ich deck\u00adte den Tisch, und als Maria vom Waschen wie\u00adder\u00adkam, l\u00e4chel\u00adte sie. Sie bedank\u00adte sich mehr, als n\u00f6tig war und ver\u00adsprach, auch ihr Teil an Arbeit zu tun. Aber ihr Gesicht war jetzt verschlossen.<\/p>\n

Das Gespr\u00e4ch blieb ein\u00adsil\u00adbig. Ich ver\u00adsuch\u00adte auch nicht, es wie\u00adder zu bele\u00adben. Ich war nicht so neu\u00adgie\u00adrig auf ihre Bekennt\u00adnis\u00adse. Mei\u00adne Gedan\u00adken lie\u00adfen mir vor\u00adaus in die gro\u00ad\u00dfe Stadt, deren Stim\u00adme und Atem zu uns ins Zim\u00admer weh\u00adte. Ich fie\u00adber\u00adte danach, die Trep\u00adpen hin\u00adun\u00adter\u00adzu\u00adge\u00adhen und aus dem Hau\u00adse hin\u00adaus\u00adzu\u00adtre\u00adten in die Fremde.<\/p>\n

Gegen zehn klopf\u00adte es an unse\u00adre T\u00fcr. Erschro\u00adcken blick\u00adte Maria von ihrem Kof\u00adfer auf, des\u00adsen Inhalt inzwi\u00adschen fast v\u00f6l\u00adlig in ihren Schrank geord\u00adnet war. Ihr Gesicht nahm einen gejag\u00adten Aus\u00addruck an. Ich frag\u00adte mich betrof\u00adfen, ob es ihr Mann war, den sie f\u00fcrch\u00adte\u00adte, oder wer sonst.<\/p>\n

Aber es war nur das M\u00e4d\u00adchen mit dem Kas\u00adta\u00adni\u00aden\u00adhaar, das kam, um mich abzu\u00adho\u00adlen. Sie nann\u00adte ihren Namen \u2014 Ellen Brand. Wir nann\u00adten die unse\u00adren und gaben ein\u00adan\u00adder fl\u00fcch\u00adtig die Hand. Eilig mach\u00adte ich mich fer\u00adtig zum Gehen. Der H\u00f6f\u00adlich\u00adkeit hal\u00adber frag\u00adte ich Maria, ob sie nicht mit\u00adkom\u00admen woll\u00adte, da sie ja die\u00adsel\u00adben Wege gehen muss\u00adte. Sie dank\u00adte aber und lehn\u00adte ab, lie\u00df sich nur kurz den Weg beschrei\u00adben und blieb allein zur\u00fcck.<\/p>\n

Mit Ban\u00adgen dach\u00adte ich, w\u00e4h\u00adrend wir die Trep\u00adpe hin\u00adun\u00adter gin\u00adgen, ob Maria nach so schnell ver\u00adsieg\u00adter Ver\u00adtrau\u00adlich\u00adkeit ein Semes\u00adter lang so m\u00fcr\u00adrisch neben mir hin\u00adle\u00adben w\u00fcr\u00adde. Wie ich es aus\u00adhal\u00adten soll\u00adte, Tag f\u00fcr Tag die\u00adsem ver\u00adschlos\u00adse\u00adnen Gesicht zu begeg\u00adnen, das auf mei\u00adne Fra\u00adgen nicht ant\u00adwor\u00adten wollte.<\/p>\n

Aber ich war mir sicher, dass es mir an Gesell\u00adschaft nicht feh\u00adlen w\u00fcr\u00adde. Jetzt glaub\u00adte ich eher, dass sie es sein k\u00f6nn\u00adte, die mit ihren tr\u00fc\u00adben Gedan\u00adken allein blei\u00adben k\u00f6nn\u00adte. Nichts konn\u00adte ich wis\u00adsen an die\u00adsem Mor\u00adgen von allem, was unser bei\u00adder Leben inein\u00adan\u00adder ver\u00adspin\u00adnen und wie\u00adder von\u00adein\u00adan\u00adder l\u00f6sen w\u00fcr\u00adde. Nichts wuss\u00adte ich von allem, was wir haben w\u00fcr\u00adden an Freu\u00adde und Bit\u00adter\u00adkeit, jeder f\u00fcr sich allein. Der Flie\u00adder\u00adduft in den unbe\u00adkann\u00adten Stra\u00ad\u00dfen ver\u00adsprach hun\u00addert son\u00adni\u00adge, seli\u00adge Sommertage.<\/p>\n

\"Hradschin\"<\/a>
Burg Hradschin von der Klein\u00adsei\u00adte aus gese\u00adhen, 1942<\/figcaption><\/figure>\n

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Anfangs sah ich frei\u00adlich nur wenig von dem Glanz der Stadt, die man so \u00fcber\u00adschw\u00e4ng\u00adlich \u201eDie Gol\u00adde\u00adne\u201c nennt. Graue Stra\u00ad\u00dfen sah ich, wenn ich es auch unter dem Auf und Ab ihres Pflas\u00adters immer wie\u00adder f\u00fchl\u00adte wie das Atmen eines leben\u00adden Wesens. Die engen G\u00e4n\u00adge des Stu\u00adden\u00adten\u00adwerks sah ich, wo Hun\u00adder\u00adte von Stu\u00adden\u00adten und Stu\u00adden\u00adtin\u00adnen vie\u00adle Stun\u00adden mit War\u00adten ver\u00adbrach\u00adten, bis hin\u00adter vie\u00adlen T\u00fcren alles Not\u00adwen\u00addi\u00adge beschei\u00adnigt war.<\/p>\n

Ich ging zur \u201eVege\u00adtar\u00adna\u201c, die mir Ellen Brand emp\u00adfoh\u00adlen hat\u00adte, drei alt\u00adv\u00e4\u00adter\u00adlich m\u00f6blier\u00adte Zim\u00admer in einem b\u00fcr\u00adger\u00adli\u00adchen Hau\u00adse. Dort ser\u00advier\u00adte man uns jeden Mit\u00adtag und auch zu Abend gegen Mar\u00adken und Geld ein vege\u00adta\u00adri\u00adsches Essen, ange\u00admes\u00adsen unse\u00adrem Geld\u00adbeu\u00adtel, unse\u00adrem gerin\u00adgen Vor\u00adrat an Fleisch\u00admar\u00adken und unse\u00adrem Appetit.<\/p>\n

Jeden Tag schiff\u00adte ich vor\u00ad\u00fcber an einer klei\u00adnen Insel der Ver\u00adsu\u00adchung: eine win\u00adzi\u00adge Kon\u00addi\u00adto\u00adrei bot Erd\u00adbeer\u00adt\u00f6rt\u00adchen feil, wie ich sie nie vor\u00adher so k\u00f6st\u00adlich geges\u00adsen hat\u00adte. Nur sel\u00adten konn\u00adte ich der Ver\u00adsu\u00adchung wider\u00adste\u00adhen, sie\u00adben gan\u00adze Kro\u00adnen zu opfern f\u00fcr solch eine s\u00fc\u00dfe m\u00fcr\u00adbe Nich\u00adtig\u00adkeit, die in drei Minu\u00adten \u2014 aus der Hand, ver\u00adsteht sich \u2014 ver\u00adspeist war.<\/p>\n

An Bekannt\u00adschaf\u00adten fehl\u00adte es mir nicht. Ellen Brand, irgend\u00adwie her\u00adab\u00adlas\u00adsend und zudring\u00adlich zugleich, hat\u00adte mich ein\u00adge\u00adf\u00fchrt bei den Bewoh\u00adne\u00adrin\u00adnen unse\u00adres Stock\u00adwerks. Am bes\u00adten gefiel mir Anne\u00adli, Stu\u00adden\u00adtin der Kunst\u00adge\u00adschich\u00adte. Man sah sie meist eilig, mit gro\u00ad\u00dfen Reh\u00adau\u00adgen, in ihrer rot\u00adbrau\u00adnen Wild\u00adle\u00adder\u00adja\u00adcke, das lan\u00adge Haar aus der Stirn zur\u00fcck\u00adwer\u00adfend, wenn sie gr\u00fc\u00df\u00adte. Mit Ellen Brand im Zim\u00admer wohn\u00adte Ilse, ein unschein\u00adba\u00adres M\u00e4d\u00adchen mit Bril\u00adle, im Zim\u00admer neben uns zwei Medi\u00adzi\u00adne\u00adrin\u00adnen, schon \u00e4lte\u00adre Semes\u00adter, die lus\u00adtig und ger\u00e4usch\u00advoll in den Tag hin\u00adein lebten.<\/p>\n

So war ich auf Mari\u00adas Gesell\u00adschaft nicht ange\u00adwie\u00adsen, wenn es auch immer unbe\u00adhag\u00adlich geblie\u00adben w\u00e4re, am Mor\u00adgen als Ers\u00adtes und zur Nacht als letz\u00adtes ein m\u00fcr\u00adri\u00adsches Gesicht zu sehen.<\/p>\n

Aber Maria begeg\u00adne\u00adte mir durch\u00adaus nicht m\u00fcr\u00adrisch. Zwar schien sie v\u00f6l\u00adlig ver\u00adges\u00adsen zu haben, wie ver\u00adtraut wie am ers\u00adten Mor\u00adgen waren. Aber es blieb genug All\u00adt\u00e4g\u00adli\u00adches, ange\u00adfan\u00adgen bei den Brot- und Mar\u00adga\u00adri\u00adne\u00adra\u00adtio\u00adnen, die wir gemein\u00adsam kauf\u00adten und auf\u00adteil\u00adten, um uns nicht mit har\u00adten Brot\u00adres\u00adten und ver\u00addor\u00adbe\u00adnem Auf\u00adstrich pla\u00adgen zu m\u00fcssen.<\/p>\n

Ich f\u00fchr\u00adte sie auch in die Vege\u00adtar\u00adna ein, und wenn es sich zeit\u00adlich so traf, sa\u00dfen wir dort bei\u00adein\u00adan\u00adder an einem der klei\u00adnen Eck\u00adtisch\u00adchen. Alt\u00admo\u00addi\u00adsche Spit\u00adzen\u00advor\u00adh\u00e4n\u00adge ver\u00adh\u00fcll\u00adten die bei\u00adden hohen Fens\u00adter. Zwi\u00adschen ihnen thron\u00adte eine Stech\u00adpal\u00adme auf manns\u00adho\u00adher Kon\u00adso\u00adle. Ein Buf\u00adfet begrenz\u00adte auf der andern Sei\u00adte unse\u00adre Abge\u00adschie\u00adden\u00adheit und dien\u00adte als Auf\u00adbe\u00adwah\u00adrungs\u00adort f\u00fcr alles Unver\u00adderb\u00adli\u00adche, was in einer Spei\u00adse\u00adwirt\u00adschaft f\u00fcr die Tische n\u00f6tig ist, Salz, Zucker, Ser\u00advi\u00adet\u00adten, Gl\u00e4\u00adser und der\u00adglei\u00adchen. Ja. ich mei\u00adne, es kam durch\u00adaus vor, dass wir uns bei\u00adde dort auf unver\u00adbind\u00adli\u00adche Wei\u00adse bei\u00adein\u00adan\u00adder zu Hau\u00adse f\u00fchl\u00adten, so wie Geschwis\u00adter von sehr ver\u00adschie\u00adde\u00adner Art und mit ver\u00adschie\u00adde\u00adnen Ansich\u00adten. Obwohl ich auch mit ande\u00adren gele\u00adgent\u00adlich in der Vege\u00adtar\u00adna a\u00df, G\u00e4n\u00adge erle\u00addig\u00adte oder einen Schwatz hielt im Wasch\u00adraum oder in der Koch\u00adni\u00adsche auf dem Flur, blie\u00adben wir bei\u00adde doch n\u00e4her bei\u00adein\u00adan\u00adder, als ich es am Anfang f\u00fcr m\u00f6g\u00adlich gehal\u00adten h\u00e4tte.<\/p>\n

Trotz ihrer trau\u00adri\u00adgen Geschich\u00adte hat\u00adte ich wenig Mit\u00adleid mit ihr. Ungl\u00fcck\u00adli\u00adche Lie\u00adbe kann immer leicht auf das Mit\u00adge\u00adf\u00fchl ande\u00adrer rech\u00adnen, aber sie lieb\u00adte ja nicht. Es war schlie\u00df\u00adlich ihre Schuld, dass die\u00adse Ver\u00adbin\u00addung so ungl\u00fcck\u00adlich aus\u00adge\u00adhen muss\u00adte. So kam ich bald dazu, in ihr eine eit\u00adle klei\u00adne Per\u00adson zu sehen, die sich mit Jugend und Sch\u00f6n\u00adheit den Baronsti\u00adtel eines \u00e4lt\u00adli\u00adchen, fet\u00adten und unan\u00adsehn\u00adli\u00adchen Herrn hat\u00adte kau\u00adfen wol\u00adlen in der leicht\u00adsin\u00adni\u00adgen Hoff\u00adnung, die Lie\u00adbe w\u00fcr\u00adde sich dann zur rech\u00adten Zeit schon ein\u00adstel\u00adlen. Bald muss\u00adte ich aller\u00addings ein\u00adse\u00adhen, dass ich mich irrte.<\/p>\n

Eines Mor\u00adgens, als Maria schon aus dem Hau\u00adse gegan\u00adgen war, fand ich auf dem Fu\u00df\u00adbo\u00adden eine Post\u00adkar\u00adte mit dem Bild eines Man\u00adnes. Sie moch\u00adte sie viel\u00adleicht mit der Hand\u00adta\u00adsche aus dem Schrank\u00adfach gezo\u00adgen haben, ohne es zu bemer\u00adken. Ich hob die Kar\u00adte auf. Es war das Bild eines jun\u00adgen Offi\u00adziers \u2014 viel\u00adleicht ein Major. Dem Bil\u00adde nach konn\u00adte er kaum viel \u00e4lter sein als drei\u00ad\u00dfig Jah\u00adre, und da ich Maria eini\u00adge Jah\u00adre \u00e4lter sch\u00e4tz\u00adte als mich, konn\u00adte der Alters\u00adun\u00adter\u00adschied zwi\u00adschen ihnen nicht gro\u00df sein.<\/p>\n

Sein Gesicht \u00fcber\u00adrasch\u00adte mich. Nicht ein ein\u00adzi\u00adger bana\u00adler oder gew\u00f6hn\u00adli\u00adcher Zug war dar\u00adin. Es war das Bild eines Men\u00adschen von vor\u00adneh\u00admer Her\u00adkunft. Auch in mei\u00adner gut\u00adb\u00fcr\u00adger\u00adli\u00adchen Schu\u00adle hat\u00adte es Adli\u00adge gege\u00adben, Gr\u00e4\u00adfin\u00adnen und Baro\u00adnes\u00adsen. Es waren Schul\u00adm\u00e4\u00addel wie wir auch. Eine von ihnen war \u00fcber\u00adm\u00e4\u00ad\u00dfig kurz\u00adsich\u00adtig; ich erin\u00adne\u00adre mich noch deut\u00adlich ihrer stark gew\u00f6lb\u00adten Bril\u00adlen\u00adgl\u00e4\u00adser, die ich immer mit einem gewis\u00adsen Wider\u00adwil\u00adlen ansah, die\u00adses so deut\u00adli\u00adche Zei\u00adchen einer k\u00f6r\u00adper\u00adli\u00adchen Unzul\u00e4nglichkeit.<\/p>\n

Das Gesicht hier war anders. Deka\u00addenz moch\u00adte dar\u00adin sein, M\u00fcdig\u00adkeit und \u00dcber\u00adrei\u00adfe, ohne dass ich das sah \u2013 davon ver\u00adstand ich damals noch zu wenig. Ich sah nur, dass es ein wirk\u00adlich sch\u00f6\u00adnes Gesicht war, ohne ganz und gar regel\u00adm\u00e4\u00ad\u00dfig zu sein, ein lie\u00adbens\u00adwer\u00adtes, wenn auch nicht unbe\u00addingt lie\u00adbens\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adges Gesicht mit sei\u00adnem Ernst, auf jeden Fall ein Gesicht, das eine unwi\u00adder\u00adsteh\u00adli\u00adche Anzie\u00adhungs\u00adkraft aus\u00ad\u00fcb\u00adte. Ja, ich geste\u00adhe, dass ich mich sei\u00adnem Bann nicht ent\u00adzie\u00adhen konnte.<\/p>\n

Als es dann end\u00adlich wie\u00adder auf ihren Nacht\u00adtisch lag, wohin es geh\u00f6r\u00adte, fiel mir ein, dass es viel\u00adleicht gar nicht das Gesicht ihres Man\u00adnes sei. Noch ein\u00admal ging ich zum Nacht\u00adtisch hin und nahm es auf. Ich dreh\u00adte es um. Da es offen im Zim\u00admer gele\u00adgen hat\u00adte, h\u00e4t\u00adte es ja eben\u00adso gut sein k\u00f6n\u00adnen, dass ich durch Zufall die R\u00fcck\u00adsei\u00adte zuerst gese\u00adhen h\u00e4t\u00adte. Also f\u00fchl\u00adte ich mich dazu befugt. Es trug, wie ich ver\u00admu\u00adtet hat\u00adte, eine Wid\u00admung. In einer schr\u00e4\u00adgen, fl\u00fcs\u00adsi\u00adgen Hand\u00adschrift stand da: \u201eMaria, mei\u00adner gelieb\u00adten Frau, f\u00fcr die Zei\u00adten der Tren\u00adnung, G\u00f6tz.\u201d Ich konn\u00adte mir vor\u00adstel\u00adlen, dass die\u00adse gespreiz\u00adten Wor\u00adte sich nicht ver\u00adtru\u00adgen mit Mari\u00adas n\u00fcch\u00adter\u00adner Art. Ich mal\u00adte mir aus, wie sie sich \u00fcber dem Bild eine Ziga\u00adret\u00adte anz\u00fcn\u00adde\u00adte \u2014 was sie oft tat und von Tag zu Tag \u00f6fter \u2014 und wie sie mit sp\u00f6t\u00adtisch ver\u00adzo\u00adge\u00adnem Mun\u00adde den Rauch aus\u00adblies, \u00fcber den Pathos der Wid\u00admung hin\u00adweg. Aber jeden\u00adfalls war sie sei\u00adne Frau, und er war der Mann, den sie nicht lie\u00adben konn\u00adte, obwohl sie es ver\u00adsucht hat\u00adte, immer wie\u00adder und immer wieder.<\/p>\n

Die\u00adse Ent\u00adde\u00adckung besch\u00e4f\u00adtig\u00adte mich sehr. In der Jugend neigt man dazu, die Din\u00adge wei\u00df und schwarz zu sehen. Sch\u00f6n\u00adheit wird geliebt, H\u00e4ss\u00adlich\u00adkeit ver\u00adab\u00adscheut. Das war es, was auch mich manch\u00admal ban\u00adge sein lie\u00df: w\u00fcr\u00adde ich Lie\u00adbe finden?<\/p>\n

Ich leg\u00adte das Bild wie\u00adder auf den Nacht\u00adtisch, aber es schien mir, als wei\u00adse ich ihm damit all\u00adzu eigen\u00adm\u00e4ch\u00adtig einen Platz an, auf den es nur f\u00fcr mei\u00adne eige\u00adnen Begrif\u00adfe geh\u00f6r\u00adte. Hat\u00adte ich jemals gedacht, ich k\u00f6nn\u00adte doch Maria zum Guten und zur Ver\u00ads\u00f6h\u00adnung zure\u00adden, dann sah ich jetzt ein, dass ein sol\u00adches Unter\u00adneh\u00admen fehl\u00adschla\u00adgen muss\u00adte. Ist einer h\u00e4ss\u00adlich, dick und \u00e4lt\u00adlich, dann kann er doch in ande\u00adrer Hin\u00adsicht Vor\u00adz\u00fc\u00adge und lie\u00adbens\u00adwer\u00adte Eigen\u00adschaf\u00adten haben, die eine Frau mit Alter und H\u00e4ss\u00adlich\u00adkeit ver\u00ads\u00f6h\u00adnen k\u00f6nn\u00adten. Aber wie soll\u00adte ich sie zu einem so sch\u00f6\u00adnen, allem Anschei\u00adne nach so vor\u00adneh\u00admen Men\u00adschen \u00fcber\u00adre\u00adden? Wer an einem so adli\u00adgen Gesicht Ansto\u00df nahm, der konn\u00adte wohl auch nicht zu adli\u00adgen Z\u00fcgen des Her\u00adzens und der See\u00adle \u00fcber\u00adre\u00addet werden.<\/p>\n

Aber klar war mir, dass ich es mir nicht anma\u00ad\u00dfen konn\u00adte, das Bild auf ihre Nacht\u00adtisch zu legen, ganz so als woll\u00adte ich ihr bedeu\u00adten, was recht und anst\u00e4n\u00addig ist und was \u201esich geh\u00f6rt\u201d. Zwar hat\u00adte ich mei\u00adne ent\u00adschie\u00adde\u00adne Mei\u00adnung dar\u00ad\u00fcber, aber dabei war ich doch fest ent\u00adschlos\u00adsen, mich nicht wie\u00adder ein\u00adzu\u00admi\u00adschen. Ich \u00fcber\u00adleg\u00adte lan\u00adge, wohin ich das Bild legen soll\u00adte, erwog sogar, es in den Schrank zur\u00fcck\u00adzu\u00adle\u00adgen, Aber es wider\u00adstreb\u00adte mir, die geschlos\u00adse\u00adne T\u00fcr zu \u00f6ff\u00adnen, und da ich doch den genau\u00aden Ort nicht wuss\u00adte, wo es gele\u00adgen hat\u00adte, leg\u00adte ich es end\u00adlich auf den gro\u00ad\u00dfen, lee\u00adren Tisch und mach\u00adte mich etwas ersch\u00f6pft eben\u00adfalls zum Weg\u00adge\u00adhen fertig.<\/p>\n

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Es gibt Augen\u00adbli\u00adcke, in denen wir pl\u00f6tz\u00adlich um vie\u00adles \u00e4lter wer\u00adden, um dann wie\u00adder lan\u00adge anzu\u00adhal\u00adten und zu blei\u00adben, was wir sind, bis wir den n\u00e4chs\u00adten gro\u00ad\u00dfen Schritt tun. Solch ein Augen\u00adblick war es, als ich zum ers\u00adten Mal ins Semes\u00adter fuhr. Ich hat\u00adte gedacht, dass mei\u00adne Mut\u00adter wei\u00adnen w\u00fcr\u00adde. Aber das tat sie nicht. \u2026 Die Geis\u00adter der Mol\u00addau \u2014 Kapi\u00adtel 1 Ankunft<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1316","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-prag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1316"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1316\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1384,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1316\/revisions\/1384"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}