define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":1385,"date":"2015-11-15T10:15:15","date_gmt":"2015-11-15T09:15:15","guid":{"rendered":"https:\/\/stefan-soyka.de\/?p=1385"},"modified":"2015-11-15T13:30:36","modified_gmt":"2015-11-15T12:30:36","slug":"prager-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stefan-soyka.de\/?p=1385","title":{"rendered":"Die Geister der Moldau \u2014 Kapitel 2 Prager Tag"},"content":{"rendered":"

Vor\u00adle\u00adsun\u00adgen und Semi\u00adna\u00adre hat\u00adten inzwi\u00adschen ange\u00adfan\u00adgen. Aus den engen und beschr\u00e4nk\u00adten R\u00e4um\u00adlich\u00adkei\u00adten des Stu\u00adden\u00adten\u00adwerks hat\u00adten wir, ver\u00adse\u00adhen mit allen not\u00adwen\u00addi\u00adgen Stem\u00adpeln und Beschei\u00adni\u00adgun\u00adgen, die Alma Mater betre\u00adten. Mit die\u00adsem Schritt tat sich auch der Glanz der Stadt vor mir auf, eine ver\u00adh\u00fcll\u00adte, von Nebeln durch\u00adfeuch\u00adte\u00adte Herr\u00adlich\u00adkeit von Kir\u00adchen und Kl\u00f6s\u00adtern, von Palais\u2019 und figu\u00adren\u00adge\u00adschm\u00fcck\u00adten Por\u00adta\u00adlen. Eine Stra\u00ad\u00dfen\u00adbahn schien ein \u00e4rm\u00adli\u00adches Gef\u00e4hrt, einen hin\u00adein\u00adzu\u00adf\u00fch\u00adren in sol\u00adche Pracht. Mei\u00adnen Schim\u00admel h\u00e4t\u00adte ich mir gew\u00fcnscht mit dem Bernsteinblick.<\/p>\n

\"Kleinseitner<\/a>
Klein\u00adseit\u00adner Ring mit St. Niklas<\/figcaption><\/figure>\n

Kurz vor dem Kreuz\u00adher\u00adren\u00adplatz stieg ich an die\u00adsem Mor\u00adgen aus der Bahn. Hoch \u00fcber der Mol\u00addau und den Stein\u00adfi\u00adgu\u00adren der Karls\u00adbr\u00fc\u00adcke sah ich den Hradschin auf\u00adra\u00adgen, zw\u00f6lf T\u00fcr\u00adme rag\u00adten da, zusam\u00admen\u00adge\u00adfasst in ein ein\u00adzi\u00adges Bild, ganz zu schwei\u00adgen von all den klei\u00adnen T\u00fcrm\u00adchen, die sich noch hin\u00adein dr\u00e4ng\u00adten in das Gewirr der Klein\u00adseit\u00adner D\u00e4cher. \u00dcber und vor die lang\u00adge\u00adstreck\u00adten Trak\u00adte der Burg waren die T\u00fcr\u00adme gesetzt wie Zei\u00adchen, die einer schwer\u00adm\u00fc\u00adti\u00adgen Melo\u00addie ihren Rhyth\u00admus geben soll\u00adten. Eine jener b\u00f6h\u00admi\u00adschen Melo\u00addien muss\u00adte es sein, lang\u00adge\u00addehnt auf\u00adstei\u00adgend \u00fcber herbst\u00adli\u00adche Fel\u00adder, auf denen Kar\u00adtof\u00adfel\u00adfeu\u00ader brennen.<\/p>\n

Aber unter die\u00adser Melo\u00addie sch\u00e4um\u00adten in beglei\u00adten\u00adden Ter\u00adzen und Sex\u00adten und manch\u00admal anschwel\u00adlend zu hun\u00addert\u00adt\u00f6\u00adni\u00adgen Akkor\u00adden die Was\u00adser der Mol\u00addau \u00fcbers Wehr und san\u00adgen das Viel\u00adstim\u00admi\u00adge der Stadt gegen die ein\u00adsa\u00adme Stim\u00adme der Burg.<\/p>\n

Es war das\u00adsel\u00adbe Bild, das ich, auf\u00adge\u00addruckt auf die blau\u00aden Hun\u00addert\u00adkro\u00adnen-Schei\u00adne, in mei\u00adner Tasche trug. Ein Bild, das sich nie ersch\u00f6pf\u00adte, nie abnutz\u00adte, reich\u00adte man auch hun\u00addert\u00adtau\u00adsen\u00adde davon im gan\u00adzen Land \u00fcber die Laden\u00adti\u00adsche, zahl\u00adte man auch t\u00e4g\u00adlich damit f\u00fcr Brot, Woh\u00adnung und Kleidung.<\/p>\n

\"100-Kronen-Schein<\/a>
100-Kro\u00adnen-Schein w\u00e4h\u00adrend der deut\u00adschen Besat\u00adzung. Quel\u00adle: https:\/\/www.papirovaplatidla.cz<\/figcaption><\/figure>\n

Am Anfang hat\u00adte es mich merk\u00adw\u00fcr\u00addig ange\u00admu\u00adtet, dass man die Sch\u00f6n\u00adheit der Stadt so auf Schei\u00adnen abgriff Tag f\u00fcr Tag. Aber sie wur\u00adde nicht abge\u00adgrif\u00adfen. Unter Fle\u00adcken, Ris\u00adsen und dem Dau\u00admen\u00addruck schmut\u00adzi\u00adger Fin\u00adger blieb das Bild doch immer, was es war. Das Ewi\u00adge und Unzer\u00adst\u00f6r\u00adba\u00adre der Stadt wur\u00adde und blieb sicht\u00adbar auf dem Ver\u00adg\u00e4ng\u00adlichs\u00adten, das wir ken\u00adnen, auf dem Geld\u00adschein, der heu\u00adte Rei\u00adche und M\u00e4ch\u00adti\u00adge macht und sie mor\u00adgen st\u00fcrzt, dass sie Bett\u00adler werden.<\/p>\n

Die Stadt war geblie\u00adben. Sie hat\u00adte Min\u00adne\u00ads\u00e4n\u00adger, Kai\u00adser und Feld\u00adher\u00adren \u00fcber\u00adlebt. Sie \u00fcber\u00adleb\u00adte M\u00e4ch\u00adti\u00adge und Bett\u00adler. Mord, Rache und Ver\u00adrat hat\u00adte sie gese\u00adhen. Es war, als sei dies alles ein\u00adge\u00adgan\u00adgen in ihr Bild. Lan\u00adge stand ich und schau\u00adte und wuss\u00adte nicht, dass ich ein St\u00fcck ihrer Geschich\u00adte sel\u00adber mit anse\u00adhen sollte.<\/p>\n

Eilig ging ich dann \u00fcber die lee\u00adren H\u00f6fe des Clementinums.<\/p>\n

Ich war sp\u00e4t dran. Weit vor mir sah ich mit lan\u00adgen Schrit\u00adten Pro\u00adfes\u00adsor Mal\u00adon dem H\u00f6r\u00adsaal\u00adge\u00adb\u00e4u\u00adde zustre\u00adben. Immer\u00adhin war ich nicht die letz\u00adte. Vom ande\u00adren Ein\u00adgang, vom Gol\u00adde\u00adnen Brun\u00adnen her, kam noch ein jun\u00adger Mann, eilig wie ich. Sein Gesicht fiel mir erst auf, als er vor der T\u00fcr anhielt, um mir l\u00e4chelnd den Vor\u00adtritt zu lassen.<\/p>\n

Es war nicht mehr das Gesicht eines Jun\u00adgen, aber doch ein sehr jun\u00adges Gesicht. Nichts dar\u00adin war abge\u00adbraucht oder ein\u00adge\u00adschlif\u00adfen. In sei\u00adnem L\u00e4cheln schien es pl\u00f6tz\u00adlich durch\u00adsich\u00adtig zu wer\u00adden. Etwas schim\u00admer\u00adte dahin\u00adter auf, ungreif\u00adbar, nicht zu benen\u00adnen. Als er mich anschau\u00adte, erschrak ich ein wenig.<\/p>\n

Eben, als das gr\u00fc\u00ad\u00dfen\u00adde Klop\u00adfen ver\u00adstummt war und Pro\u00adfes\u00adsor Mal\u00adon sein Heft auf\u00adschlug, betrat ich den H\u00f6r\u00adsaal und setz\u00adte mich nahe zur T\u00fcr, \u00e4ngst\u00adlich bedacht, Auf\u00adse\u00adhen und Unru\u00adhe zu mei\u00adden. Der jun\u00adge Mann dage\u00adgen, der hin\u00adter mir die T\u00fcr schloss, begab sich auf lan\u00adgem Umweg um die hin\u00adte\u00adren Bank\u00adrei\u00adhen und mit nicht gerin\u00adgem Auf\u00adwand an L\u00e4rm, den die knar\u00adren\u00adden Die\u00adlen\u00adbret\u00adter her\u00adga\u00adben, zu sei\u00adnem Platz. An meh\u00adre\u00adren Stu\u00adden\u00adten vor\u00adbei zw\u00e4ng\u00adte er sich auf sei\u00adnen Sitz, von vie\u00adlen Augen, nicht nur von mei\u00adnen, etwas vor\u00adwurfs\u00advoll ver\u00adfolgt. Aber ehe er sich setz\u00adte, wand\u00adte er sich noch ein\u00admal um und sein Blick flog pr\u00fc\u00adfend die Rei\u00adhen ent\u00adlang, bis er mich gefun\u00adden hat\u00adte. Zwar l\u00e4chel\u00adte er nicht. Es lag auch durch\u00adaus nichts Unver\u00adsch\u00e4m\u00adtes in die\u00adsem Blick. Trotz\u00addem wand\u00adte ich mich eilig mei\u00adnem lee\u00adren Blatt zu und dann Pro\u00adfes\u00adsor Mal\u00adon, des\u00adsen blaue Augen nicht ganz so gelas\u00adsen und g\u00fctig blick\u00adten wie vori\u00adges Mal, w\u00e4h\u00adrend er mit etwas erho\u00adbe\u00adner Stim\u00adme sei\u00adnen Vor\u00adtrag begann.<\/p>\n

Ellen Brand, die ein paar Rei\u00adhen vor mir geses\u00adsen hat\u00adte, wuss\u00adte nat\u00fcr\u00adlich sei\u00adnen Namen. Ich glau\u00adbe, es gab kaum etwas die\u00adser Art, was sie nicht gewusst h\u00e4t\u00adte. Nach der Vor\u00adle\u00adsung erkun\u00addig\u00adte ich mich: er k\u00e4me mir bekannt vor, ich w\u00fcss\u00adte aber nicht recht, wohin ich ihn ste\u00adcken soll\u00adte. Als ich sah, wie sie \u00fcber mei\u00adne faden\u00adschei\u00adni\u00adge Aus\u00adre\u00adde l\u00e4chel\u00adte, bereu\u00adte ich es sofort. Es wur\u00adde noch schlim\u00admer, als sie unver\u00adhoh\u00adlen und fast unver\u00adsch\u00e4mt zu ihm hin\u00ad\u00fcber\u00adblick\u00adte, als h\u00e4t\u00adte mein Inter\u00ades\u00adse auch ihres geweckt. Jetzt sch\u00e4m\u00adte ich mich, neben ihr zu ste\u00adhen. Pl\u00f6tz\u00adlich moch\u00adte ich ihr von der Natur so \u00fcber\u00addeut\u00adlich geschmink\u00adtes Gesicht nicht mehr, die scharf gezo\u00adge\u00adnen Lip\u00adpen und Augen\u00adbrau\u00aden und das vie\u00adle wil\u00adde locki\u00adge Haar, das ihr in sei\u00adner Unord\u00adnung etwas Z\u00fcgel\u00adlo\u00adses gab.<\/p>\n

\u201e<\/span>Las\u00adsen Sie nur, ich wei\u00df schon\u201d, sag\u00adte ich has\u00adtig. \u201eIch glau\u00adbe, er sieht dem Mann von Maria Jen\u00adsen etwas \u00e4hn\u00adlich, aber es ist auch wie\u00adder ein ande\u00adres Gesicht.\u201d<\/p>\n

Mein Zweck war erreicht. Erstaunt wand\u00adte sie sich zu mir. \u201eDie Nixe ist ver\u00adhei\u00adra\u00adtet?\u201d frag\u00adte sie. \u201eAber davon wei\u00df ja kein Mensch!\u201d Etwas warn\u00adte mich, noch mehr zu sagen. Ellens Art, Bescheid zu wis\u00adsen, ver\u00adriet, dass sie sehr gut zu fra\u00adgen verstand.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich wei\u00df auch nicht mehr\u201d, sag\u00adte ich also und mein\u00adte, es diplo\u00adma\u00adtisch ange\u00adfan\u00adgen zu haben.<\/p>\n

Ellen sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf und mus\u00adter\u00adte mich miss\u00adtrau\u00adisch. \u201eAber es ist doch kei\u00adne Schan\u00adde, ver\u00adhei\u00adra\u00adtet zu sein. War\u00adum macht sie dann so ein Geheim\u00adnis draus? Mei\u00adner Mei\u00adnung nach tr\u00e4gt sie nicht mal einen Ring.\u201d<\/p>\n

Irgend\u00adwie war es ihr gelun\u00adgen, ihn abzu\u00adtun. Sicher woll\u00adte sie damit auch ihre Ver\u00adgan\u00adgen\u00adheit abtun und begra\u00adben. Was f\u00fcr ein Recht hat\u00adte ich, die\u00adse Ver\u00adgan\u00adgen\u00adheit, die mir ein\u00admal so fl\u00fcch\u00adtig bekannt\u00adge\u00adwor\u00adden war, so aus\u00adzu\u00adbrei\u00adten und auch Ande\u00adren bekannt\u00adzu\u00adma\u00adchen? Aber ich war im L\u00fcgen nicht ge\u00fcbt. In dem Bem\u00fc\u00adhen, nun doch eine eini\u00adger\u00adma\u00ad\u00dfen zurei\u00adchen\u00adde und aus\u00adf\u00fchr\u00adli\u00adche Ant\u00adwort zu geben, mach\u00adte ich mei\u00adnen schlimms\u00adten Fehler.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich wei\u00df auch nicht, was dran ist\u201d, sag\u00adte ich und zuck\u00adte die Ach\u00adseln. \u201eViel\u00adleicht ist sie auch nur ver\u00adlobt. Ich sah heu\u00adte das Bild eines Man\u00adnes auf dem Boden lie\u00adgen, es muss ihr aus dem Schrank gefal\u00adlen sein. Viel\u00adleicht ist sie auch nur ver\u00adliebt. Ich k\u00fcmm\u00adre mich nicht drum. Wir reden nie \u00fcber sol\u00adche Dinge.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Sie sieht nicht aus, als w\u00e4re sie ver\u00adliebt\u201d, mein\u00adte Ellen ver\u00ad\u00e4cht\u00adlich, als w\u00e4re das ganz und gar unm\u00f6g\u00adlich. Inzwi\u00adschen beweg\u00adten wir uns mit den Stu\u00adden\u00adten, die die Vor\u00adle\u00adsung ver\u00adlie\u00ad\u00dfen, durch den brei\u00adten Gang mit den hoch\u00adlie\u00adgen\u00adden Fens\u00adtern hin\u00adaus zum Hof. Hier teil\u00adte sich die Men\u00adge nach rechts und links durch die Tor\u00adbo\u00adgen. Die meis\u00adten gin\u00adgen wie wir gera\u00adde\u00adaus \u00fcber die H\u00f6fe des Cle\u00admen\u00adti\u00adnums. Ein paar hat\u00adten sich hier und da auf die run\u00adde Balus\u00adtra\u00adde von Stein gesetzt, die die Rasen\u00adst\u00fc\u00adcke mit ihren B\u00fcschen gegen das Pflas\u00adter des Hofes abgrenz\u00adte. Die Son\u00adne fing sich hier in dem luf\u00adti\u00adgen Raum zwi\u00adschen den Geb\u00e4u\u00adden. In den vol\u00adlen ver\u00adschla\u00adfe\u00adnen Knos\u00adpen der B\u00fcsche schien es sich zu r\u00fch\u00adren unter ihrem Licht, das, von lan\u00adgen Fens\u00adter\u00adrei\u00adhen gespie\u00adgelt, hin und her wan\u00adder\u00adte \u00fcber die W\u00e4n\u00adde. Von dem beh\u00e4\u00adbi\u00adgen Turm, der schr\u00e4g her\u00adun\u00adter\u00adschau\u00adte \u00fcber das Gewin\u00adkel der D\u00e4cher, schlug es zehn\u00admal. \u2014 Pro\u00adfes\u00adsor Mal\u00adon war mit sei\u00adnem Stoff zu zei\u00adtig fer\u00adtig gewesen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich geh jetzt zu Wig\u00adgert ins Pro\u00adse\u00admi\u00adnar\u201d, sag\u00adte ich und heg\u00adte dabei die Hoff\u00adnung, von mei\u00adner Beglei\u00adte\u00adrin los\u00adzu\u00adkom\u00admen. Aber es zeig\u00adte sich, dass sie das\u00adsel\u00adbe Ziel hatte.<\/p>\n

\u201e<\/span>Wir haben noch lan\u00adge Zeit. Wol\u00adlen wir uns nicht auch her\u00adset\u00adzen?\u201d frag\u00adte Ellen. Es schien mir merk\u00adw\u00fcr\u00addig, dass sie frag\u00adte, da sie ja qua\u00adsi hier zu Hau\u00adse war und ich der Neu\u00adling, der in alle Gebr\u00e4u\u00adche und Umst\u00e4n\u00adde erst ein\u00adge\u00adf\u00fchrt wer\u00adden muss\u00adte. Aber sie muss\u00adte mei\u00adner Stim\u00adme ange\u00adh\u00f6rt haben, dass ihre Beglei\u00adtung mir nicht sehr lieb war, und sie war es in die\u00adsem Augen\u00adblick weni\u00adger als je zuvor, denn der jun\u00adge Mann, dem ich vor\u00adhin an der T\u00fcr begeg\u00adnet war, ging jetzt an uns vor\u00ad\u00fcber, da wir in der war\u00admen Son\u00adne ste\u00adhen\u00adge\u00adblie\u00adben waren. Er gr\u00fcss\u00adte Ellen fl\u00fcch\u00adtig und abweh\u00adrend, wie man uner\u00adw\u00fcnsch\u00adte Bekann\u00adte gr\u00fc\u00dft, und ich mein\u00adte, mich ent\u00adschul\u00addi\u00adgen zu sol\u00adlen, dass ich mit ihr hier stand.<\/p>\n

\u201e<\/span>Nein, ich m\u00f6ch\u00adte lie\u00adber schon nach oben gehen\u201d, sag\u00adte ich des\u00adhalb \u00fcber\u00adtrie\u00adben laut und ent\u00adschlos\u00adsen, so dass er es kaum \u00fcber\u00adh\u00f6\u00adren konn\u00adte. Er schien das\u00adsel\u00adbe Ziel zu haben wie wir.<\/p>\n

\u201e<\/span>\u00dcbri\u00adgens kann er nicht der Mann von Maria Jen\u00adsen sein\u201d, bemerk\u00adte Ellen jetzt halb\u00adlaut, hin\u00adweg\u00adsprin\u00adgend \u00fcber die Zwi\u00adschen\u00adz\u00fc\u00adge im Gespr\u00e4ch. \u201eEr hei\u00dft Felix Erlach und ist aus Ham\u00adburg, soviel ich wei\u00df. Wir waren vori\u00adges Semes\u00adter zusam\u00admen im kunst\u00adhis\u00adto\u00adri\u00adschen Semi\u00adnar. Er ist sehr emsig\u201d, \u2014 sie sprach das Wort etwas sp\u00f6t\u00adtisch hin, ver\u00ad\u00e4cht\u00adlich bei\u00adna\u00adhe, \u201eaber h\u00fcb\u00adsche Leu\u00adte sind das oft.\u201d<\/p>\n

Auch ich konn\u00adte die\u00adsen Zug nicht beson\u00adders lie\u00adbens\u00adwert fin\u00adden. Aber dass sie ihn so tadelnd erw\u00e4hn\u00adte, mach\u00adte mich widerspenstig.<\/p>\n

So sehr sie mir am ers\u00adten Mor\u00adgen will\u00adkom\u00admen gewe\u00adsen war, so sehr ihre Ein\u00adf\u00fch\u00adrung mir genutzt hat\u00adte, so ger\u00adne w\u00e4re ich jetzt wenig ohne sie gewesen.<\/p>\n

Viel\u00adleicht waren es nur die Augen, die all\u00adzu leb\u00adhaft hin und her gin\u00adgen, neu\u00adgie\u00adrig auf der Jagd, so schien es, oder auf der Flucht. Was von bei\u00adden, konn\u00adte man schwer unter\u00adschei\u00adden. Viel\u00adleicht war es beides.<\/p>\n

Hat\u00adte Maria schon wenig von dem, was ich mir unter einer Stu\u00adden\u00adtin vor\u00adge\u00adstellt hat\u00adte, so schien bei Ellen das Stu\u00addie\u00adren gar nur Vor\u00adwand: ihre Art, Bekann\u00adte zu gr\u00fc\u00ad\u00dfen hier und da, ihnen kokett ent\u00adge\u00adgen\u00adzu\u00adse\u00adhen, ihnen nach\u00adzu\u00adsp\u00e4\u00adhen, mach\u00adte den son\u00adne\u00adwar\u00admen, aber n\u00fcch\u00adter\u00adnen Hof der Uni\u00adver\u00adsi\u00adt\u00e4t zum Thea\u00adter\u00adfoy\u00ader. Ihr auf\u00addring\u00adli\u00adches Par\u00adf\u00fcm \u00fcber\u00adt\u00f6n\u00adte den fei\u00adnen, noch kaum wahr\u00adnehm\u00adba\u00adren Duft von Fr\u00fch\u00adling, der mit jedem Luft\u00adhauch sich aus dem hel\u00adlen Him\u00admel niedersenkte.<\/p>\n

Ich streb\u00adte jetzt ernst\u00adlich, von ihr los\u00adzu\u00adkom\u00admen, und es schien, als sei mir das Schick\u00adsal g\u00fcns\u00adtig: sie wand\u00adte sich jetzt von mir fort zwei M\u00e4d\u00adchen zu, die nicht aus der Vor\u00adle\u00adsung, son\u00addern von drau\u00ad\u00dfen durch den links gele\u00adge\u00adnen Tor\u00adbo\u00adgen \u00fcber den Hof her\u00adka\u00admen. Aber als ich zu den bei\u00adden hin\u00adsah, bemerk\u00adte ich, dass mei\u00adne Hoff\u00adnung mich trog. Denn eine der bei\u00adden kann\u00adte ich schon, und ich sah, dass auch sie mich wiedererkannte -<\/p>\n

\u201e<\/span>Fr\u00e4n\u00adzi!\u201d rief sie \u2014 nie hat\u00adte sie sich von die\u00adser l\u00e4cher\u00adli\u00adchen Abk\u00fcr\u00adzung abbrin\u00adgen las\u00adsen, und was ist das auch schon f\u00fcr ein Name: Fran\u00adzis\u00adka, was kann man dar\u00adaus schon Gutes machen?<\/p>\n

\u201e<\/span>Gr\u00fc\u00df\u2019 dich, Fr\u00e4n\u00adzi!\u201d so rief sie jeden\u00adfalls \u00fcber den hal\u00adben Hof hin, und die Augen aller, die da auf dem Stein\u00adrand sa\u00dfen, vor\u00adbei\u00adgin\u00adgen, oder in der N\u00e4he stan\u00adden, rich\u00adte\u00adten sich belus\u00adtigt auf mich. \u201eWas machst denn du hier?\u2019<\/p>\n

Ich freu\u00adte mich, freu\u00adte mich sehr, hier in die\u00adser frem\u00adden Welt Lin\u00adde wie\u00adder\u00adzu\u00adfin\u00adden, Lin\u00adde Glanz\u00adrath aus Boden\u00adbach, mit der ich zwei Jah\u00adre vor\u00adher ein paar Feri\u00aden\u00adwo\u00adchen lang in den Fel\u00adsen der s\u00e4ch\u00adsi\u00adschen Schweiz her\u00adum\u00adge\u00adstie\u00adgen war. Tage\u00adlang waren wir durch W\u00e4l\u00adder gestreift, hat\u00adten in Gebirgs\u00adb\u00e4\u00adchen geba\u00addet und aus Quel\u00adlen getrun\u00adken, hat\u00adten unser tro\u00adcke\u00adnes Bau\u00adern\u00adbrot dazu geges\u00adsen und ein\u00admal sogar eine gan\u00adze Nacht in einer selbst\u00adge\u00adbau\u00adten H\u00fct\u00adte aus Zwei\u00adgen ver\u00adbracht, weil wir den Weg nicht fin\u00adden konnten.<\/p>\n

Ja, da stand sie, die\u00adsel\u00adbe Lin\u00adde, ein biss\u00adchen schma\u00adler, blas\u00adser, im gan\u00adzen st\u00e4d\u00adti\u00adscher gewor\u00adden. Die Trau\u00adrig\u00adkeit in ihren Augen war damals nicht gewe\u00adsen, die war neu und erschreck\u00adte mich.<\/p>\n

Wie anders ihre Freun\u00addin, der ich gleich pr\u00e4\u00adsen\u00adtiert wurde:<\/p>\n

\u201e<\/span>Schau, das ist die Fr\u00e4n\u00adzi, mit der ich mal biwa\u00adkiert hab am Schel\u00adlen\u00adberg, wei\u00dft noch?\u201d Da war sie wie\u00adder, die\u00adse Spra\u00adche, nach der ich immer hin\u00adhorch\u00adte, wenn sie mir ans Ohr schlug, dies zart zuge\u00adspitz\u00adte R, der wei\u00adche Ton, das woh\u00adli\u00adge Deh\u00adnen der Voka\u00adle. Da waren die\u00adse Ver\u00adk\u00fcr\u00adzun\u00adgen, die einen Satz spie\u00adle\u00adrisch mach\u00adten, und doch konn\u00adte man dies Gan\u00adze um alles an der Welt nicht nach\u00adah\u00admen. Mit\u00adge\u00adbo\u00adren muss\u00adte es sein. Zu ler\u00adnen war es nicht. Wie\u00adne\u00adrisch, Bay\u00adrisch, Tiro\u00adle\u00adrisch \u2014 all das konn\u00adte man sicher\u00adlich nach\u00ad\u00e4f\u00adfen bis fast zur Voll\u00adkom\u00admen\u00adheit. Aber die\u00adse Spra\u00adche war zu \u2014 leicht, ent\u00adzog sich der Beschrei\u00adbung. Auch die Stadt, mein\u00adte ich, fing erst jetzt an zu leben, wo ein Mensch dar\u00adin so zu mir sprach. Es war die Spra\u00adche die\u00adser Stadt, ohne jeden gro\u00adben Zug, der leicht nach\u00adzu\u00adpin\u00adseln gewe\u00adsen w\u00e4re.<\/p>\n

\u201e<\/span>Da schau her\u201d, streck\u00adte die Freun\u00addin mir ihre Hand hin, \u201eda h\u00e4t\u00adten wir also die Fr\u00e4nzi!\u201d<\/p>\n

Ich f\u00fchl\u00adte mich ver\u00adle\u00adgen vor dem Blick die\u00adser Augen. Da gab es kei\u00adnen Vor\u00adder\u00adgrund und Hin\u00adter\u00adgrund. Aller\u00addings aber gab es eine Tie\u00adfe dar\u00adin, die sich ganz und voll auf den Ange\u00adspro\u00adche\u00adnen rich\u00adtet, eine Art, Men\u00adschen und Din\u00adge wich\u00adtig zu neh\u00admen, der ich mich sofort unter\u00adle\u00adgen f\u00fchlte.<\/p>\n

Ich war nicht all\u00adzu selbst\u00adbe\u00adwusst in die\u00adse Stadt gekom\u00admen. Auch der Stu\u00addi\u00aden\u00adbe\u00adtrieb hat\u00adte mich manch\u00admal unsi\u00adcher gemacht, der Zwang zu w\u00e4h\u00adlen, sich zu ent\u00adschei\u00adden, der Krieg mit For\u00admu\u00adla\u00adren. Aber bei all dem hat\u00adte ich doch ein beschei\u00adde\u00adnes Bewusst\u00adsein mei\u00adnes eige\u00adnen Wer\u00adtes behalten.<\/p>\n

In mei\u00adnem Beruf hat\u00adte ich \u2014 wie nur weni\u00adge in mei\u00adnem Alter \u2014 schon ein paar beschei\u00adde\u00adne Schrit\u00adte gemacht. Ich f\u00fchl\u00adte mich weder dumm noch h\u00e4ss\u00adlich. Aber das alles wog hier nicht. Hier wog ich zu leicht. Hier war ich \u201edie Fr\u00e4n\u00adzi\u201d, viel\u00adleicht \u2014 wenn es hoch kam, Gegen\u00adstand f\u00fcr eine klei\u00adne Glos\u00adse hin und wie\u00adder, ein jun\u00adges uner\u00adfah\u00adre\u00adnes Ding. Was war es nur?<\/p>\n

Die mir gegen\u00ad\u00fcber\u00adstand, moch\u00adte nur zwei, drei Jah\u00adre \u00e4lter sein als ich, nicht mehr. Viel an Erfah\u00adrung konn\u00adte sie mir nicht vor\u00adaus\u00adha\u00adben. Was war es nur ? Sie trug das hel\u00adle Haar kurz\u00adge\u00adschnit\u00adten, man konn\u00adte sie h\u00fcbsch nen\u00adnen, obwohl ihre Nase ein wenig kurz und stumpf war wie ein Gedan\u00adke, der in dem sonst so aus\u00adge\u00adpr\u00e4g\u00adten Gesicht nicht ganz zu Ende gedacht war. Aber auch die\u00adse H\u00fcbschheit, umstan\u00adden von dem kur\u00adzen gold\u00adflim\u00admern\u00adden Haar, mach\u00adte es nicht aus. Geklei\u00addet war sie ein wenig wie zur Jagd: eine kur\u00adze Leder\u00adja\u00adcke, ein der\u00adber Rock, und \u2014 im N\u00e4her\u00adkom\u00admen hat\u00adte ich\u2019s gese\u00adhen \u2014 wol\u00adle\u00adne S\u00f6ck\u00adchen in fes\u00adten Schu\u00adhen. Auch die Klei\u00addung, an der man nichts aus\u00adge\u00adfal\u00adlen oder beson\u00adders reiz\u00advoll nen\u00adnen konn\u00adte, war es also nicht. Was war es nur ?<\/p>\n

Ich gab Aus\u00adkunft \u00fcber das Woher, Wo und Wozu. Plump kam ich mir dabei vor und unbe\u00adhol\u00adfen. Kei\u00adne wit\u00adzi\u00adge, geist\u00advol\u00adle Wen\u00addung woll\u00adte mir gl\u00fc\u00adcken. Wie fatal war mir die All\u00adt\u00e4g\u00adlich\u00adkeit, in der ich so vor ihr stand. Ich h\u00e4t\u00adte mich gef\u00fchlt wie im Examen durch\u00adge\u00adfal\u00adlen, w\u00e4re da nicht Lin\u00adde Glanz\u00adrath noch gewe\u00adsen, die tr\u00f6st\u00adlich zur Sei\u00adte stand, die da offen\u00adbar ein alt\u00adver\u00adbrief\u00adtes Recht hat\u00adte, und die mir end\u00adlich auch ein\u00adhalf, w\u00e4h\u00adrend ich im Stil\u00adlen dar\u00adan r\u00e4t\u00adsel\u00adte, wer es wohl sein moch\u00adte, mit dem ich sprach.<\/p>\n

Denn bis\u00adher war, wie bei einer hohen Per\u00ads\u00f6n\u00adlich\u00adkeit, die zu ken\u00adnen sich f\u00fcr alle am Ran\u00adde ver\u00adsteht, nur ich vor\u00adge\u00adstellt worden.<\/p>\n

\u201e<\/span>Das ist Anka Wal\u00adden\u00adfurth\u201d, flocht sie ein in die ent\u00adste\u00adhen\u00adde Stil\u00adle, und es schien mir, als spr\u00e4\u00adche sie etwas besch\u00e4mt, dass man die\u00adse Tat\u00adsa\u00adche erst erw\u00e4h\u00adnen m\u00fcsse.<\/p>\n

\u201e<\/span>Von ihr hab ich dir damals auch erz\u00e4hlt.\u201d<\/p>\n

Wie Schup\u00adpen fiel es mir da von den Augen. Sie war es also, die gro\u00ad\u00dfe Freun\u00addin, die da auf Gold\u00adgrund irgend\u00adwo in Lin\u00addes N\u00e4he stand. Damals hat\u00adte sie mir den vol\u00adlen Namen genannt: Anka Bour\u00adlon de Fran\u00adque\u00adville, Gr\u00e4\u00adfin zu Wal\u00adden\u00adfurth. Anka, dies B\u00f6h\u00admisch-B\u00e4u\u00adri\u00adsche, Anspruchs\u00adlo\u00adse, ver\u00adkn\u00fcpft mit den klang\u00advol\u00adlen Adels\u00adti\u00adteln \u2014 schon damals hat\u00adte ich in die\u00adsem Namen etwas Au\u00dfer\u00ador\u00addent\u00adli\u00adches gefun\u00adden. Da waren wie\u00adder die Akkor\u00adde von Mol\u00addau und Stadt, von Kir\u00adchen und Pal\u00e4s\u00adten auf\u00adstei\u00adgend vol\u00adler Pracht, und hoch dar\u00ad\u00fcber die ein\u00adsa\u00adme b\u00f6h\u00admi\u00adsche Melodie.<\/p>\n

Jetzt erst gab sie mir die Hand. \u201eDie Freun\u00adde mei\u00adner Freun\u00adde sind auch mei\u00adne Freun\u00adde\u201d, sag\u00adte sie mit einem leich\u00adten iro\u00adni\u00adschen Unter\u00adton. \u201eNenn\u2019 mich halt Anka.\u201d Die W\u00e4n\u00adde rund\u00adum schie\u00adnen sich zu wei\u00adten, der Him\u00admel schien h\u00f6her gewor\u00adden, die Son\u00adne schien w\u00e4r\u00admer und gol\u00adde\u00adner. Was war das nur? War es der Name? Nein, der nicht, denn es war schon vor\u00adher dage\u00adwe\u00adsen, schon vor dem Namen. Die Stadt fing an zu leben um mich und ich in ihr. Die Mau\u00adern, die T\u00fcr\u00adme und Por\u00adta\u00adle, schon vor\u00adher sch\u00f6n, aber stumm, fin\u00adgen an, ihre Spra\u00adche zu reden von weit\u00adher. Men\u00adschen muss\u00adten der Schl\u00fcs\u00adsel sein zu der Stadt, nicht fremd und abge\u00adschlos\u00adsen wie Maria, nicht so wie Ellen, sp\u00e4\u00adhend und fl\u00fcchtig -<\/p>\n

Ellen, ach ja, da stand sie noch neben mir. Ich muss\u00adte sie wohl bekannt\u00adma\u00adchen mit\u00adein\u00adan\u00adder, die drei, die wie von drei Enden der Welt her\u00adka\u00admen. In mei\u00adnem Kop\u00adfe wand\u00adte ich es um und um, wie das anzu\u00adfan\u00adgen sei, f\u00f6rm\u00adlich nat\u00fcr\u00adlich, aber auch wie\u00adder nicht so l\u00e4cher\u00adlich f\u00f6rmlich.<\/p>\n

Offen\u00adbar aber war das nicht n\u00f6tig: sie kann\u00adten sich vom Kunst\u00adge\u00adschichts\u00adse\u00admi\u00adnar her, wie ich h\u00f6r\u00adte, gaben ein\u00adan\u00adder die Hand, Ellen beflis\u00adsen und \u00fcber\u00adstr\u00f6\u00admend, ein wenig wider\u00adstre\u00adbend die bei\u00adden anderen.<\/p>\n

Inzwi\u00adschen war der Zei\u00adger an der Turm\u00aduhr oben wei\u00adter\u00adge\u00adwan\u00addert. Es wur\u00adde Zeit, zu gehen. Auch Anka und Lin\u00adde kamen mit. bei\u00adde zwar schon vor\u00adge\u00adr\u00fcck\u00adte Semes\u00adter, aber das The\u00adma lock\u00adte sie, \u201aLyrik-Inter\u00adpre\u00adta\u00adtio\u00adnen\u2019, und bei Pro\u00adfes\u00adsor Wig\u00adgert muss\u00adten sie bei\u00adde fr\u00fc\u00adher oder sp\u00e4\u00adter ins Examen stei\u00adgen. Da war es gut, vor\u00adher alle sei\u00adne Schli\u00adche aus\u00adzu\u00adkund\u00adschaf\u00adten, mein\u00adte Anka, und ein\u00adfach auch: sich sehen zu lassen.<\/p>\n

Ich war \u00fcber\u00adrascht, was man beim Stu\u00addie\u00adren alles beden\u00adken musste.<\/p>\n

Im Gan\u00adge vor dem H\u00f6r\u00adsaal, unter einem fla\u00adchen, sanft tra\u00adgen\u00adden Gew\u00f6l\u00adbe, wim\u00admel\u00adte es schon. Im Vor\u00adbei\u00adge\u00adhen sah ich in einer der tie\u00adfen Fens\u00adter\u00adni\u00adschen wie\u00adder Felix Erlach ste\u00adhen, im Gespr\u00e4ch mit einem Stu\u00adden\u00adten, wie ich fr\u00f6h\u00adlich im Stil\u00adlen ver\u00admerk\u00adte. Auf Lin\u00addes Rat gin\u00adgen wir zuerst ins B\u00fcro, wo die Lis\u00adte der Titel f\u00fcr die Semi\u00adnar\u00adar\u00adbei\u00adten aus\u00adlag \u2014 die bei\u00adden woll\u00adten sehen, ob sie sich betei\u00adlig\u00adten oder nicht. Ich m\u00fcss\u00adte es wohl oder \u00fcbel, mein\u00adte Lin\u00adde, wenn ich sp\u00e4\u00adter zu einem Semi\u00adnar zuge\u00adlas\u00adsen wer\u00adden woll\u00adte. Mir war es nicht so eilig damit. Das Gewim\u00admel im Gan\u00adge \u00e4ngs\u00adtig\u00adte mich. Eine eige\u00adne Arbeit vor\u00adtra\u00adgen vor so viel frem\u00adden Ohren schien mir ein Gr\u00e4u\u00adel. Aber Lin\u00adde beru\u00adhig\u00adte mich: zu vie\u00adle hat\u00adten sich ein\u00adge\u00adschrie\u00adben. Nur ein Teil der Arbei\u00adten w\u00fcr\u00adde vor\u00adge\u00adle\u00adsen wer\u00adden. Halb war ich unwil\u00adlig, so gesto\u00ad\u00dfen zu wer\u00adden, halb dank\u00adbar, und w\u00e4hl\u00adte eins der aus\u00adge\u00adleg\u00adten Bl\u00e4t\u00adter mit zwei kur\u00adzen Gedich\u00adten von Ril\u00adke und Johan\u00adnes Schlaf.<\/p>\n

Auf dem Weg zum H\u00f6r\u00adsaal begeg\u00adne\u00adte ich schon wie\u00adder einem Blick von Felix Erlach, der sich aus sei\u00adner Fens\u00adter\u00adni\u00adsche eben auch her\u00ad\u00fcber\u00adwand\u00adte \u2014 es schien mir, als sehe er mich auf eine beson\u00adde\u00adre Wei\u00adse an, aber viel\u00adleicht konn\u00adte er auch nicht anders, die\u00adser Blick, der eine freund\u00adli\u00adche, wenn auch unver\u00adbind\u00adli\u00adche Bezie\u00adhung her\u00adzu\u00adstel\u00adlen sucht zum Unbe\u00adkann\u00adten. Und doch fing es wie\u00adder an, um mich her\u00adum zu t\u00f6nen: die wei\u00ad\u00dfen W\u00e4n\u00adde, die sanf\u00adte Run\u00addung der Decke und drau\u00ad\u00dfen vor den tie\u00adfen Mau\u00adern die Stadt in ihrer Sonnenw\u00e4rme.<\/p>\n

Im Gegen\u00adsatz zu Mal\u00adon, dem bie\u00adde\u00adren Leh\u00adrer alten Schla\u00adges, an dem nichts ande\u00adres auf\u00adfiel als das treu\u00adher\u00adzi\u00adge Blau sei\u00adner Augen, war an Wig\u00adgert alles auf\u00adfal\u00adlend. Einem Kra\u00adnich gleich stand er da vor uns, ein l\u00e4cher\u00adlich klei\u00adner Kopf mit einer l\u00e4cher\u00adlich gro\u00ad\u00dfen, aus\u00adge\u00adbo\u00adge\u00adnen Nase auf einem lan\u00adgen hage\u00adren K\u00f6r\u00adper, an dem die Arme meist hilf\u00adlos her\u00adab\u00adhin\u00adgen wie gebro\u00adche\u00adne Fl\u00fc\u00adgel. Er moch\u00adte das selbst emp\u00adfin\u00adden. Dar\u00adum viel\u00adleicht hat\u00adte er die thea\u00adtra\u00adli\u00adschen Ges\u00adten der H\u00e4n\u00adde ein\u00adge\u00ad\u00fcbt, die einen merk\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adgen Wider\u00adspruch, eine Art von Ent\u00adschul\u00addi\u00adgung zu bil\u00adden schie\u00adnen f\u00fcr die Sch\u00e4r\u00adfe, die h\u00e4u\u00adfig in sei\u00adnem Ton\u00adfall und in sei\u00adnen Wor\u00adten klirr\u00adte. Sei\u00adne Leib\u00adlich\u00adkeit \u2014 das konn\u00adte man sofort sehen \u2014 muss\u00adte ihm sehr zur Last sein, er hat\u00adte st\u00e4n\u00addig \u00fcber sie hin\u00adweg\u00adzu\u00adsprin\u00adgen, \u00fcber ihre Kurio\u00adsi\u00adt\u00e4t und Aus\u00adge\u00adfal\u00adlen\u00adheit, muss\u00adte sie st\u00e4n\u00addig ver\u00adges\u00adsen machen, und so war ein gewis\u00adses Ma\u00df sei\u00adner Kr\u00e4f\u00adte schon da ver\u00adbraucht, wo ande\u00adre frisch und aus\u00adge\u00adruht sich ans Werk machen.<\/p>\n

Er pfleg\u00adte \u00fcbri\u00adgens \u2014 das h\u00f6r\u00adte und sah ich erst sp\u00e4\u00adter \u2014 sogar sei\u00adne Fin\u00adger\u00adn\u00e4\u00adgel zu lackie\u00adren, was sei\u00adne Per\u00ads\u00f6n\u00adlich\u00adkeit, statt sie zu gl\u00e4t\u00adten und abzu\u00adrun\u00adden, noch kurio\u00adser und bedenk\u00adli\u00adcher erschei\u00adnen lie\u00df. Man h\u00e4t\u00adte ihn viel\u00adleicht bedau\u00adern m\u00f6gen, aber eben das konn\u00adte er nicht dul\u00adden. Sei\u00adne aus\u00adf\u00e4l\u00adli\u00adge Art, sei\u00adne Manier des Angriffs als Ver\u00adtei\u00addi\u00adgung lie\u00df dazu kei\u00adnen Raum.<\/p>\n

Die\u00adser Mann also war es, dem ich mei\u00adne ers\u00adte Arbeit zur Pr\u00fc\u00adfung vor\u00adle\u00adgen soll\u00adte. Von die\u00adsen klei\u00adnen har\u00adten Augen soll\u00adte ich sie beur\u00adtei\u00adlen las\u00adsen. M\u00f6g\u00adli\u00adcher\u00adwei\u00adse \u2014 aber dar\u00adan dach\u00adte ich eigent\u00adlich nur am Ran\u00adde \u2014 soll\u00adte ich sie hier vor\u00adle\u00adsen vor einem Audi\u00adto\u00adri\u00adum von fast acht\u00adzig H\u00f6rern, zu denen auch Anka und Lin\u00adde geh\u00f6\u00adren w\u00fcr\u00adden, und Felix Erlach.<\/p>\n

Es roch wie in der Schu\u00adle: nach dem Holz der B\u00e4n\u00adke, die in einem rie\u00adsi\u00adgen Krei\u00adse rund um den Saal auf\u00adge\u00adreiht waren. Es roch \u2014 merk\u00adw\u00fcr\u00addig genug \u2014 nach der Tin\u00adte, mit der ich als Kind emsig und in Ver\u00adz\u00fc\u00adckung mei\u00adne ers\u00adten Hef\u00adte voll\u00adge\u00adkrit\u00adzelt hat\u00adte. Nie mehr in sp\u00e4\u00adte\u00adren Schul\u00adjah\u00adren war ich die\u00adsem Geruch begeg\u00adnet. Hier war er wie\u00adder: kr\u00e4f\u00adtig und streng und voll, kei\u00adnem andern Geruch zu ver\u00adglei\u00adchen. Ins\u00adge\u00adheim sp\u00e4h\u00adte ich aus, woher er kom\u00admen moch\u00adte, ob irgend\u00adwo ein offe\u00adnes Tin\u00adten\u00adfass ihn aus\u00adstr\u00f6m\u00adte, oder ob er ein\u00adfach im Rau\u00adme war. Felix Erlach hat\u00adte sei\u00adnen Stuhl aus der Rei\u00adhe am Tisch gegen das Fens\u00adter hin zur\u00fcck\u00adge\u00adscho\u00adben. Wie\u00adder begeg\u00adne\u00adten sich unse\u00adre Bli\u00adcke. \u00dcber die Wei\u00adte des lee\u00adren Rau\u00admes zwi\u00adschen den bei\u00adden Tisch\u00adrei\u00adhen kam die\u00adser Blick zu mir her\u00ad\u00fcber, nach\u00addenk\u00adlich, aber freund\u00adschaft\u00adlich und offen in aller Nach\u00addenk\u00adlich\u00adkeit. Der Blick schnitt uns bei\u00adde her\u00adaus aus der Men\u00adge der H\u00f6ren\u00adden, nahm uns fort aus dem Saal. Aber nichts Bedroh\u00adli\u00adches lag dar\u00adin, pl\u00f6tz\u00adlich mit ihm allein zu sein wie unter dem Him\u00admel und an den Was\u00adsern der Mol\u00addau. Es war kein absch\u00e4t\u00adzen\u00adder oder for\u00addern\u00adder Blick, son\u00addern der w\u00e4r\u00admen\u00adde Blick eines Men\u00adschen, der um Ein\u00adver\u00adst\u00e4nd\u00adnis wirbt, um ein durch\u00adaus vor\u00adl\u00e4u\u00adfi\u00adges Ein\u00adver\u00adst\u00e4nd\u00adnis noch, das erst durch die N\u00e4he zu pr\u00fc\u00adfen und zu erh\u00e4r\u00adten sein w\u00fcrde.<\/p>\n

Nein, nichts w\u00e4re zu f\u00fcrch\u00adten gewe\u00adsen in die\u00adsem Blick. Nur vor mei\u00adnen Gedan\u00adken wur\u00adde ich ban\u00adge: war\u00adum traf sein Blick gera\u00adde mich, die Fr\u00e4n\u00adzi, die\u00adses klei\u00adne unbe\u00addeu\u00adten\u00adde Nichts, dass ja erst anfan\u00adgen woll\u00adte, zu leben, zu den\u00adken, zu sein?<\/p>\n

L\u00e4ngst sah ich wie\u00adder Pro\u00adfes\u00adsor Wig\u00adgert zu, wie er fl\u00fc\u00adgel\u00adschla\u00adgend und mit fun\u00adkeln\u00adden Bril\u00adlen\u00adgl\u00e4\u00adsern dozier\u00adte. Hier sa\u00df ich wie\u00adder auf der Schul\u00adbank, und um mich war der Geruch von fri\u00adschem Holz und von Tin\u00adte. Zu ler\u00adnen hat\u00adte ich wie\u00adder, und was ich in der Schu\u00adle meist mit der lin\u00adken Hand abge\u00adtan hat\u00adte, stell\u00adte sich jetzt als not\u00adwen\u00addig her\u00adaus, wenn ich etwas gel\u00adten woll\u00adte: ich muss\u00adte arbei\u00adten. Aber wich\u00adti\u00adger schien mir jetzt, was ich in den Augen mei\u00adner Mut\u00adter gele\u00adsen hat\u00adte beim letz\u00adten Abschied auf dem Bahn\u00adhof: zu leben muss\u00adte ich ler\u00adnen, abzu\u00adw\u00e4\u00adgen, ja oder nein zu sagen zu den Men\u00adschen. Sie hat\u00adte mich nicht mit Rat\u00adschl\u00e4\u00adgen bela\u00adden, nicht ein\u00admal mit War\u00adnun\u00adgen, und ich war ihr dank\u00adbar daf\u00fcr. Sie war sicher, dass ich es rich\u00adtig machen w\u00fcr\u00adde. W\u00fcr\u00adde ich es immer rich\u00adtig machen?<\/p>\n

Nun end\u00adlich lenk\u00adte ich den Kahn mei\u00adner Gedan\u00adken wie\u00adder um in den Strom von Pro\u00adfes\u00adsor Wig\u00adgerts Rede und bemerk\u00adte mit Schre\u00adcken, dass ich schon eine gan\u00adze Anzahl von Leit\u00ads\u00e4t\u00adzen und Grund\u00adge\u00addan\u00adken ver\u00adpasst hat\u00adte, die er uns gab f\u00fcr die Anfer\u00adti\u00adgung unse\u00adrer Arbei\u00adten. Ich fing an, mir fl\u00fcch\u00adtig zu notie\u00adren, was er als wich\u00adtig unter\u00adstrich. Aber dabei schwamm es doch immer neben mei\u00adnem Kahn her wie ein Was\u00adser\u00adstru\u00addel, der sich nicht l\u00f6sen will. W\u00fcr\u00adde ich es rich\u00adtig machen, dies und das und alles?<\/p>\n

Ellen Brand ver\u00adlor sich im Gedr\u00e4n\u00adge nach dem Semi\u00adnar, obwohl sie neben uns geses\u00adsen hat\u00adte. Ich atme\u00adte erleich\u00adtert auf. Auch ich woll\u00adte mich ver\u00adab\u00adschie\u00adden, aber Lin\u00adde nahm mich am Arm.<\/p>\n

\u201e<\/span>Geh, du kommst mit uns. Wir holen den Hart\u00admuth und gehen zusam\u00admen essen in die Zelt\u00adner\u00adgass. Kennst doch den Hart\u00admuth noch von damals? Der wird schauen!\u201d<\/p>\n

Ja, der Hart\u00admuth, ich kann\u00adte ihn noch: einen hoch\u00adauf\u00adge\u00adschos\u00adse\u00adnen Jun\u00adgen mit kur\u00adzen Leder\u00adho\u00adsen und mit vie\u00adlen Som\u00admer\u00adspros\u00adsen auf der h\u00fcb\u00adschen lan\u00adgen Nase, Lin\u00addes \u00e4lte\u00adrer Bru\u00adder, zwei Jah\u00adre \u00e4lter war er wohl \u2014 und unzer\u00adtrenn\u00adlich von ihr, damals jedenfalls.<\/p>\n

Anka sprach es aus: \u201eWie Kas\u00adtor und Pol\u00adlux sind sie, die zwei. Kannst sie nicht aus\u00adein\u00adan\u00adder\u00adbrin\u00adgen. Ich hab\u2019s schon ver\u00adsucht, woll\u00adte ihn ein bis\u00adsel in mich ver\u00adliebt machen und dach\u00adte, sie wird viel\u00adleicht eifer\u00ads\u00fcch\u00adtig wer\u00adden, eine klei\u00adne Kratz\u00adb\u00fcrst. Hat aber nichts getaugt, die gan\u00adze Geschich\u00adte. Er kennt mich zu gut!\u201d<\/p>\n

Lin\u00adde lach\u00adte. \u201eIch d\u00e4ch\u00adte, es w\u00e4r umge\u00adkehrt gewe\u00adsen. Er war ver\u00adliebt in dich und du woll\u00adtest es ihm austreiben!\u201d<\/p>\n

Wir gin\u00adgen die Trep\u00adpen hin\u00adun\u00adter, die brei\u00adten fla\u00adchen Stu\u00adfen, so sanft abfal\u00adlend, wie das Gew\u00f6l\u00adbe dr\u00fc\u00adber sich w\u00f6lb\u00adte. Es war ein ein\u00adschmei\u00adcheln\u00addes wun\u00adder\u00adli\u00adches Gehen auf den Stu\u00adfen einer Zeit, die nach dem N\u00fctz\u00adli\u00adchen noch nicht frag\u00adte, nach dem prak\u00adti\u00adschen Schnitt einer Stu\u00adfe, die dem Fu\u00df und der Eile am bequems\u00adten w\u00e4re. Die\u00adse Stu\u00adfen, die\u00adse Trep\u00adpen, moch\u00adte man sich auch manch\u00admal mit den Schrit\u00adten ver\u00adhas\u00adpeln und f\u00fcr eine Stu\u00adfe zwei Schrit\u00adte brau\u00adchen, waren sch\u00f6n. Ich ging gern auf ihnen.<\/p>\n

Wir waren am Ende der Trep\u00adpe ange\u00adlangt, kamen in dem k\u00fchl-feuch\u00adten Flur mit den ver\u00adgit\u00adter\u00adten Fens\u00adtern, durch die unz\u00e4h\u00adli\u00adge schma\u00adle B\u00e4che von st\u00e4u\u00adben\u00addem Son\u00adnen\u00adlicht her\u00adein\u00adflos\u00adsen, gin\u00adgen \u00fcber den Hof, und die Bei\u00adden nah\u00admen mich hin\u00adein in die Stadt, in ihre Stadt.<\/p>\n

Sie gin\u00adgen Wege durch das ver\u00adschlun\u00adge\u00adne Gas\u00adsen\u00adge\u00adwirr der Alt\u00adstadt, die ich allein nie gefun\u00adden h\u00e4t\u00adte und die auch mir bald ganz ver\u00adtraut wur\u00adden und lieb. Zun\u00e4chst ein\u00admal bogen wir durch eini\u00adge Gas\u00adsen kreuz und quer \u2014 ich sah manch\u00admal zur\u00fcck und hin\u00adauf, um mir Zei\u00adchen der Erin\u00adne\u00adrung fest\u00adzu\u00adhal\u00adten: ein hoher schma\u00adler Haus\u00adgie\u00adbel, um des\u00adsen Fens\u00adter in jedem der drei Stock\u00adwer\u00adke sich Sand\u00adstein\u00adfi\u00adgu\u00adren ein\u00adan\u00adder zuneig\u00adten wie Mit\u00adbe\u00adwoh\u00adner, die heim\u00adlich, aber vol\u00adler Wohl\u00adwol\u00adlen den Woh\u00adnen\u00adden in die Fens\u00adter sp\u00e4\u00adhen. Zur Lin\u00adken ein Por\u00adtal, gekr\u00f6nt von Vasen, auf denen stei\u00adner\u00adne Put\u00adten sich im Nichts\u00adtun dehn\u00adten und m\u00fc\u00dfig auf die Gas\u00adse hin\u00adun\u00adter blick\u00adten, wo unter ihre stei\u00adner\u00adne Last vier mus\u00adkel\u00adstar\u00adke M\u00e4n\u00adner sich beugten.<\/p>\n

Dann wie\u00adder blieb mein Blick h\u00e4n\u00adgen an einem bizar\u00adren Neben\u00adein\u00adan\u00adder von Gie\u00adbeln, die ganz offen\u00adbar ein\u00adan\u00adder den Rang strei\u00adtig machen woll\u00adten, Fisch\u00adschwanz\u00adzin\u00adnen, die sich auf das zwei\u00adst\u00f6\u00adcki\u00adge beschei\u00adde\u00adne H\u00e4us\u00adchen wie auf die Mau\u00adern einer Burg auf\u00adsteck\u00adten, ein hoch\u00adge\u00adspitz\u00adtes Dach dane\u00adben mit aller\u00adliebs\u00adten ova\u00adlen Man\u00adsar\u00adden\u00adfens\u00adtern, wie\u00adder dane\u00adben eine Art von baro\u00adcker Palast\u00adfront, und dar\u00ad\u00fcber sit\u00adzend ein zier\u00adli\u00adches H\u00e4ub\u00adchen von Dachziegeln.<\/p>\n

Aber was ich eben bei mir als Beson\u00adder\u00adheit ver\u00admerkt hat\u00adte, an der ich den Faden der Stra\u00ad\u00dfe wie\u00adder zur\u00fcck\u00adspin\u00adnen k\u00f6nn\u00adte, das kehr\u00adte schon an der n\u00e4chs\u00adten Stra\u00ad\u00dfen\u00adecke wie\u00adder, nur in gerin\u00adger Abwand\u00adlung. Was die Ein\u00adt\u00f6\u00adnig\u00adkeit ist bei moder\u00adnen Neu\u00adbau\u00adrei\u00adhen, das war hier die Viel\u00adfalt: es schien unm\u00f6g\u00adlich, all die klei\u00adnen leben\u00addi\u00adgen Schn\u00f6r\u00adkel am Bil\u00adde der Gas\u00adsen zugleich zu ver\u00admer\u00adken und zu unter\u00adschei\u00adden. Ich ver\u00adzich\u00adte\u00adte bald dar\u00adauf und lie\u00df mich gehen, wie die andern gin\u00adgen. Unver\u00admerkt nah\u00admen mich die bei\u00adden denn auch aus der W\u00e4r\u00adme der Gas\u00adsen hin\u00adein in die K\u00fch\u00adle eines Haustors.<\/p>\n

Es schien eine Tor\u00addurch\u00adfahrt wie ande\u00adre auch, aber es war ein Weg hin\u00adein in die Tie\u00adfe der eng ver\u00adschach\u00adtel\u00adten Alt\u00adstadt\u00adh\u00e4us\u00adchen \u00fcber ihre halb\u00addunk\u00adlen H\u00f6fe hin\u00adweg, und erst weit hin\u00adten, am Ende, sah man das Licht der Gas\u00adse wie\u00adder wie den Licht\u00adbo\u00adgen am Ende eines Tunnels.<\/p>\n

Die H\u00e4u\u00adser aber ver\u00adschlos\u00adsen sich nicht etwa denen, die vor\u00ad\u00fcber\u00adgin\u00adgen, wie das in Tor\u00addurch\u00adfahr\u00adten zu gesche\u00adhen pflegt. Nein, sie sp\u00e4h\u00adten nach den Pas\u00adsan\u00adten aus in gera\u00adde\u00adzu kind\u00adli\u00adcher Neu\u00adgier durch brei\u00adte nied\u00adri\u00adge Glas\u00adfens\u00adter, des Anstands wegen beh\u00e4ngt mit alt\u00admo\u00addi\u00adschen Kl\u00f6p\u00adpel\u00advor\u00adh\u00e4n\u00adgen, die ver\u00adgilbt waren von Staub und Alter. Man\u00adche waren auch der w\u00e4r\u00adme\u00adren Luft drau\u00ad\u00dfen ge\u00f6ff\u00adnet, denn die Mau\u00adern str\u00f6m\u00adten noch die Feuch\u00adtig\u00adkeit und K\u00e4l\u00adte des Win\u00adters aus, w\u00e4h\u00adrend es schon fast som\u00admer\u00adlich her\u00adein\u00adweh\u00adte in die Durch\u00adg\u00e4n\u00adge. Auch man\u00adche der T\u00fcren stan\u00adden offen, und dahin\u00adter sahen wir sie bei ihrer Arbeit sit\u00adzen: Schus\u00adter, \u00fcber Leder\u00adst\u00fc\u00adcke gebeugt mit krum\u00admem R\u00fccken, der sich ein Leben lang der nied\u00adri\u00adgen Zim\u00admer\u00adde\u00adcke hat\u00adte f\u00fcgen m\u00fcs\u00adsen, Schnei\u00adder im T\u00fcr\u00adken\u00adsitz auf ihrem Tisch, mit kur\u00adzem F\u00e4d\u00adchen emsig n\u00e4hend unter tr\u00fc\u00adber Lam\u00adpe, K\u00fcrsch\u00adner vor einer Wand vol\u00adler Fel\u00adle, die erge\u00adben ihr altes Leben abge\u00adtan hat\u00adten und unter einer Schicht von Staub auf das neue war\u00adte\u00adten, das kom\u00admen soll\u00adte, alte Frau\u00aden, stri\u00adckend hin\u00adter dem win\u00adzi\u00adgen Schie\u00adbe\u00adfens\u00adter ihrer Kram\u00adl\u00e4d\u00adchen und \u00fcber die R\u00e4n\u00adder der Bril\u00adle hin\u00adweg nach uns hin\u00adsp\u00e4\u00adhend. Wie aus alten Holz\u00adschnit\u00adten her\u00adge\u00adnom\u00admen, sa\u00dfen sie alle da auf\u00adge\u00adreiht im Halb\u00addun\u00adkel der Flu\u00adre, zufrie\u00adden, dass sie ihre H\u00e4n\u00adde noch regen konnten.<\/p>\n

Von wil\u00addem Wein umspon\u00adnen, und gelas\u00adsen wie ihre Sch\u00fctz\u00adlin\u00adge, blick\u00adten aus den Nischen der H\u00f6fe Sand\u00adstein-Hei\u00adli\u00adge zu den Frem\u00adden her, still ein\u00adver\u00adstan\u00adden und zufrie\u00adden mit der unschein\u00adba\u00adren Rol\u00adle, die ihnen auf\u00adge\u00adtra\u00adgen war. Wie ein stil\u00adles Licht lag Gen\u00fcg\u00adsam\u00adkeit \u00fcber den gl\u00e4\u00adser\u00adnen Veran\u00adden und Fens\u00adtern der H\u00f6fe. Die Armut, die ohne Zwei\u00adfel hier zu Hau\u00adse war, mach\u00adte sich nicht breit. Anspruchs\u00adlos blieb sie f\u00fcr sich hin\u00adter den Mauern.<\/p>\n

\u00dcber das Rau\u00adschen eines Brun\u00adnens am Wege drang jetzt ein s\u00fc\u00dfer Ton zu uns her, das Lied eines Vogels eigent\u00adlich, aber so viel seli\u00adger, soviel bewuss\u00adter der auf\u00adstei\u00adgen\u00adden und anwach\u00adsen\u00adden Son\u00adne, soviel dich\u00adter ange\u00adf\u00fcllt von Sehn\u00adsucht und Hoff\u00adnung, dass davor selbst das Lied einer Nach\u00adti\u00adgall h\u00e4t\u00adte ver\u00adblas\u00adsen m\u00fcs\u00adsen. Es war auch nicht das eit\u00adle Bril\u00adlie\u00adren einer Kon\u00adzert\u00adfl\u00f6\u00adte, son\u00addern ein sei\u00adden\u00adfei\u00adner, him\u00admel\u00adho\u00adher bieg\u00adsa\u00admer Ton, als w\u00e4re ein Son\u00adnen\u00adstrahl zur Stim\u00adme gewor\u00adden, die sil\u00adbern auf\u00adw\u00e4rts wan\u00adder\u00adte, oben sich hin und her wen\u00adde\u00adte und l\u00e4chelnd sich bespie\u00adgel\u00adte in der kla\u00adren Luft, um dann mit leich\u00adtem Schritt wie\u00adder hin\u00adab\u00adzu\u00adstei\u00adgen, zu ver\u00adwei\u00adlen hier und da, noch ein\u00admal ein wenig h\u00f6her zu klim\u00admen, als Tril\u00adler hin und her zu h\u00fcp\u00adfen und dann gemach sich wie\u00adder hin\u00adun\u00adter zu bege\u00adben ins Gew\u00f6hnliche.<\/p>\n

Als wir aus dem Tor\u00adbo\u00adgen der Pas\u00adsa\u00adge tra\u00adten, sahen wir den Mann. Er trug ein spit\u00adzes H\u00fct\u00adchen von ver\u00adschos\u00adse\u00adner Far\u00adbe, auf dem eine kur\u00adze bun\u00adte Feder schwank\u00adte und schil\u00adler\u00adte. Er hat\u00adte es nicht nach Art jener Leu\u00adte, die auf eili\u00adge und vor\u00ad\u00fcber\u00adge\u00adhen\u00adde Barm\u00adher\u00adzig\u00adkeit spe\u00adku\u00adlie\u00adren, vor sich hin\u00adge\u00adlegt, son\u00addern es sa\u00df ihm auf dem Kopf wie wei\u00adland dem Rat\u00adten\u00adf\u00e4n\u00adger von Hameln das sei\u00adne. Was er eben jetzt vom Mun\u00adde absetz\u00adte, sah frei\u00adlich einer Fl\u00f6\u00adte recht \u00e4hn\u00adlich, aber es h\u00e4t\u00adte eben\u00adso gut ein zurecht\u00adge\u00adschnitz\u00adtes Wei\u00adden\u00adrohr sein k\u00f6n\u00adnen. Eilig steck\u00adte er es weg in die Brust\u00adta\u00adsche sei\u00adner blank\u00adge\u00adscheu\u00ader\u00adten und aus\u00adge\u00adbeu\u00adtel\u00adten Jacke, wie man einen Schatz ver\u00adbirgt. Man h\u00e4t\u00adte sich unschwer den\u00adken k\u00f6n\u00adnen, dass die Jacke auch den Rest sei\u00adner fah\u00adren\u00adden Habe barg, denn wo die Taschen sit\u00adzen, zeig\u00adte sie bedenk\u00adli\u00adche Schwel\u00adlun\u00adgen, die mit sei\u00adner hage\u00adren Sta\u00adtur nicht in Ein\u00adklang zu brin\u00adgen waren.<\/p>\n

Nach\u00addem er sol\u00adcher\u00adma\u00ad\u00dfen die Son\u00adne besun\u00adgen hat\u00adte, als sei er sel\u00adber einer ihrer Strah\u00adlen, l\u00fcf\u00adte\u00adte er nun doch das H\u00fct\u00adchen mit der Feder f\u00fcr die Spen\u00adden, die frei\u00adlich nur in beschei\u00adde\u00adnem Ma\u00dfe hin\u00adein\u00adreg\u00adne\u00adten. Denn die meis\u00adten sei\u00adner Anh\u00e4n\u00adger, wahr\u00adschein\u00adlich schon durch meh\u00adre\u00adre H\u00f6fe auf sei\u00adner Spur, waren Kin\u00adder, so dass sich auch von die\u00adser Sei\u00adte die Erin\u00adne\u00adrung an den Rat\u00adten\u00adf\u00e4n\u00adger auf\u00addr\u00e4ng\u00adte, einen Rat\u00adten\u00adf\u00e4n\u00adger frei\u00adlich ohne Arg und Bos\u00adheit, also doch wie\u00adder kei\u00adnen, denn wie h\u00e4t\u00adte der von Hameln sich in der Erin\u00adne\u00adrung erhal\u00adten wol\u00adlen ohne den grau\u00adsa\u00admen Kin\u00adder\u00adzug, den er am Ende der Geschich\u00adte anf\u00fchr\u00adte ? Ver\u00adges\u00adsen h\u00e4t\u00adte man ihn wie alle Wohl\u00adt\u00e4\u00adter, die ohne Dank ausgehen.<\/p>\n

Ich kram\u00adte in mei\u00adner Kol\u00adleg\u00adta\u00adsche. Ein Schein fiel mir in die H\u00e4n\u00adde, nicht eben gewal\u00adtig, aber doch f\u00fcr ihn sicher ein sch\u00f6\u00adnes St\u00fcck Geld und f\u00fcr mich ein klei\u00adnes Opfer, das ich ger\u00adne brach\u00adte, obwohl es gleich in mei\u00adnem Innern lei\u00adse zu nagen anfing: sie\u00adben Erd\u00adbeer\u00adt\u00f6rt\u00adchen weni\u00adger in die\u00adsem Monat! Ich leg\u00adte den zusam\u00admen\u00adge\u00adfal\u00adte\u00adten Schein in den Hut, er sah nicht nach viel aus, aber die Vor\u00adsicht war auch unn\u00f6\u00adtig. Er sah gar nicht danach hin. Mit sei\u00adnen was\u00adser\u00adhel\u00adlen Augen schien er irgend\u00adwo\u00adhin nach schr\u00e4g oben zu hor\u00adchen, w\u00e4h\u00adrend die son\u00adnen\u00adbrau\u00adne Haut des Gesichts sich spann\u00adte, als k\u00f6nn\u00adte von dort\u00adher, \u00fcber die win\u00adke\u00adli\u00adgen D\u00e4cher her\u00adun\u00adter, ein neu\u00ades Lied zu ihm kommen.<\/p>\n

Im Wei\u00adter\u00adge\u00adhen frag\u00adte ich mich, war\u00adum er denn gera\u00adde hier sei\u00adnem Gesch\u00e4f\u00adte nach\u00adge\u00adhe \u2014 wenn man es ein Gesch\u00e4ft nen\u00adnen woll\u00adte \u2014 hier an die\u00adser abge\u00adle\u00adge\u00adnen, wenig benutz\u00adten Pas\u00adsa\u00adge, w\u00e4h\u00adrend nicht all\u00adzu weit von die\u00adser Stel\u00adle, an Gra\u00adben und Wen\u00adzels\u00adplatz, die Men\u00adschen zu Dut\u00adzen\u00adden und Hun\u00adder\u00adten vor\u00adbei\u00adstr\u00f6m\u00adten und sein Spiel ihm also auch mit Leich\u00adtig\u00adkeit ein Dut\u00adzend\u00adfa\u00adches ein\u00adbrin\u00adgen konn\u00adte von dem, was dort in dem abge\u00adle\u00adge\u00adnen G\u00e4ss\u00adchen f\u00fcr ihn abfiel. Aber ich erschrak, als ich mir die seli\u00adge Vogel\u00adstim\u00adme vor\u00adstell\u00adte, ank\u00e4mp\u00adfend gegen das viel\u00adfa\u00adche Hupen, Klin\u00adgeln und das Schnur\u00adren der Moto\u00adren, gegen das Geze\u00adter der Zei\u00adtungs\u00adver\u00adk\u00e4u\u00adfer und das hun\u00addert\u00adstim\u00admi\u00adge Geschw\u00e4tz der eili\u00adgen Men\u00adge. Und dann dach\u00adte ich dar\u00adan, wie er nur bereit war, von denen etwas anzu\u00adneh\u00admen, die sein St\u00fcck bis zu Ende anh\u00f6r\u00adten, wie er nicht ein\u00admal hin\u00adsah nach dem, was ihm zufiel. Wun\u00adder\u00adli\u00adche Men\u00adschen, wun\u00adder\u00adli\u00adche Stadt, bis an den Rand vol\u00adler Wunder.<\/p>\n

Das Haus am Obst\u00admarkt, zu dem wir kamen, kann\u00adte ich schon. Das Zei\u00adtungs\u00adwis\u00adsen\u00adschaft\u00adli\u00adche Insti\u00adtut hat\u00adte dort sei\u00adne R\u00e4u\u00adme; \u00e4rm\u00adli\u00adche R\u00e4u\u00adme in einem bau\u00adf\u00e4l\u00adli\u00adgen Geb\u00e4u\u00adde, \u00e4rm\u00adlich ein\u00adge\u00adrich\u00adtet auch, aber anhei\u00admelnd in ihrer Unord\u00adnung. Es roch nach den Zei\u00adtun\u00adgen, die im Flur an den W\u00e4n\u00adden gesta\u00adpelt waren. Der Kreis war klein, schnell lern\u00adte man die Gesich\u00adter alle. Es war eine behag\u00adli\u00adche Luft von Arbeit und Ler\u00adnen\u00adwol\u00adlen ohne \u00fcber\u00adgro\u00ad\u00dfen Ehrgeiz.<\/p>\n

Im sel\u00adben Hau\u00adse amtier\u00adte auch Hart\u00admuth Glanz\u00adrath, Dok\u00adtor der Phi\u00adlo\u00adso\u00adphie inzwi\u00adschen gewor\u00adden, Assis\u00adtent am musik\u00adwis\u00adsen\u00adschaft\u00adli\u00adchen Insti\u00adtut. Das hat\u00adte ich nicht gewusst. Gespannt sah ich ihm ent\u00adge\u00adgen, als er die Trep\u00adpe her\u00adun\u00adter\u00adkam, von einer Klin\u00adgel im Flur geru\u00adfen. Lang-kurz-lang-kurz \u2014 das hie\u00df: Komm zum Essen. Ich lern\u00adte es bald.<\/p>\n

Da war er also! Aus dem Jun\u00adgen in kur\u00adzen Leder\u00adho\u00adsen war ein Mann gewor\u00adden. Ich frag\u00adte mich im Stil\u00adlen, ob ich wohl auch so viel \u00e4lter gewor\u00adden sei in der Zwi\u00adschen\u00adzeit. Frei\u00adlich: die lan\u00adge h\u00fcb\u00adsche Nase war immer noch vol\u00adler Som\u00admer\u00adspros\u00adsen. Das gab dem gesetz\u00adten Dok\u00adtor der Phi\u00adlo\u00adso\u00adphie etwas Laus\u00adbu\u00adben\u00adhaf\u00adtes, das mir Spa\u00df mach\u00adte. Er schau\u00adte aller\u00addings, wie Lin\u00adde vor\u00adaus\u00adge\u00adse\u00adhen hat\u00adte, aber eine Unsi\u00adcher\u00adheit war in sei\u00adnem Beneh\u00admen, die sicher nichts mit mir zu tun hat\u00adte. Es war offen\u00adbar nicht ganz so \u00fcblich, wie ich gedacht hat\u00adte, dass Anka mit den Bei\u00adden essen ging. Es schien viel\u00admehr, als h\u00e4t\u00adte er sie l\u00e4n\u00adge\u00adre Zeit nicht gese\u00adhen, und ich erin\u00adner\u00adte mich an das Gespr\u00e4ch vor\u00adhin im Cle\u00admen\u00adti\u00adnum, das ich mehr f\u00fcr Spa\u00df und Wort\u00adspie\u00adle\u00adrei gehal\u00adten hat\u00adte. Ganz offen\u00adbar war Hart\u00admuth viel mehr bem\u00fcht, Anka gegen\u00ad\u00fcber den rich\u00adti\u00adgen Ton zu fin\u00adden als mich, die so ganz Uner\u00adwar\u00adte\u00adte, in der frem\u00adden Stadt will\u00adkom\u00admen zu hei\u00dfen.<\/p>\n

Es kr\u00e4nk\u00adte mich nicht. Als wir damals zusam\u00admen wan\u00adder\u00adten, hat\u00adte ich Hart\u00admuth fast so gern gehabt wie Lin\u00adde \u2014 h\u00e4t\u00adte ich mir einen Bru\u00adder gew\u00fcnscht, er h\u00e4t\u00adte so sein sol\u00adlen, kame\u00adrad\u00adschaft\u00adlich, zu Sp\u00e4\u00ad\u00dfen auf\u00adge\u00adlegt, aber auch zum Ernst, wie es gera\u00adde kam, klug, ohne sein Wis\u00adsen und sei\u00adne Gedan\u00adken auf\u00adzu\u00addr\u00e4n\u00adgen, in einem inne\u00adren Gleich\u00adge\u00adwicht, das jetzt gest\u00f6rt schien. Schon aus weni\u00adgen Wor\u00adten konn\u00adte man das h\u00f6ren.<\/p>\n

Hart\u00admuth ging neben mir, es gab sich so. Er schien froh, das Gespr\u00e4ch mit Anka zu ver\u00admei\u00adden, die sich jetzt mit Lin\u00adde \u00fcber den Ter\u00admin der Semi\u00adnar\u00adar\u00adbei\u00adten unter\u00adhielt. Offen\u00adbar waren wir alle nicht sehr auf\u00admerk\u00adsam gewe\u00adsen, auch sie wuss\u00adte nichts Genaue\u00adres. Wig\u00adgert h\u00e4t\u00adte gemeint, vier Wochen als Frist w\u00e4ren eben recht, sag\u00adte Lin\u00adde schlie\u00df\u00adlich, jeden\u00adfalls w\u00e4re es ihr so in Erin\u00adne\u00adrung. F\u00fcr die ers\u00adten vier Wochen h\u00e4t\u00adte er wohl schon im vori\u00adgen Semes\u00adter ein paar The\u00admen vergeben.<\/p>\n

\u201e<\/span>Eine merk\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adge Erschei\u00adnung ist das, die\u00adser Pro\u00adfes\u00adsor Wig\u00adgert\u201d, sag\u00adte ich, mehr um das Gespr\u00e4ch fort\u00adzu\u00adspin\u00adnen, als weil ich mir unbe\u00addingt \u00fcber ihn Aus\u00adkunft h\u00e4t\u00adte holen wol\u00adlen.\u201d Er erin\u00adnert mich an den Ich\u00adab\u00adod Kra\u00adnich in irgend\u00adei\u00adner Geschich\u00adte von Washing\u00adton Irving.\u201d<\/p>\n

Hart\u00admuth zupf\u00adte mich am Arm, und als ich ver\u00adstoh\u00adlen zu ihm hin\u00ad\u00fcber\u00adsah, bemerk\u00adte ich, dass er ver\u00adnei\u00adnend die Augen\u00adli\u00adder senk\u00adte und unmerk\u00adlich den Kopf sch\u00fct\u00adtel\u00adte. \u201eIch mei\u00adne, ich kann ihn gar nicht beur\u00adtei\u00adlen. Er sieht mir nur so aus, als w\u00e4re er nicht sehr gl\u00fcck\u00adlich.\u201d Ich sag\u00adte es eilig und ver\u00adle\u00adgen, unsi\u00adcher gewor\u00adden, wel\u00adche Rol\u00adle er in die\u00adsem klei\u00adnen Krei\u00adse spie\u00adlen k\u00f6nne.<\/p>\n

\u201e<\/span>Er hat ganz beacht\u00adli\u00adche Sachen geschrie\u00adben \u00fcber die Lite\u00adra\u00adtur zu Anfang des Jahr\u00adhun\u00adderts\u201d, erkl\u00e4r\u00adte Anka. \u201eBeson\u00adders der Natu\u00adra\u00adlis\u00admus hat es ihm ange\u00adtan. Kein Wun\u00adder, wenn einer tr\u00fcb\u00adsin\u00adnig wird \u00fcber so \u00f6der Lekt\u00fcre.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Viel\u00adleicht hat er sich auch aus\u00adge\u00adsucht, was ihm ent\u00adspricht\u201d, gab ich zu bedenken.<\/p>\n

\u201e<\/span>Du hast ganz recht, Fr\u00e4n\u00adzi\u201d, sag\u00adte Lin\u00adde jetzt, und an ihrem Ton und ihren Wor\u00adten merk\u00adte ich, wer von den drei\u00aden von die\u00adsem The\u00adma beson\u00adders betrof\u00adfen war. \u201eEr ist ungl\u00fcck\u00adlich, und er war schon immer so. Ich habe ihn schon als klei\u00adnes Kind gekannt, er kam oft zu unsern Eltern. Damals war er Stu\u00addent, und ich ging gera\u00adde das ers\u00adte Jahr zur Schu\u00adle. Mich hat\u00adte er immer sehr gern, damals schon. Ich den\u00adke immer, wenn ihm einer hel\u00adfen kann, m\u00fcss\u00adte ich es sein.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Und in die\u00adser Rot-Kreuz-Mei\u00adnung wirst du dei\u00adne Jugend ver\u00adtrau\u00adern, mein Lie\u00adbes\u201d, setz\u00adte Anka dazu in ihrer blan\u00adken Art, die Din\u00adge beim Namen zu nennen.<\/p>\n

Man beschloss, nicht in die Vege\u00adtar\u00adna in der Zelt\u00adner\u00adgas\u00adse zu gehen \u2014 das w\u00e4re ein gro\u00ad\u00dfer Umweg gewe\u00adsen \u2014 son\u00addern in die Gast\u00adst\u00e4t\u00adte der KLV<\/span> in der Hiber\u00adner Gasse.<\/p>\n

\u201e<\/span>Es gibt da ein Schild an der T\u00fcr, dar\u00adauf steht \u201aNur f\u00fcr Teil\u00adneh\u00admer der Kin\u00adder\u00adland\u00adver\u00adschi\u00adckung\u2019 \u201d, kl\u00e4r\u00adte Hart\u00admuth mich auf. \u201eDes\u00adhalb f\u00fchlt sich Anka dort so zu Hau\u00adse. Uns ken\u00adnen sie schon. Du machst dir am bes\u00adten Z\u00f6pf\u00adchen, Fr\u00e4n\u00adzi, dann glau\u00adben sie dir viel\u00adleicht, dass du eine Lega\u00adle bist\u201d. Dabei warf er frei\u00adlich einen zwei\u00adfeln\u00adden Blick auf mein kur\u00adzes Haar. \u201eIch glau\u00adbe, es reicht nicht\u201d, mein\u00adte ich kleinlaut.\"Zeltnergasse_mit_Pulverturm\"<\/a><\/p>\n

Stra\u00ad\u00dfen\u00adbah\u00adnen und Autos, von der Alt\u00adstadt her\u00adkom\u00admend, f\u00e4del\u00adten sich durch das Spitz\u00adbo\u00adgen\u00adtor des Pul\u00adver\u00adturms wie aus der alten in die neue Zeit. Auch hier gab es noch Figu\u00adren an Por\u00adta\u00adlen, ja, sogar vom Gesim\u00adse der D\u00e4cher blick\u00adten Figu\u00adren her\u00adab, eine stei\u00adner\u00adne Gesell\u00adschaft von Au\u00dfen\u00adsei\u00adtern, die da hin\u00adauf\u00adge\u00adfl\u00fcch\u00adtet schien vor dem Ansturm der Moder\u00adne, denn die Stra\u00ad\u00dfen hier wei\u00adte\u00adten sich, bausch\u00adten sich auf, ihrer Bedeu\u00adtung bewusst, das Neue her\u00adbei\u00adzu\u00adf\u00fch\u00adren und dem Neu\u00aden Raum zu las\u00adsen, fade Gro\u00df\u00adstadt\u00adstra\u00ad\u00dfen, wenn man eben noch den Reiz von Gas\u00adsen und Win\u00adkeln gekos\u00adtet hat\u00adte. Die Hiber\u00adner Gas\u00adse war kei\u00adne Gas\u00adse mehr, son\u00addern eine Stra\u00ad\u00dfe, wie man sie in jeder ande\u00adren Gro\u00df\u00adstadt h\u00e4t\u00adte fin\u00adden k\u00f6n\u00adnen. Die Gast\u00adst\u00e4t\u00adte der KLV<\/span> \u2014 na ja, ein Restau\u00adrant eben, genau so m\u00f6g\u00adlich in Wien, Ber\u00adlin oder Paris. Anka trat vor uns ein, strich sich das Haar aus der Stirn und stell\u00adte sich her\u00adaus\u00adfor\u00addernd neben das omi\u00adn\u00f6\u00adse Schild \u201eNur f\u00fcr Teil\u00adneh\u00admer der Kin\u00adder\u00adland\u00adver\u00adschi\u00adckung\u201d, weil dane\u00adben an einer S\u00e4u\u00adle der Spei\u00adse\u00adplan ange\u00adschla\u00adgen war. Wir muss\u00adten auch, wie sich zeig\u00adte, sel\u00adber am Buf\u00adfet antre\u00adten, um unse\u00adre W\u00fcn\u00adsche zu mel\u00adden, das Essen in Emp\u00adfang zu neh\u00admen und zu zah\u00adlen, denn so sehr Restau\u00adrant war es nun wie\u00adder nicht.<\/p>\n

Hart\u00admuth fuhr sich mit dem Fin\u00adger zwi\u00adschen Hals und Kra\u00adgen. Soviel wuss\u00adte ich schon, dass M\u00e4n\u00adner damit meist eine gewis\u00adse Ver\u00adle\u00adgen\u00adheit ver\u00adber\u00adgen wol\u00adlen. Wir mar\u00adschier\u00adten zu unserm Tisch, das Essen balan\u00adcie\u00adrend. Der Auf\u00adwand hat\u00adte sich gelohnt. Es waren nicht die ers\u00adten Zwetsch\u00adge\u00adn\u00adkn\u00f6\u00addel, die ich a\u00df, aber zum ers\u00adten Mal offen\u00adbar\u00adte sich mir \u2014 wenn man das auf eine so pro\u00adfa\u00adne Sache anwen\u00adden darf \u2014 die Idee der Zwetsch\u00adge\u00adn\u00adkn\u00f6\u00addel an sich: zart und duf\u00adtig der Teig, leicht wie Schnee und doch nicht schwam\u00admig oder zer\u00adflie\u00ad\u00dfend, ein wohl\u00adge\u00adord\u00adne\u00adtes klei\u00adnes Kos\u00admos, son\u00adnen\u00adgleich unter einer dich\u00adten Decke von fet\u00adti\u00adgen ger\u00f6s\u00adte\u00adten Sem\u00admel\u00adbr\u00f6\u00adseln und Zucker, schwim\u00admend in einem klei\u00adnen See von But\u00adter, der allein schon ver\u00adschwen\u00adde\u00adrisch anmu\u00adten muss\u00adte in sol\u00adchen Kriegszeiten.<\/p>\n

Da sa\u00dfen wir in die\u00adser Aller\u00adwelts\u00adstra\u00ad\u00dfe, in die\u00adsem Aller\u00adwelts\u00adre\u00adstau\u00adrant, und doch \u2014 und doch: von den duf\u00adten\u00adden Tel\u00adlern stieg es auf, zu den brei\u00adten hoch\u00adge\u00adscho\u00adbe\u00adnen Fenstern<\/p>\n

str\u00f6m\u00adte es her\u00adein, mit uns bei Tische sa\u00df es, unver\u00adkenn\u00adbar, unnenn\u00adbar und unver\u00adlier\u00adbar \u2014 Pul\u00adver\u00adturm und Zwetsch\u00adge\u00adn\u00adkn\u00f6\u00addel, Dom und Burg und der Mann mit dem Wei\u00adden\u00adholz, bla\u00adsend, sin\u00adgend die Melo\u00addie der Stadt.<\/p>\n

<\/h2>\n

Nach Tisch trenn\u00adten wir uns. Zwar gab es f\u00fcr uns alle vier oder viel\u00admehr f\u00fcr uns drei als H\u00f6rer und f\u00fcr Hart\u00admuth als Assis\u00adtent eine Vor\u00adle\u00adsung im musik\u00adwis\u00adsen\u00adschaft\u00adli\u00adchen Insti\u00adtut. Aber Anka mein\u00adte g\u00e4h\u00adnend, sie wer\u00adde sich statt\u00addes\u00adsen einen Mit\u00adtags\u00adschlaf genehmigen.<\/p>\n

Wir ande\u00adren, vom Essen her tr\u00e4\u00adge und behag\u00adlich gestimmt, schlen\u00adder\u00adten dem Obst\u00admarkt zu. Ich wur\u00adde ein\u00adge\u00adla\u00adden, Hart\u00admuths Reich zu bese\u00adhen, eine Art nied\u00adri\u00adger, win\u00adke\u00adli\u00adger Woh\u00adnung, in der die Instru\u00admen\u00adte zuhauf stan\u00adden, unter ihnen auch ein Cem\u00adba\u00adlo, das frei\u00adlich gegen Miss\u00adbrauch ver\u00adschlos\u00adsen war.<\/p>\n

Ob ich ein Miss\u00adbrauch w\u00e4re, frag\u00adte ich etwas \u00e4ngst\u00adlich, aber doch begie\u00adrig. Nie hat\u00adte ich solch ein Instru\u00adment unter den H\u00e4n\u00adden gehabt. Dage\u00adgen konn\u00adte Hart\u00admuth nicht an. Mit der Sorg\u00adfalt eines Schatz\u00adh\u00fc\u00adters brach\u00adte er den Schl\u00fcs\u00adsel und sperr\u00adte das Schloss auf.<\/p>\n

Ich hat\u00adte Kla\u00advier stu\u00addiert einen Win\u00adter und einen Som\u00admer lang nach vie\u00adlen Jah\u00adren laschen, ver\u00adgeb\u00adli\u00adchen Unter\u00adrichts. Aber es woll\u00adte mir nie gelin\u00adgen, mit den genau\u00aden Ton\u00adl\u00e4n\u00adgen auf guten Fu\u00df zu kom\u00admen. Ich dehn\u00adte hier, wo mir etwas behag\u00adte (\u201eGenie\u00ad\u00dfen macht gemein\u201d, sag\u00adte mein Kla\u00advier\u00adleh\u00adrer), dehn\u00adte auch wohl, wo die Fin\u00adger dem all\u00adzu schwar\u00adzen Noten\u00adbild nicht mehr nach\u00adka\u00admen, und eil\u00adte, wo die Fin\u00adger leicht lie\u00adfen und beson\u00adde\u00adre Sch\u00f6n\u00adheit nicht zu erwar\u00adten war. Das Cem\u00adba\u00adlo war \u00fcber all die\u00adse Ver\u00adst\u00f6\u00ad\u00dfe ein stren\u00adger Rich\u00adter. Sein kur\u00adzer Sil\u00adber\u00adton, nicht zu deh\u00adnen durchs Pedal, dul\u00adde\u00adte kein Ver\u00adwei\u00adlen und ver\u00admerk\u00adte jede Unre\u00adgel\u00adm\u00e4\u00ad\u00dfig\u00adkeit genau\u00ader, als mein Leh\u00adre\u00adrin\u00adnen und Leh\u00adrer es getan hatte.<\/p>\n

Aber statt mich dar\u00ad\u00fcber zu \u00e4rgern, freu\u00adte ich mich an der Zen\u00adsur und ver\u00adsuch\u00adte mehr und mehr, ihr Gen\u00fc\u00adge zu tun. Denn was dar\u00adaus ent\u00adstand, \u2014 eine Bach\u2019sche Fuge \u2014 schien mir wie Beg\u00fc\u00adti\u00adgung und Trost f\u00fcr alles Schmerz\u00adli\u00adche des Mor\u00adgens, das mich bek\u00fcm\u00admer\u00adte, obwohl es mich nicht betraf. Hier, in der Musik, war die Welt in Ord\u00adnung, und man f\u00fchl\u00adte deut\u00adlich, dass es kei\u00adne erlo\u00adge\u00adne, kei\u00adne ertr\u00e4um\u00adte Ord\u00adnung war, wenn auch viel\u00adleicht eine, die jen\u00adseits unse\u00adrer Wahr\u00adneh\u00admungs\u00adkraft lag. In der Musik aber wur\u00adde sie h\u00f6r\u00adbar, trat n\u00e4her und bot sich an als das Heil\u00admit\u00adtel f\u00fcr alle Zer\u00adris\u00adsen\u00adheit. Was heu\u00adte Schre\u00adcken ist, schien sie zu sagen, wird mor\u00adgen Freu\u00adde sein. Alles ist bedacht und abge\u00adwo\u00adgen in die\u00adser bes\u00adten aller Welten.<\/p>\n

Hart\u00admuth war wie\u00adder in sein B\u00fcro gegan\u00adgen. Lin\u00adde stand an Fens\u00adter. Sie hat\u00adte die Fl\u00fc\u00adgel nach drau\u00ad\u00dfen auf\u00adge\u00adsto\u00ad\u00dfen, und die Luft, die her\u00adein\u00adweh\u00adte, ver\u00adtrieb den lei\u00adsen Geruch von Moder, der in die\u00adsen H\u00e4u\u00adsern unaus\u00adrott\u00adbar ange\u00adsie\u00addelt schien und sofort wie\u00adder\u00adkehr\u00adte, wenn man das Fens\u00adter schloss. Ich stand auf und ging zu ihr. Es war frei\u00adlich, wenn ich es recht bedach\u00adte, nicht zu hof\u00adfen, dass der Trost, der mir gen\u00fcg\u00adte, auch ihr gen\u00fc\u00adgen w\u00fcrde.<\/p>\n

\u201e<\/span>Du hast dich sehr ver\u00ad\u00e4n\u00addert, Lin\u00adde\u201d, sag\u00adte ich.<\/p>\n

Sie wand\u00adte sich zu mir. Ihr Gesicht, das frei\u00adlich nie eine sehr leb\u00adhaf\u00adte Far\u00adbe gehabt hat\u00adte, war durch\u00adsich\u00adtig gewor\u00adden. Es war noch sch\u00f6\u00adner, als ich es in Erin\u00adne\u00adrung hat\u00adte: die Man\u00addel\u00adform der dunk\u00adlen, grau\u00adblau\u00aden Augen schien jetzt genau\u00ader gezo\u00adgen, der Mund sch\u00f6\u00adner geschwun\u00adgen, und des brau\u00adne Haar lag in klei\u00adnen Locken \u00fcber der hohen Stirn und um die Schl\u00e4\u00adfen, die etwas ein\u00adge\u00adsenkt waren zu den Augen hin und von zar\u00adten bl\u00e4u\u00adli\u00adchen \u00c4der\u00adchen durch\u00adzo\u00adgen. Ihre Sch\u00f6n\u00adheit war frei\u00adlich nicht gemein \u2014 wer Lei\u00adden\u00adschaft und Lebens\u00adlust in einem Gesicht such\u00adte, konn\u00adte sie hier nicht fin\u00adden. Sie erin\u00adner\u00adte mich an die Non\u00adnen mit wei\u00ad\u00dfen Fl\u00fc\u00adgel\u00adhau\u00adben, denen ich zu Hau\u00adse in einem Klos\u00adter h\u00e4u\u00adfig begeg\u00adnet war, wenn ich zu Schwes\u00adter Irm\u00adgar\u00addis ging, um bei ihr Latein zu ler\u00adnen. Sie alle \u2014 und auch Schwes\u00adter Irm\u00adgar\u00addis \u2014 gli\u00adchen ein\u00adan\u00adder wie Schwes\u00adtern, und auch das Gesicht hier glich ihnen wie das einer Schwes\u00adter. So nann\u00adten sie sich ja auch \u2014 Schwes\u00adtern. Waren es nur die Hau\u00adben, die sie ein\u00adan\u00adder so \u00e4hn\u00adlich mach\u00adten? Oder war es dies, dass sie die Sucht und das Jagen nach Genuss und Ver\u00adgn\u00fc\u00adgen aus\u00adge\u00adschlos\u00adsen hat\u00adten aus ihrem Leben und statt\u00addes\u00adsen wah\u00adre Freu\u00adde gefun\u00adden hat\u00adten ? War es die\u00adse Freu\u00adde, die sie ein\u00adan\u00adder so \u00e4hn\u00adlich machte?<\/p>\n

Das h\u00e4t\u00adte bedeu\u00adtet, dass auch Lin\u00addes Gesicht damals das einer Ver\u00adzich\u00adten\u00adden war, und so mag es wohl gewe\u00adsen sein. Nur dass ich damals die\u00adsen Gedan\u00adken noch nicht zu Ende dach\u00adte. Im Gegen\u00adteil: es brach\u00adte mich auf, dass es einen Mann gab, dem die\u00adse Sch\u00f6n\u00adheit nicht gut genug war, den sie nicht erl\u00f6\u00adsen konn\u00adte aus sei\u00adner lin\u00adki\u00adschen welt\u00adfrem\u00adden Art, aus sei\u00adner Sch\u00e4r\u00adfe und Iro\u00adnie. Es emp\u00f6r\u00adte mich, dass die\u00adse Sch\u00f6n\u00adheit ver\u00adtan sein soll\u00adte in D\u00fcs\u00adter\u00adnis und Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n

Lin\u00adde hat\u00adte nicht geant\u00adwor\u00adtet auf das, was ich zu ihr sag\u00adte. \u201eIch will dich nicht dr\u00e4n\u00adgen, Lin\u00adde, es geht mich ja auch nichts an. Aber du bist nicht mehr die\u00adsel\u00adbe wie damals. Du bist sch\u00f6\u00adner gewor\u00adden \u2014 dir kann man das ja ruhig sagen, du bist nicht eitel. Aber man sieht, dass du ungl\u00fcck\u00adlich bist. Jeder sieht das.\u201d<\/p>\n

Lin\u00adde sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf. \u201eIch bin nicht ungl\u00fcck\u00adlich. Lass nur, Fr\u00e4n\u00adzi, du wirst nichts dran \u00e4ndern. Ich bin nicht ungl\u00fcck\u00adlich, aber ich bin auch nicht gl\u00fcck\u00adlich, damit hast du recht.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Aber es scheint doch, als k\u00f6nn\u00adtest du nichts errei\u00adchen. Ich mei\u00adne: ihm hel\u00adfen. Kannst du dich da nicht ein\u00adfach weg\u00adwen\u00adden, in eine ande\u00adre Rich\u00adtung sehen?\u201d<\/p>\n

Lin\u00adde l\u00e4chel\u00adte. Es war ein Bild aus alter Zeit. Nein, Lin\u00adde pass\u00adte nicht in die\u00adse Zeit, die immer nur has\u00adtig nach dem Ihren greift. Es war mir fr\u00fc\u00adher nie so auf\u00adge\u00adfal\u00adlen, dass sie aus einer sol\u00adchen Fer\u00adne kam.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich kann ihm schon hel\u00adfen. Du glaubst nicht, wie er anders ist, wenn ich bei ihm bin. Ich helf\u2019 ihm bei einer Kar\u00adtei f\u00fcr sei\u00adne Arbeit, wei\u00dft du. Er bat mich mal dar\u00adum. Wie gesagt, wir ken\u00adnen uns ja lang, und es war eigent\u00adlich ganz nat\u00fcr\u00adlich. Aber das h\u00e4tt\u2019 er nicht tun sol\u00adlen. Du glaubst nicht, wie das ist, wenn man einen Men\u00adschen so sehr sich ver\u00adwan\u00addeln sieht. Das zieht an wie ein Magnet, man m\u00f6cht\u2019 es immer wie\u00adder erle\u00adben, und es schert einen gar nicht, wenn die andern ihn h\u00e4ss\u00adlich und unbe\u00adhol\u00adfen und sar\u00adkas\u00adtisch nen\u00adnen. H\u00e4tt\u2019 ich ihn nur als Pro\u00adfes\u00adsor gese\u00adhen auf dem Kathe\u00adder und im Semi\u00adnar, dann w\u00e4re sicher alles anders gekom\u00admen. Aber ich hab ihn eben gese\u00adhen, wie ihn die andern nie sehen. Ich denk mir, wenn ich mich weg\u00adwen\u00adde von ihm, dann kann er nie mehr ganz er sel\u00adber sein. Denn vor den andern ist er\u2019s ja nicht.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Also doch eine Art Rot-Kreuz-Manier, wie dei\u00adne Freun\u00addin Anka das nennt\u201d, mein\u00adte ich.<\/p>\n

Sie wehr\u00adte ab. \u201eAch, Anka! Anka ist ein fei\u00adner Kerl, ich hab sie sehr gern, wirk\u00adlich, aber sie will immer alles \u00fcber einen Kamm sche\u00adren. Sie zieht die M\u00e4n\u00adner am B\u00e4n\u00addel her\u00adum, und ich soll\u2019s auch so machen.\u201d<\/p>\n

Zwei\u00ader\u00adlei h\u00e4t\u00adte ich ger\u00adne gefragt, aber ich wuss\u00adte nicht recht, wie ich es in Wor\u00adte fas\u00adsen soll\u00adte: Liebst du ihn?<\/p>\n

Die\u00adse Fra\u00adge konn\u00adte ich mir eigent\u00adlich sel\u00adber beant\u00adwor\u00adten. Ja, die Lin\u00adde lieb\u00adte ihn, den einen jeden\u00adfalls, der sozu\u00adsa\u00adgen ihr Werk war \u2014 oder sie sel\u00adber sah es jeden\u00adfalls so an, und bis zu einem gewis\u00adsen Gra\u00adde war es sicher so, dass er nur bei ihr er sel\u00adber sein konn\u00adte. Aber lieb\u00adte sie auch den andern, hilf\u00adlos, lin\u00adkisch, fl\u00fc\u00adgel\u00adschla\u00adgend und iro\u00adnisch? Konn\u00adte man ihn \u00fcber\u00adhaupt lie\u00adben? Und wenn sie ihn hei\u00adra\u00adte\u00adte \u2014 aber das lag ja im wei\u00adten Fel\u00adde, hing ab von der Ant\u00adwort auf die zwei\u00adte Fra\u00adge, die ich im Sin\u00adne hat\u00adte \u2014 wenn sie ihn also wirk\u00adlich h\u00e4t\u00adte hei\u00adra\u00adten sol\u00adlen, dann w\u00fcr\u00adde sie mit bei\u00adden ver\u00adhei\u00adra\u00adtet sein, nicht nur mit einem.<\/p>\n

Ja, die zwei\u00adte Fra\u00adge, offen\u00adbar wich\u00adti\u00adger als die ers\u00adte: lieb\u00adte er sie? Oder war sie am Ende f\u00fcr ihn nur, was f\u00fcr ande\u00adre Leu\u00adte Mor\u00adgen\u00adrock und Pan\u00adtof\u00adfeln sind, in denen sie sich gehen las\u00adsen k\u00f6n\u00adnen und dann \u201enat\u00fcr\u00adlich\u201d sind, wie man das so nennt?<\/p>\n

Ich beschloss, mei\u00adne Fra\u00adge anders zu stel\u00adlen. \u201eMeinst du denn, dass eure Bezie\u00adhung zuein\u00adan\u00adder sich jemals \u00e4ndern wird?\u201d<\/p>\n

Sie sah aus dem Fens\u00adter. Ihre Fin\u00adger tipp\u00adten ner\u00adv\u00f6s auf das abge\u00adbl\u00e4t\u00adter\u00adte Wei\u00df des Fens\u00adter\u00adbretts. Die Ant\u00adwort fiel ihr schwer. Mach\u00adte sie sich etwas vor? Oder w\u00fcr\u00adde sie ver\u00adsu\u00adchen, mir etwas vor\u00adzu\u00adspie\u00adgeln, was sie sel\u00adber nicht glaubte?<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich wei\u00df nicht\u201d, sag\u00adte sie schlie\u00df\u00adlich. \u201eIch wei\u00df wirk\u00adlich nicht.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>W\u00e4re es dann nicht bes\u00adser, du w\u00e4rst jetzt eine Wei\u00adle ungl\u00fcck\u00adlich, damit du sp\u00e4\u00adter gl\u00fcck\u00adlich wer\u00adden k\u00f6nntest?\u201d<\/p>\n

Sie lach\u00adte kurz auf und zuck\u00adte die Schultern.<\/p>\n

\u201e<\/span>Das h\u00f6rt sich sehr ver\u00adn\u00fcnf\u00adtig an, Anka sagt\u2019s auch. Aber er ist au\u00dfer\u00addem noch mein Pro\u00adfes\u00adsor, ver\u00adstehst du? Was soll ich ihm sagen, wenn ich nicht mehr komm und ihm sei\u00adne Kar\u00adtei mach? Soll ich sagen, \u201aHerr Pro\u00adfes\u00adsor, ich m\u00f6cht\u2019 sp\u00e4\u00adter mal gl\u00fcck\u00adlich sein, des\u00adhalb kann ich jetzt nim\u00admer zu Ihnen kom\u00admen.\u2019 Er w\u00fcr\u00adde doch den\u00adken, ich habe mei\u00adne Sin\u00adne nicht mehr bei\u00adein\u00adan\u00adder. Wir haben ja nie von sowas gere\u00addet. Er hat kei\u00adne Ahnung von dem allen, was ich dir gesagt hab. Es ist auch ganz unm\u00f6g\u00adlich, dass ich\u2019s ihm sag. Ver\u00adstehst du nicht?\u201d Und nach einer Wei\u00adle f\u00fcg\u00adte sie hin\u00adzu, als m\u00fcs\u00adse auch das noch gesagt sein, da alles and\u00adre gesagt war: \u201eMan kann blo\u00df beten.\u201d<\/p>\n

Erstaunt sah ich sie an. Auch sie sah mich an, sie lach\u00adte, und das Lachen war nicht so trau\u00adrig, wie ich erwar\u00adtet h\u00e4t\u00adte. \u201eGelt, da schaust du?\u201d Ja, ich war erstaunt. Nie w\u00e4re mir der Gedan\u00adke gekom\u00admen, dass man einer Lie\u00adbe wegen beten k\u00f6nn\u00adte. \u00dcber\u00adhaupt kam mir sel\u00adten der Gedan\u00adke zu beten. Es fehl\u00adten der Anlass, die Not\u00adf\u00e4l\u00adle und die \u00dcberzeugung.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich find es sch\u00f6n\u201d, sag\u00adte ich lau, ins\u00adge\u00adheim zwei\u00adfelnd, ob einem das Beten die Ver\u00adant\u00adwor\u00adtung zum eig\u00adnen Han\u00addeln abneh\u00admen k\u00f6n\u00adne. \u201eBet\u2019 nur auch ums Rich\u00adti\u00adge!\u201d Und ich dach\u00adte, sie soll\u00adte bes\u00adser um das beten, was ihr jetzt Schmer\u00adzen machen w\u00fcr\u00adde als um das, was sie f\u00fcr ein Gl\u00fcck hal\u00adten k\u00f6nn\u00adte. Aber ich sag\u00adte nichts weiter.<\/p>\n

Nach der Musik\u00advor\u00adle\u00adsung ging ich hin\u00ad\u00fcber ins Zei\u00adtungs\u00adwis\u00adsen\u00adschaft\u00adli\u00adche Insti\u00adtut. Es tat f\u00fcr heu\u00adte gut, die\u00adse n\u00fcch\u00adter\u00adne, sach\u00adli\u00adche Luft, die kei\u00adner\u00adlei Anspr\u00fc\u00adche stell\u00adte, der Geruch von Dru\u00adcker\u00adschw\u00e4r\u00adze, die unver\u00adbind\u00adlich bekann\u00adten Gesich\u00adter. Dies hier war die nor\u00adma\u00adle Welt, in der sich vor\u00adaus\u00adsicht\u00adlich nichts wei\u00adter ereig\u00adnen w\u00fcr\u00adde, als dass ich mir den Stoff f\u00fcr mein Refe\u00adrat zusam\u00admen\u00adsuch\u00adte und hier und da ein paar belang\u00adlo\u00adse Wor\u00adte wechselte.<\/p>\n

Als ich in die Kol\u00adleg\u00adta\u00adsche griff nach dem Feder\u00adhal\u00adter, fiel mir der Zet\u00adtel mit den bei\u00adden Gedich\u00adten in die H\u00e4n\u00adde. Ach ja, daf\u00fcr waren nur vier Wochen Zeit, mit dem zei\u00adtungs\u00adwis\u00adsen\u00adschaft\u00adli\u00adchen Refe\u00adrat brauch\u00adte ich mich nicht so zu beei\u00adlen. Aber ich hat\u00adte weni\u00adger Lust als je zu die\u00adser Arbeit. Vol\u00adler Wider\u00adwil\u00adlen war ich gegen Pro\u00adfes\u00adsor Wig\u00adgert, die\u00adses Vogel\u00adge\u00adsicht. Ich warf einen Blick auf die Tex\u00adte. Gedich\u00adte eben, Fr\u00fch\u00adlings\u00adge\u00addich\u00adte. Zehn Sei\u00adten dar\u00ad\u00fcber min\u00addes\u00adtens, zwan\u00adzig h\u00f6chs\u00adtens. Zehn Sei\u00adten? Zehn Sei\u00adten \u00fcber zwei Gedich\u00adte? Jetzt ver\u00adstand ich erst, erschrak. \u201eInter\u00adpre\u00adta\u00adtio\u00adnen\u201d hie\u00df es, soviel war bei mir haf\u00adten geblie\u00adben. Kei\u00adne Inhalts\u00adan\u00adga\u00adbe bit\u00adte, auch nicht das Leben des Autors, auch kei\u00adne zeit\u00adli\u00adche Ein\u00adord\u00adnung. Zehn Sei\u00adten Inter\u00adpre\u00adta\u00adti\u00adon \u00fcber 25 Zei\u00adlen. Ich hat\u00adte mir das k\u00fcr\u00adzes\u00adte aus\u00adge\u00adsucht, was ich lie\u00adgen sah, es schien mir am bequems\u00adten so. Jetzt w\u00fcnsch\u00adte ich, ich h\u00e4t\u00adte das l\u00e4ngs\u00adte gew\u00e4hlt. Zehn Sei\u00adten \u00fcber f\u00fcnf\u00adund\u00adzwan\u00adzig Zei\u00adlen, das hie\u00df: fast eine hal\u00adbe Sei\u00adte \u00fcber jede Zei\u00adle. \u201eSchon kehrt der Saft aus jener All\u00adge\u00admein\u00adheit \u2026\u201d Also bit\u00adte, eine hal\u00adbe Sei\u00adte! \u201eSchon kehrt der Saft \u2026\u201d Mir wur\u00adde schwind\u00adlig. Eine hal\u00adbe Sei\u00adte \u00fcber jede Zei\u00adle, soviel muss\u00adte man schon rech\u00adnen, man\u00adche Zei\u00adlen moch\u00adten auch fast gar nichts her\u00adge\u00adben, also \u2014 wie\u00adviel Zei\u00adlen hat eine hal\u00adbe Sei\u00adte? Man muss\u00adte das nach\u00adz\u00e4h\u00adlen. \u201eSchon kehrt der Saft \u2026\u201d Unm\u00f6g\u00adlich, Lin\u00adde zu fra\u00adgen. Unm\u00f6g\u00adlich, Anka zu fra\u00adgen. Mei\u00adne Arbeit war das, ich konn\u00adte sie nicht abge\u00adben, wie man eine Kino\u00adkar\u00adte weggibt.<\/p>\n

Ich steck\u00adte den Zet\u00adtel wie\u00adder in die Tasche. Das muss\u00adte sich fin\u00adden. Irgend\u00adwie w\u00fcr\u00adde es sich schon fin\u00adden. Jetzt sa\u00df ich hier und w\u00fcr\u00adde mir mei\u00adnen Stoff zum Fon\u00adta\u00adne-Refe\u00adrat zusam\u00admen\u00adsu\u00adchen, und wenn der Him\u00admel ein\u00adfiel. Eine kin\u00addi\u00adsche Auf\u00adga\u00adbe, wenn man\u2019s bedach\u00adte. Ein gan\u00adzes Leben abzu\u00adhan\u00addeln auf, nun ja, sagen wir ruhig auch auf zehn Sei\u00adten. Und dort: zehn Sei\u00adten lang reden \u00fcber f\u00fcnf\u00adund\u00adzwan\u00adzig Zei\u00adlen, die zwei Leu\u00adte wahr\u00adschein\u00adlich in ein paar Minu\u00adten aufs Papier gesetzt hatten.<\/p>\n

Fast zwei Stun\u00adden ver\u00adbrach\u00adte ich damit, her\u00adum\u00adzu\u00adkra\u00admen nach Mate\u00adri\u00adal. Es stand alles w\u00fcst durch\u00adein\u00adan\u00adder. Auch die Assis\u00adten\u00adtin wuss\u00adte wenig Bescheid. Dies hier soll\u00adte nur eine vor\u00adl\u00e4u\u00adfi\u00adge Unter\u00adkunft sein, sag\u00adte sie. Es w\u00fcr\u00adde alles bald viel bes\u00adser und gr\u00f6\u00ad\u00dfer und sch\u00f6\u00adner. Das n\u00fctz\u00adte mir wenig. Es war fast sechs, als ich mei\u00adne mage\u00adre Aus\u00adbeu\u00adte bei\u00adsam\u00admen hat\u00adte. Im deut\u00adschen Semi\u00adnar muss\u00adte ich mir noch holen, was es dort gab.<\/p>\n

Ich \u00fcber\u00adleg\u00adte. In andert\u00adhalb Stun\u00adden war Col\u00adle\u00adgi\u00adum musi\u00adcum dr\u00fc\u00adben im Insti\u00adtut. Lin\u00adde und Hart\u00admut hat\u00adten gesagt, ich sol\u00adle nur kom\u00admen, nicht gera\u00adde gebe\u00adten, aber der Chor schien klein, man w\u00fcr\u00adde mir\u2019s viel\u00adleicht ver\u00ad\u00fcbeln, wenn ich fern\u00adblie\u00adbe. Aber ich war m\u00fcde. Das Vie\u00adler\u00adlei des Tages dr\u00e4ng\u00adte sich hin\u00adter mei\u00adner Stirn, \u00fcber\u00adschlug sich, ver\u00adwirr\u00adte mich.<\/p>\n

<\/h2>\n

Auf den Stra\u00ad\u00dfen war Fr\u00fch\u00adling. Das Brau\u00adsen der Stadt t\u00f6n\u00adte wie die Stim\u00adme des Mee\u00adres her\u00ad\u00fcber zum Obst\u00admarkt, des\u00adsen klei\u00adne Gesch\u00e4f\u00adtig\u00adkeit sich mehr in der Stil\u00adle voll\u00adzog. Ich hat\u00adte jetzt Lust, Men\u00adschen zu sehen, vie\u00adle Men\u00adschen, die ich nicht kann\u00adte, mich weg\u00adtra\u00adgen und irgend\u00adwo ansp\u00fc\u00adlen zu las\u00adsen, auf pro\u00advi\u00adso\u00adri\u00adsche Wei\u00adse mei\u00adnen Hun\u00adger zu stil\u00adlen. Ich schlen\u00adder\u00adte zum Wen\u00adzels\u00adplatz hin\u00ad\u00fcber. Nach einem Restau\u00adrant stand mir jetzt nicht der Sinn. Ich wuss\u00adte hier auch kei\u00adnes, in das ich mich \u00fcber\u00adhaupt h\u00e4t\u00adte set\u00adzen m\u00f6gen. Ich trieb vor\u00adbei an den weit offe\u00adnen T\u00fcren der B\u00fcfetts. \u00dcber gan\u00adze H\u00e4u\u00adser\u00adbrei\u00adten hin stan\u00adden sie offen, lockend die Unbe\u00adhaus\u00adten, bequem, schnell und bil\u00adlig sich ein Mahl zu w\u00e4h\u00adlen aus der F\u00fcl\u00adle des Gebo\u00adte\u00adnen, unver\u00adbind\u00adli\u00adche und lie\u00adbens\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adge St\u00e4t\u00adte f\u00fcr den, der gern auf die b\u00fcr\u00adger\u00adli\u00adche Kon\u00adven\u00adti\u00adon ver\u00adzich\u00adtet, Jacke oder Man\u00adtel am Klei\u00adder\u00adst\u00e4n\u00adder auf\u00adzu\u00adh\u00e4n\u00adgen, sich zu set\u00adzen, die Spei\u00adse\u00adkar\u00adte zu bese\u00adhen, obwohl er von vorn\u00adher\u00adein zu Pala\u00adtschin\u00adken ent\u00adschlos\u00adsen ist, dem Ober zu win\u00adken, ihm das Gesuch\u00adte auf\u00adzu\u00adtra\u00adgen und in Geduld und Demut zu ver\u00adhar\u00adren, bis es ihm in aller Form ser\u00adviert wird, sodann wie\u00adder sich in Geduld zu \u00fcben, bis es ihm gelingt, den Kell\u00adner her\u00adbei\u00adzu\u00adwin\u00adken und noch ein\u00admal, bis der Kell\u00adner geruht, ihm die Rech\u00adnung zu pr\u00e4\u00adsen\u00adtie\u00adren, wom\u00f6g\u00adlich des Klein\u00adgelds erman\u00adgelt und daher noch einen Weg machen und wie\u00adder\u00adum Gele\u00adgen\u00adheit zu irgend\u00adei\u00adnem klei\u00adnen Auf\u00adent\u00adhalt fin\u00adden kann.<\/p>\n

Hier war alles anders. Ich war nicht die Unter\u00adge\u00adbe\u00adne eines Kell\u00adners, der mich war\u00adten las\u00adsen woll\u00adte. Der Kell\u00adner in b\u00fcr\u00adger\u00adli\u00adchen Loka\u00adlen soll\u00adte eigent\u00adlich f\u00fcr mich da sein, aber in Wirk\u00adlich\u00adkeit bin ich es ja, die von ihm abh\u00e4ngt, die am Ende noch sei\u00adne sau\u00adre Mie\u00adne schlu\u00adcken muss, wenn das Trink\u00adgeld sei\u00adnen Erwar\u00adtun\u00adgen nicht gerecht wird.<\/p>\n

Dies alles mag unge\u00adrecht sein, was die Kell\u00adner betrifft, denn wenn sie auch bis zum \u00e4u\u00dfers\u00adten ihre Pflicht erf\u00fcl\u00adlen, so sind ihnen doch nicht mehr als zwei Bei\u00adne und nicht mehr als zwei Arme gege\u00adben, was not\u00adwen\u00addig mit\u00adun\u00adter zu Auf\u00adent\u00adhal\u00adten und Ver\u00adz\u00f6\u00adge\u00adrun\u00adgen f\u00fch\u00adren muss. Aber es schien mir damals und scheint mir noch heu\u00adte, dass alle die\u00adse Umst\u00e4n\u00adde das B\u00fcfett emp\u00adfeh\u00adlen, beson\u00adders dem, der es eilig hat oder dem, der es aus irgend\u00adei\u00adnem andern Grun\u00adde an Geduld feh\u00adlen las\u00adsen k\u00f6nnte.<\/p>\n

Mir schien es an die\u00adsem Abend, als k\u00f6n\u00adne ich es viel\u00adleicht an Geduld feh\u00adlen las\u00adsen, denn sie war von dem \u00fcber\u00advol\u00adlen Ablau\u00adfe des Tages fast v\u00f6l\u00adlig ersch\u00f6pft. Ich war nicht gew\u00f6hnt an sol\u00adche F\u00fcl\u00adle. Auch in die\u00adser Stadt war sie mir bis\u00adher nicht vor\u00adge\u00adkom\u00admen. Und hat\u00adte es mir am Mor\u00adgen geschie\u00adnen, als erhe\u00adbe sich nun die Stadt um mich und fan\u00adge an zu t\u00f6nen und zu leben, so schien sie mir jetzt schon von einer fast hek\u00adti\u00adschen Betrieb\u00adsam\u00adkeit, ange\u00adf\u00fcllt bis zum Ran\u00adde von tra\u00adgi\u00adschen oder wid\u00adri\u00adgen Schick\u00adsa\u00adlen, die unver\u00ad\u00e4n\u00addert und unver\u00ad\u00e4n\u00adder\u00adlich ihre Bahn wei\u00adter\u00adlie\u00adfen wie Planeten.<\/p>\n

An die\u00adsen Gedan\u00adken spann ich eben, als ich Pro\u00adfes\u00adsor Wig\u00adgert sah. Er war nicht allein. Neben ihm ging eine Dame, nicht son\u00adder\u00adlich ver\u00adtraut mit ihm, so schien es, aber die M\u00f6g\u00adlich\u00adkeit, zur Ver\u00adtrau\u00adlich\u00adkeit fort\u00adzu\u00adschrei\u00adten, lag in bei\u00adden Gesich\u00adtern. Wig\u00adgert zu ver\u00adken\u00adnen oder zu ver\u00adwech\u00adseln war aus\u00adge\u00adschlos\u00adsen. Fast um eine Kop\u00adfes\u00adl\u00e4n\u00adge \u00fcber\u00adrag\u00adte er die Men\u00adge der Pas\u00adsan\u00adten. Daher war die\u00adser Kopf, die Vogel\u00adau\u00adgen, die Vogel\u00adna\u00adse, schon weit\u00adhin zu erken\u00adnen. Ich warf des\u00adhalb, ehe ich abbog, noch einen eili\u00adgen Blick auf das weib\u00adli\u00adche Wesen \u2014 M\u00e4d\u00adchen, Frau, Dame \u2014 schwer zu sagen. Jeden\u00adfalls war sie nicht h\u00fcbsch, erst recht nicht von Lin\u00addes Art. Aber sie hat\u00adte die fri\u00adschen Far\u00adben, den leb\u00adhaf\u00adten Blick, der Lin\u00adde fehl\u00adte. Sie w\u00fcr\u00adde sich nicht mit welt\u00adfrem\u00adden Tr\u00e4u\u00admen begn\u00fc\u00adgen. Sie w\u00fcr\u00adde aus ihm, der ein Vogel ohne See\u00adle war, geh\u00e4t\u00adschelt mit\u00adun\u00adter in Lin\u00addes Zau\u00adber\u00adgar\u00adten, einen Men\u00adschen machen, einen Mann. Und Lin\u00adde w\u00fcr\u00adde \u00fcbrig sein.<\/p>\n

Jetzt war ich nahe und warf rasch noch einen Blick auf ihn, von der unn\u00f6\u00adti\u00adgen Angst gepei\u00adnigt, er k\u00f6nn\u00adte erken\u00adnen, was ich dach\u00adte, was ich alles wuss\u00adte. Aber er sah mich gar nicht. Es war mir, als l\u00f6se die graue, ver\u00adtrock\u00adne\u00adte Scha\u00adle sich von ihm ab, sein Gesicht nahm schon nat\u00fcr\u00adli\u00adche\u00adre Dimen\u00adsio\u00adnen an, die ein\u00adge\u00ad\u00fcb\u00adten thea\u00adtra\u00adli\u00adschen Ges\u00adten sei\u00adner H\u00e4n\u00adde wur\u00adden unn\u00f6tig.<\/p>\n

Rasch wand\u00adte ich mich jetzt ab und trat in das B\u00fcfett, das sich zu mei\u00adner Sei\u00adte \u00f6ff\u00adne\u00adte, ein\u00adla\u00adden\u00adde Zuflucht, stil\u00adler Strand, an dem die Was\u00adser kei\u00adne Gewalt mehr hat\u00adten. Ich w\u00e4hl\u00adte ein Kar\u00adtof\u00adfel\u00adge\u00adricht mit Sau\u00adce. Kei\u00adne Mar\u00adken waren daf\u00fcr n\u00f6tig, es ver\u00adsprach, mich zu s\u00e4t\u00adti\u00adgen, das gen\u00fcg\u00adte mir. Ich sah, wie der sah\u00adni\u00adge Kar\u00adtof\u00adfel\u00adbrei aus dem Topf auf den Tel\u00adler gesch\u00f6pft wur\u00adde, ein ver\u00adhei\u00ad\u00dfungs\u00advol\u00adler wohl\u00adge\u00adrun\u00adde\u00adter klei\u00adner H\u00fcgel, von einer Gabel mit klei\u00adnen Quer\u00adka\u00adn\u00e4\u00adlen ver\u00adse\u00adhen, in die die gold\u00adbrau\u00adne Sau\u00adce flo\u00df. Wie schnell, wie leicht und ver\u00adgn\u00fcg\u00adlich war das alles bewerk\u00adstel\u00adligt. Kei\u00adner\u00adlei Umst\u00e4n\u00adde, kei\u00adner\u00adlei K\u00fcchen\u00adheim\u00adlich\u00adkei\u00adten hin\u00adter ver\u00adschlos\u00adse\u00adnen T\u00fcren! Ich ent\u00adrich\u00adte\u00adte mei\u00adnen Obo\u00adlus \u2014 sol\u00adche Gerich\u00adte waren l\u00e4cher\u00adlich bil\u00adlig \u2014 und zog mich an einen der Tische zur\u00fcck, wo man auf Hockern vor der hohen Spie\u00adgel\u00adwand sa\u00df, die das B\u00fcfett auf einer Sei\u00adte begrenzte.<\/p>\n

Die Beschl\u00e4\u00adge von Chrom an der The\u00adke spie\u00adgel\u00adten. Alles war sau\u00adber, neu\u00adtral und ohne allen Anspruch. Wie sehr zu prei\u00adsen war doch die\u00adse Ein\u00adrich\u00adtung, die einem erlaub\u00adte, alles Unge\u00adl\u00f6s\u00adte vor der T\u00fcr zu las\u00adsen, wie man einen Hund drau\u00ad\u00dfen anbin\u00addet. W\u00e4h\u00adrend man im Restau\u00adrant das Bed\u00fcrf\u00adnis f\u00fchlt, in einer Gesell\u00adschaft bei Tisch zu sit\u00adzen, war es hier das Nat\u00fcr\u00adli\u00adche, allein zu sein. Sel\u00adten ging man in Gesell\u00adschaft ins B\u00fcfett. Wenn es doch geschah, war doch da jeden\u00adfalls nicht die\u00adses fal\u00adsche Vor\u00adt\u00e4u\u00adschen einer Wohn\u00adlich\u00adkeit. Es han\u00addel\u00adte sich nicht dar\u00adum, sich nie\u00adder\u00adzu\u00adlas\u00adsen auf unbe\u00adstimm\u00adte Zeit. Es han\u00addel\u00adte sich dar\u00adum, satt zu werden.<\/p>\n

Ich wur\u00adde satt, der Brei schmeck\u00adte k\u00f6st\u00adlich. Ich erwog, noch eine Klei\u00adnig\u00adkeit fol\u00adgen zu las\u00adsen, aber dann erin\u00adner\u00adte ich mich des F\u00fcnf\u00adzig-Kro\u00adnen-Scheins, den ich dem Fl\u00f6\u00adten\u00adbl\u00e4\u00adser in den Hut gelegt hat\u00adte und beschloss, jetzt gleich mit dem Ver\u00adzich\u00adten anzu\u00adfan\u00adgen, um es bald hin\u00adter mich zu bringen.<\/p>\n

Ich bum\u00admel\u00adte die Rei\u00adhen der Schau\u00adfens\u00adter ent\u00adlang, vor\u00adbei an hell\u00aderleuch\u00adte\u00adten Hotel\u00adein\u00adg\u00e4n\u00adgen, \u00fcber\u00addacht, bewacht von hoch\u00adm\u00fc\u00adti\u00adgen Sub\u00adjek\u00adten in Livree, deren Mie\u00adnen sich nur dann pl\u00f6tz\u00adlich zu bewe\u00adgen anfin\u00adgen, wenn eine Taxe, ein Fia\u00adker ihre viel ver\u00adspre\u00adchen\u00adde Last ent\u00adlu\u00adden. Ich sp\u00e4h\u00adte in die B\u00fcfetts, halb bewusst jenes letz\u00adten Res\u00adtes von Hun\u00adger, der nicht ganz gestillt war. Aber zu Hau\u00adse lag noch Obst. Brot und Auf\u00adstrich war auch da. Nach dem Chor w\u00fcr\u00adde ich mir noch ein klei\u00adnes zwei\u00adtes Abend\u00adbrot genehmigen.<\/p>\n

Im Chor waren wir zu elfen. Noch herrsch\u00adte die flaue Stim\u00admung von Semes\u00adter\u00adan\u00adfang \u2014 es war alles noch nicht rich\u00adtig ins Rol\u00adlen gekom\u00admen. Die Akus\u00adtik der nied\u00adri\u00adgen R\u00e4u\u00adme lie\u00df sehr zu w\u00fcn\u00adschen \u00fcbrig. Auch die\u00adses Insti\u00adtut soll\u00adte umzie\u00adhen in eini\u00adger Zeit, hoch\u00adherr\u00adschaft\u00adlich, ins Palais des Mal\u00adte\u00adser Gro\u00df\u00adprio\u00adrats auf der Klein\u00adsei\u00adte. Brei\u00adte Auf\u00adg\u00e4n\u00adge mit Stein\u00adfi\u00adgu\u00adren, Rie\u00adsen\u00ads\u00e4\u00adle, bes\u00adse\u00adres Mobi\u00adli\u00adar. Nur Hart\u00admuth sah dem Umzug mit eini\u00adgem Ban\u00adgen ent\u00adge\u00adgen: die Biblio\u00adthek und Noten waren zu ver\u00adpa\u00adcken und tau\u00adsen\u00adder\u00adlei Kram. Eine Sache f\u00fcr eine Haus\u00adfrau, eigent\u00adlich.. Er wuss\u00adte nicht recht, ob er sich dem gewach\u00adsen f\u00fch\u00adlen soll\u00adte. Immer\u00adhin war noch Zeit bis dahin.<\/p>\n

Der Pro\u00adfes\u00adsor, der die Vor\u00adle\u00adsun\u00adgen hielt, lei\u00adte\u00adte auch den Chor. Er erin\u00adner\u00adte mich an mei\u00adnen Vater. Aber wahr\u00adschein\u00adlich hielt man ihn f\u00fcr \u00e4lter, als er war. M\u00fcde schien er zu sein \u00fcber sei\u00adne Jah\u00adre hin\u00adaus. Sei\u00adne M\u00fcdig\u00adkeit t\u00f6n\u00adte nach in den Madri\u00adga\u00adlen und Chor\u00ads\u00e4t\u00adzen, die wir probten.<\/p>\n

W\u00e4h\u00adrend wir san\u00adgen, fiel mir Pro\u00adfes\u00adsor Wig\u00adgert wie\u00adder ein, die Dame neben ihm, und ich sah zu Lin\u00adde hin\u00ad\u00fcber. Viel\u00adleicht hat\u00adte ich mich auch get\u00e4uscht, viel\u00adleicht war es sei\u00adne Schwes\u00adter \u2014 ach nein, das doch kaum. Aber irgend\u00adei\u00adne Ver\u00adwand\u00adte viel\u00adleicht, eine Bekann\u00adte, die Frau eines Kol\u00adle\u00adgen. Ich ver\u00adsuch\u00adte mich zu \u00fcber\u00adre\u00adden, aber es \u00fcber\u00adzeug\u00adte mich nicht. Sie waren nicht so neben\u00adein\u00adan\u00adder gegan\u00adgen, als gin\u00adgen sie ein\u00adan\u00adder nichts an. Erwar\u00adtung war in den Gesich\u00adtern gewe\u00adsen, Hoff\u00adnung sogar. Wig\u00adgert schien sich durch\u00adaus kein Gewis\u00adsen dar\u00adaus zu machen, mit einer Dame den Wen\u00adzels\u00adplatz hin\u00adun\u00adter zu pro\u00adme\u00adnie\u00adren. Wie soll\u00adte er auch? Wer konn\u00adte ihm das Z\u00f6li\u00adbat abver\u00adlan\u00adgen? Ich war jetzt \u00fcber\u00adzeugt, dass er Lin\u00adde nicht lieb\u00adte, nie so geliebt hat\u00adte, wie sie es ver\u00adstan\u00adden haben moch\u00adte, dass er in sei\u00adner Welt\u00adfremd\u00adheit auch Lin\u00addes Lie\u00adbe nie bemerkt hat\u00adte. Wie w\u00fcr\u00adde sie die\u00adse Erkennt\u00adnis hinnehmen?<\/p>\n

Wir bl\u00e4t\u00adter\u00adten wei\u00adter, stimm\u00adten an. Ein Lied vom Abschied war es und soll\u00adte das letz\u00adte sein f\u00fcr die\u00adsen Abend. Ich fing mit an zu sin\u00adgen, aber pl\u00f6tz\u00adlich stieg es mir w\u00fcr\u00adgend in die Keh\u00adle. Ich muss\u00adte auf\u00adh\u00f6\u00adren. Der Pro\u00adfes\u00adsor sah erstaunt zu mir her\u00ad\u00fcber. Aber ich konn\u00adte nichts dage\u00adgen tun. Was war das nur? Mit\u00adleid mit Lin\u00adde, der Gedan\u00adke an den Abschied, den sie w\u00fcr\u00adde neh\u00admen m\u00fcs\u00adsen ohne ein Wort, ohne ein Zei\u00adchen? Nein, das konn\u00adte es nicht sein, denn ich glaub\u00adte fest dar\u00adan, dass die\u00adser Schnitt ihr am Ende heil\u00adsam sein m\u00fcss\u00adte. Was es nur war? Es war kein Heim\u00adweh, nicht der Gedan\u00adke an irgend\u00adei\u00adnen Abschied, den ich jemals genom\u00admen hatte.<\/p>\n

Nein, im Grun\u00adde wuss\u00adte ich, was es war und woll\u00adte es mir nur nicht ein\u00adge\u00adste\u00adhen, weil es zu bizarr war, zu unbe\u00adgreif\u00adlich. Ich hat\u00adte Sehn\u00adsucht nach der Stadt, in der ich leb\u00adte. W\u00e4h\u00adrend ich hier war und drau\u00ad\u00dfen rund\u00adum die Stadt, zum Grei\u00adfen nahe, w\u00e4h\u00adrend ich wuss\u00adte, dass ich in weni\u00adgen Minu\u00adten durch ihre Stra\u00ad\u00dfen gehen w\u00fcr\u00adde, trieb mir der Gedan\u00adke an ihre Sch\u00f6n\u00adheit das Schluch\u00adzen in die Keh\u00adle, zer\u00adriss mich die Vor\u00adstel\u00adlung, dass ich eines Tages aus ihr fort\u00adge\u00adhen m\u00fcsste.<\/p>\n

Die Milch\u00adglas\u00adku\u00adgel in unse\u00adrem Zim\u00admer brann\u00adte noch, als ich eilig \u00fcber den Platz nach Hau\u00adse kam. Das freu\u00adte mich. In ein dunk\u00adles Zim\u00admer zu kom\u00admen war unbe\u00adhag\u00adlich, gleich\u00adg\u00fcl\u00adtig, ob Maria noch nicht da war oder schon schlief. Zwar konn\u00adte man auch die kalk\u00adwei\u00ad\u00dfe Beleuch\u00adtung nicht gera\u00adde behag\u00adlich nen\u00adnen, aber in ihrer N\u00fcch\u00adtern\u00adheit ent\u00adsprach sie doch unse\u00adrem pro\u00advi\u00adso\u00adrisch zusam\u00admen\u00adge\u00adzim\u00admer\u00adten Stu\u00adden\u00adten\u00adda\u00adsein. Aller\u00addings besa\u00df Maria f\u00fcr \u201ebehag\u00adli\u00adche Zwe\u00adcke\u201d, wie sie das nann\u00adte, noch eine Nacht\u00adtisch\u00adlam\u00adpe, aber f\u00fcr mich reich\u00adte der Licht\u00adkreis nat\u00fcr\u00adlich nicht. Ich hat\u00adte auch immer im Sinn, mir mal eine schi\u00adcken zu las\u00adsen oder zu kau\u00adfen. Aber es kam nie dazu.<\/p>\n

Ein merk\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adger Anblick bot sich mir, als ich ins Zim\u00admer trat. Auf dem Tisch lag noch das Bild, wie ich es hin\u00adge\u00adlegt hat\u00adte, offen\u00adbar unbe\u00adr\u00fchrt. Mari\u00adas Schrank\u00adt\u00fcr stand offen, Maria sel\u00adber sa\u00df auf dem Bett, noch im Kos\u00adt\u00fcm, an des\u00adsen Auf\u00adschlag v\u00f6l\u00adlig sinn\u00adlo\u00adser Wei\u00adse eine k\u00fcnst\u00adli\u00adche blaue Blu\u00adme befes\u00adtigt war. Das Kos\u00adt\u00fcm h\u00e4t\u00adte ele\u00adgant sein k\u00f6n\u00adnen. Die Blu\u00adme mach\u00adte alles zunich\u00adte. Ich staun\u00adte immer wie\u00adder, auf wel\u00adche alt\u00admo\u00addi\u00adschen, manch\u00admal gera\u00adde\u00adzu gew\u00f6hn\u00adli\u00adchen Gedan\u00adken sie ver\u00adfiel, um ihrem Man\u00adgel an Far\u00adben aufzuhelfen.<\/p>\n

Absurd aber wur\u00adde der Anblick erst dadurch, dass sie das Haar schon auf\u00adge\u00adwi\u00adckelt trug, auf wei\u00ad\u00dfe B\u00e4n\u00adder, die wie ein Kranz ihr Gesicht um Stan\u00adden. Die T\u00e4tig\u00adkeit des Auf\u00adwi\u00adckelns schien sie schon vor einer Wei\u00adle been\u00addet zu haben, denn jetzt rauch\u00adte sie, was ihren Anblick nicht weni\u00adger l\u00e4cher\u00adlich machte.<\/p>\n

Das Ein\u00adzi\u00adge an ihr, was man auf kei\u00adnen Fall h\u00e4t\u00adte komisch nen\u00adnen k\u00f6n\u00adnen, war ihr Gesicht. Ich hat\u00adte sie nie so ernst gesehen.<\/p>\n

Als ich \u201aGuten Abend\u2019 sag\u00adte, dr\u00fcck\u00adte sie ihre Ziga\u00adret\u00adte aus. Mei\u00adnen Gru\u00df erwi\u00adder\u00adte sie erst, nach\u00addem sie mich eine Wel\u00adle unver\u00adwandt gemus\u00adtert hatte.<\/p>\n

Ich setz\u00adte die Kol\u00adleg\u00adta\u00adsche auf das Ende mei\u00adnen Bet\u00adtes. Mei\u00adne Dau\u00adnen\u00adde\u00adcke war, eben\u00adso wie die von Maria, tags\u00ad\u00fcber zu einer Wurst zusam\u00admen\u00adge\u00adrollt, an die Wand gescho\u00adben und \u00fcber das gan\u00adze Bett\u00adge\u00adstell eine Woll\u00adde\u00adcke gebrei\u00adtet, so das es einen eini\u00adger\u00adma\u00ad\u00dfen zul\u00e4ng\u00adli\u00adches Sitz- oder Lie\u00adge\u00adm\u00f6\u00adbel abgab.<\/p>\n

\u201e<\/span>Was ist?\u201d frag\u00adte ich, noch im Ste\u00adhen, denn ich dach\u00adte jetzt an die Brot- und Obst\u00advor\u00adr\u00e4\u00adte, und es kam mir der Gedan\u00adke, ich k\u00f6nn\u00adte mir eigent\u00adlich noch ein Ei in die Pfan\u00adne schla\u00adgen, obwohl das bei der sel\u00adte\u00adnen Zutei\u00adlung von Eiern schon Ver\u00adschwen\u00addung gewe\u00adsen w\u00e4re. Aber ich hat\u00adte das Gef\u00fchl, es sei vor\u00adher etwas zu kl\u00e4\u00adren, und ich k\u00f6n\u00adne mich nicht so mir nichts dir nichts ans Essen machen. \u201aIst was pas\u00adsiert?\u201d frag\u00adte ich nochmal.<\/p>\n

Maria bis sich auf die Lip\u00adpen. Offen\u00adbar wuss\u00adte sie nicht, wel\u00adche Wor\u00adte sie w\u00e4h\u00adlen soll\u00adte, wuss\u00adte viel\u00adleicht \u00fcber\u00adhaupt nicht, ob sie reden sollte.<\/p>\n

\u201e<\/span>Aber war\u00adum sagen Sie denn nichts?\u201d dr\u00e4ng\u00adte ich schlie\u00df\u00adlich. \u201eWas ist denn so furchtbar?\u201d<\/p>\n

Sie schien sich jetzt zu besin\u00adnen, dass es unklug sei, die Sache dra\u00adma\u00adti\u00adscher dar\u00adzu\u00adstel\u00adlen, als sie nor\u00adma\u00adler\u00adwei\u00adse gewe\u00adsen w\u00e4re. \u201eJemand hat in mei\u00adnen Brie\u00adfen gele\u00adsen\u201d, sag\u00adte sie.<\/p>\n

\u201e<\/span>In Ihren Brie\u00adfen?\u201d Ich ver\u00adstand nicht.<\/p>\n

\u201e<\/span>In den Brie\u00adfen, die in mei\u00adnem Schrank lie\u00adgen. Und das Bild, wie kommt das Bild auf den Tisch?\u201d<\/p>\n

Ich lach\u00adte. \u201eWenn Sie sonst kei\u00adne Sor\u00adgen haben, k\u00f6n\u00adnen Sie sich die auch spa\u00adren. Es muss Ihnen her\u00adaus\u00adge\u00adfal\u00adlen sein heu\u00adte fr\u00fch. Ich sah es auf dem Boden lie\u00adgen, und damit nie\u00admand drauf tritt, habe ich es auf\u00adge\u00adho\u00adben. Ich habe mir \u00fcber\u00adlegt, wo ich es hin\u00adtun soll. Ich hat\u00adte es zuerst auf Ihren Nacht\u00adtisch gelegt\u201d, ich lach\u00adte ver\u00adle\u00adgen, dass ich ihr \u2014 mehr oder weni\u00adger wider Wil\u00adlen \u2014 die\u00adsen klei\u00adnen Schn\u00f6r\u00adkel jetzt doch nicht vor\u00adent\u00adhal\u00adten hat\u00adte, \u201daber ich dach\u00adte, es w\u00e4re Ihnen viel\u00adleicht nicht recht, Sie f\u00e4n\u00adden es \u2014 irgend\u00adwie \u2014 unge\u00adzo\u00adgen. In den Schrank woll\u00adte ich es auch nicht legen, denn ich mache nicht gern and\u00adrer Leu\u00adte Schr\u00e4n\u00adke auf. Da habe ich es also auf den Tisch gelegt. Es liegt noch genau\u00adso da, wie ich es hin\u00adge\u00adlegt habe.\u201d<\/p>\n

Etwas Erleich\u00adte\u00adrung sah ich in ihrem Gesicht. \u201eAber die Brie\u00adfe\u201d, sag\u00adte sie rat\u00adlos. Ich merk\u00adte jetzt, dass ich durch die Beich\u00adte mit dem Bild mich auch hin\u00adsicht\u00adlich der Brie\u00adfe ver\u00add\u00e4ch\u00adtig gemacht hat\u00adte. Konn\u00adte es nicht so gewe\u00adsen sein, dass ich das Bild h\u00e4t\u00adte in den Schrank legen wol\u00adlen, dabei die Brie\u00adfe gese\u00adhen h\u00e4t\u00adte, sie gele\u00adsen und dann beschlos\u00adsen, das Bild lie\u00adber doch nicht in den Schrank zu legen, weil sonst die\u00adser Gedan\u00adke so nahe lag? Es ent\u00adging mir nicht, dass Maria erleich\u00adtert schien, weil die Sache sich auf so harm\u00adlo\u00adse Wei\u00adse erkl\u00e4rte.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich bit\u00adte Sie, es ist doch nur eine Lap\u00adpa\u00adlie, eine Kin\u00adde\u00adrei, wenn Sie es nur waren. Mir w\u00e4re ein Stein vom Her\u00adzen. Ich w\u00fcr\u00adde es Ihnen nie\u00admals nach\u00adtra\u00adgen, ich ver\u00adspre\u00adche es Ihnen.\u2019<\/p>\n

Ich sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf. \u201eTut mir leid. Ich lese frem\u00adde Brie\u00adfe nicht. Nicht mal, wenn sie offen her\u00adum\u00adlie\u00adgen. Viel\u00adleicht war es der Dra\u00adchen \u2014 sie schn\u00fcf\u00adfelt doch so gern \u2014 oder die Auf\u00adr\u00e4um\u00ade\u00adfrau. War\u00adum muss es denn unbe\u00addingt jemand so Schreck\u00adli\u00adches sein?\u201d<\/p>\n

Sie sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf, und ihre Stirn run\u00adzel\u00adte sich wie\u00adder. \u201eAber es w\u00e4re so ein merk\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adger Zufall \u2014 die Brie\u00adfe und das Bild \u2014 an einem Tag!\u201d<\/p>\n

Die\u00adser ver\u00adsteck\u00adte Vor\u00adwurf, ich h\u00e4t\u00adte gelo\u00adgen, mach\u00adte mich \u00e4rger\u00adlich. Ich ging zum Schrank und nahm Ser\u00advi\u00adet\u00adte und Ess\u00adwa\u00adren her\u00adaus, um sie auf den Tisch auf\u00adzu\u00adbau\u00aden. \u201eSie brau\u00adchen mir nicht zu glau\u00adben\u201d sag\u00adte ich gereizt. \u201eAber es w\u00e4re bes\u00adser, wenn Sie mir glau\u00adben w\u00fcr\u00adden. Ich den\u00adke nicht dar\u00adan, hier ein Semes\u00adter lang mit Ihnen zu woh\u00adnen, wenn Sie bei der Mei\u00adnung blei\u00adben, dass ich frem\u00adde Brie\u00adfe lese und Sie noch dazu bel\u00fc\u00adge. Ich habe sehr gut bemerkt, dass Sie froh w\u00e4ren, wenn ich\u2019s gewe\u00adsen w\u00e4re. Ich wei\u00df nicht, wie\u00adso. Es ist mir auch egal. Aber ich kann Ihnen nichts vor\u00adl\u00fc\u00adgen, nur um Sie zu tr\u00f6s\u00adten. Das ist zu viel verlangt \u2014 \u201d<\/p>\n

Ich hat\u00adte mir ein Brot gestri\u00adchen und a\u00df dazu einen Apfel. Das Ver\u00adlan\u00adgen nach einem Ei war mir ver\u00adgan\u00adgen. Ich sah nicht, wie wir bei\u00adde aus die\u00adser Zwick\u00adm\u00fch\u00adle her\u00adaus\u00adkom\u00admen soll\u00adten. Zwar war es rich\u00adtig, dass ich unter die\u00adsen Umst\u00e4n\u00adden kei\u00adne Lust mehr hat\u00adte, hier woh\u00adnen zu blei\u00adben. Aber eine ganz ande\u00adre Fra\u00adge war, wo man so schnell ein Zim\u00admer fin\u00adden sollte.<\/p>\n

Ich stand auf, um mir noch die Wurst aus dem Schrank zu holen. Als ich mich wie\u00adder hin\u00adset\u00adzen woll\u00adte, streif\u00adte ich Maria mit einem Blick. Da sah ich etwas Erstaun\u00adli\u00adches: sie wein\u00adte! Ich stell\u00adte den Wurst\u00adtel\u00adler auf den Tisch und ging zu ihr hin\u00ad\u00fcber. Was ich nie vor\u00adher getan hat\u00adte \u2014 ich setz\u00adte mich neben sie aufs Bett und leg\u00adte den Arm um sie.<\/p>\n

\u201e<\/span>H\u00f6ren Sie auf zu wei\u00adnen, Maria. Ich war\u2019s nicht, ich w\u00fcr\u00adde es Ihnen ger\u00adne sagen, wenn\u2019s so w\u00e4re. Aber ich war\u2019s wirk\u00adlich nicht. Viel\u00adleicht k\u00f6n\u00adnen wir zusam\u00admen her\u00adaus\u00adkrie\u00adgen, wer es war.\u201d<\/p>\n

Wir konn\u00adten es nicht her\u00adaus\u00adkrie\u00adgen. Wir konn\u00adten es nicht ein\u00admal ahnen. Ich sel\u00adber erfuhr es erst viel sp\u00e4\u00adter, als alles vor\u00adbei war. Aber h\u00e4t\u00adten wir es damals gewusst, es h\u00e4t\u00adte uns nicht fro\u00adher gemacht und h\u00e4t\u00adte nichts mehr hin\u00addern k\u00f6nnen.<\/p>\n

Erst im hal\u00adben Schlaf kam mir noch ein\u00admal der Gedan\u00adke an Felix Erlach. Den gan\u00adzen Tag lang hat\u00adte ich nicht mehr an ihn gedacht. Ob er mich auch so sehr ver\u00adges\u00adsen hat\u00adte wie ich ihn? Ein hel\u00adler Aus\u00adblick war jetzt der Gedan\u00adke, ihn wie\u00adder zu sehen, eine z\u00e4rt\u00adli\u00adche Zuver\u00adsicht lag darin.<\/p>\n

Die Gei\u00adge schwieg heu\u00adte nacht. Ein war\u00admer Wind hat\u00adte sich auf\u00adge\u00admacht in den Stra\u00ad\u00dfen und beweg\u00adte die Fens\u00adter, die lei\u00adse klirr\u00adten. Ich stand noch ein\u00admal auf, um sie fest\u00adzu\u00adha\u00adken. Es roch nach Fr\u00fchling.<\/p>\n

Das Gedicht fiel mir ein, die gan\u00adze ers\u00adte Stro\u00adphe war pl\u00f6tz\u00adlich da.<\/p>\n

\u201e<\/span>Schon steigt der Saft aus jener Allgemeinheit,
\ndie dun\u00adkel in den Wur\u00adzeln sich erneut,
\nzur\u00fcck ans Licht und speist die gr\u00fc\u00adne Reinheit,
\ndie unter Rin\u00adden noch die Win\u00adde scheut.\u201d<\/p><\/blockquote>\n

Ein lan\u00adger Satz, ein umst\u00e4nd\u00adli\u00adcher Satz, voll\u00adge\u00adpackt und nichts\u00adsa\u00adgend eigent\u00adlich \u2014 aber das d\u00fcrf\u00adte man viel\u00adleicht nicht sagen, schlie\u00df\u00adlich war es Ril\u00adke. Rin\u00adden \u2014 Win\u00adde \u2014 eine Art Bin\u00adnen\u00adreim im letz\u00adten Satz. All\u00adge\u00admein\u00adheit \u2014 Rein\u00adheit \u2014 ver\u00adschwom\u00adme\u00adne Wor\u00adte, man konn\u00adte sich nichts dar\u00adun\u00adter vor\u00adstel\u00adlen. Na ja, man m\u00fcss\u00adte es etwas mil\u00adder aus\u00addr\u00fc\u00adcken, was wie\u00adder bedeu\u00adten w\u00fcr\u00adde, dass es etwas mehr Platz einnimmt.<\/p>\n

Soll\u00adte ich es noch auf\u00adschrei\u00adben? Ach nein, es w\u00fcr\u00adde mir schon mor\u00adgen wie\u00adder ein\u00adfal\u00adlen. Zuver\u00adsicht\u00adli\u00adcher gewor\u00adden, wickel\u00adte ich mich in mei\u00adne Dau\u00adnen\u00adde\u00adcke. Eine gan\u00adze Wei\u00adle lag ich noch wach. Zwei Zei\u00adlen\u00adpaa\u00adre als Gegen\u00ads\u00e4t\u00adze, das Zwei\u00adte aber ent\u00adsprin\u00adgend aus dem ers\u00adten und \u2014 sozu\u00adsa\u00adgen \u2014 gen\u00e4hrt vom ers\u00adten. Da w\u00fcr\u00adde mir schon was ein\u00adfal\u00adlen. Aller\u00addings, zehn Seiten?<\/p>\n

Maria schlief jetzt ruhig. Auch ich war ein\u00adge\u00adschla\u00adfen, als ein Schrei mich auf\u00adschreck\u00adte. Maria war hoch\u00adge\u00adfah\u00adren. \u201eNicht doch, G\u00f6tz! Sie bren\u00adnen dich!\u201d<\/p>\n

Ich erschrak, lag still, hielt den Atem an. Sie durf\u00adte nicht wis\u00adsen, dass ich wach war. Mein Herz klopf\u00adte zum Zer\u00adsprin\u00adgen. aber viel\u00adleicht wuss\u00adte sie sel\u00adber nicht, was sie gesagt hat\u00adte. Nach einer Wei\u00adle h\u00f6r\u00adte ich, wie sie nach dem R\u00f6hr\u00adchen griff, das auf ihrem Nacht\u00adtisch lag. Sie nahm Schlaf\u00adta\u00adblet\u00adten. Ich war\u00adte\u00adte, dass sie auf\u00adste\u00adhen w\u00fcr\u00adde, um ein Glas Was\u00adser zu holen. Dann k\u00f6nn\u00adte ich mich r\u00fch\u00adren, Atem holen, aber sie stand nicht auf. Sie schluck\u00adte die Tablet\u00adten ohne Was\u00adser. Dann wur\u00adde es wie\u00adder still im Zim\u00admer. Aber die Stil\u00adle war vol\u00adler Angst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

Vor\u00adle\u00adsun\u00adgen und Semi\u00adna\u00adre hat\u00adten inzwi\u00adschen ange\u00adfan\u00adgen. Aus den engen und beschr\u00e4nk\u00adten R\u00e4um\u00adlich\u00adkei\u00adten des Stu\u00adden\u00adten\u00adwerks hat\u00adten wir, ver\u00adse\u00adhen mit allen not\u00adwen\u00addi\u00adgen Stem\u00adpeln und Beschei\u00adni\u00adgun\u00adgen, die Alma Mater betre\u00adten. Mit die\u00adsem Schritt tat sich auch der Glanz der Stadt vor mir auf, eine ver\u00adh\u00fcll\u00adte, von Nebeln durch\u00adfeuch\u00adte\u00adte Herr\u00adlich\u00adkeit von Kir\u00adchen und Kl\u00f6s\u00adtern, von Palais\u2019 und figu\u00adren\u00adge\u00adschm\u00fcck\u00adten Por\u00adta\u00adlen. \u2026 Die Geis\u00adter der Mol\u00addau \u2014 Kapi\u00adtel 2 Pra\u00adger Tag<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1385","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-prag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1385","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1385"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1385\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1406,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1385\/revisions\/1406"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1385"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1385"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1385"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}