define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true);{"id":1530,"date":"2017-06-10T23:01:41","date_gmt":"2017-06-10T21:01:41","guid":{"rendered":"https:\/\/stefan-soyka.de\/?p=1530"},"modified":"2017-07-31T15:22:11","modified_gmt":"2017-07-31T13:22:11","slug":"geister-der-moldau-kapitel-4-licht-und-schatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stefan-soyka.de\/?p=1530","title":{"rendered":"Geister der Moldau \u2014 Kapitel 4 Licht und Schatten"},"content":{"rendered":"

Der n\u00e4chs\u00adte Mor\u00adgen lie\u00df sich freund\u00adlich an. Maria lag noch m\u00fc\u00dfig in Bett, w\u00e4h\u00adrend ich mich fer\u00adtig\u00admach\u00adte. Mit unver\u00adbind\u00adli\u00adchen Wor\u00adten rede\u00adten wir \u00fcber das am Abend Gesag\u00adte hin\u00adweg. Mir sel\u00adber schien es fast wie aus\u00adge\u00adtilgt, wie ein Spuk der Nacht. Vage erhob sich in mir die Hoff\u00adnung, auch Maria k\u00f6nn\u00adte ihre \u00dcber\u00adei\u00adlung bereu\u00aden, das Zuge\u00adsag\u00adte zur\u00fcck\u00adneh\u00admen und den gest\u00adri\u00adgen Tag aus\u00adl\u00f6\u00adschen. Als ich, mit die\u00adser Hoff\u00adnung, allein die Trep\u00adpe hin\u00adun\u00adter\u00adging, n\u00e4hr\u00adte ich sie, heg\u00adte sie und spann sie aus, bis sie mir zur Gewiss\u00adheit gewor\u00adden war.<\/p>\n

Ich betrog mich selbst, denn nur so konn\u00adte ich nur unbe\u00adschwert fort\u00adge\u00adhen, jetzt, in die\u00adsem Sta\u00addi\u00adum des Anfangs und der Unent\u00adschie\u00adden\u00adheit \u2014 \u201ePrin\u00adci\u00adpi\u00adis obs\u00adta!\u201d muss\u00adte ich den\u00adken \u2014 wenn ich mich mit die\u00adser Hoff\u00adnung, die\u00adser Gewiss\u00adheit tr\u00f6s\u00adte\u00adte. Sonst h\u00e4t\u00adte ich blei\u00adben m\u00fcs\u00adsen, sogar auf die Gefahr hin, eine Vor\u00adle\u00adsung zu ver\u00ads\u00e4u\u00admen, h\u00e4t\u00adte reden und argu\u00admen\u00adtie\u00adren und k\u00e4mp\u00adfen m\u00fcs\u00adsen. Viel\u00adleicht h\u00e4t\u00adte ich alles noch abwen\u00adden und umbie\u00adgen k\u00f6n\u00adnen, w\u00e4re ich an die\u00adsem Mor\u00adgen nicht so leicht\u00adher\u00adzig die Trep\u00adpen hin\u00adun\u00adter\u00adge\u00adsprun\u00adgen, immer zwei Stu\u00adfen auf ein\u00admal, dazu ein Lied sum\u00admend, das ich eben im Nach\u00adbar\u00adzim\u00admer hat\u00adte sin\u00adgen h\u00f6ren, in mei\u00adnem Innern bas\u00adtelnd an der durch\u00adaus unge\u00adwis\u00adsen Hoff\u00adnung, dass Maria schon das Kl\u00fc\u00adge\u00adre tun werde.<\/p>\n

Ich dach\u00adte nicht dar\u00adan, dass man Klug\u00adheit in die\u00adsem Augen\u00adblick nicht von ihr erwar\u00adten durf\u00adte, dass es mei\u00adne Sache h\u00e4t\u00adte sein sol\u00adlen, sie von einem Feh\u00adler abzu\u00adhal\u00adten. Aber dann wie\u00adder sag\u00adte ich mir, dass hier ja ganz ande\u00adres am Werk war, als ich dach\u00adte und wuss\u00adte, und dass ich am Ende doch nichts h\u00e4t\u00adte aus\u00adrich\u00adten k\u00f6n\u00adnen, auch wenn ich dage\u00adblie\u00adben w\u00e4re und all mei\u00adne \u00dcber\u00adre\u00addungs\u00adk\u00fcns\u00adte auf\u00adge\u00adwen\u00addet h\u00e4tte \u2026<\/p>\n

Ich h\u00f6r\u00adte mei\u00adne Vor\u00adle\u00adsung im Zei\u00adtungs\u00adwis\u00adsen\u00adschaft\u00adli\u00adchen Insti\u00adtut am Obst\u00admarkt. Dann sa\u00df ich wie\u00adder \u00fcber mein Gedicht gebeugt. Die gan\u00adze Stadt drau\u00ad\u00dfen hat\u00adte sich zum Fr\u00fch\u00adling ent\u00adschlos\u00adsen. aber nur wenig drang davon in die Moder\u00adluft der Institutsr\u00e4ume.<\/p>\n

Die Innen\u00adsei\u00adte der Natur belebt sich,
\nver\u00adheim\u00adli\u00adchend ein neu\u00ades Freuet-Euch.<\/p><\/blockquote>\n

Ganz ver\u00adn\u00fcnf\u00adtig konn\u00adte ich jetzt wie\u00adder \u00fcber die Zei\u00adlen r\u00e4so\u00adnie\u00adren. Es fiel mir jetzt auch ein, dass das alles ja nicht das war, was ich an Tage vor\u00adher gese\u00adhen hat\u00adte. Nichts war gesagt von den Bil\u00addern des Fr\u00fch\u00adlings. Der Dich\u00adter schl\u00fcpf\u00adte ja ins Inne\u00adre von Baum und Busch und Erde, ver\u00adschwand im Unsicht\u00adba\u00adren und Abs\u00adtrak\u00adten. Oh ja, das war eine gute Idee. Ich pr\u00fcf\u00adte sie nach, bau\u00adte sie aus, bewies sie, kne\u00adte\u00adte dar\u00adan her\u00adum, bis sie tat\u00ads\u00e4ch\u00adlich mehr als eine gan\u00adze Sei\u00adte bedeckte.<\/p>\n

Dann mach\u00adte ich mich dar\u00adan, die Anspie\u00adlung auf Weih\u00adnach\u00adten, das ana\u00adchro\u00adnis\u00adti\u00adsche \u201eFreu\u00adet-Euch\u201d zu zer\u00adpfl\u00fc\u00adcken, das ich, im Aner\u00adzo\u00adge\u00adnen ver\u00adhar\u00adrend, absurd und respekt\u00adlos fin\u00adden muss\u00adte. Das brach\u00adte mich auf den Gedan\u00adken, dass Ril\u00adke auch man\u00adches dem Reim zulie\u00adbe getan haben k\u00f6nn\u00adte. Ja, durch\u00adaus, hier schien es, als h\u00e4t\u00adte sich etwas auf Gestr\u00e4uch rei\u00admen sol\u00adlen, und was reimt sich schon auf Gestr\u00e4uch? Zwar folg\u00adte \u201eGestr\u00e4uch\u201d erst zwei Zei\u00adlen sp\u00e4\u00adter, aber was besag\u00adte das schon? Der Dich\u00adter w\u00fcr\u00adde ja wohl sein Gedicht nicht der Rei\u00adhe nach her\u00adsa\u00adgen wie ein Schulkind.<\/p>\n

Ich fand Spa\u00df an der Sache. Der Gedan\u00adke mit den Rei\u00admen gab zwar nicht viel her, da die ande\u00adren Rei\u00adme all\u00adt\u00e4g\u00adlich waren. Aber als es zw\u00f6lf schlug, war ich zufrie\u00adden mit mir und steck\u00adte das Bl\u00e4tt\u00adchen in die Tasche. Im Haus\u00adflur dr\u00fcck\u00adte ich auf die Klin\u00adgel f\u00fcr das Musik\u00adwis\u00adsen\u00adschaft\u00adli\u00adche Insti\u00adtut: lang-kurz-lang-kurz. F\u00fcr einen Augen\u00adblick lang kam es mir unrecht vor, dass ich Lin\u00addes Mor\u00adse\u00adzei\u00adchen benutz\u00adte und mich damit fast f\u00fcr sie ausgab.<\/p>\n

Als Hart\u00admut her\u00adaus\u00adkam, war er aller\u00addings erstaunt, nur mich zu fin\u00adden und nicht Lin\u00adde, aber er war nicht ver\u00adstimmt, und so mach\u00adte ich mir wei\u00adter nichts draus. Wir ent\u00adschie\u00adden uns f\u00fcr die Vege\u00adtar\u00adna in der Zelt\u00adner\u00adgas\u00adse und gin\u00adgen eine Wei\u00adle schwei\u00adgend. Dann sag\u00adte Hartmuth:<\/p>\n

\u201e<\/span>Der Wig\u00adgert hat eine neue Flamme.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich wei\u00df\u201d, sag\u00adte ich, besch\u00e4mt, weil ich die\u00adsen Schre\u00adcken schon fast ver\u00adges\u00adsen hat\u00adte. \u201eIch habe sie zusam\u00admen gesehen.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich auch\u201d, erwi\u00adder\u00adte Hart\u00admuth. \u201eUnd Lin\u00adde auch. Er hat sie uns vor\u00adge\u00adstellt. \u201aDa habt ihr die Frau mei\u00adnes Lebens\u2019, hat er gesagt \u2014 so ein sen\u00adti\u00admen\u00adta\u00adler Quatsch! Muss\u00adte er das sagen \u2014 vor Linde?\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich f\u00fcrch\u00adte, er hat\u00adte kei\u00adne Ahnung, was er sag\u00adte\u201d, erwi\u00adder\u00adte ich. \u201eIch glaub\u2019, er hat kei\u00adne Ahnung, was das der Lin\u00adde bedeutet.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Aber sie hat Lin\u00adde ange\u00adschaut, als w\u00e4r\u2019 die sowas wie eine abge\u00adleg\u00adte Gelieb\u00adte. Ich glau\u00adbe, die Lin\u00adde hat noch kei\u00adnen Bis\u00adsen geges\u00adsen seit\u00addem! Das war gestern!\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Wir soll\u00adten sie abho\u00adlen, unbedingt!\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Nein, lass nur. Sie muss damit fer\u00adtig wer\u00adden, allein. Reden hat kei\u00adnen Sinn.\u201d<\/p>\n

Wir kamen zur Vege\u00adtar\u00adna und stie\u00adgen die Trep\u00adpen hin\u00adauf. Am Fens\u00adter war ein Tisch frei. Wir lasen die Spei\u00adse\u00adkar\u00adte, w\u00e4hl\u00adten und bestell\u00adten. Dann war es lan\u00adge still. Pl\u00f6tz\u00adlich sag\u00adte Hartmuth:<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich fra\u00adge mich manch\u00admal, ob in ande\u00adren St\u00e4d\u00adten die Din\u00adge anders lau\u00adfen und anders aus\u00adge\u00adhen als hier. Die Stadt ist so m\u00e4ch\u00adtig, sie l\u00e4sst nur zu, was ihr gem\u00e4\u00df ist. Als ob man nur sie lie\u00adben d\u00fcrf\u00adte, als ob sie alle ande\u00adre Lie\u00adbe mit Eifer\u00adsucht verfolgte -\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Und ist die Stadt nicht eine sol\u00adche Lie\u00adbe wert?\u201d frag\u00adte ich.<\/p>\n

Er hob das Gesicht aus den H\u00e4n\u00adden und ver\u00adschr\u00e4nk\u00adte sie vor dem Munde.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ja\u201d, sag\u00adte er, \u201edoch \u2014 viel\u00adleicht. Ich habe es mir nie \u00fcber\u00adlegt. Nur, alt d\u00fcrf\u00adte man hier nicht werden.\u201d<\/p>\n

Die Ser\u00advie\u00adre\u00adrin brach\u00adte die Duka\u00adten\u00adbuch\u00adteln in der sah\u00adne\u00adgel\u00adben Vanil\u00adle\u00adsauce, und wir sta\u00adchen mit der Gabel in das knusp\u00adri\u00adge Geb\u00e4ck.<\/p>\n

Als ich am andern Mor\u00adgen auf\u00adwach\u00adte, war Maria schon im Gehen. Ich lag still und hielt die Augen geschlos\u00adsen, bewusst, dass ich mich ver\u00adstell\u00adte, bewusst, dass ich etwas fra\u00adgen, etwas sagen soll\u00adte, denn wir hat\u00adten uns auch am Abend vor\u00adher nicht mehr gespro\u00adchen. Aber ich schwieg und blieb lie\u00adgen wie im Schlaf, blieb auch eine Wei\u00adle noch so, als sie schon gegan\u00adgen war, war\u00adtend, ob sie etwa noch ein\u00admal zur\u00fcck\u00adk\u00e4\u00adme, weil sie etwas ver\u00adges\u00adsen hat\u00adte, wie es manch\u00admal vorkam.<\/p>\n

Der Gedan\u00adke war mir ent\u00adsetz\u00adlich, dass sie ging, um den Pocken\u00adnar\u00adbi\u00adgen zu tref\u00adfen, als Bu\u00dfe daf\u00fcr, dass sie ihren Mann nicht lie\u00adben konn\u00adte. Aber wie soll\u00adte ich mit Wor\u00adten etwas dar\u00adan \u00e4ndern? Es war mir zu fremd, ich schob es weg und ver\u00adsuch\u00adte zu vergessen.<\/p>\n

Im Wasch\u00adraum stand wie\u00adder, das Haar \u00fcber den lan\u00adgen R\u00fccken hoch\u00adge\u00adt\u00fcrmt, Ellen Brand beim Waschen. Rich\u00adtig, wir gin\u00adgen ja in die glei\u00adche Vor\u00adle\u00adsung, muss\u00adten zur glei\u00adchen Zeit uns fer\u00adtig\u00adma\u00adchen. Aber sie war heu\u00adte nicht gespr\u00e4\u00adchig, beeil\u00adte sich auch unge\u00adw\u00f6hn\u00adlich, so schien es mir. Ich mei\u00adner\u00adseits a\u00df nur im Ste\u00adhen ein Brot, um eine Bahn fr\u00fc\u00adher zu errei\u00adchen, mit der sie nicht fah\u00adren w\u00fcr\u00adde. Wie ich schon anfing, andern aus dem Wege zu gehen \u2014 es wun\u00adder\u00adte mich sel\u00adber. Aber es schien mir, ich d\u00fcrf\u00adte mich nicht in zu vie\u00adle frem\u00adde Krei\u00adse fan\u00adgen las\u00adsen, wenn ich \u00fcber\u00adhaupt zu mir sel\u00adber kom\u00admen wollte.<\/p>\n

Als ich im vor\u00adde\u00adren Wagen mei\u00adner Bahn stand, sah ich, wie auch Ellen Brand noch in letz\u00adter Sekun\u00adde auf die hin\u00adte\u00adre Platt\u00adform sprang. Es sah ja aus, als h\u00e4t\u00adte auch sie mir aus dem Wege gehen wol\u00adlen. Einen Augen\u00adblick lang \u00fcber\u00adleg\u00adte ich, was daf\u00fcr wohl der Grund sein k\u00f6n\u00adne, aber dann dach\u00adte ich der Sache nicht wei\u00adter nach, son\u00addern genoss wie\u00adder, wie jeden Mor\u00adgen, die sau\u00adsen\u00adde Fahrt tal\u00adw\u00e4rts durch die Schlucht von Miets\u00adh\u00e4u\u00adsern, die dann pl\u00f6tz\u00adlich zur\u00fcck\u00adwich und sich aus\u00adwei\u00adte\u00adte zum Karls\u00adplatz, Vor\u00adbo\u00adte der eigent\u00adli\u00adchen und wirk\u00adli\u00adchen Stadt, die sich zu bei\u00adden Sei\u00adten der Bahn ausbreitete.<\/p>\n

Der Platz war \u00fcber Nacht ergr\u00fcnt und leben\u00addig gewor\u00adden. An B\u00fcschen und B\u00e4u\u00admen fal\u00adte\u00adte sich\u2019s auf, dehn\u00adte sich aus in die Wei\u00adte und Brei\u00adte und spann hin und her, nach r\u00fcck\u00adw\u00e4rts und vor\u00adw\u00e4rts, sein gr\u00fc\u00adnes Gespinst zwi\u00adschen Rat\u00adhaus und Denk\u00adm\u00e4\u00adlern und dem baro\u00adcken S\u00e4u\u00adlen\u00adpor\u00adtal der Igna\u00adti\u00adus\u00adkir\u00adche. Leben \u00fcber\u00adwu\u00adcher\u00adte die\u00adses rie\u00adsi\u00adge Geviert toter Sehens\u00adw\u00fcr\u00addig\u00adkei\u00adten. Hier und da bl\u00fch\u00adte es auch schon mit\u00adten im Gr\u00fcnen.<\/p>\n

Ich beug\u00adte mich aus der offe\u00adnen T\u00fcr, eben da die Bahn wie\u00adder anfuhr. Es roch nicht nach Fr\u00fch\u00adling, merk\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adger\u00adwei\u00adse, son\u00addern nach Rauch. Aber noch merk\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adger war, dass auch in die\u00adsem Geruch von Holz\u00adfeu\u00ader der Fr\u00fch\u00adling war, nicht s\u00fc\u00df und doch lockend, nicht ein\u00adschmei\u00adchelnd und doch ver\u00adf\u00fch\u00adre\u00adrisch. Herb, kr\u00e4f\u00adtig, fast bit\u00adter str\u00f6m\u00adte es her \u00fcber den Platz; aus vie\u00adlen Fer\u00adnen schien es her\u00adzu\u00adkom\u00admen, weit in vie\u00adle Fer\u00adnen hinauszurufen.<\/p>\n

Die Bahn hat\u00adte ihre brau\u00adsen\u00adde Tal\u00adfahrt wie\u00adder auf\u00adge\u00adnom\u00admen, sie riss uns alle vor\u00adw\u00e4rts und nach unten. Ich stand neben dem Fah\u00adrer und sah ihn pl\u00f6tz\u00adlich has\u00adtig han\u00adtie\u00adren. Ein Schreck durch\u00adzuck\u00adte mich: es war offen\u00adsicht\u00adlich, dass er die Gewalt \u00fcber die Brem\u00adsen ver\u00adlo\u00adren hat\u00adte. Da unten, am Ende der Stre\u00adcke, floss breit und gelas\u00adsen die Mol\u00addau. Wenn es ihm nicht gelang, den Wagen in der Kur\u00adve her\u00adum\u00adzu\u00adrei\u00ad\u00dfen, w\u00fcr\u00adde das leich\u00adte Gel\u00e4n\u00adder kein Hin\u00adder\u00adnis sein und der Zug w\u00fcr\u00adde mit allen sei\u00adnen Fahr\u00adg\u00e4s\u00adten in den Fluss st\u00fcr\u00adzen. \u2014 Ich wag\u00adte nicht, dem Fah\u00adrer ins Gesicht zu sehen; wie gebannt starr\u00adte ich nur vor\u00adaus in die Tie\u00adfe, in die es uns vor\u00adw\u00e4rts und hin\u00adab\u00adriss mit der Gewalt von Eisen und Stahl. Ent\u00adset\u00adzen schn\u00fcr\u00adte mir die Keh\u00adle zu, ich fass\u00adte nach dem Griff der T\u00fcr.<\/p>\n

Die Kur\u00adve kam rasend schnell her\u00adan; es riss den Wagen zur Sei\u00adte, dass ich glaub\u00adte, er m\u00fcs\u00adse aus den Schie\u00adnen sprin\u00adgen, aber die Wei\u00adche hielt, lei\u00adte\u00adte ihn im Bogen hin\u00adein in sei\u00adne vor\u00adge\u00adse\u00adhe\u00adne Bahn.<\/p>\n

Erst jetzt wag\u00adte ich, dem Fah\u00adrer ins Gesicht zu sehen. Schwei\u00df rann an den Schl\u00e4\u00adfen her\u00adun\u00adter durch die tie\u00adfen Fur\u00adchen in der grau\u00aden Haut. Wir waren allein auf dem Perron.<\/p>\n

Er mur\u00admel\u00adte ein paar tsche\u00adchi\u00adsche Wor\u00adte ohne mich anzu\u00adse\u00adhen, aber ich ver\u00adstand sie nicht. Erst an der n\u00e4chs\u00adten Hal\u00adte\u00adstel\u00adle, am Natio\u00adnal\u00adthea\u00adter, zog er sein Taschen\u00adtuch und wisch\u00adte den Schwei\u00df von der Stirn. Mit \u00e4ngst\u00adli\u00adchem L\u00e4cheln sah er end\u00adlich zu mir her. Ich l\u00e4chel\u00adte auch.<\/p>\n

\u201e<\/span>Wir haben Gl\u00fcck gehabt\u201d, sag\u00adte ich. Obwohl ich nicht wuss\u00adte, ob er mei\u00adne Wor\u00adte ver\u00adstand, war ich doch sicher, dass er wuss\u00adte, was ich mein\u00adte. Das L\u00e4cheln erlosch jetzt auf sei\u00adnem Gesicht, er beweg\u00adte die Lip\u00adpen, als habe er etwas Wich\u00adti\u00adges zu sagen, aber dann l\u00e4u\u00adte\u00adte es von hin\u00adten aus dem Wagen, der Poli\u00adzist wink\u00adte von der Kreu\u00adzung vorn, und der Wagen setz\u00adte sich wie\u00adder in Bewe\u00adgung. An der Mol\u00addau\u00adl\u00e4n\u00adde hin glitt er jetzt, vor\u00adbei an den hohen spie\u00adgeln\u00adden Schei\u00adben der Kavar\u00adnas, hin\u00adter denen man M\u00fc\u00dfig\u00adg\u00e4n\u00adger im Ses\u00adsel leh\u00adnen sah bei Kaf\u00adfee und Zei\u00adtung \u2014 f\u00fcr sie w\u00e4re es nur eine Notiz im loka\u00adlen Teil gewe\u00adsen, viel\u00adleicht auch zwei\u00adspal\u00adtig auf\u00adge\u00admacht oder h\u00f6chs\u00adtens drei\u00adspal\u00adtig, je nach\u00addem, wie vie\u00adle Men\u00adschen dabei zu Tode gekom\u00admen w\u00e4ren. Aber mir, die es in Angst durch\u00adlebt hat\u00adte, schien es, als ver\u00adber\u00adge sich hin\u00adter die\u00adsem Vor\u00adkomm\u00adnis etwas Gr\u00f6\u00ad\u00dfe\u00adres, All\u00adge\u00admei\u00adne\u00adres, das ich noch nicht erkannt hat\u00adte. Mit Maria hat\u00adte es zu tun und ihrem Schrei in der Nacht, mit dem, was sie mir auf dem Jahr\u00admarkt gesagt hat\u00adte und was mir doch immer hin\u00adter hal\u00adben Wor\u00adten ver\u00adbor\u00adgen geblie\u00adben war.<\/p>\n

Ich sah die Lin\u00adden gr\u00fc\u00adnen drau\u00ad\u00dfen am Mol\u00addau\u00adufer, sah die Tul\u00adpen\u00adbee\u00adte in den Anla\u00adgen flam\u00admen wie Feu\u00ader, sah Burg und Dom auf\u00adstei\u00adgen hoch \u00fcber den Strom. Aber das alles war nur \u00e4u\u00dfer\u00adlich. Was geschah wirk\u00adlich, das viel wich\u00adti\u00adger war und doch vor unse\u00adren Augen noch ver\u00adbor\u00adgen war? Ich h\u00e4t\u00adte alle Men\u00adschen danach fra\u00adgen m\u00f6gen, und doch schreck\u00adte ich im Inners\u00adten davor zur\u00fcck, wie die Leu\u00adte im Wagen bei der rasen\u00adden Fahrt sich vor der Gefahr ver\u00adbor\u00adgen, sich zuge\u00adre\u00addet hat\u00adten, es gehe alles mit rech\u00adten Din\u00adgen zu, die\u00adse Leu\u00adte, die jetzt leb\u00adten und wei\u00adter\u00adle\u00adben w\u00fcr\u00adden, ohne zu wis\u00adsen, dass sie ihr Leben nur einem gl\u00fcck\u00adli\u00adchen Zufall verdankten.<\/p>\n

Ganz gegen mei\u00adne Gewohn\u00adheit sa\u00df ich heu\u00adte viel zu fr\u00fch auf mei\u00adnem Platz im H\u00f6r\u00adsaal drei und zeich\u00adne\u00adte gedan\u00adken\u00adlos Blu\u00admen und Schn\u00f6r\u00adkel auf ein lee\u00adres Blatt, w\u00e4h\u00adrend der Saal sich f\u00fcll\u00adte. Der Platz drei B\u00e4n\u00adke vor mir, wei\u00adter links dr\u00fc\u00adben, blieb vor\u00adl\u00e4u\u00adfig leer.<\/p>\n

Es ereig\u00adne\u00adte sich aber an die\u00adsem Tage wie\u00adder wie am Frei\u00adtag vor\u00adher, dass Felix Erlach mit einem nicht gerin\u00adgen Auf\u00adwand an Ger\u00e4u\u00adschen den H\u00f6r\u00adsaal drei erst betrat, als Pro\u00adfes\u00adsor Mal\u00adon sich schon von sei\u00adnem Ein\u00adf\u00fch\u00adrungs\u00adsatz davon\u00adtra\u00adgen lie\u00df wie von einem wohl\u00adge\u00adf\u00e4l\u00adli\u00adgen Gew\u00e4s\u00adser. Um genau zu sein, es ereig\u00adne\u00adte sich von da an jeden Diens\u00adtag und Frei\u00adtag mit der gr\u00f6\u00df\u00adten Regel\u00adm\u00e4\u00ad\u00dfig\u00adkeit und nur mit einer ein\u00adzi\u00adgen Aus\u00adnah\u00adme, dass Felix Erlach in lie\u00adbens\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adgem Eifer \u2014 man h\u00e4t\u00adte auch sagen k\u00f6n\u00adnen, mit sanf\u00adter, aber ent\u00adschie\u00adde\u00adner Auf\u00ads\u00e4s\u00adsig\u00adkeit \u2014 hin\u00adten ums Geviert der B\u00e4n\u00adke her\u00adum\u00admar\u00adschier\u00adte, wobei die Fu\u00df\u00adbo\u00adden\u00adbret\u00adter nie\u00admals ver\u00ads\u00e4um\u00adten, zu die\u00adsem Gan\u00adge alle Schat\u00adtie\u00adrun\u00adgen von Gekreisch und Geknarr bei\u00adzu\u00adsteu\u00adern, die schlecht und lose sit\u00adzen\u00adden Bret\u00adtern von Natur aus eigen sind.<\/p>\n

Ich hat\u00adte Gele\u00adgen\u00adheit, dies genau zu beob\u00adach\u00adten, denn nur zwei\u00admal ver\u00ads\u00e4um\u00adte ich die\u00adsen melo\u00addra\u00adma\u00adti\u00adschen Auf\u00adtritt, und nur ein\u00admal zoll\u00adte ich ihm nicht die geb\u00fch\u00adren\u00adde Aufmerksamkeit.<\/p>\n

Ganz anders Pro\u00adfes\u00adsor Mal\u00adon. Weder ver\u00ads\u00e4um\u00adte er den Auf\u00adtritt jemals, noch lie\u00df er es jemals an Auf\u00admerk\u00adsam\u00adkeit daf\u00fcr feh\u00adlen, genau\u00ader gesagt, an einer unver\u00adkenn\u00adba\u00adren Miss\u00adbil\u00adli\u00adgung, die sich immer wei\u00adter stei\u00adger\u00adte, bis sie ihr pl\u00f6tz\u00adli\u00adches Ende fand.<\/p>\n

Dies moch\u00adte umso st\u00e4r\u00adker der Fall sein, weil sein Sch\u00fc\u00adler und J\u00fcn\u00adger trotz des l\u00f6b\u00adli\u00adchen Eifers, mit dem er sich jedes mal ein\u00adfand \u2014 in mehr als letz\u00adter Minu\u00adte \u2014 es doch an Respekt vor der Phi\u00adlo\u00adso\u00adphie, der Kro\u00adne der Wis\u00adsen\u00adschaf\u00adten, emp\u00adfind\u00adlich feh\u00adlen lie\u00df. Mal\u00adon, der von sei\u00adnem Pult in den Saal sah, konn\u00adte als Ein\u00adzi\u00adger beob\u00adach\u00adten, dass die St\u00f6\u00adrung mit dem ein\u00addrucks\u00advol\u00adlen Auf\u00adtritt und Umgang, ja, selbst mit dem Vor\u00adbei\u00adzw\u00e4n\u00adgen an meh\u00adre\u00adren unwil\u00adli\u00adgen Kom\u00admi\u00adli\u00adto\u00adnen noch kei\u00adnes\u00adwegs ein Ende, son\u00addern im Gegen\u00adteil, erst ihren Anfang nahm.<\/p>\n

Denn ehe der Schul\u00addi\u00adge, aber durch\u00adaus nicht Schuld\u00adbe\u00adwuss\u00adte, sich setz\u00adte, die B\u00fcgel\u00adfal\u00adte sei\u00adner Hose hoch\u00adzup\u00adfend, wand\u00adte er sich jedes mal nach rechts, drei B\u00e4n\u00adke zur\u00fcck, zu dem Platz, wo ich sa\u00df. Er befand sich gera\u00adde am \u00e4u\u00dfers\u00adten Ende mei\u00adnes Blick\u00adfel\u00addes, so dass ich die\u00adse Wen\u00addung auch wahr\u00adneh\u00admen konn\u00adte, ohne dass ich sei\u00adnem pr\u00fc\u00adfen\u00adden Bli\u00adcke jedes mal h\u00e4t\u00adte begeg\u00adnen m\u00fcs\u00adsen. Ich muss frei\u00adlich sagen, dass ich den all\u00adge\u00admei\u00adnen Auf\u00adruhr und die vor\u00adwurfs\u00advol\u00adle Pau\u00adse, die Pro\u00adfes\u00adsor Mal\u00adon zu die\u00adsem Zeit\u00adpunkt gew\u00f6hn\u00adlich ein\u00adleg\u00adte, immer aus\u00adnutz\u00adte, mich bei\u00adl\u00e4u\u00adfig nach dem St\u00f6\u00adren\u00adfried umzu\u00adse\u00adhen und sei\u00adnen Blick zu erwi\u00addern, bevor ich mich eilig wie\u00adder mei\u00adnem Heft zuwand\u00adte, so dass er sich nicht zu viel dar\u00adauf ein\u00adbil\u00adden konn\u00adte. Ich gebe aber zu, dass der Blick die\u00adses sch\u00fcch\u00adter\u00adnen jun\u00adgen Man\u00adnes mich begl\u00fcckte.<\/p>\n

Denn sch\u00fcch\u00adtern, dach\u00adte ich, muss\u00adte er ja wohl sein. War\u00adum sonst die\u00adser l\u00e4r\u00admen\u00adde, auf\u00adw\u00e4n\u00addig insze\u00adnier\u00adte Umweg zu einer so frag\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adgen und unsi\u00adche\u00adren Begeg\u00adnung der Bli\u00adcke? War\u00adum setz\u00adte er sich nicht ein\u00adfach neben oder hin\u00adter mich?<\/p>\n

Aber es gefiel mir, dass er sch\u00fcch\u00adtern war oder jeden\u00adfalls sich die\u00adsen Anschein gab. H\u00e4t\u00adte er sich frech und auf\u00addring\u00adlich neben mich gesetzt, das Gan\u00adze h\u00e4t\u00adte bald sei\u00adnen Zau\u00adber ein\u00adb\u00fc\u00ad\u00dfen m\u00fcs\u00adsen. Und im \u00dcbri\u00adgen benahm sich die\u00adser sch\u00fcch\u00adter\u00adne jun\u00adge Mann auch durch\u00adaus nicht sch\u00fcch\u00adtern. Ich brauch\u00adte, wie gesagt, mei\u00adnen Blick gar nicht zu wen\u00adden, um zu bemer\u00adken. wie immer wie\u00adder im Ver\u00adlauf einer sol\u00adchen Drei\u00advier\u00adtel\u00adstun\u00adde sein Kopf sich r\u00fcck\u00adw\u00e4rts wand\u00adte, als m\u00fcss\u00adte er sich ver\u00adge\u00adwis\u00adsern, dass ich auch unter\u00addes\u00adsen den Saal nicht ver\u00adlas\u00adsen h\u00e4tte.<\/p>\n

H\u00e4t\u00adte ich sei\u00adne Bli\u00adcke eben\u00adso oft erwi\u00addern wol\u00adlen, wie ich sie emp\u00adfing, es w\u00e4re eine Unm\u00f6g\u00adlich\u00adkeit dar\u00adaus gewor\u00adden. albern gera\u00adde\u00adzu. Aber es gen\u00fcg\u00adte mir schon \u2014 und auch ihm offen\u00adbar \u2014 dass ich sie bemerk\u00adte, sie sozu\u00adsa\u00adgen heim\u00adlich in Besitz nahm, als mir geh\u00f6\u00adrig, und im Lau\u00adfe des Semes\u00adters wahr\u00adhaf\u00adtig einen klei\u00adnen Schatz davon speicherte.<\/p>\n

Nie\u00admand w\u00fcr\u00adde mir wohl glau\u00adben, wenn ich behaup\u00adten woll\u00adte, dass ich die\u00adse Bli\u00adcke alle unge\u00adse\u00adhen hin\u00adnahm, sie unbe\u00adse\u00adhen ein\u00adsack\u00adte, sozu\u00adsa\u00adgen wie man Geld von einem Freund annimmt, der einen gewiss nicht betr\u00fc\u00adgen wird. Nat\u00fcr\u00adlich erwi\u00adder\u00adte ich sie ab und zu, ver\u00adsuch\u00adte aber mehr oder weni\u00adger, mei\u00adne Ant\u00adwort bei\u00adl\u00e4u\u00adfig erschei\u00adnen zu las\u00adsen, indem ich den Blick zur Fens\u00adter\u00adrei\u00adhe wei\u00adter\u00adwan\u00addern lie\u00df oder von ihm fort ins Leere.<\/p>\n

Es waren h\u00f6chst merk\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adge Bli\u00adcke, die auf sol\u00adche Wei\u00adse aus\u00adge\u00adtauscht wur\u00adden, nicht zu ver\u00adglei\u00adchen mit denen, die sonst zwi\u00adschen Mann und Frau unbe\u00adwach\u00adter\u00adwei\u00adse hin und her\u00adge\u00adhen, zwei Unbe\u00adkann\u00adten, die das Ziel der Bekannt\u00adschaft nahe vor sich haben. Aber unter dem sei\u00addi\u00adgen Gewe\u00adbe des phi\u00adlo\u00adso\u00adphi\u00adschen Dis\u00adkur\u00adses, gefil\u00adtert, gekl\u00e4rt und doch nicht zer\u00adst\u00f6rt, begab sich alles ganz lang\u00adsam und ged\u00e4mpft, etwas blut\u00adlos viel\u00adleicht, wie man eben die F\u00e4den einer Idee hin und her webt, um dann am Ende z\u00f6gernd zu pr\u00fc\u00adfen, ob das Gespinst dem Tages\u00adlicht und der t\u00e4g\u00adli\u00adchen Bean\u00adspru\u00adchung auch gen\u00fc\u00adgen wird.<\/p>\n

An die\u00adsem Diens\u00adtag f\u00fchl\u00adte ich das Weben der F\u00e4den noch unwi\u00adder\u00adsteh\u00adli\u00adcher als am Frei\u00adtag vor\u00adher. Jeder Blick war wie ein schwa\u00adcher Ein\u00adstich in mei\u00adne Haut; er ver\u00adletz\u00adte mich auf eine so tr\u00f6st\u00adli\u00adche und beru\u00adhi\u00adgen\u00adde Wei\u00adse. Ich wur\u00adde fort\u00adge\u00adzo\u00adgen von all den Schwie\u00adrig\u00adkei\u00adten, die ich get\u00fcrmt sah auf allen Sei\u00adten, fort\u00adge\u00adzo\u00adgen ins Ein\u00adfa\u00adche und Nat\u00fcrliche.<\/p>\n

Ich kann\u00adte die Lie\u00adbe noch nicht. Die Ein\u00adzel\u00adhei\u00adten, aus B\u00fcchern zusam\u00admen\u00adge\u00adle\u00adsen, ver\u00adlo\u00adren hier ihre Bedeu\u00adtung. Dies hier kam mir ganz anders vor als alles, was in B\u00fcchern stand. Wie alle, die lie\u00adben, dach\u00adte ich, f\u00fcr mich m\u00fcss\u00adte es anders sein, nicht platt, nicht banal. Ich wuss\u00adte, dass es so nicht sein konn\u00adte. Aber wie es sein sollte \u2026?<\/p>\n

Ohne den Kopf zu wen\u00adden, warf ich einen raschen Blick hin\u00ad\u00fcber. Wie sch\u00f6n sein Hin\u00adter\u00adkopf gew\u00f6lbt war! Ich w\u00fcr\u00addig\u00adte das umso mehr, da es mir sel\u00adber an die\u00adser W\u00f6l\u00adbung fehl\u00adte und an dem, wie man sagt, damit ver\u00adbun\u00adde\u00adnen Talent zur Mathe\u00adma\u00adtik. Auch die Stirn floh nicht zur\u00fcck, ange\u00adnehm run\u00adde\u00adte sie sich hin\u00adauf zu dem hohen Ansatz von dunk\u00adlem Haar. Ver\u00adgn\u00fcg\u00adlich und nicht ganz ide\u00adal war nur die Nase: man konn\u00adte die Zeich\u00adnung des Nasen\u00adlo\u00adches sogar von der Sei\u00adte erken\u00adnen, eines sehr lan\u00adgen und fast ein wenig ins Gesicht zur\u00fcck\u00adlau\u00adfen\u00adden Nasen\u00adlo\u00adches, einem Schnep\u00adfen\u00adschna\u00adbel nicht un\u00e4hnlich.<\/p>\n

Obwohl ich mich nicht ger\u00fchrt hat\u00adte, war wohl der schmerz\u00adhaf\u00adte Ein\u00adstich auch bei ihm bemerk\u00adbar: er wand\u00adte sich um mit einem klei\u00adnen L\u00e4cheln, ehe ich mei\u00adnen Blick hat\u00adte zur\u00fcck\u00adneh\u00admen k\u00f6n\u00adnen. Pro\u00adfes\u00adsor Mal\u00adon stock\u00adte ein wenig in sei\u00adner Rede, wie erschro\u00adcken, aber er brauch\u00adte nicht besorgt zu sein, ich l\u00e4chel\u00adte nat\u00fcr\u00adlich nicht. Es war nur pl\u00f6tz\u00adlich wie ein hel\u00adles Geflim\u00admer \u00fcber dem Saal, ich sah nichts mehr deut\u00adlich, konn\u00adte den Blick auf nichts Bestimm\u00adtes mehr rich\u00adten, als w\u00e4ren die Augen von die\u00adsem sekun\u00adden\u00adlan\u00adgen Anblick \u00fcber\u00adm\u00fc\u00adde geworden.<\/p>\n

Ohne Bedau\u00adern sah ich Felix Erlach gehen nach der Vorlesung.<\/p>\n

Ich wuss\u00adte ohne\u00adhin, dass er die fol\u00adgen\u00adde von Wig\u00adgert nicht mit anh\u00f6r\u00adte. Wohin er ging, frag\u00adte ich mich nicht. Was er jetzt tun, mit wem er zu Mit\u00adtag essen w\u00fcr\u00adde, war nicht wich\u00adtig, wich\u00adtig war die\u00adses klei\u00adne ver\u00adtrau\u00adte L\u00e4cheln. Ich hob es auf, bet\u00adte\u00adte es in mich ein, und manch\u00admal mach\u00adte es mich sel\u00adber l\u00e4cheln.<\/p>\n

Es war fast Mit\u00adtag, als der H\u00f6r\u00adsaal uns ent\u00adlie\u00df aus sei\u00adner K\u00fch\u00adle. Ich schlen\u00adder\u00adte \u00fcber die H\u00f6fe dem Kreuz\u00adher\u00adren\u00adplatz zu, halb und halb ent\u00adschlos\u00adsen, heu\u00adte nun end\u00adlich hin\u00ad\u00fcber\u00adzu\u00addrin\u00adgen \u00fcber die Karls\u00adbr\u00fc\u00adcke ins \u00e4ltes\u00adte, wirk\u00adli\u00adche Prag, und dr\u00fc\u00adben nach Lin\u00addes Domi\u00adzil zu for\u00adschen, obwohl sie es mir nur unge\u00adnau beschrie\u00adben hat\u00adte. Es muss\u00adte ein h\u00fcb\u00adsches altes Haus sein, am Klein\u00adseit\u00adner Ring, gegen\u00ad\u00fcber der Stra\u00ad\u00dfen\u00adbahn\u00adhal\u00adte\u00adstel\u00adle, so hat\u00adte sie gesagt. Sie wohn\u00adte dort bei Ankas Eltern zur Untermiete.<\/p>\n

Zwar mach\u00adte mich der Gedan\u00adke \u00e4ngst\u00adlich, mich in die\u00adses Haus ein\u00adzu\u00addr\u00e4n\u00adgen, aber ich wuss\u00adte doch nicht, ob es nicht rich\u00adtig und n\u00f6tig war, dass ich mich nach Lin\u00adde umsah, da ich ein\u00admal ihren Kum\u00admer kann\u00adte. Zwar trau\u00adte ich mir nicht zu, viel tr\u00f6s\u00adten zu k\u00f6n\u00adnen, aber Anka, mein\u00adte ich bei mir, moch\u00adte zu einem sol\u00adchen Amt noch weni\u00adger tau\u00adgen, wenn sie \u00fcber\u00adhaupt von allem wuss\u00adte. Und Hart\u00admuth wie\u00adder w\u00fcr\u00adde in die\u00adses Haus wohl nicht mehr ger\u00adne gehen.<\/p>\n

Warm und still stand die Luft \u00fcber dem Platz, als ich hin\u00adaus\u00adtrat durch die klei\u00adne aus\u00adge\u00adspar\u00adte T\u00fcr in dem Tor von Schmie\u00adde\u00adei\u00adsen. Das Was\u00adser des Mol\u00addau\u00adwehrs braus\u00adte nahe hin\u00adter den H\u00e4u\u00adsern. Sum\u00admend wie ein Orgel\u00adton stand die\u00adses Brau\u00adsen \u00fcber der Wei\u00adte des Plat\u00adzes, die doch eng schien, da sie best\u00fcrmt war von drei gewal\u00adti\u00adgen Bau\u00adwer\u00adken: zur Lin\u00adken von den figu\u00adren\u00adge\u00adkr\u00f6n\u00adten drei Toren der Sal\u00adva\u00adtor-Kir\u00adche, zur Rech\u00adten von der Kup\u00adpel der Kreuz\u00adher\u00adren\u00adkir\u00adche, die wei\u00df leuch\u00adte\u00adte in ihrer H\u00f6he vor dem mild\u00adblau\u00aden Him\u00admel, und vom Alt\u00adst\u00e4d\u00adter Br\u00fc\u00adcken\u00adturm da schr\u00e4g gegen\u00ad\u00fcber, dem \u00e4ltes\u00adten der drei, der wahr\u00adhaft v\u00e4ter\u00adlich dastand, der brei\u00adte Turm bewehrt mit klei\u00adne\u00adren T\u00fcrm\u00adchen, und unter den Stein\u00adbil\u00addern der K\u00f6ni\u00adge das Spitz\u00adbo\u00adgen\u00adtor offen\u00adhielt, den Ein\u00adgang in die Welt jen\u00adseits der Moldau.<\/p>\n

Das Tor, aus dem ich trat, war in die\u00adse F\u00fcl\u00adle nur beschei\u00adden ein\u00adge\u00adzw\u00e4ngt, ein Zaun\u00adgast nur. W\u00e4h\u00adrend ich den Platz \u00fcber\u00adschritt, tat sich mir auch der Blick nach dr\u00fc\u00adben auf, \u00fcber den Fluss hin, und es war, als tr\u00e4\u00adten aus der Fer\u00adne her auch Burg und Dom und die Kup\u00adpeln und T\u00fcr\u00adme und D\u00e4cher der Klein\u00adsei\u00adte noch her\u00adein in die\u00adse dich\u00adte F\u00fcl\u00adle, in deren Mit\u00adte Kai\u00adser Karl auf stei\u00adner\u00adnem Sockel residierte.<\/p>\n

Nahe dem Kai\u00adser, auf einer Bank am Was\u00adser, sa\u00df eine alte B\u00e4ue\u00adrin im schwar\u00adzen stei\u00adfen Rock, das schwar\u00adze Kopf\u00adtuch unterm Kinn zuge\u00adbun\u00adden, in der war\u00admen Son\u00adne. Sie bestaun\u00adte nichts von dem, was um sie war. Seit ihrer Kind\u00adheit moch\u00adte sie\u2019s gese\u00adhen haben, wie\u00adder und wie\u00adder, wenn sie ihre Sachen zum Markt brach\u00adte und in der Mit\u00adtags\u00adson\u00adne hier ein klei\u00adnes Nicker\u00adchen tat.<\/p>\n

Frie\u00adden war um sie her, wie sie da sa\u00df, und doch dach\u00adte ich, wie das sein m\u00fcss\u00adte, wenn man nichts von allem hier wirk\u00adlich sah. Und wie ein beson\u00adde\u00adres Gl\u00fcck f\u00fchl\u00adte ich es pl\u00f6tz\u00adlich, dass ich nicht hier gebo\u00adren war, dass ich all die\u00adse Bil\u00adder nicht gewohnt war von Kind\u00adheit an, son\u00addern dass ich sie sehen konn\u00adte mit dem Ent\u00adz\u00fc\u00adcken, das nur das Neue und noch nie Gese\u00adhe\u00adne so stark in uns weckt.<\/p>\n

Durch den stei\u00adner\u00adnen Tor\u00adbo\u00adgen des Tur\u00admes ging ich \u2014 k\u00fchl weh\u00adte es mich an von der Mau\u00ader her \u2014 und wech\u00adsel\u00adte hin\u00ad\u00fcber auf die lin\u00adke Br\u00fc\u00adcken\u00adsei\u00adte, da ich sah, dass auch die andern wie nach einem unge\u00adschrie\u00adbe\u00adnen Gesetz sich links hiel\u00adten auf dem Wege hin\u00ad\u00fcber. Schlie\u00df\u00adlich waren in die\u00adsem Land bis vor Kur\u00adzem auch die Kraft\u00adfahr\u00adzeu\u00adge auf der lin\u00adken Stra\u00ad\u00dfen\u00adsei\u00adte gefah\u00adren. Gr\u00fcn wuchs es vom Ufer\u00adgrund her\u00adauf zu der Br\u00fc\u00adcke und ihren stei\u00adner\u00adnen Gestal\u00adten, die hoch von ihren Sockeln sich her\u00adneig\u00adten zu dem, der vor\u00ad\u00fcber\u00adging. Da stan\u00adden sie, Bil\u00adder einer Zeit, in der das Himm\u00adli\u00adsche sich noch besprach mit dem Irdi\u00adschen; Son\u00adnen\u00adlicht zeich\u00adne\u00adte den Fal\u00adten\u00adwurf ihrer Klei\u00adder nach, dass es fast schien, als bewe\u00adge sie der Wind. Da neig\u00adten sie sich her, als h\u00e4t\u00adte man sie etwas gefragt, als m\u00fcss\u00adten sie Rede und Ant\u00adwort ste\u00adhen. Aber wer frag\u00adte sie noch? Die hier gin\u00adgen, gin\u00adgen vor\u00adbei, kaum, dass einer zu ihnen auf\u00adsah wie ich. Und doch waren sie nicht tot, schie\u00adnen aus irgend\u00adei\u00adner Fer\u00adne her Leben zu emp\u00adfan\u00adgen und auszuteilen.<\/p>\n

Ich blieb ste\u00adhen, um in mei\u00adner Kol\u00adleg\u00adta\u00adsche nach der Son\u00adnen\u00adbril\u00adle zu suchen, gespannt, ob sich das Bild durch den schmeich\u00adle\u00adri\u00adschen dunk\u00adlen Ton des Gla\u00adses noch sch\u00f6\u00adner aus\u00adneh\u00admen k\u00f6nn\u00adte. Da fiel mein Blick auf einen klei\u00adnen wei\u00ad\u00dfen Gegen\u00adstand vor mei\u00adnen F\u00fc\u00dfen. Ich b\u00fcck\u00adte mich danach und hob ihn auf. Es war ein W\u00fcr\u00adfel, nicht gr\u00f6\u00ad\u00dfer als ein Kirsch\u00adkern, und die Zahl, die mir ent\u00adge\u00adgen\u00adsah, war eine Sechs. Sah es nicht aus, als woll\u00adte die Stadt mich damit locken und f\u00fcr sich gewinnen?<\/p>\n

Ich dach\u00adte an das, was Hart\u00admuth am Tag vor\u00adher \u00fcber die Stadt gesagt hat\u00adte: \u201eAls ob man sie nur lie\u00adben d\u00fcrf\u00adte, als ob sie alle ande\u00adre Lie\u00adbe mit Eifer\u00adsucht ver\u00adfolg\u00adte\u2026\u201d Ich hielt den W\u00fcr\u00adfel auf der fla\u00adchen Hand vor mich hin. Die sechs Augen blick\u00adten mich an. Ein Mann, der vor\u00ad\u00fcber\u00adging, sp\u00e4h\u00adte neu\u00adgie\u00adrig nach mei\u00adnem Fund. Es han\u00addel\u00adte sich ja nicht um einen Wert\u00adge\u00adgen\u00adstand, zu gering\u00adf\u00fc\u00adgig, des\u00adwe\u00adgen irgend\u00adwel\u00adche Umst\u00e4n\u00adde zu machen, gar den Ver\u00adlie\u00adrer zu suchen. Und doch lag in der Sechs, die mich ansah, eine gehei\u00adme, locken\u00adde Bedeu\u00adtung; sie erf\u00fcll\u00adten mich mit Zuver\u00adsicht und Vor\u00adfreu\u00adde. Ein Ver\u00adspre\u00adchen war es, eine siche\u00adre Hoffnung.<\/p>\n

Die Klein\u00adsei\u00adte emp\u00adfing mich, wie die Alt\u00adstadt mich ent\u00adlas\u00adsen hat\u00adte: mit gr\u00fc\u00adnen\u00adden Zwei\u00adgen, die her\u00adauf\u00adwuch\u00adsen zu den Figu\u00adren der Hei\u00adli\u00adgen und mit einem Spitz\u00adbo\u00adgen\u00adtor, das dies\u00admal aller\u00addings flan\u00adkiert war von zwei T\u00fcr\u00admen, die wie Mut\u00adter und Toch\u00adter hier der Mu\u00dfe pfleg\u00adten, bei\u00adde etwas zur F\u00fcl\u00adle nei\u00adgend, w\u00e4h\u00adrend der Vater hoch\u00adge\u00adwach\u00adsen und kr\u00e4f\u00adtig dr\u00fc\u00adben am andern Ufer Wache hielt. Zwi\u00adschen die bei\u00adden beh\u00e4\u00adbi\u00adgen T\u00fcr\u00adme aber, Mut\u00adter und Toch\u00adter, dr\u00e4ng\u00adte sich hoch und gewal\u00adtig das Bild einer Kir\u00adche, Turm und Kuppel.<\/p>\n

Wie\u00adder emp\u00adfand ich den Durch\u00adgang durch das k\u00fch\u00adlen\u00adde Tor als Wohl\u00adtat, mir war ganz wirr im Kopf von Son\u00adne und Bil\u00addern. Alle Lust, einen Besuch zu machen, war mir ver\u00adgan\u00adgen. Im Schat\u00adten der Gas\u00adse streb\u00adte ich den noch k\u00fch\u00adle\u00adren Lau\u00adben\u00adg\u00e4n\u00adgen zu, immer das Bild der Kir\u00adche vor Augen, die \u00fcber die win\u00adzi\u00adgen Men\u00adschen, Schub\u00adkar\u00adren und Autos hoch\u00adrag\u00adte wie in den Him\u00admel hinein.<\/p>\n

Als sich unter den k\u00fch\u00adlen\u00adden Bogen der Kolon\u00adna\u00adde neben mir eine T\u00fcr in ein Restau\u00adrant \u00f6ff\u00adne\u00adte, trat ich ein, ohne zu z\u00f6gern. Es war eine \u00e4lt\u00adli\u00adche behag\u00adli\u00adche Gast\u00adwirt\u00adschaft. Licht brann\u00adte hier, wohl\u00adtu\u00adend mil\u00adde nach der grel\u00adlen Son\u00adne. Als ich die Son\u00adnen\u00adbril\u00adle abnahm und in die Tasche steck\u00adte, sah ich in einer der Nischen Anka sit\u00adzen und neben ihr einen Mann in Sol\u00adda\u00adten\u00aduni\u00adform. \u2014 Sol\u00addat oder Offi\u00adzier \u2014 ich konn\u00adte das nie erken\u00adnen, beson\u00adders wenn einer kei\u00adne M\u00fct\u00adze trug. Ich ent\u00adschied es dann von Fall zu Fall nach dem Gesicht, aber damit hat\u00adte ich oft wenig Gl\u00fcck.<\/p>\n

Ich war etwas rat\u00adlos, woll\u00adte mich fort\u00adwen\u00adden, was aller\u00addings schwie\u00adrig war in einem so engen Raum, aber Anka rief mich schon an den Tisch und zog mich an der Hand auf einen Stuhl ohne gro\u00ad\u00dfe For\u00adma\u00adli\u00adt\u00e4\u00adten der Begr\u00fc\u00ad\u00dfung oder Vor\u00adstel\u00adlung. Sie w\u00e4hl\u00adten gra\u00adde, ich tat es ihnen nach. Erst dann deu\u00adte\u00adte sie auf ihren Beglei\u00adter, einen unschein\u00adba\u00adren klei\u00adnen Mann, jung noch, j\u00fcn\u00adger wahr\u00adschein\u00adlich, als man ihn sch\u00e4tz\u00adte, denn er hat\u00adte einen Zug in sei\u00adnem Gesicht, das nicht jung sein konn\u00adte, nicht jung sein woll\u00adte viel\u00adleicht. Sei\u00adne Augen waren sch\u00f6n, grau und wol\u00adkig und viel\u00adf\u00e4l\u00adtig in dem unbe\u00addeu\u00adten\u00adden Gesicht.<\/p>\n

\u201e<\/span>Das ist Sch\u00f6\u00adnow\u201d, sag\u00adte Anka. \u201eVori\u00adges Jahr hat er hier stu\u00addiert, dies\u00admal gibt er nur ein Gast\u00adspiel. Der Herr Gene\u00adral aus Frank\u00adreich!\u201d Und sie schnipp\u00adte das Ende sei\u00adnes Schul\u00adter\u00adst\u00fccks hoch. Obwohl ich mir auf die Zei\u00adchen dar\u00adauf kei\u00adnen Reim machen konn\u00adte, sag\u00adte ich mit Stau\u00adnen, aber doch ohne gro\u00ad\u00dfe Begeisterung:<\/p>\n

\u201e<\/span>Sie sind mein ers\u00adter Gene\u00adral!\u201d Anka lachte.<\/p>\n

\u201e<\/span>Der Herr Gene\u00adral! Der Herr Uhren\u00adge\u00adne\u00adral! Uhren\u00adwurm habe ich ihn immer genannt, aber jetzt werd\u2019 ich ihn Uhren\u00adge\u00adne\u00adral nen\u00adnen, das klingt doch viel mehr nach was. Er sam\u00admelt n\u00e4m\u00adlich Uhren, wei\u00dft du. Am liebs\u00adten w\u00fcrd\u2019 er auch die vom Alt\u00adst\u00e4d\u00adter Rat\u00adhaus sam\u00admeln, wenn sie nicht so gro\u00df w\u00e4r\u2019!\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Du stellst es immer dar, als steh\u00adle ich mir mei\u00adne Uhren zusam\u00admen \u2014 steh\u00adle? Stehl\u00adte? St\u00f6h\u00adle? St\u00e4h\u00adle? Gibt es da kei\u00adnen Konjunktiv?\u201d<\/p>\n

Nein, wir beschlos\u00adsen, es gab da kei\u00adnen, kei\u00adnen annehm\u00adba\u00adre\u00adren als den Indi\u00adka\u00adtiv, der Sch\u00f6\u00adnows genau\u00ades Gem\u00fct nicht zufrie\u00adden\u00adstel\u00adlen konn\u00adte. Wun\u00adder\u00adli\u00adcher\u00adwei\u00adse fand ich nichts dabei, dass Anka ihn nur \u201eSch\u00f6\u00adnow\u201d genannt hat\u00adte, ohne \u201eHerr\u201d, ich nann\u00adte ihn auch bei mir sel\u00adber so und ver\u00admied es, ihn mit sei\u00adnem Namen anzu\u00adre\u00adden. Es war, als m\u00fcss\u00adte das \u201eHerr\u201d ihn her\u00adab\u00adw\u00fcr\u00addi\u00adgen, ihn ein\u00adord\u00adnen in eine un\u00fcber\u00adseh\u00adba\u00adre Rei\u00adhe von \u201eHer\u00adren\u201d, mit denen er nichts gemein hatte.<\/p>\n

Das Gespr\u00e4ch floss so wei\u00adter, es dreh\u00adte sich n\u00e4m\u00adlich um eine Uhr, die Sch\u00f6\u00adnow eben beschrei\u00adben woll\u00adte, als ich eintrat.<\/p>\n

\u201e<\/span>Rund\u00adher\u00adum war es wie klei\u00adne Rosen\u00adbl\u00e4t\u00adter gefloch\u00adten, so dass die gan\u00adze Uhr wie eine Blu\u00adme aus\u00adsah. Gefloch\u00adten war es aus Haa\u00adren, die fast genau so gol\u00adden waren wie das Gold der Uhr, ein hel\u00adles R\u00f6t\u00adlich\u00adblond. Auf der R\u00fcck\u00adsei\u00adte war eine Wid\u00admung ein\u00adgra\u00adviert: \u201eCela vous pro\u00adte\u00adge\u00adra. C.S.\u201d Cela vous pro\u00adte\u00adge\u00adra \u2014 wei\u00dft du, woher das kommt?\u201d<\/p>\n

Anka brei\u00adte\u00adte die H\u00e4n\u00adde flach vor sich hin wie F\u00e4cher und sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf. Nein, sie wuss\u00adte es nicht.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich w\u00e4re viel\u00adleicht auch nicht drauf gekom\u00admen\u201d, fuhr Sch\u00f6\u00adnow eif\u00adrig fort, \u201ewenn ich nicht in der Biblio\u00adthek das Buch gefun\u00adden h\u00e4t\u00adte. Ein deut\u00adsches Buch. Ein Buch vom Krieg.\u201d<\/p>\n

Auf\u00admerk\u00adsam uns bei\u00adde der Rei\u00adhe nach anse\u00adhend, woll\u00adte er uns ein\u00adhel\u00adfen, wie man Kin\u00addern ein\u00adhilft, wenn sie ein Gedicht nicht wei\u00adter\u00adwis\u00adsen. Anka hat\u00adte die H\u00e4n\u00adde vorm Gesicht flach zusam\u00admen\u00adge\u00adlegt, die Dau\u00admen unterm Kinn, und die Nase, das ein\u00adzig Unge\u00adm\u00e4s\u00adse ihres Gesichts, barg sich in der fla\u00adchen H\u00f6h\u00adle zwi\u00adschen den Handfl\u00e4chen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Cela vous pro\u00adte\u00adge\u00adra \u2014 ein Buch vom Krieg? Der Cornet?\u201d<\/p>\n

Sch\u00f6\u00adnow schlug sich auf die Schen\u00adkel, was eine drol\u00adli\u00adge Wir\u00adkung mach\u00adte bei sei\u00adner mage\u00adren Figur.<\/p>\n

\u201e<\/span>Der Cor\u00adnet \u2014 in der Biblio\u00adthek eines fran\u00adz\u00f6\u00adsi\u00adschen Schlos\u00adses! Was sagst du dazu?\u201d<\/p>\n

Anka hat\u00adte offen\u00adbar kei\u00adne Lust, viel dazu zu sagen. \u201ePhan\u00adtas\u00adtisch!\u201d mur\u00admel\u00adte sie \u2014 das gau\u00admi\u00adge, fast nasa\u00adle n, das offe\u00adne zwei\u00adte a \u2014 ich hat\u00adte es schon ein\u00admal von ihr sagen h\u00f6ren, aber heu\u00adte war kein Nach\u00addruck dahinter.<\/p>\n

\u201e<\/span>Geh, du bist fad heu\u00adte\u201d, sag\u00adte Sch\u00f6\u00adnow, \u201eaber war\u00adte nur, du wirst es lesen und du wirst sehen -\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Du hast es denn mit?\u201d frag\u00adte Anka mit erwach\u00adtem Interesse.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich habe es nicht gestoh\u00adlen, wie du wie\u00adder anneh\u00admen wirst\u201d, erwi\u00adder\u00adte Sch\u00f6\u00adnow. \u201eIch hab es abge\u00adschrie\u00adben mit die\u00adsen mei\u00adnen Fin\u00adgern -\u201d und er streck\u00adte sie gespreizt in die H\u00f6he, alle zehn, es waren schma\u00adle sch\u00f6\u00adne Fin\u00adger. \u201eAbge\u00adschrie\u00adben habe ich es, eh\u2019 ich her\u00adkam, und du wirst es zu lesen krie\u00adgen, sobald wir drau\u00ad\u00dfen auf dem Was\u00adser sind. Hier\u00adher\u201d, und er fuhr mit der fla\u00adchen Hand \u00fcber den blank\u00adge\u00adscheu\u00ader\u00adten gro\u00adben Tisch \u2014 \u201ehier\u00adher passt es nicht.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>So \u2014 wer\u00adden wir denn drau\u00ad\u00dfen auf dem Was\u00adser sein?\u201d erkun\u00addig\u00adte sich Anka erstaunt.<\/p>\n

\u201e<\/span>Sobald die\u00adses Mahl hier voll\u00adzo\u00adgen ist.\u201d Anka schien mir heu\u00adte abwe\u00adsend, fast ein wenig unge\u00adhal\u00adten. Das Heft war ihr aus der Hand genommen.<\/p>\n

\u201e<\/span>\u00dcbri\u00adgens, was die Uhr betrifft\u201d, fuhr Sch\u00f6\u00adnow fort in dem offen\u00adsicht\u00adli\u00adchen Wunsch, genau zu sein, \u201enach\u00adher hat es mir leid getan, dass ich die\u00adses eine Mal nicht doch mei\u00adnem Grund\u00adsatz untreu gewor\u00adden bin, dass ich sie nicht mit\u00adge\u00adnom\u00admen hab. Man h\u00e4tt\u2019 sie ja sp\u00e4\u00adter zur\u00fcck\u00adge\u00adben k\u00f6n\u00adnen, der Eigen\u00adt\u00fc\u00admer des Schlos\u00adses m\u00fcsst\u2019 sich ja ermit\u00adteln las\u00adsen. Dann w\u00e4r\u2019 sie wenigs\u00adtens noch ganz.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich den\u00adke, bei dir gehen alle Uhren kaputt?\u201d erkun\u00addig\u00adte sich Anka. Sch\u00f6\u00adnow sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf \u00fcber ihr st\u00f6r\u00adri\u00adsches Wesen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Du ver\u00adwech\u00adselst das. Sie gehen nicht kaputt, sie gehen nach. Aber bei die\u00adser Uhr war es ja nicht so wich\u00adtig, dass sie ging, sie brauch\u00adte nur da zu sein, das w\u00e4re schon genug gewesen.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Und wie\u00adso ist sie nicht mehr da?\u201d<\/p>\n

Sch\u00f6\u00adnow hob das Bier zum Mund, das die Kell\u00adne\u00adrin vor ihn hin\u00adge\u00adstellt hat\u00adte. Er trank, ver\u00ads\u00e4um\u00adte es aber danach, sich den Schaum von den Lip\u00adpen zu wischen, so dass ihm rechts und links zur Nase eine wei\u00ad\u00dfe Schnurr\u00adbart\u00adspit\u00adze hochstrebte.<\/p>\n

\u201e<\/span>Die\u00adser Fl\u00fc\u00adgel des Schlos\u00adses wur\u00adde zer\u00adst\u00f6rt\u201d, sag\u00adte Sch\u00f6\u00adnow. \u201eEine sinn\u00adlo\u00adse Spren\u00adgung: dahin\u00adter waren Befes\u00adti\u00adgungs\u00adan\u00adla\u00adgen, aber das Schloss h\u00e4t\u00adte man auf jeden Fall scho\u00adnen k\u00f6n\u00adnen. Die Bewoh\u00adner waren gefl\u00fcch\u00adtet, es muss noch alles so gele\u00adgen haben, wie ich es gese\u00adhen hat\u00adte, wenn nicht schlie\u00df\u00adlich doch einer die Uhr mit\u00adge\u00adnom\u00admen hat.\u201d<\/p>\n

Anka spiel\u00adte mit den Bier\u00adde\u00adckeln, also sah er mich an, und ich strich mir rasch mit den Fin\u00adgern \u00fcber der Lip\u00adpe ent\u00adlang; er ver\u00adstand es dank\u00adbar und zog sein Taschen\u00adtuch, sich den Mund zu wischen, noch ehe das Komi\u00adsche sei\u00adnes Anblicks mit dem Tra\u00adgi\u00adschen sei\u00adner Erz\u00e4h\u00adlung in Kon\u00adflikt gera\u00adten konnte.<\/p>\n

Einen Augen\u00adblick lang war der Krieg gegen\u00adw\u00e4r\u00adtig in die\u00adsem Raum, der dem Krie\u00adge so fern lag. Drei Jah\u00adre dau\u00ader\u00adte er schon, drei Jah\u00adre lang ver\u00adlo\u00adren Men\u00adschen ihr Heim, waren auf der Flucht, wur\u00adden get\u00f6\u00adtet. Aber das alles war so fern, es war eher wie eine Geschich\u00adte oder wie His\u00adto\u00adrie. Selbst Sch\u00f6\u00adnow, der dabei gewe\u00adsen war, konn\u00adte die Wirk\u00adlich\u00adkeit des Krie\u00adges nicht mit sich bis hier\u00adher brin\u00adgen. Sie muss\u00adte ihm unter\u00adwegs ver\u00adlo\u00adren\u00adge\u00adgan\u00adgen sein. Geblie\u00adben war die Geschich\u00adte von einer Uhr, die er gese\u00adhen und bewun\u00addert hat\u00adte. Nur im Neben\u00adsatz kam es her\u00adaus, wie Schl\u00f6s\u00adser zer\u00adst\u00f6rt und Men\u00adschen ver\u00adjagt wurden.<\/p>\n

Nach dem Essen, drau\u00ad\u00dfen unter der W\u00f6l\u00adbung des Lau\u00adben\u00adgan\u00adges, woll\u00adte ich mich ver\u00adab\u00adschie\u00adden. Ich h\u00e4t\u00adte nach Lin\u00adde sehen wol\u00adlen, sag\u00adte ich. Es w\u00e4re mir am Tage vor\u00adher vor\u00adge\u00adkom\u00admen, als gin\u00adge es ihr nicht so gut.<\/p>\n

\u201e<\/span>Die Lin\u00adde? Die ist gesund wie ein Fisch im Was\u00adser. Aus\u00adschaun tut sie immer, als m\u00fcsst\u2019 sie gleich umfal\u00adlen, aber sie ist z\u00e4h wie Leder, da brauchst dir kei\u00adne Gedan\u00adken zu machen. Au\u00dfer\u00addem ist sie gar nicht daheim. Die hat zu tun bis an den Hals, der Wig\u00adgert will auf ein\u00admal sein Buch fertigmachen.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Aber das -\u201d ich ver\u00adstumm\u00adte. Das ist doch nicht m\u00f6g\u00adlich, hat\u00adte ich sagen wol\u00adlen, aber was ging es mich an, und was f\u00fcr ein Recht hat\u00adte ich, Sachen aus\u00adzu\u00adplau\u00addern, die Anka \u2014 viel\u00adleicht \u2014 noch nicht wuss\u00adte, die ich auch nicht gewusst h\u00e4t\u00adte, h\u00e4t\u00adte sie mir nicht der Zufall vor Augen gef\u00fchrt.<\/p>\n

\u201e<\/span>Da schau, sie will sich blo\u00df vorm Rudern dr\u00fc\u00adcken, die Fr\u00e4n\u00adzi\u201d, sag\u00adte Anka jetzt. \u201eGeh, tu was f\u00fcr einen m\u00fcden Krie\u00adger, und mich lasst\u2019s auch mit\u00adfah\u00adren, ich mag mich nicht anstren\u00adgen heut. Es ist eh\u2019 so hei\u00df.\u201d<\/p>\n

Es traf sich gut, dass das Rudern eine Lieb\u00adha\u00adbe\u00adrei von mir war, eine ungl\u00fcck\u00adli\u00adche aller\u00addings, denn ich muss\u00adte immer erst \u00fcber\u00adle\u00adgen, mit wel\u00adchem Schla\u00adge das Boot zu len\u00adken war, von allein wuss\u00adte ich\u2019s nie. Aber die\u00adse beschei\u00adde\u00adnen, beschr\u00e4nk\u00adten F\u00e4hig\u00adkei\u00adten, sag\u00adte ich, woll\u00adte ich ger\u00adne in den Dienst der All\u00adge\u00admein\u00adheit stel\u00adlen und wur\u00adde also dank\u00adbar ins Schlepp\u00adtau genommen.<\/p>\n

Fort ging\u2019s vom Klein\u00adseit\u00adner Ring, durch eine schma\u00adle krum\u00adme Gas\u00adse wie\u00adder auf eine Kir\u00adche zu, die sich breit, beh\u00e4\u00adbig und fest\u00adge\u00adf\u00fcgt uns in den Weg stell\u00adte und das G\u00e4ss\u00adchen zum Aus\u00adwei\u00adchen zwang. Wie wun\u00adder\u00adlich war hier alles ver\u00adstellt und ver\u00adscho\u00adben in rei\u00adzen\u00adder Unord\u00adnung! Nichts war mit dem Line\u00adal gezo\u00adgen, alles mit der Hand gezeich\u00adnet, lang\u00adsam, lie\u00adbe\u00advoll, auf Abwechs\u00adlung bedacht war es gezeich\u00adnet, ein biss\u00adchen unsi\u00adcher, ob das Gan\u00adze auch Wir\u00adkung machen w\u00fcr\u00adde. Da war nichts von der phan\u00adta\u00adsie\u00adlo\u00adsen Zuver\u00adsicht der moder\u00adnen St\u00e4d\u00adte\u00adpla\u00adner, die ent\u00adschlos\u00adsen ihre Lini\u00aden zie\u00adhen hin und her und alles zer\u00adst\u00f6\u00adren, was heim\u00adlich und beson\u00adders wer\u00adden k\u00f6nnte.<\/p>\n

Schon nach der ers\u00adten Bie\u00adgung der Gas\u00adse ver\u00adscholl hin\u00adter uns der L\u00e4rm der gro\u00ad\u00dfen Stra\u00ad\u00dfe, das Klin\u00adgeln, Hupen und Has\u00adten. In l\u00e4nd\u00adli\u00adchem Frie\u00adden, in war\u00admer Son\u00adne lag da der Platz, \u00fcber den wir gin\u00adgen. Eine wei\u00ad\u00dfe Kat\u00adze strich tr\u00e4\u00adge an der Haus\u00adwand hin und ver\u00adschwand in einem Tor\u00addurch\u00adgang, auf den Anka eben deu\u00adte\u00adte: \u201eDa hat der Beet\u00adho\u00adven gewohnt, und da -\u201d sie zeig\u00adte in ande\u00adrer Rich\u00adtung, \u201eheben sie heu\u00adte noch das Manu\u00adskript vom Koper\u00adni\u00adkus auf \u00fcber die Bewe\u00adgung der Him\u00admels\u00adk\u00f6r\u00adper, mit dem er sich bei\u00adnah um Kopf und Kra\u00adgen gere\u00addet h\u00e4tte.\u201d<\/p>\n

Und dort neig\u00adten sich schon wie\u00adder Figu\u00adren von ihrem stei\u00adner\u00adnen Sockel \u2014 wie sie alle leben\u00addig waren, leben\u00addi\u00adger als die, die zu ihren F\u00fc\u00dfen hin und her gin\u00adgen, zu has\u00adtig, um eine Spur zu hinterlassen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Und hier\u201d, Anka deu\u00adte\u00adte mit dem Kopf nach links, \u201eins Grand\u00adprio\u00adrats\u00adpa\u00adlais soll der Hart\u00admuth zie\u00adhen mit sei\u00adnem Insti\u00adtut. Dem ste\u00adhen schon die Haar\u2019 zu Ber\u00adge, ich denk mir immer, er z\u00fcndet\u2019s noch mal an, blo\u00df dass er nicht umziehn muss.\u201d<\/p>\n

Ich sah hin\u00adauf zu Por\u00adtal und Fens\u00adtern, dann bogen wir um die Ecke, und noch stil\u00adler wur\u00adde es, eine welt\u00adab\u00adge\u00adschie\u00adde\u00adne Stil\u00adle, in die nur die V\u00f6gel auf den B\u00e4u\u00admen lei\u00adse hineinschwatzten.<\/p>\n

Schon war\u00adfen die Lin\u00adden hel\u00adle durch\u00adsich\u00adti\u00adge Schat\u00adten auf das holp\u00adri\u00adge Pflas\u00adter. Unbe\u00adschnit\u00adten neig\u00adten sich ihre Zwei\u00adge, zum Grei\u00adfen tief. Gras wucher\u00adte dicht zwi\u00adschen den Stei\u00adnen. Ein Duft war in der Luft wie Erin\u00adne\u00adrung und Ver\u00adges\u00adsen zugleich, alte, alte Zeit, so lan\u00adge ver\u00adgan\u00adgen und doch gegen\u00adw\u00e4r\u00adtig im Schwun\u00adge der Fens\u00adter\u00adsim\u00adse und Por\u00adta\u00adle, in den ver\u00adspiel\u00adten Schn\u00f6r\u00adkeln einer Gar\u00adten\u00admau\u00ader, in der Stil\u00adle, im stum\u00admen, fast ver\u00adsieg\u00adten Flie\u00ad\u00dfen des schma\u00adlen Was\u00adser\u00adarms, \u00fcber den wir jetzt hin\u00adgin\u00adgen, im Efeu, dem Gew\u00e4chs der Toten, das \u00fcber die Ufer\u00admau\u00ader hin\u00adun\u00adter\u00adwu\u00adcher\u00adte, in dem alten M\u00fchl\u00adrad, das m\u00fcde gewor\u00adden und end\u00adlich ste\u00adhen\u00adge\u00adblie\u00adben war. Alte Zeit, Gewe\u00adbe von Erin\u00adne\u00adrung und Ver\u00adges\u00adsen\u00adheit, zu leicht f\u00fcr Men\u00adschen\u00adh\u00e4n\u00adde und zu zart fast, um die z\u00f6gern\u00adden Lau\u00adte der V\u00f6gel zu ertragen.<\/p>\n

An \u00e4rm\u00adli\u00adchen, halb\u00adver\u00adfal\u00adle\u00adnen H\u00e4us\u00adchen vor\u00adbei kamen wir jetzt zum Was\u00adser. Da sah ich etwas, was mich zugleich freu\u00addig erstaun\u00adte und wun\u00adder\u00adte: im blau\u00aden Klei\u00adde mit wei\u00ad\u00dfen Punk\u00adten, da sa\u00df sie, wie sie am Mor\u00adgen aus unse\u00adrem Zim\u00admer fort\u00adge\u00adgan\u00adgen war, Maria, den Zei\u00adchen\u00adblock auf den Knien, am Was\u00adser und mal\u00adte, viel zu ver\u00adtieft, um uns zu bemer\u00adken. Mir war, als w\u00e4re ich inzwi\u00adschen aus einer Welt in eine ande\u00adre und wie\u00adder in eine ande\u00adre hin\u00ad\u00fcber\u00adge\u00adwech\u00adselt. Einen Augen\u00adblick lang konn\u00adte ich es nicht begrei\u00adfen, dass sie, die ich zur\u00fcck\u00adge\u00adlas\u00adsen hat\u00adte in der ers\u00adten Welt, jetzt auch hier war.<\/p>\n

Unm\u00f6g\u00adlich konn\u00adte ich vor\u00adbei\u00adge\u00adhen und mich blind stel\u00adlen. Aber ich frag\u00adte mich auch, wie man die\u00adse bei\u00adden Wel\u00adten zusam\u00admen\u00adbrin\u00adgen k\u00f6nn\u00adte. Ich ging \u00fcber das holp\u00adri\u00adge Gestein, das sich flach dem Was\u00adser zuneig\u00adte, bis dicht zu ihr hin und sagte:<\/p>\n

\u201e<\/span>Hal\u00adlo, Maria!\u201d Sie sah sich um, nicht erschro\u00adcken, aber auch nicht gra\u00adde ent\u00adz\u00fcckt \u00fcber die St\u00f6\u00adrung, sah zu mir auf: \u201eHal\u00adlo, Fran\u00adzis\u00adka!\u201d und dann wei\u00adter zu den Bei\u00adden, mit denen ich gekom\u00admen war. Jetzt erst l\u00e4chel\u00adte sie, es war das f\u00f6rm\u00adli\u00adche L\u00e4cheln des ers\u00adten Mor\u00adgens, das sie inzwi\u00adschen l\u00e4ngst abge\u00adlegt hat\u00adte. Sie leg\u00adte den Zei\u00adchen\u00adblock auf die Stei\u00adne und stand auf:<\/p>\n

\u201e<\/span>Graf Sch\u00f6\u00adnow, las\u00adsen Sie sich auch mal hier sehen, nach\u00addem Sie andern Leu\u00adten dau\u00adernd ver\u00adsi\u00adchert haben, man k\u00f6nn\u00adte nir\u00adgend\u00adwo leben als in Prag?\u201d<\/p>\n

Der war her\u00adan\u00adge\u00adkom\u00admen und beug\u00adte sich \u00fcber ihre Hand: \u201eFrau Baro\u00adnin, Sie h\u00e4t\u00adte ich aller\u00addings zuletzt hier ver\u00admu\u00adtet!\u201d (Ich frag\u00adte mich, ob er wohl jemals Anka so andeu\u00adtungs\u00adwei\u00adse die Hand gek\u00fcsst hatte.)<\/p>\n

\u00dcber Mari\u00adas Nasen\u00adwur\u00adzel stand einen Augen\u00adblick lang eine klei\u00adne stei\u00adle Fal\u00adte, so, wie wenn jemand sich in einen Schuh zw\u00e4n\u00adgen muss, den er schon abge\u00adlegt hat\u00adte, weil er zu eng war.<\/p>\n

\u201e<\/span>Jeden\u00adfalls bin ich Ihnen dank\u00adbar, dass Sie mich ver\u00adf\u00fchrt haben, her\u00adzu\u00adkom\u00admen an den Busen der Alma Mater Pra\u00adgen\u00adsis, wie man das so h\u00fcbsch sagt. Sie haben recht, Prag muss man gese\u00adhen haben, ehe man stirbt.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich hof\u00adfe doch, Sie sind nicht her\u00adge\u00adkom\u00admen, weil sie schon ans Ster\u00adben den\u00adken, Frau Baro\u00adnin.\u201d Ich fand, er beton\u00adte das \u201eFrau Baro\u00adnin\u201d, als woll\u00adte es ihr einer strei\u00adtig machen. Ich f\u00fchl\u00adte mich auf ein\u00admal merk\u00adw\u00fcr\u00addig b\u00fcr\u00adger\u00adlich, wur\u00adde sozu\u00adsa\u00adgen erst mei\u00adner B\u00fcr\u00adge\u00adrin\u00adnen und B\u00fcr\u00adger\u00adlich\u00adkeit gewahr neben so adli\u00adger Gesell\u00adschaft. Aber zugleich wuss\u00adte ich: es wog nichts, jeden\u00adfalls nicht viel. Was wog, waren die drei Men\u00adschen, die da neben mir stan\u00adden, und sie wogen, jeder sei\u00adnem Schick\u00adsal, sei\u00adnem Tun und sei\u00adnem Wesen gem\u00e4\u00df, abge\u00adl\u00f6st von ihren Namen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich glau\u00adbe\u201d, erwi\u00adder\u00adte Maria, \u201eich bin aus dem\u00adsel\u00adben Grun\u00adde her\u00adge\u00adkom\u00admen wie Sie. Wir spra\u00adchen ein\u00admal davon beim Rei\u00adten am M\u00fcg\u00adgel\u00adsee \u2014 erin\u00adnern Sie sich? Sie sag\u00adten, hier ist man frei von den For\u00admen \u2014 man ist es ja mehr oder weni\u00adger \u00fcber\u00adall, wo man nicht zu Hau\u00adse ist, wo man die For\u00admen nicht mit sich her\u00adum\u00adschleppt von Haus zu Haus. Aber es ist wahr, man ist es hier besonders.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Der Beweis steht hier vor Ihnen\u201d, erwi\u00adder\u00adte Sch\u00f6\u00adnow, \u201eAnka Gr\u00e4\u00adfin zu Wal\u00adden\u00adfurth, gebo\u00adren in Prag, wohn\u00adhaft in Prag, aber frei wie ein Vogel. Und das ist Baro\u00adnin Scharff-Habe\u00adland, bei\u00adde unbe\u00adkann\u00adter\u00adwei\u00adse bekannt mit\u00adein\u00adan\u00adder durch mei\u00adne Wenigkeit.\u201d<\/p>\n

Jede schien an der Ande\u00adren Gefal\u00adlen zu fin\u00adden, ein sel\u00adte\u00adner Fall, dach\u00adte ich, nur m\u00f6g\u00adlich bei einem Mit\u00adtels\u00admann wie dem Uhren\u00adge\u00adne\u00adral. Zwar war es schwer, sich Anka von irgend\u00adei\u00adnem Men\u00adschen beson\u00adders beein\u00addruckt vor\u00adzu\u00adstel\u00adlen, und Maria war ein\u00admal gewiss nicht die\u00adser Mensch. Sie sah rei\u00adzend aus, wie sie so vor uns stand, leicht und hell und fl\u00fcch\u00adtig in ihrem Som\u00admer\u00adkleid, gl\u00fcck\u00adli\u00adcher\u00adwei\u00adse wie seit Tagen schon ohne Blu\u00adme, ohne Band, ohne die hel\u00adlen geh\u00e4\u00adkel\u00adten Zwirns\u00adhand\u00adschu\u00adhe, die sie manch\u00admal pl\u00f6tz\u00adlich trug, ohne zu fra\u00adgen, ob sie ihrem Anzug zutr\u00e4g\u00adlich waren oder auch nur zu ihm pass\u00adten. Wie\u00adder beleb\u00adte die N\u00e4he des Flus\u00adses die Far\u00adbe ihrer Haut, mach\u00adte sie leben\u00addi\u00adger und siche\u00adrer, wie die N\u00e4he hilf\u00adrei\u00adcher Geis\u00adter. Aber sie blieb immer noch blass und wie durchsichtig.<\/p>\n

Ja, sie stand da wie der Gegen\u00adpol zu Anka, die so leib\u00adhaf\u00adtig war, so gegen\u00adw\u00e4r\u00adtig, so scharf gezeich\u00adnet gegen den Hin\u00adter\u00adgrund der \u00fcber\u00adschat\u00adte\u00adten Mau\u00ader. Ich sah es, wie Maria sofort ange\u00adzo\u00adgen war von dem so sehr Leben\u00addi\u00adgen in die\u00adsem Gesicht. Ich sah auch, wie sie sofort das Anspruchs\u00advol\u00adle des Gesichts ver\u00admerk\u00adte, aber nicht \u00fcbel ver\u00admerk\u00adte, son\u00addern als so nat\u00fcr\u00adlich, wie wir alle es nahmen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich freue mich sehr, Sie ein\u00admal zu sehen\u201d, sag\u00adte Maria und gab Anka die Hand. \u201eIch habe so viel von Ihnen erz\u00e4h\u00adlen h\u00f6ren.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich fra\u00adge mich manch\u00admal, wie mei\u00adne Freun\u00adde in der Fer\u00adne \u00fcber mich reden\u201d, sag\u00adte Anka, \u201eda sie offen\u00adbar so viel \u00fcber mich reden. Es kann ja nicht immer nur Gutes sein.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Doch, das war\u2019s in die\u00adsem Fal\u00adle. Der Graf -\u201d sie wink\u00adte mit dem Kop\u00adfe zu ihm hin, \u201esieht ja ger\u00adne nur das Gute.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Wir wol\u00adlen in See ste\u00adchen, Baro\u00adnin\u201d, sag\u00adte Sch\u00f6\u00adnow jetzt. \u201eWol\u00adlen Sie nicht mit\u00adtun?\u201d Maria z\u00f6gerte.<\/p>\n

\u201e<\/span>Da wir ja hier frei sind wie die V\u00f6gel\u201d, ant\u00adwor\u00adte\u00adte sie schlie\u00df\u00adlich, \u201eund da die Form hier kei\u00adne Rol\u00adle spielt, m\u00f6ch\u00adte ich lie\u00adber blei\u00adben und fer\u00adtig\u00adma\u00adlen. Wenn ich Zeit habe, wer\u00adde ich Ihnen win\u00adken, und wenn Sie Schiff\u00adbruch lei\u00adden soll\u00adten hier in der Gegend, wer\u00adde ich Hil\u00adfe holen. Das gen\u00fcgt im Augen\u00adblick mei\u00adnen Bed\u00fcrf\u00adnis\u00adsen nach Gesellschaft.\u201d<\/p>\n

Mit einem Win\u00adken ver\u00adab\u00adschie\u00adde\u00adte sich Sch\u00f6\u00adnow \u2014 offen\u00adbar woll\u00adte er eine Wie\u00adder\u00adho\u00adlung des Hand\u00adkus\u00adses ver\u00admei\u00adden, den er vor\u00adhin, alter Gewohn\u00adheit fol\u00adgend, prak\u00adti\u00adziert hat\u00adte und der anschei\u00adnend auch unter die uner\u00adw\u00fcnsch\u00adten und ver\u00adab\u00adschie\u00adde\u00adten \u201eFor\u00admen\u201d zu rech\u00adnen war. Er und Anka gin\u00adgen weiter.<\/p>\n

Maria ber\u00fchr\u00adte mich am Arm und leg\u00adte den Fin\u00adger auf die Lip\u00adpen. Ich beweg\u00adte beja\u00adhend die Augen\u00adli\u00adder: ja, ich hat\u00adte ver\u00adstan\u00adden. Die For\u00admen ver\u00adab\u00adscheu\u00adte sie, aber auch zur Wahr\u00adheit woll\u00adte sie sich nicht beken\u00adnen, so wie sie Titel und Namen nicht abge\u00adlehnt hat\u00adte, die sie doch nicht mehr f\u00fch\u00adren woll\u00adte. In einem unwirk\u00adli\u00adchen Zwi\u00adschen\u00adreich woll\u00adte sie blei\u00adben, hier die sein, und dort eine ande\u00adre. Aber so frei, dach\u00adte ich, so frei ist kein Mensch. So konn\u00adte man Frei\u00adheit nicht missbrauchen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Wir wer\u00adden ein Pfand las\u00adsen m\u00fcs\u00adsen\u201d, sag\u00adte Anka eben, als ich zu den bei\u00adden stie\u00df. \u201eGib halt dei\u00adne Uhr, aber richt\u2019 sie erst, sonst wird der Cha\u00adron miss\u00adtrau\u00adisch.\u201d Heim\u00adlich und eilig rich\u00adte\u00adte Sch\u00f6\u00adnow sei\u00adne Uhr nach dem Alt\u00adst\u00e4d\u00adter Was\u00adser\u00adturm dr\u00fc\u00adben am Ufer, dann tra\u00adten wir in Ver\u00adhand\u00adlun\u00adgen um ein Boot ein und bestie\u00adgen bald dar\u00adauf das lan\u00adge schma\u00adle Gef\u00e4hrt.<\/p>\n

Sch\u00f6\u00adnow schlug vor, wir soll\u00adten losen um den Pos\u00adten des Ruderg\u00e4ngers.<\/p>\n

\u201e<\/span>Wir k\u00f6n\u00adnen w\u00fcr\u00adfeln\u201d, sag\u00adte ich und zog mei\u00adnen W\u00fcr\u00adfel her\u00advor. \u201eIch hab ihn grad gefun\u00adden oben auf der Karls\u00adbr\u00fc\u00adcke. Die Sechs lag nach oben.\u201d Das gefiel Anka. Sie nahm ihn auf und lie\u00df ihn auf die Bank rollen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ist er nicht her\u00adzig?\u201d Die Sechs lag nach oben. \u201eEs ist ein Sech\u00adsen\u00adw\u00fcr\u00adfel\u201d, mein\u00adte sie. Aber das war er nicht; Sch\u00f6\u00adnow warf eine Vier und ich eine Eins, so dass der Zufall genau ent\u00adschie\u00adden hat\u00adte \u00fcber die Rangordnung.<\/p>\n

Wie \u00fcblich mach\u00adte es mir M\u00fche, aus dem Boots\u00adha\u00adfen hin\u00adaus\u00adzu\u00adsto\u00ad\u00dfen ins freie Was\u00adser, und mit etwas Ban\u00adgen sah ich die brei\u00adten h\u00f6l\u00adzer\u00adnen Eis\u00adbre\u00adcher an der Br\u00fc\u00adcke und die Br\u00fc\u00adcken\u00adbo\u00adgen, so dass ich vor\u00adschlug, wir soll\u00adten uns mol\u00addau\u00adauf\u00adw\u00e4rts hal\u00adten, aber Anka bestand dar\u00adauf, die Cer\u00adtov\u00adka zu befah\u00adren, man f\u00fch\u00adle sich da wie in Venedig.<\/p>\n

\u201e<\/span>Was brauchst du in Prag dich wie in Vene\u00addig zu f\u00fch\u00adlen?\u201d frag\u00adte Sch\u00f6\u00adnow, der mei\u00adne Bedr\u00e4ng\u00adnis sah. Aber sie wisch\u00adte das weg mit gro\u00ad\u00dfer Ges\u00adte gegen das Was\u00adser hin\u00adaus, das von hier rie\u00adsig schien, viel gewal\u00adti\u00adger noch als vom Ufer her. Die Stadt, die so leben\u00addig sich auf und ab hob und senk\u00adte, wenn man durch sie hin\u00adging \u2014 jetzt sah sie flach aus, war hin\u00adge\u00adsun\u00adken bis auf einen schma\u00adlen bedeu\u00adtungs\u00adlo\u00adsen Rand, der fer\u00adne das Was\u00adser umgrenz\u00adte. Es war merk\u00adw\u00fcr\u00addig, wie hier vor einem sich alles Ande\u00adre zur\u00fcck\u00adzog, wie jedes so voll zu sei\u00adnem Recht kom\u00admen und sei\u00adnen Platz ganz f\u00fcr sich bean\u00adspru\u00adchen durf\u00adte, w\u00e4h\u00adrend alles ande\u00adre beschei\u00adden zur Sei\u00adte trat, wie es dann Kulis\u00adse blieb und Rahmen.<\/p>\n

\u00c4ngst\u00adlich steu\u00ader\u00adte ich einer der Durch\u00adfahr\u00adten zu, brach\u00adte das Boot in die rich\u00adti\u00adge Rich\u00adtung und zog dann die Ruder ein, um es trei\u00adben zu las\u00adsen. Aber ich hat\u00adte nicht bedacht, dass ich auf der lin\u00adken Sei\u00adte geblie\u00adben war. Drei Schlepp\u00adk\u00e4h\u00adne zogen mol\u00addau\u00adauf\u00adw\u00e4rts in der\u00adsel\u00adben Fahrt\u00adrin\u00adne. Lang\u00adsam, aber gewich\u00adtig hiel\u00adten sie auf uns zu, und w\u00e4h\u00adrend der stei\u00adner\u00adne Bogen \u00fcber uns vor\u00adbeiglitt, mach\u00adte ich eilig mei\u00adne Berech\u00adnun\u00adgen, wel\u00adches der Ruder ich in wel\u00adcher Rich\u00adtung bewe\u00adgen m\u00fcs\u00adse, um uns in Sicher\u00adheit zu bringen.<\/p>\n

Gl\u00fcck\u00adli\u00adcher\u00adwei\u00adse tra\u00adfen mei\u00adne Berech\u00adnun\u00adgen zu, der Nachen trieb nach links hin\u00ad\u00fcber, obwohl ich \u00fcbli\u00adcher\u00adwei\u00adse nach rechts h\u00e4t\u00adte aus\u00adwei\u00adchen m\u00fcs\u00adsen, aber der Umweg um die Rei\u00adhe der Schlepp\u00adk\u00e4h\u00adne schien mir doch zu gewal\u00adtig, da ja die Ein\u00adfahrt in die Cer\u00adtov\u00adka so nahe war.<\/p>\n

Als sie nahe her\u00adan\u00adge\u00adkom\u00admen waren, sahen wir, dass eine Frau am Steu\u00ader stand. Ein halb\u00adw\u00fcch\u00adsi\u00adger hoch\u00adauf\u00adge\u00adschos\u00adse\u00adner Bur\u00adsche hock\u00adte neben ihr auf dem Gel\u00e4n\u00adder und sah neu\u00adgie\u00adrig zu uns her\u00ad\u00fcber. Wir sahen, wie er sei\u00adne Mut\u00adter anstie\u00df, sie sol\u00adle auch zu uns sehen, und da sag\u00adte Anka auch schon:<\/p>\n

\u201e<\/span>Ach, die Frau vom Fran\u00adti\u00adsek, da schau her. Lie\u00adbe G\u00fcte, da f\u00e4hrt sie jetzt allein mit ihrem Kahn. Blo\u00df den Jara hat sie noch zum Hel\u00adfen. Den Mann haben sie ihr erschos\u00adsen im vori\u00adgen Herbst, ein Baby hat sie am Sch\u00fcr\u00adzen\u00adban\u00addel, das war noch nicht gebo\u00adren, da war der Vater schon tot.\u201d<\/p>\n

Sie wink\u00adte hin\u00ad\u00fcber, die Frau hat\u00adte indes\u00adsen dem Bur\u00adschen das Ruder \u00fcber\u00adge\u00adben, kam zur Reling und rief etwas auf tsche\u00adchisch her\u00ad\u00fcber. Anka ant\u00adwor\u00adte\u00adte. Die frem\u00adde Spra\u00adche in dem bekann\u00adten Mun\u00adde mute\u00adte mich son\u00adder\u00adbar an. Es ging so eine Wei\u00adle hin und her; die Frau lief den Schlepp\u00adkahn ent\u00adlang, um neben uns zu blei\u00adben. Es lag ihr offen\u00adbar viel dran, noch etwas zu sagen. Dann blieb sie zur\u00fcck. Die K\u00e4h\u00adne tauch\u00adten in den Schat\u00adten des Br\u00fc\u00adcken\u00adbo\u00adgens und zogen gelas\u00adsen wei\u00adter stromauf.<\/p>\n

Auch wir trie\u00adben wei\u00adter, ich r\u00fchr\u00adte manch\u00admal lei\u00adse mit dem Ruder im Was\u00adser, um die Rich\u00adtung zu hal\u00adten, ganz besch\u00e4f\u00adtigt damit, wie Anka zu die\u00adser \u00e4rm\u00adli\u00adchen Frau gespro\u00adchen hat\u00adte. Das Anspruchs\u00advol\u00adle war n\u00e4m\u00adlich pl\u00f6tz\u00adlich wie fort\u00adge\u00adwischt aus ihrem Gesicht; war es, dass sie hier ihren Anspruch nicht stell\u00adte, oder dass er hier erf\u00fcllt war. Ihr Gesicht war pl\u00f6tz\u00adlich wie gesprun\u00adgen, ja, es schien mir, als h\u00e4t\u00adte sie viel\u00adleicht geweint, w\u00e4ren wir nicht dagewesen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Die arme Haut\u201d, sag\u00adte sie end\u00adlich, und ihre Stim\u00adme war rauh, \u201ejetzt hat sie blo\u00df noch den Jara, und der ist so lang und so breit, dass ihm die Sachen nicht pas\u00adsen von ihrem seli\u00adgen Mann, wie sie immer sagt. Jetzt will sie die Sachen tau\u00adschen; es ist so r\u00fch\u00adrend, man muss sie ja neh\u00admen, wenn einem auch kei\u00adner was gibt f\u00fcr das abge\u00adtra\u00adge\u00adne Zeug. Aber das kann man ihr ja nicht sagen, zu Tode gekr\u00e4nkt w\u00e4r sie, geschenkt will sie nichts. Ich denk\u2019, wir haben schon was zu Hau\u00adse vom Chris\u00adtoph, der zieht\u2019s eh\u2019 nicht mehr an. Aber geschenkt will sie\u2019s nicht, sie will ihres daf\u00fcr geben.\u201d<\/p>\n

Die Cer\u00adtov\u00adka war jetzt da; ich r\u00fchr\u00adte das Ruder mehr, um den lan\u00adgen schma\u00adlen Kahn um die Ecke zu len\u00adken hin\u00adein in die enge Gas\u00adse von Was\u00adser zwi\u00adschen den wei\u00ad\u00dfen H\u00e4u\u00adsern. Aus schma\u00adlen St\u00fc\u00adcken Hof wuchs auch hier Efeu auf und nie\u00adder an den Mau\u00adern, hing \u00fcber T\u00fcren, die sich zutrau\u00adlich zum Was\u00adser wand\u00adten wie auf die Stra\u00ad\u00dfe, rank\u00adte sich um die Fens\u00adter, die der Son\u00adne offenstanden.<\/p>\n

Anka hat\u00adte sich vor\u00adge\u00adneigt und lie\u00df ihre Hand durchs Was\u00adser glei\u00adten. \u201eDas Lei\u00adden t\u00f6tet oder wird get\u00f6\u00adtet selbst durch den Lei\u00adden\u00adden. \u2014 Dann ist\u2019s getan! Das ist Vene\u00addig, das ist Prag, das ist \u00fcber\u00adall in der Welt.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Der Mann \u2014 ist er im Krieg gefal\u00adlen?\u201d frag\u00adte ich.<\/p>\n

\u201e<\/span>Oh nein, gefal\u00adlen ist er nicht. Der Herr Reichs\u00adpro\u00adtek\u00adtor, als er vori\u00adges Jahr anfing, die\u00adses Land zu \u201abesch\u00fct\u00adzen\u2019 \u201d \u2014 sie sag\u00adte es scharf und kalt, \u201ehat zur Begr\u00fc\u00ad\u00dfung ein paar hun\u00addert Mann erschie\u00ad\u00dfen las\u00adsen. Mein Onkel hat\u2019s in den Akten gele\u00adsen oben auf der Burg. Es waren \u00fcber vier\u00adhun\u00addert. Einer von ihnen war der Fran\u00adti\u00adsek. Mich hat er ein\u00admal aus dem Was\u00adser gezo\u00adgen, als ich noch ein klei\u00adnes Ding war. Des\u00adwe\u00adgen hat sie mich auch nur gebe\u00adten. Sie wei\u00df, dass ich das nicht ver\u00adge\u00df. Und dann ist er sel\u00adber gestor\u00adben von einer deut\u00adschen Kugel, weil er ver\u00add\u00e4ch\u00adtig war.\u201d<\/p>\n

Sie fuhr sich durch das Haar, das in der Son\u00adne gl\u00e4nz\u00adte. \u201eAch was, reden wir nicht davon. Wir k\u00f6n\u00adnen ihn nicht mehr leben\u00addig machen. Erz\u00e4hl was Lus\u00adti\u00adges, Uhren\u00adge\u00adne\u00adral!\u201d \u2014 \u201eUhren\u00adge\u00adne\u00adral \u2014 was f\u00fcr ein Wort!\u201d Sie warf den Kopf zur\u00fcck in einem pl\u00f6tz\u00adli\u00adchen Umschwung der Stim\u00admung. Z\u00f6gernd, aber unauf\u00adhalt\u00adsam hob sich der Schat\u00adten, der sich gesenkt hat\u00adte auf den hel\u00adlen Tag. Es wur\u00adde wie\u00adder Licht zwi\u00adschen den wei\u00ad\u00dfen Mau\u00adern, die die W\u00e4r\u00adme der Son\u00adne fest\u00adhiel\u00adten und aus\u00adstrahl\u00adten. Alles schien ihr zu gehor\u00adchen, sie konn\u00adte es dun\u00adkel und hell wer\u00adden lassen.<\/p>\n

Bis zur Karls\u00adbr\u00fc\u00adcke schiff\u00adten wir, dann wie\u00adder r\u00fcck\u00adw\u00e4rts durch das enge Gew\u00e4s\u00adser, und ich war froh, als wir wie\u00adder im Strom drau\u00ad\u00dfen waren; die Bogen der Karls\u00adbr\u00fc\u00adcke kamen mir jetzt breit vor. Ich pas\u00adsier\u00adte sie rudernd gegen den Strom. Da sa\u00df Maria im blau\u00aden Kleid mit wei\u00ad\u00dfen Tupfen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Wir leben noch\u201d, wink\u00adte Anka hin\u00ad\u00fcber, wie seit Jah\u00adren mit ihr bekannt \u2014 ja, was denn? Mich sah sie ja auch erst zum zwei\u00adten Mal, und doch fuhr ich hier mit ihr im Kahn, als geh\u00f6\u00adre es sich so und sei immer so gewesen.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ein St\u00fc\u00adckel noch auf\u00adw\u00e4rts bis zur Sch\u00fct\u00adzen\u00adin\u00adsel\u201d, sag\u00adte sie bit\u00adtend und dehn\u00adte sich nach r\u00fcck\u00adw\u00e4rts, fast \u00fcbers Was\u00adser. \u201eEine Pracht ist das, so faul sein und gefah\u00adren wer\u00adden. Am Lau\u00adren\u00adzi\u00adberg bl\u00fcht\u2019s jetzt bald \u2014 hast\u2019s schon gese\u00adhen, Uhren\u00adge\u00adne\u00adral? Wir m\u00fcs\u00adsen mal rauf, am Abend, wenn die Lich\u00adter an sind.\u201d<\/p>\n

Ich lenk\u00adte den Kahn nach links in die Mit\u00adte des Stro\u00admes. Ja, rich\u00adtig, dort oben bl\u00fch\u00adte es, fing an, zu bl\u00fc\u00adhen. Noch war hin\u00adter dem wei\u00ad\u00dfen Schlei\u00ader das Gr\u00fcn des Rasens sicht\u00adbar, das Schwarz von Zwei\u00adgen und St\u00e4m\u00admen, das Grau der Wege. Aber bald w\u00fcr\u00adde man sicher nichts mehr sehen, bald w\u00fcr\u00adde der gan\u00adze Berg\u00adhang ein wei\u00ad\u00dfes Meer sein. Selt\u00adsam, dass ich es \u00fcber all dem andern noch nicht hat\u00adte dort oben bl\u00fc\u00adhen sehn!<\/p>\n

Wir blie\u00adben noch lan\u00adge auf dem Was\u00adser. M\u00f6wen glit\u00adten manch\u00admal zu uns her, wei\u00df\u00adgl\u00e4n\u00adzen\u00adde Bett\u00adler, glit\u00adten vor\u00adbei, da sie ent\u00adt\u00e4uscht wur\u00adden und stri\u00adchen an den Zwei\u00adgen der Trau\u00ader\u00adwei\u00adden ent\u00adlang wie\u00adder hoch hin\u00adauf ins Blau, schweb\u00adten \u00fcber die Br\u00fc\u00adcke und kehr\u00adten end\u00adlich in wei\u00adtem Bogen zu ihren Pl\u00e4t\u00adzen zur\u00fcck, dr\u00fc\u00adben auf den Holz\u00adb\u00f6\u00adcken des Wehrs. Hier auf dem Was\u00adser war es still, die Stadt war rund um uns und doch fern, nur die B\u00e4u\u00adme am Ufer stan\u00adden nahe und rede\u00adten vom Fr\u00fchling.<\/p>\n

Wir lasen den Cor\u00adnet: \u201eLe chant de l\u2019a\u00admour et de la mort du Cor\u00adnet Chris\u00adtoph Ril\u00adke\u201d \u2014 Anka la\u00df es mit t\u00f6nen\u00adder Stim\u00adme, weit aus\u00adho\u00adlend zu den Voka\u00adlen, man\u00adche der Kon\u00adso\u00adnan\u00adten mit beson\u00adde\u00adrem Nach\u00addruck her\u00advor\u00adsto\u00ad\u00dfend; sie las es sehr fran\u00adz\u00f6\u00adsisch, aber eben doch nicht v\u00f6l\u00adlig fran\u00adz\u00f6\u00adsisch, da sie es war, die es las. Sie wie\u00adder\u00adhol\u00adte die\u00adsen wun\u00adder\u00adli\u00adchen Zwie\u00adklang \u201ede l\u2019a\u00admour et de la mort\u201d, und die bei\u00adden Wor\u00adte, ganz ver\u00adschie\u00adde\u00adnen Stam\u00admes, wur\u00adden in ihrem Mun\u00adde mit\u00adein\u00adan\u00adder verwandt.<\/p>\n

Auch ande\u00adre Wor\u00adte, lan\u00adge bekannt, gaben sich erst jetzt in der frem\u00adden Spra\u00adche wirk\u00adlich zu erken\u00adnen. Ihre Sch\u00f6n\u00adheit wur\u00adde deut\u00adli\u00adcher \u2014 wun\u00adder\u00adli\u00adcher\u00adwei\u00adse \u2014 als sie aus\u00adge\u00adtauscht waren gegen die Wor\u00adte der frem\u00adden Spra\u00adche. Nie hat\u00adten wir gedacht, dass die\u00adse Spra\u00adche \u00fcber\u00adsetz\u00adbar w\u00e4re, aber sie war es, war noch vor\u00adhan\u00adden in der frem\u00adden Spra\u00adche, noch mehr vor\u00adhan\u00adden bei\u00adna\u00adhe, obwohl das merk\u00adw\u00fcr\u00addig klingt.<\/p>\n

Manch\u00admal leg\u00adten wir an irgend\u00adwo am Kai; wir kamen auch zu dem Schlepp\u00adzug der Fran\u00adti\u00adseks, die aus\u00adlu\u00adden und auf neue Ladung war\u00adte\u00adten. Anka mach\u00adte einen kur\u00adzen Besuch dr\u00fc\u00adben, dann kehr\u00adten wir um. Drei Stun\u00adden waren wir unter\u00adwegs gewe\u00adsen; der Uhren\u00adge\u00adne\u00adral hat\u00adte eine gewal\u00adti\u00adge Zeche zu bezah\u00adlen. Er nahm sei\u00adne Uhr im Emp\u00adfang und stell\u00adte sie gelas\u00adsen wie\u00adder zur\u00fcck.<\/p>\n

Maria war gegan\u00adgen. An einem tief\u00adh\u00e4n\u00adgen\u00adden Zweig schau\u00adkel\u00adte ein Zei\u00adchen\u00adblatt im Win\u00adde. \u201eLie\u00adbe See\u00adleu\u00adte, auf Wie\u00adder\u00adsehn. Ich muss in die Vor\u00adle\u00adsung. Maria.\u201d<\/p>\n

Es lag mir doch dar\u00adan, Lin\u00adde zu sehen, zu wis\u00adsen, dass sie unver\u00adsehrt war. Ich sah sie auch. Sie hock\u00adte auf einem alt\u00adv\u00e4\u00adter\u00adli\u00adchen, mit rotem Pl\u00fcsch bezo\u00adge\u00adnen Ses\u00adsel am Fens\u00adter ihrer Man\u00adsar\u00adden\u00adstu\u00adbe, in die wir alle drei ein\u00addran\u00adgen \u2014 ich w\u00e4re lie\u00adber allein gegan\u00adgen, aber was lie\u00df sich sagen gegen Anka, noch dazu in ihrem Haus?<\/p>\n

Etwas erschro\u00adcken sah Lin\u00adde uns kom\u00admen, aus\u00adge\u00adw\u00e4rmt und m\u00fcde von Son\u00adne und Wind und so viel mehr am Leben als sie. Als ich sie da hocken sah, muss\u00adte ich an Men\u00adschen den\u00adken, die \u2014 mit ver\u00adletz\u00adtem R\u00fcck\u00adgrat \u2014 nur wei\u00adter\u00adle\u00adben k\u00f6n\u00adnen, weil ein metal\u00adle\u00adnes Gest\u00e4n\u00adge sie auf\u00adrecht\u00adh\u00e4lt. Die\u00adses Gef\u00fchl behielt ich lan\u00adge Zeit, wenn ich Lin\u00adde sah. Sie hielt sich auf\u00adrecht, sie t\u00e4usch\u00adte Leben vor, aber es war nur ein k\u00fcnst\u00adlich auf\u00adrecht\u00aderhal\u00adte\u00adnes Leben, eine ein\u00adzi\u00adge M\u00fch\u00adsal, bis sie sich fal\u00adlen lie\u00df.<\/p>\n

Sie ver\u00adsuch\u00adte es, Anka stand\u00adzu\u00adhal\u00adten \u2014 das war das Schwie\u00adrigs\u00adte, obwohl Anka sich zur\u00fcck\u00adhielt, obwohl sie es zu wis\u00adsen schien. Aber was half das, wenn sie es nicht begrei\u00adfen, nicht nach\u00adf\u00fch\u00adlen konn\u00adte? Die Gesun\u00adden, die Unver\u00adletz\u00adten konn\u00adte sie alle mit\u00adrei\u00ad\u00dfen \u2014 sie woll\u00adte es nicht ein\u00adse\u00adhen, dass sie \u00fcber Lin\u00addes Art zu lei\u00adden kei\u00adne Macht hat\u00adte. Das brach\u00adte sie auf. Man merk\u00adte ihr an, dass sie sich zur\u00fcck\u00adhal\u00adten muss\u00adte, um nicht unge\u00adrecht zu werden.<\/p>\n

\u201e<\/span>Gr\u00fc\u00df Dich, Lin\u00adde. Was ist? Kommst mit ins Kon\u00adzert heu\u00adte Abend?\u201d<\/p>\n

Sie hock\u00adte auf der Schreib\u00adtisch\u00adplat\u00adte, nahm eins von den tro\u00adcke\u00adnen Keks, die da auf einem Tel\u00adler lagen. Man sah ihre kr\u00e4f\u00adti\u00adgen Z\u00e4h\u00adne. Die Son\u00adne spie\u00adgel\u00adte aus einer Fens\u00adter\u00adschei\u00adbe schr\u00e4g her\u00ad\u00fcber und lie\u00df ihr Haar auf\u00adleuch\u00adten. Drau\u00ad\u00dfen vor dem Fens\u00adter rag\u00adte die Kir\u00adche mit Turm und Kup\u00adpel auf \u2014 Sankt Niklas. Um ein Viel\u00adfa\u00adches \u00fcber\u00adstieg sie die statt\u00adli\u00adchen H\u00e4u\u00adser an ihrem Fu\u00dfe; breit und hoch rag\u00adte sie in das Flim\u00admern des Nach\u00admit\u00adtags. Wei\u00df\u00adgr\u00fcn leuch\u00adte\u00adte die Pati\u00adna der Kuppel.<\/p>\n

\u201e<\/span>Geh, sei nicht b\u00f6s, Anka\u201d, sag\u00adte Lin\u00adde. \u201eIch mag kei\u00adnen Mozart heut Abend. Fr\u00e4n\u00adzi, magst du nicht mit?\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ach, Fr\u00e4n\u00adzi, der Not\u00adna\u00adgel\u201d, sag\u00adte ich, zwei\u00adfelnd, ob es rich\u00adtig sei anzu\u00adneh\u00admen. Lust hat\u00adte ich schon, aber schlie\u00df\u00adlich war es Anka, die die Kar\u00adten ver\u00adgab. \u201eViel\u00adleicht gibt\u2019s noch and\u00adre, die gern m\u00f6chten!\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Geh, sei so nett und sei ein Not\u00adna\u00adgel, Fr\u00e4n\u00adzi\u201d, sag\u00adte Anka kau\u00adend \u2014 \u201epuh, das Zeug schmeckt wie Sand. \u2014 Die Kar\u00adten waren eh schon teu\u00ader genug, soll ich jetzt noch damit hau\u00adsie\u00adren gehn? Ich muss jetzt zum Boden, Chris\u00adtophs Sachen suchen. Die Fran\u00adti\u00adseks wol\u00adlen sie holen heut abend. Kommst mit, Uhren\u00adge\u00adne\u00adral? Kannst mir die Tru\u00adhen auf\u00adhal\u00adten. Da braucht\u2019s einen star\u00adken Mann.\u201d<\/p>\n

Der Uhren\u00adge\u00adne\u00adral, zwei\u00adfeln\u00adden Blicks, ball\u00adte die F\u00e4us\u00adte, zog die Unter\u00adar\u00adme an und lie\u00df sie wie\u00adder sin\u00adken. Anka rutsch\u00adte vom Schreibtisch.<\/p>\n

\u201e<\/span>Komm nur, dr\u00fcck dich nicht. Dazu reicht\u2019s schon.\u201d Fort war sie. Lin\u00adde l\u00e4chelte.<\/p>\n

\u201e<\/span>Ein Gold\u00adkerl ist sie, die Anka. Ver\u00adsteht nicht, war\u00adum ich mich so haben kann wegen der Vogel\u00adscheu\u00adche \u2014 so nennt sie ihn jetzt, hat ihn wahr\u00adschein\u00adlich im Stil\u00adlen immer so genannt. \u2014 Ich versteh\u2019s sel\u00adber nicht.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich glau\u00adbe, es ist schlimm, wenn man etwas nicht bekommt, was man haben m\u00f6ch\u00adte. Aber viel\u00adleicht ist es noch schlim\u00admer, wenn man etwas nicht geben kann, was man geben m\u00f6chte.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>La\u00df nur, Fr\u00e4n\u00adzi, ich komm schon wie\u00adder her\u00adaus. Es dau\u00adert halt sei\u00adne Zeit.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Viel\u00adleicht w\u00e4r\u2019s bes\u00adser, du w\u00fcr\u00addest schrei\u00aden und weinen?\u201d<\/p>\n

Sie sch\u00fct\u00adtel\u00adte den Kopf. \u201eLa\u00df nur, Fr\u00e4n\u00adzi, es kommt schon alles wieder.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ist es wahr, dass er dich auf ein\u00admal soviel arbei\u00adten l\u00e4sst?\u201d<\/p>\n

Sie nick\u00adte und l\u00e4chel\u00adte bit\u00adter. \u201eIch kann ja nichts sagen, jetzt erst recht nicht. Stell\u2019s dir doch nur mal vor! Es wei\u00df ja auch kei\u00adner au\u00dfer mir Bescheid in dem Zet\u00adtel\u00adkram, nicht mal er kennt sich rich\u00adtig aus.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Ich m\u00f6ch\u00adte dich mal wie\u00adder rich\u00adtig drau\u00ad\u00dfen haben in Luft und Son\u00adne; rich\u00adtig wan\u00addern m\u00fcss\u00adten wir mal, damit du wie\u00adder die Alte wirst\u201d, sag\u00adte ich.<\/p>\n

Sie zuck\u00adte die Ach\u00adseln. \u201eZu Pfings\u00adten viel\u00adleicht. Die Elbe ent\u00adlang, das wollt ich schon immer gern.\u201d<\/p>\n

\u201e<\/span>Wol\u00adlen wir\u2019s nicht gleich festmachen?\u201d<\/p>\n

Sie nick\u00adte und sah m\u00fcde aus. \u201eMachen wir\u2019s nur.\u201d<\/p>\n

Es war f\u00fcnf. Wenn ich zum Kon\u00adzert p\u00fcnkt\u00adlich sein woll\u00adte, muss\u00adte ich jetzt nach Hau\u00adse, mich umzie\u00adhen. Ich frag\u00adte Anka nach der Kar\u00adte, sie hat\u00adte sie lose in der Jacken\u00adta\u00adsche und steck\u00adte auch den Geld\u00adschein, den ich ihr gab, lose in die Tasche. Dann ging ich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

Der n\u00e4chs\u00adte Mor\u00adgen lie\u00df sich freund\u00adlich an. Maria lag noch m\u00fc\u00dfig in Bett, w\u00e4h\u00adrend ich mich fer\u00adtig\u00admach\u00adte. Mit unver\u00adbind\u00adli\u00adchen Wor\u00adten rede\u00adten wir \u00fcber das am Abend Gesag\u00adte hin\u00adweg. Mir sel\u00adber schien es fast wie aus\u00adge\u00adtilgt, wie ein Spuk der Nacht. Vage erhob sich in mir die Hoff\u00adnung, auch Maria k\u00f6nn\u00adte ihre \u00dcber\u00adei\u00adlung bereu\u00aden, das Zuge\u00adsag\u00adte \u2026 Geis\u00adter der Mol\u00addau \u2014 Kapi\u00adtel 4 Licht und Schat\u00adten<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1390,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"wp_typography_post_enhancements_disabled":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1530","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-prag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1530","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1530"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1530\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1541,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1530\/revisions\/1541"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1530"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1530"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/stefan-soyka.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1530"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}