define('DISALLOW_FILE_EDIT', true); define('DISALLOW_FILE_MODS', true); Prag - HOME https://stefan-soyka.de Stefans Blog Mon, 31 Jul 2017 13:22:11 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.8.3 Geister der Moldau — Kapitel 4 Licht und Schatten https://stefan-soyka.de/?p=1530 Sat, 10 Jun 2017 21:01:41 +0000 https://stefan-soyka.de/?p=1530 Geister der Moldau — Kapitel 4 Licht und Schatten weiterlesen]]> Der nächste Morgen ließ sich freundlich an. Maria lag noch müßig in Bett, während ich mich fertigmachte. Mit unverbindlichen Worten redeten wir über das am Abend Gesagte hinweg. Mir selber schien es fast wie ausgetilgt, wie ein Spuk der Nacht. Vage erhob sich in mir die Hoffnung, auch Maria könnte ihre Übereilung bereuen, das Zugesagte zurücknehmen und den gestrigen Tag auslöschen. Als ich, mit dieser Hoffnung, allein die Treppe hinunterging, nährte ich sie, hegte sie und spann sie aus, bis sie mir zur Gewissheit geworden war.

Ich betrog mich selbst, denn nur so konnte ich nur unbeschwert fortgehen, jetzt, in diesem Stadium des Anfangs und der Unentschiedenheit — „Principiis obsta!” musste ich denken — wenn ich mich mit dieser Hoffnung, dieser Gewissheit tröstete. Sonst hätte ich bleiben müssen, sogar auf die Gefahr hin, eine Vorlesung zu versäumen, hätte reden und argumentieren und kämpfen müssen. Vielleicht hätte ich alles noch abwenden und umbiegen können, wäre ich an diesem Morgen nicht so leichtherzig die Treppen hinuntergesprungen, immer zwei Stufen auf einmal, dazu ein Lied summend, das ich eben im Nachbarzimmer hatte singen hören, in meinem Innern bastelnd an der durchaus ungewissen Hoffnung, dass Maria schon das Klügere tun werde.

Ich dachte nicht daran, dass man Klugheit in diesem Augenblick nicht von ihr erwarten durfte, dass es meine Sache hätte sein sollen, sie von einem Fehler abzuhalten. Aber dann wieder sagte ich mir, dass hier ja ganz anderes am Werk war, als ich dachte und wusste, und dass ich am Ende doch nichts hätte ausrichten können, auch wenn ich dageblieben wäre und all meine Überredungskünste aufgewendet hätte …

Ich hörte meine Vorlesung im Zeitungswissenschaftlichen Institut am Obstmarkt. Dann saß ich wieder über mein Gedicht gebeugt. Die ganze Stadt draußen hatte sich zum Frühling entschlossen. aber nur wenig drang davon in die Moderluft der Institutsräume.

Die Innenseite der Natur belebt sich,
verheimlichend ein neues Freuet-Euch.

Ganz vernünftig konnte ich jetzt wieder über die Zeilen räsonieren. Es fiel mir jetzt auch ein, dass das alles ja nicht das war, was ich an Tage vorher gesehen hatte. Nichts war gesagt von den Bildern des Frühlings. Der Dichter schlüpfte ja ins Innere von Baum und Busch und Erde, verschwand im Unsichtbaren und Abstrakten. Oh ja, das war eine gute Idee. Ich prüfte sie nach, baute sie aus, bewies sie, knetete daran herum, bis sie tatsächlich mehr als eine ganze Seite bedeckte.

Dann machte ich mich daran, die Anspielung auf Weihnachten, das anachronistische „Freuet-Euch” zu zerpflücken, das ich, im Anerzogenen verharrend, absurd und respektlos finden musste. Das brachte mich auf den Gedanken, dass Rilke auch manches dem Reim zuliebe getan haben könnte. Ja, durchaus, hier schien es, als hätte sich etwas auf Gesträuch reimen sollen, und was reimt sich schon auf Gesträuch? Zwar folgte „Gesträuch” erst zwei Zeilen später, aber was besagte das schon? Der Dichter würde ja wohl sein Gedicht nicht der Reihe nach hersagen wie ein Schulkind.

Ich fand Spaß an der Sache. Der Gedanke mit den Reimen gab zwar nicht viel her, da die anderen Reime alltäglich waren. Aber als es zwölf schlug, war ich zufrieden mit mir und steckte das Blättchen in die Tasche. Im Hausflur drückte ich auf die Klingel für das Musikwissenschaftliche Institut: lang-kurz-lang-kurz. Für einen Augenblick lang kam es mir unrecht vor, dass ich Lindes Morsezeichen benutzte und mich damit fast für sie ausgab.

Als Hartmut herauskam, war er allerdings erstaunt, nur mich zu finden und nicht Linde, aber er war nicht verstimmt, und so machte ich mir weiter nichts draus. Wir entschieden uns für die Vegetarna in der Zeltnergasse und gingen eine Weile schweigend. Dann sagte Hartmuth:

„Der Wiggert hat eine neue Flamme.”

„Ich weiß”, sagte ich, beschämt, weil ich diesen Schrecken schon fast vergessen hatte. „Ich habe sie zusammen gesehen.”

„Ich auch”, erwiderte Hartmuth. „Und Linde auch. Er hat sie uns vorgestellt. ‚Da habt ihr die Frau meines Lebens’, hat er gesagt — so ein sentimentaler Quatsch! Musste er das sagen — vor Linde?”

„Ich fürchte, er hatte keine Ahnung, was er sagte”, erwiderte ich. „Ich glaub’, er hat keine Ahnung, was das der Linde bedeutet.”

„Aber sie hat Linde angeschaut, als wär’ die sowas wie eine abgelegte Geliebte. Ich glaube, die Linde hat noch keinen Bissen gegessen seitdem! Das war gestern!”

„Wir sollten sie abholen, unbedingt!”

„Nein, lass nur. Sie muss damit fertig werden, allein. Reden hat keinen Sinn.”

Wir kamen zur Vegetarna und stiegen die Treppen hinauf. Am Fenster war ein Tisch frei. Wir lasen die Speisekarte, wählten und bestellten. Dann war es lange still. Plötzlich sagte Hartmuth:

„Ich frage mich manchmal, ob in anderen Städten die Dinge anders laufen und anders ausgehen als hier. Die Stadt ist so mächtig, sie lässt nur zu, was ihr gemäß ist. Als ob man nur sie lieben dürfte, als ob sie alle andere Liebe mit Eifersucht verfolgte -”

„Und ist die Stadt nicht eine solche Liebe wert?” fragte ich.

Er hob das Gesicht aus den Händen und verschränkte sie vor dem Munde.

„Ja”, sagte er, „doch — vielleicht. Ich habe es mir nie überlegt. Nur, alt dürfte man hier nicht werden.”

Die Serviererin brachte die Dukatenbuchteln in der sahnegelben Vanillesauce, und wir stachen mit der Gabel in das knusprige Gebäck.

Als ich am andern Morgen aufwachte, war Maria schon im Gehen. Ich lag still und hielt die Augen geschlossen, bewusst, dass ich mich verstellte, bewusst, dass ich etwas fragen, etwas sagen sollte, denn wir hatten uns auch am Abend vorher nicht mehr gesprochen. Aber ich schwieg und blieb liegen wie im Schlaf, blieb auch eine Weile noch so, als sie schon gegangen war, wartend, ob sie etwa noch einmal zurückkäme, weil sie etwas vergessen hatte, wie es manchmal vorkam.

Der Gedanke war mir entsetzlich, dass sie ging, um den Pockennarbigen zu treffen, als Buße dafür, dass sie ihren Mann nicht lieben konnte. Aber wie sollte ich mit Worten etwas daran ändern? Es war mir zu fremd, ich schob es weg und versuchte zu vergessen.

Im Waschraum stand wieder, das Haar über den langen Rücken hochgetürmt, Ellen Brand beim Waschen. Richtig, wir gingen ja in die gleiche Vorlesung, mussten zur gleichen Zeit uns fertigmachen. Aber sie war heute nicht gesprächig, beeilte sich auch ungewöhnlich, so schien es mir. Ich meinerseits aß nur im Stehen ein Brot, um eine Bahn früher zu erreichen, mit der sie nicht fahren würde. Wie ich schon anfing, andern aus dem Wege zu gehen — es wunderte mich selber. Aber es schien mir, ich dürfte mich nicht in zu viele fremde Kreise fangen lassen, wenn ich überhaupt zu mir selber kommen wollte.

Als ich im vorderen Wagen meiner Bahn stand, sah ich, wie auch Ellen Brand noch in letzter Sekunde auf die hintere Plattform sprang. Es sah ja aus, als hätte auch sie mir aus dem Wege gehen wollen. Einen Augenblick lang überlegte ich, was dafür wohl der Grund sein könne, aber dann dachte ich der Sache nicht weiter nach, sondern genoss wieder, wie jeden Morgen, die sausende Fahrt talwärts durch die Schlucht von Mietshäusern, die dann plötzlich zurückwich und sich ausweitete zum Karlsplatz, Vorbote der eigentlichen und wirklichen Stadt, die sich zu beiden Seiten der Bahn ausbreitete.

Der Platz war über Nacht ergrünt und lebendig geworden. An Büschen und Bäumen faltete sich’s auf, dehnte sich aus in die Weite und Breite und spann hin und her, nach rückwärts und vorwärts, sein grünes Gespinst zwischen Rathaus und Denkmälern und dem barocken Säulenportal der Ignatiuskirche. Leben überwucherte dieses riesige Geviert toter Sehenswürdigkeiten. Hier und da blühte es auch schon mitten im Grünen.

Ich beugte mich aus der offenen Tür, eben da die Bahn wieder anfuhr. Es roch nicht nach Frühling, merkwürdigerweise, sondern nach Rauch. Aber noch merkwürdiger war, dass auch in diesem Geruch von Holzfeuer der Frühling war, nicht süß und doch lockend, nicht einschmeichelnd und doch verführerisch. Herb, kräftig, fast bitter strömte es her über den Platz; aus vielen Fernen schien es herzukommen, weit in viele Fernen hinauszurufen.

Die Bahn hatte ihre brausende Talfahrt wieder aufgenommen, sie riss uns alle vorwärts und nach unten. Ich stand neben dem Fahrer und sah ihn plötzlich hastig hantieren. Ein Schreck durchzuckte mich: es war offensichtlich, dass er die Gewalt über die Bremsen verloren hatte. Da unten, am Ende der Strecke, floss breit und gelassen die Moldau. Wenn es ihm nicht gelang, den Wagen in der Kurve herumzureißen, würde das leichte Geländer kein Hindernis sein und der Zug würde mit allen seinen Fahrgästen in den Fluss stürzen. — Ich wagte nicht, dem Fahrer ins Gesicht zu sehen; wie gebannt starrte ich nur voraus in die Tiefe, in die es uns vorwärts und hinabriss mit der Gewalt von Eisen und Stahl. Entsetzen schnürte mir die Kehle zu, ich fasste nach dem Griff der Tür.

Die Kurve kam rasend schnell heran; es riss den Wagen zur Seite, dass ich glaubte, er müsse aus den Schienen springen, aber die Weiche hielt, leitete ihn im Bogen hinein in seine vorgesehene Bahn.

Erst jetzt wagte ich, dem Fahrer ins Gesicht zu sehen. Schweiß rann an den Schläfen herunter durch die tiefen Furchen in der grauen Haut. Wir waren allein auf dem Perron.

Er murmelte ein paar tschechische Worte ohne mich anzusehen, aber ich verstand sie nicht. Erst an der nächsten Haltestelle, am Nationaltheater, zog er sein Taschentuch und wischte den Schweiß von der Stirn. Mit ängstlichem Lächeln sah er endlich zu mir her. Ich lächelte auch.

„Wir haben Glück gehabt”, sagte ich. Obwohl ich nicht wusste, ob er meine Worte verstand, war ich doch sicher, dass er wusste, was ich meinte. Das Lächeln erlosch jetzt auf seinem Gesicht, er bewegte die Lippen, als habe er etwas Wichtiges zu sagen, aber dann läutete es von hinten aus dem Wagen, der Polizist winkte von der Kreuzung vorn, und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. An der Moldaulände hin glitt er jetzt, vorbei an den hohen spiegelnden Scheiben der Kavarnas, hinter denen man Müßiggänger im Sessel lehnen sah bei Kaffee und Zeitung — für sie wäre es nur eine Notiz im lokalen Teil gewesen, vielleicht auch zweispaltig aufgemacht oder höchstens dreispaltig, je nachdem, wie viele Menschen dabei zu Tode gekommen wären. Aber mir, die es in Angst durchlebt hatte, schien es, als verberge sich hinter diesem Vorkommnis etwas Größeres, Allgemeineres, das ich noch nicht erkannt hatte. Mit Maria hatte es zu tun und ihrem Schrei in der Nacht, mit dem, was sie mir auf dem Jahrmarkt gesagt hatte und was mir doch immer hinter halben Worten verborgen geblieben war.

Ich sah die Linden grünen draußen am Moldauufer, sah die Tulpenbeete in den Anlagen flammen wie Feuer, sah Burg und Dom aufsteigen hoch über den Strom. Aber das alles war nur äußerlich. Was geschah wirklich, das viel wichtiger war und doch vor unseren Augen noch verborgen war? Ich hätte alle Menschen danach fragen mögen, und doch schreckte ich im Innersten davor zurück, wie die Leute im Wagen bei der rasenden Fahrt sich vor der Gefahr verborgen, sich zugeredet hatten, es gehe alles mit rechten Dingen zu, diese Leute, die jetzt lebten und weiterleben würden, ohne zu wissen, dass sie ihr Leben nur einem glücklichen Zufall verdankten.

Ganz gegen meine Gewohnheit saß ich heute viel zu früh auf meinem Platz im Hörsaal drei und zeichnete gedankenlos Blumen und Schnörkel auf ein leeres Blatt, während der Saal sich füllte. Der Platz drei Bänke vor mir, weiter links drüben, blieb vorläufig leer.

Es ereignete sich aber an diesem Tage wieder wie am Freitag vorher, dass Felix Erlach mit einem nicht geringen Aufwand an Geräuschen den Hörsaal drei erst betrat, als Professor Malon sich schon von seinem Einführungssatz davontragen ließ wie von einem wohlgefälligen Gewässer. Um genau zu sein, es ereignete sich von da an jeden Dienstag und Freitag mit der größten Regelmäßigkeit und nur mit einer einzigen Ausnahme, dass Felix Erlach in liebenswürdigem Eifer — man hätte auch sagen können, mit sanfter, aber entschiedener Aufsässigkeit — hinten ums Geviert der Bänke herummarschierte, wobei die Fußbodenbretter niemals versäumten, zu diesem Gange alle Schattierungen von Gekreisch und Geknarr beizusteuern, die schlecht und lose sitzenden Brettern von Natur aus eigen sind.

Ich hatte Gelegenheit, dies genau zu beobachten, denn nur zweimal versäumte ich diesen melodramatischen Auftritt, und nur einmal zollte ich ihm nicht die gebührende Aufmerksamkeit.

Ganz anders Professor Malon. Weder versäumte er den Auftritt jemals, noch ließ er es jemals an Aufmerksamkeit dafür fehlen, genauer gesagt, an einer unverkennbaren Missbilligung, die sich immer weiter steigerte, bis sie ihr plötzliches Ende fand.

Dies mochte umso stärker der Fall sein, weil sein Schüler und Jünger trotz des löblichen Eifers, mit dem er sich jedes mal einfand — in mehr als letzter Minute — es doch an Respekt vor der Philosophie, der Krone der Wissenschaften, empfindlich fehlen ließ. Malon, der von seinem Pult in den Saal sah, konnte als Einziger beobachten, dass die Störung mit dem eindrucksvollen Auftritt und Umgang, ja, selbst mit dem Vorbeizwängen an mehreren unwilligen Kommilitonen noch keineswegs ein Ende, sondern im Gegenteil, erst ihren Anfang nahm.

Denn ehe der Schuldige, aber durchaus nicht Schuldbewusste, sich setzte, die Bügelfalte seiner Hose hochzupfend, wandte er sich jedes mal nach rechts, drei Bänke zurück, zu dem Platz, wo ich saß. Er befand sich gerade am äußersten Ende meines Blickfeldes, so dass ich diese Wendung auch wahrnehmen konnte, ohne dass ich seinem prüfenden Blicke jedes mal hätte begegnen müssen. Ich muss freilich sagen, dass ich den allgemeinen Aufruhr und die vorwurfsvolle Pause, die Professor Malon zu diesem Zeitpunkt gewöhnlich einlegte, immer ausnutzte, mich beiläufig nach dem Störenfried umzusehen und seinen Blick zu erwidern, bevor ich mich eilig wieder meinem Heft zuwandte, so dass er sich nicht zu viel darauf einbilden konnte. Ich gebe aber zu, dass der Blick dieses schüchternen jungen Mannes mich beglückte.

Denn schüchtern, dachte ich, musste er ja wohl sein. Warum sonst dieser lärmende, aufwändig inszenierte Umweg zu einer so fragwürdigen und unsicheren Begegnung der Blicke? Warum setzte er sich nicht einfach neben oder hinter mich?

Aber es gefiel mir, dass er schüchtern war oder jedenfalls sich diesen Anschein gab. Hätte er sich frech und aufdringlich neben mich gesetzt, das Ganze hätte bald seinen Zauber einbüßen müssen. Und im Übrigen benahm sich dieser schüchterne junge Mann auch durchaus nicht schüchtern. Ich brauchte, wie gesagt, meinen Blick gar nicht zu wenden, um zu bemerken. wie immer wieder im Verlauf einer solchen Dreiviertelstunde sein Kopf sich rückwärts wandte, als müsste er sich vergewissern, dass ich auch unterdessen den Saal nicht verlassen hätte.

Hätte ich seine Blicke ebenso oft erwidern wollen, wie ich sie empfing, es wäre eine Unmöglichkeit daraus geworden. albern geradezu. Aber es genügte mir schon — und auch ihm offenbar — dass ich sie bemerkte, sie sozusagen heimlich in Besitz nahm, als mir gehörig, und im Laufe des Semesters wahrhaftig einen kleinen Schatz davon speicherte.

Niemand würde mir wohl glauben, wenn ich behaupten wollte, dass ich diese Blicke alle ungesehen hinnahm, sie unbesehen einsackte, sozusagen wie man Geld von einem Freund annimmt, der einen gewiss nicht betrügen wird. Natürlich erwiderte ich sie ab und zu, versuchte aber mehr oder weniger, meine Antwort beiläufig erscheinen zu lassen, indem ich den Blick zur Fensterreihe weiterwandern ließ oder von ihm fort ins Leere.

Es waren höchst merkwürdige Blicke, die auf solche Weise ausgetauscht wurden, nicht zu vergleichen mit denen, die sonst zwischen Mann und Frau unbewachterweise hin und hergehen, zwei Unbekannten, die das Ziel der Bekanntschaft nahe vor sich haben. Aber unter dem seidigen Gewebe des philosophischen Diskurses, gefiltert, geklärt und doch nicht zerstört, begab sich alles ganz langsam und gedämpft, etwas blutlos vielleicht, wie man eben die Fäden einer Idee hin und her webt, um dann am Ende zögernd zu prüfen, ob das Gespinst dem Tageslicht und der täglichen Beanspruchung auch genügen wird.

An diesem Dienstag fühlte ich das Weben der Fäden noch unwiderstehlicher als am Freitag vorher. Jeder Blick war wie ein schwacher Einstich in meine Haut; er verletzte mich auf eine so tröstliche und beruhigende Weise. Ich wurde fortgezogen von all den Schwierigkeiten, die ich getürmt sah auf allen Seiten, fortgezogen ins Einfache und Natürliche.

Ich kannte die Liebe noch nicht. Die Einzelheiten, aus Büchern zusammengelesen, verloren hier ihre Bedeutung. Dies hier kam mir ganz anders vor als alles, was in Büchern stand. Wie alle, die lieben, dachte ich, für mich müsste es anders sein, nicht platt, nicht banal. Ich wusste, dass es so nicht sein konnte. Aber wie es sein sollte …?

Ohne den Kopf zu wenden, warf ich einen raschen Blick hinüber. Wie schön sein Hinterkopf gewölbt war! Ich würdigte das umso mehr, da es mir selber an dieser Wölbung fehlte und an dem, wie man sagt, damit verbundenen Talent zur Mathematik. Auch die Stirn floh nicht zurück, angenehm rundete sie sich hinauf zu dem hohen Ansatz von dunklem Haar. Vergnüglich und nicht ganz ideal war nur die Nase: man konnte die Zeichnung des Nasenloches sogar von der Seite erkennen, eines sehr langen und fast ein wenig ins Gesicht zurücklaufenden Nasenloches, einem Schnepfenschnabel nicht unähnlich.

Obwohl ich mich nicht gerührt hatte, war wohl der schmerzhafte Einstich auch bei ihm bemerkbar: er wandte sich um mit einem kleinen Lächeln, ehe ich meinen Blick hatte zurücknehmen können. Professor Malon stockte ein wenig in seiner Rede, wie erschrocken, aber er brauchte nicht besorgt zu sein, ich lächelte natürlich nicht. Es war nur plötzlich wie ein helles Geflimmer über dem Saal, ich sah nichts mehr deutlich, konnte den Blick auf nichts Bestimmtes mehr richten, als wären die Augen von diesem sekundenlangen Anblick übermüde geworden.

Ohne Bedauern sah ich Felix Erlach gehen nach der Vorlesung.

Ich wusste ohnehin, dass er die folgende von Wiggert nicht mit anhörte. Wohin er ging, fragte ich mich nicht. Was er jetzt tun, mit wem er zu Mittag essen würde, war nicht wichtig, wichtig war dieses kleine vertraute Lächeln. Ich hob es auf, bettete es in mich ein, und manchmal machte es mich selber lächeln.

Es war fast Mittag, als der Hörsaal uns entließ aus seiner Kühle. Ich schlenderte über die Höfe dem Kreuzherrenplatz zu, halb und halb entschlossen, heute nun endlich hinüberzudringen über die Karlsbrücke ins älteste, wirkliche Prag, und drüben nach Lindes Domizil zu forschen, obwohl sie es mir nur ungenau beschrieben hatte. Es musste ein hübsches altes Haus sein, am Kleinseitner Ring, gegenüber der Straßenbahnhaltestelle, so hatte sie gesagt. Sie wohnte dort bei Ankas Eltern zur Untermiete.

Zwar machte mich der Gedanke ängstlich, mich in dieses Haus einzudrängen, aber ich wusste doch nicht, ob es nicht richtig und nötig war, dass ich mich nach Linde umsah, da ich einmal ihren Kummer kannte. Zwar traute ich mir nicht zu, viel trösten zu können, aber Anka, meinte ich bei mir, mochte zu einem solchen Amt noch weniger taugen, wenn sie überhaupt von allem wusste. Und Hartmuth wieder würde in dieses Haus wohl nicht mehr gerne gehen.

Warm und still stand die Luft über dem Platz, als ich hinaustrat durch die kleine ausgesparte Tür in dem Tor von Schmiedeeisen. Das Wasser des Moldauwehrs brauste nahe hinter den Häusern. Summend wie ein Orgelton stand dieses Brausen über der Weite des Platzes, die doch eng schien, da sie bestürmt war von drei gewaltigen Bauwerken: zur Linken von den figurengekrönten drei Toren der Salvator-Kirche, zur Rechten von der Kuppel der Kreuzherrenkirche, die weiß leuchtete in ihrer Höhe vor dem mildblauen Himmel, und vom Altstädter Brückenturm da schräg gegenüber, dem ältesten der drei, der wahrhaft väterlich dastand, der breite Turm bewehrt mit kleineren Türmchen, und unter den Steinbildern der Könige das Spitzbogentor offenhielt, den Eingang in die Welt jenseits der Moldau.

Das Tor, aus dem ich trat, war in diese Fülle nur bescheiden eingezwängt, ein Zaungast nur. Während ich den Platz überschritt, tat sich mir auch der Blick nach drüben auf, über den Fluss hin, und es war, als träten aus der Ferne her auch Burg und Dom und die Kuppeln und Türme und Dächer der Kleinseite noch herein in diese dichte Fülle, in deren Mitte Kaiser Karl auf steinernem Sockel residierte.

Nahe dem Kaiser, auf einer Bank am Wasser, saß eine alte Bäuerin im schwarzen steifen Rock, das schwarze Kopftuch unterm Kinn zugebunden, in der warmen Sonne. Sie bestaunte nichts von dem, was um sie war. Seit ihrer Kindheit mochte sie’s gesehen haben, wieder und wieder, wenn sie ihre Sachen zum Markt brachte und in der Mittagssonne hier ein kleines Nickerchen tat.

Frieden war um sie her, wie sie da saß, und doch dachte ich, wie das sein müsste, wenn man nichts von allem hier wirklich sah. Und wie ein besonderes Glück fühlte ich es plötzlich, dass ich nicht hier geboren war, dass ich all diese Bilder nicht gewohnt war von Kindheit an, sondern dass ich sie sehen konnte mit dem Entzücken, das nur das Neue und noch nie Gesehene so stark in uns weckt.

Durch den steinernen Torbogen des Turmes ging ich — kühl wehte es mich an von der Mauer her — und wechselte hinüber auf die linke Brückenseite, da ich sah, dass auch die andern wie nach einem ungeschriebenen Gesetz sich links hielten auf dem Wege hinüber. Schließlich waren in diesem Land bis vor Kurzem auch die Kraftfahrzeuge auf der linken Straßenseite gefahren. Grün wuchs es vom Ufergrund herauf zu der Brücke und ihren steinernen Gestalten, die hoch von ihren Sockeln sich herneigten zu dem, der vorüberging. Da standen sie, Bilder einer Zeit, in der das Himmlische sich noch besprach mit dem Irdischen; Sonnenlicht zeichnete den Faltenwurf ihrer Kleider nach, dass es fast schien, als bewege sie der Wind. Da neigten sie sich her, als hätte man sie etwas gefragt, als müssten sie Rede und Antwort stehen. Aber wer fragte sie noch? Die hier gingen, gingen vorbei, kaum, dass einer zu ihnen aufsah wie ich. Und doch waren sie nicht tot, schienen aus irgendeiner Ferne her Leben zu empfangen und auszuteilen.

Ich blieb stehen, um in meiner Kollegtasche nach der Sonnenbrille zu suchen, gespannt, ob sich das Bild durch den schmeichlerischen dunklen Ton des Glases noch schöner ausnehmen könnte. Da fiel mein Blick auf einen kleinen weißen Gegenstand vor meinen Füßen. Ich bückte mich danach und hob ihn auf. Es war ein Würfel, nicht größer als ein Kirschkern, und die Zahl, die mir entgegensah, war eine Sechs. Sah es nicht aus, als wollte die Stadt mich damit locken und für sich gewinnen?

Ich dachte an das, was Hartmuth am Tag vorher über die Stadt gesagt hatte: „Als ob man sie nur lieben dürfte, als ob sie alle andere Liebe mit Eifersucht verfolgte…” Ich hielt den Würfel auf der flachen Hand vor mich hin. Die sechs Augen blickten mich an. Ein Mann, der vorüberging, spähte neugierig nach meinem Fund. Es handelte sich ja nicht um einen Wertgegenstand, zu geringfügig, deswegen irgendwelche Umstände zu machen, gar den Verlierer zu suchen. Und doch lag in der Sechs, die mich ansah, eine geheime, lockende Bedeutung; sie erfüllten mich mit Zuversicht und Vorfreude. Ein Versprechen war es, eine sichere Hoffnung.

Die Kleinseite empfing mich, wie die Altstadt mich entlassen hatte: mit grünenden Zweigen, die heraufwuchsen zu den Figuren der Heiligen und mit einem Spitzbogentor, das diesmal allerdings flankiert war von zwei Türmen, die wie Mutter und Tochter hier der Muße pflegten, beide etwas zur Fülle neigend, während der Vater hochgewachsen und kräftig drüben am andern Ufer Wache hielt. Zwischen die beiden behäbigen Türme aber, Mutter und Tochter, drängte sich hoch und gewaltig das Bild einer Kirche, Turm und Kuppel.

Wieder empfand ich den Durchgang durch das kühlende Tor als Wohltat, mir war ganz wirr im Kopf von Sonne und Bildern. Alle Lust, einen Besuch zu machen, war mir vergangen. Im Schatten der Gasse strebte ich den noch kühleren Laubengängen zu, immer das Bild der Kirche vor Augen, die über die winzigen Menschen, Schubkarren und Autos hochragte wie in den Himmel hinein.

Als sich unter den kühlenden Bogen der Kolonnade neben mir eine Tür in ein Restaurant öffnete, trat ich ein, ohne zu zögern. Es war eine ältliche behagliche Gastwirtschaft. Licht brannte hier, wohltuend milde nach der grellen Sonne. Als ich die Sonnenbrille abnahm und in die Tasche steckte, sah ich in einer der Nischen Anka sitzen und neben ihr einen Mann in Soldatenuniform. — Soldat oder Offizier — ich konnte das nie erkennen, besonders wenn einer keine Mütze trug. Ich entschied es dann von Fall zu Fall nach dem Gesicht, aber damit hatte ich oft wenig Glück.

Ich war etwas ratlos, wollte mich fortwenden, was allerdings schwierig war in einem so engen Raum, aber Anka rief mich schon an den Tisch und zog mich an der Hand auf einen Stuhl ohne große Formalitäten der Begrüßung oder Vorstellung. Sie wählten grade, ich tat es ihnen nach. Erst dann deutete sie auf ihren Begleiter, einen unscheinbaren kleinen Mann, jung noch, jünger wahrscheinlich, als man ihn schätzte, denn er hatte einen Zug in seinem Gesicht, das nicht jung sein konnte, nicht jung sein wollte vielleicht. Seine Augen waren schön, grau und wolkig und vielfältig in dem unbedeutenden Gesicht.

„Das ist Schönow”, sagte Anka. „Voriges Jahr hat er hier studiert, diesmal gibt er nur ein Gastspiel. Der Herr General aus Frankreich!” Und sie schnippte das Ende seines Schulterstücks hoch. Obwohl ich mir auf die Zeichen darauf keinen Reim machen konnte, sagte ich mit Staunen, aber doch ohne große Begeisterung:

„Sie sind mein erster General!” Anka lachte.

„Der Herr General! Der Herr Uhrengeneral! Uhrenwurm habe ich ihn immer genannt, aber jetzt werd’ ich ihn Uhrengeneral nennen, das klingt doch viel mehr nach was. Er sammelt nämlich Uhren, weißt du. Am liebsten würd’ er auch die vom Altstädter Rathaus sammeln, wenn sie nicht so groß wär’!”

„Du stellst es immer dar, als stehle ich mir meine Uhren zusammen — stehle? Stehlte? Stöhle? Stähle? Gibt es da keinen Konjunktiv?”

Nein, wir beschlossen, es gab da keinen, keinen annehmbareren als den Indikativ, der Schönows genaues Gemüt nicht zufriedenstellen konnte. Wunderlicherweise fand ich nichts dabei, dass Anka ihn nur „Schönow” genannt hatte, ohne „Herr”, ich nannte ihn auch bei mir selber so und vermied es, ihn mit seinem Namen anzureden. Es war, als müsste das „Herr” ihn herabwürdigen, ihn einordnen in eine unübersehbare Reihe von „Herren”, mit denen er nichts gemein hatte.

Das Gespräch floss so weiter, es drehte sich nämlich um eine Uhr, die Schönow eben beschreiben wollte, als ich eintrat.

„Rundherum war es wie kleine Rosenblätter geflochten, so dass die ganze Uhr wie eine Blume aussah. Geflochten war es aus Haaren, die fast genau so golden waren wie das Gold der Uhr, ein helles Rötlichblond. Auf der Rückseite war eine Widmung eingraviert: „Cela vous protegera. C.S.” Cela vous protegera — weißt du, woher das kommt?”

Anka breitete die Hände flach vor sich hin wie Fächer und schüttelte den Kopf. Nein, sie wusste es nicht.

„Ich wäre vielleicht auch nicht drauf gekommen”, fuhr Schönow eifrig fort, „wenn ich nicht in der Bibliothek das Buch gefunden hätte. Ein deutsches Buch. Ein Buch vom Krieg.”

Aufmerksam uns beide der Reihe nach ansehend, wollte er uns einhelfen, wie man Kindern einhilft, wenn sie ein Gedicht nicht weiterwissen. Anka hatte die Hände vorm Gesicht flach zusammengelegt, die Daumen unterm Kinn, und die Nase, das einzig Ungemässe ihres Gesichts, barg sich in der flachen Höhle zwischen den Handflächen.

„Cela vous protegera — ein Buch vom Krieg? Der Cornet?”

Schönow schlug sich auf die Schenkel, was eine drollige Wirkung machte bei seiner mageren Figur.

„Der Cornet — in der Bibliothek eines französischen Schlosses! Was sagst du dazu?”

Anka hatte offenbar keine Lust, viel dazu zu sagen. „Phantastisch!” murmelte sie — das gaumige, fast nasale n, das offene zweite a — ich hatte es schon einmal von ihr sagen hören, aber heute war kein Nachdruck dahinter.

„Geh, du bist fad heute”, sagte Schönow, „aber warte nur, du wirst es lesen und du wirst sehen -”

„Du hast es denn mit?” fragte Anka mit erwachtem Interesse.

„Ich habe es nicht gestohlen, wie du wieder annehmen wirst”, erwiderte Schönow. „Ich hab es abgeschrieben mit diesen meinen Fingern -” und er streckte sie gespreizt in die Höhe, alle zehn, es waren schmale schöne Finger. „Abgeschrieben habe ich es, eh’ ich herkam, und du wirst es zu lesen kriegen, sobald wir draußen auf dem Wasser sind. Hierher”, und er fuhr mit der flachen Hand über den blankgescheuerten groben Tisch — „hierher passt es nicht.”

„So — werden wir denn draußen auf dem Wasser sein?” erkundigte sich Anka erstaunt.

„Sobald dieses Mahl hier vollzogen ist.” Anka schien mir heute abwesend, fast ein wenig ungehalten. Das Heft war ihr aus der Hand genommen.

„Übrigens, was die Uhr betrifft”, fuhr Schönow fort in dem offensichtlichen Wunsch, genau zu sein, „nachher hat es mir leid getan, dass ich dieses eine Mal nicht doch meinem Grundsatz untreu geworden bin, dass ich sie nicht mitgenommen hab. Man hätt’ sie ja später zurückgeben können, der Eigentümer des Schlosses müsst’ sich ja ermitteln lassen. Dann wär’ sie wenigstens noch ganz.”

„Ich denke, bei dir gehen alle Uhren kaputt?” erkundigte sich Anka. Schönow schüttelte den Kopf über ihr störrisches Wesen.

„Du verwechselst das. Sie gehen nicht kaputt, sie gehen nach. Aber bei dieser Uhr war es ja nicht so wichtig, dass sie ging, sie brauchte nur da zu sein, das wäre schon genug gewesen.”

„Und wieso ist sie nicht mehr da?”

Schönow hob das Bier zum Mund, das die Kellnerin vor ihn hingestellt hatte. Er trank, versäumte es aber danach, sich den Schaum von den Lippen zu wischen, so dass ihm rechts und links zur Nase eine weiße Schnurrbartspitze hochstrebte.

„Dieser Flügel des Schlosses wurde zerstört”, sagte Schönow. „Eine sinnlose Sprengung: dahinter waren Befestigungsanlagen, aber das Schloss hätte man auf jeden Fall schonen können. Die Bewohner waren geflüchtet, es muss noch alles so gelegen haben, wie ich es gesehen hatte, wenn nicht schließlich doch einer die Uhr mitgenommen hat.”

Anka spielte mit den Bierdeckeln, also sah er mich an, und ich strich mir rasch mit den Fingern über der Lippe entlang; er verstand es dankbar und zog sein Taschentuch, sich den Mund zu wischen, noch ehe das Komische seines Anblicks mit dem Tragischen seiner Erzählung in Konflikt geraten konnte.

Einen Augenblick lang war der Krieg gegenwärtig in diesem Raum, der dem Kriege so fern lag. Drei Jahre dauerte er schon, drei Jahre lang verloren Menschen ihr Heim, waren auf der Flucht, wurden getötet. Aber das alles war so fern, es war eher wie eine Geschichte oder wie Historie. Selbst Schönow, der dabei gewesen war, konnte die Wirklichkeit des Krieges nicht mit sich bis hierher bringen. Sie musste ihm unterwegs verlorengegangen sein. Geblieben war die Geschichte von einer Uhr, die er gesehen und bewundert hatte. Nur im Nebensatz kam es heraus, wie Schlösser zerstört und Menschen verjagt wurden.

Nach dem Essen, draußen unter der Wölbung des Laubenganges, wollte ich mich verabschieden. Ich hätte nach Linde sehen wollen, sagte ich. Es wäre mir am Tage vorher vorgekommen, als ginge es ihr nicht so gut.

„Die Linde? Die ist gesund wie ein Fisch im Wasser. Ausschaun tut sie immer, als müsst’ sie gleich umfallen, aber sie ist zäh wie Leder, da brauchst dir keine Gedanken zu machen. Außerdem ist sie gar nicht daheim. Die hat zu tun bis an den Hals, der Wiggert will auf einmal sein Buch fertigmachen.”

„Aber das -” ich verstummte. Das ist doch nicht möglich, hatte ich sagen wollen, aber was ging es mich an, und was für ein Recht hatte ich, Sachen auszuplaudern, die Anka — vielleicht — noch nicht wusste, die ich auch nicht gewusst hätte, hätte sie mir nicht der Zufall vor Augen geführt.

„Da schau, sie will sich bloß vorm Rudern drücken, die Fränzi”, sagte Anka jetzt. „Geh, tu was für einen müden Krieger, und mich lasst’s auch mitfahren, ich mag mich nicht anstrengen heut. Es ist eh’ so heiß.”

Es traf sich gut, dass das Rudern eine Liebhaberei von mir war, eine unglückliche allerdings, denn ich musste immer erst überlegen, mit welchem Schlage das Boot zu lenken war, von allein wusste ich’s nie. Aber diese bescheidenen, beschränkten Fähigkeiten, sagte ich, wollte ich gerne in den Dienst der Allgemeinheit stellen und wurde also dankbar ins Schlepptau genommen.

Fort ging’s vom Kleinseitner Ring, durch eine schmale krumme Gasse wieder auf eine Kirche zu, die sich breit, behäbig und festgefügt uns in den Weg stellte und das Gässchen zum Ausweichen zwang. Wie wunderlich war hier alles verstellt und verschoben in reizender Unordnung! Nichts war mit dem Lineal gezogen, alles mit der Hand gezeichnet, langsam, liebevoll, auf Abwechslung bedacht war es gezeichnet, ein bisschen unsicher, ob das Ganze auch Wirkung machen würde. Da war nichts von der phantasielosen Zuversicht der modernen Städteplaner, die entschlossen ihre Linien ziehen hin und her und alles zerstören, was heimlich und besonders werden könnte.

Schon nach der ersten Biegung der Gasse verscholl hinter uns der Lärm der großen Straße, das Klingeln, Hupen und Hasten. In ländlichem Frieden, in warmer Sonne lag da der Platz, über den wir gingen. Eine weiße Katze strich träge an der Hauswand hin und verschwand in einem Tordurchgang, auf den Anka eben deutete: „Da hat der Beethoven gewohnt, und da -” sie zeigte in anderer Richtung, „heben sie heute noch das Manuskript vom Kopernikus auf über die Bewegung der Himmelskörper, mit dem er sich beinah um Kopf und Kragen geredet hätte.”

Und dort neigten sich schon wieder Figuren von ihrem steinernen Sockel — wie sie alle lebendig waren, lebendiger als die, die zu ihren Füßen hin und her gingen, zu hastig, um eine Spur zu hinterlassen.

„Und hier”, Anka deutete mit dem Kopf nach links, „ins Grandprioratspalais soll der Hartmuth ziehen mit seinem Institut. Dem stehen schon die Haar’ zu Berge, ich denk mir immer, er zündet’s noch mal an, bloß dass er nicht umziehn muss.”

Ich sah hinauf zu Portal und Fenstern, dann bogen wir um die Ecke, und noch stiller wurde es, eine weltabgeschiedene Stille, in die nur die Vögel auf den Bäumen leise hineinschwatzten.

Schon warfen die Linden helle durchsichtige Schatten auf das holprige Pflaster. Unbeschnitten neigten sich ihre Zweige, zum Greifen tief. Gras wucherte dicht zwischen den Steinen. Ein Duft war in der Luft wie Erinnerung und Vergessen zugleich, alte, alte Zeit, so lange vergangen und doch gegenwärtig im Schwunge der Fenstersimse und Portale, in den verspielten Schnörkeln einer Gartenmauer, in der Stille, im stummen, fast versiegten Fließen des schmalen Wasserarms, über den wir jetzt hingingen, im Efeu, dem Gewächs der Toten, das über die Ufermauer hinunterwucherte, in dem alten Mühlrad, das müde geworden und endlich stehengeblieben war. Alte Zeit, Gewebe von Erinnerung und Vergessenheit, zu leicht für Menschenhände und zu zart fast, um die zögernden Laute der Vögel zu ertragen.

An ärmlichen, halbverfallenen Häuschen vorbei kamen wir jetzt zum Wasser. Da sah ich etwas, was mich zugleich freudig erstaunte und wunderte: im blauen Kleide mit weißen Punkten, da saß sie, wie sie am Morgen aus unserem Zimmer fortgegangen war, Maria, den Zeichenblock auf den Knien, am Wasser und malte, viel zu vertieft, um uns zu bemerken. Mir war, als wäre ich inzwischen aus einer Welt in eine andere und wieder in eine andere hinübergewechselt. Einen Augenblick lang konnte ich es nicht begreifen, dass sie, die ich zurückgelassen hatte in der ersten Welt, jetzt auch hier war.

Unmöglich konnte ich vorbeigehen und mich blind stellen. Aber ich fragte mich auch, wie man diese beiden Welten zusammenbringen könnte. Ich ging über das holprige Gestein, das sich flach dem Wasser zuneigte, bis dicht zu ihr hin und sagte:

„Hallo, Maria!” Sie sah sich um, nicht erschrocken, aber auch nicht grade entzückt über die Störung, sah zu mir auf: „Hallo, Franziska!” und dann weiter zu den Beiden, mit denen ich gekommen war. Jetzt erst lächelte sie, es war das förmliche Lächeln des ersten Morgens, das sie inzwischen längst abgelegt hatte. Sie legte den Zeichenblock auf die Steine und stand auf:

„Graf Schönow, lassen Sie sich auch mal hier sehen, nachdem Sie andern Leuten dauernd versichert haben, man könnte nirgendwo leben als in Prag?”

Der war herangekommen und beugte sich über ihre Hand: „Frau Baronin, Sie hätte ich allerdings zuletzt hier vermutet!” (Ich fragte mich, ob er wohl jemals Anka so andeutungsweise die Hand geküsst hatte.)

Über Marias Nasenwurzel stand einen Augenblick lang eine kleine steile Falte, so, wie wenn jemand sich in einen Schuh zwängen muss, den er schon abgelegt hatte, weil er zu eng war.

„Jedenfalls bin ich Ihnen dankbar, dass Sie mich verführt haben, herzukommen an den Busen der Alma Mater Pragensis, wie man das so hübsch sagt. Sie haben recht, Prag muss man gesehen haben, ehe man stirbt.”

„Ich hoffe doch, Sie sind nicht hergekommen, weil sie schon ans Sterben denken, Frau Baronin.” Ich fand, er betonte das „Frau Baronin”, als wollte es ihr einer streitig machen. Ich fühlte mich auf einmal merkwürdig bürgerlich, wurde sozusagen erst meiner Bürgerinnen und Bürgerlichkeit gewahr neben so adliger Gesellschaft. Aber zugleich wusste ich: es wog nichts, jedenfalls nicht viel. Was wog, waren die drei Menschen, die da neben mir standen, und sie wogen, jeder seinem Schicksal, seinem Tun und seinem Wesen gemäß, abgelöst von ihren Namen.

„Ich glaube”, erwiderte Maria, „ich bin aus demselben Grunde hergekommen wie Sie. Wir sprachen einmal davon beim Reiten am Müggelsee — erinnern Sie sich? Sie sagten, hier ist man frei von den Formen — man ist es ja mehr oder weniger überall, wo man nicht zu Hause ist, wo man die Formen nicht mit sich herumschleppt von Haus zu Haus. Aber es ist wahr, man ist es hier besonders.”

„Der Beweis steht hier vor Ihnen”, erwiderte Schönow, „Anka Gräfin zu Waldenfurth, geboren in Prag, wohnhaft in Prag, aber frei wie ein Vogel. Und das ist Baronin Scharff-Habeland, beide unbekannterweise bekannt miteinander durch meine Wenigkeit.”

Jede schien an der Anderen Gefallen zu finden, ein seltener Fall, dachte ich, nur möglich bei einem Mittelsmann wie dem Uhrengeneral. Zwar war es schwer, sich Anka von irgendeinem Menschen besonders beeindruckt vorzustellen, und Maria war einmal gewiss nicht dieser Mensch. Sie sah reizend aus, wie sie so vor uns stand, leicht und hell und flüchtig in ihrem Sommerkleid, glücklicherweise wie seit Tagen schon ohne Blume, ohne Band, ohne die hellen gehäkelten Zwirnshandschuhe, die sie manchmal plötzlich trug, ohne zu fragen, ob sie ihrem Anzug zuträglich waren oder auch nur zu ihm passten. Wieder belebte die Nähe des Flusses die Farbe ihrer Haut, machte sie lebendiger und sicherer, wie die Nähe hilfreicher Geister. Aber sie blieb immer noch blass und wie durchsichtig.

Ja, sie stand da wie der Gegenpol zu Anka, die so leibhaftig war, so gegenwärtig, so scharf gezeichnet gegen den Hintergrund der überschatteten Mauer. Ich sah es, wie Maria sofort angezogen war von dem so sehr Lebendigen in diesem Gesicht. Ich sah auch, wie sie sofort das Anspruchsvolle des Gesichts vermerkte, aber nicht übel vermerkte, sondern als so natürlich, wie wir alle es nahmen.

„Ich freue mich sehr, Sie einmal zu sehen”, sagte Maria und gab Anka die Hand. „Ich habe so viel von Ihnen erzählen hören.”

„Ich frage mich manchmal, wie meine Freunde in der Ferne über mich reden”, sagte Anka, „da sie offenbar so viel über mich reden. Es kann ja nicht immer nur Gutes sein.”

„Doch, das war’s in diesem Falle. Der Graf -” sie winkte mit dem Kopfe zu ihm hin, „sieht ja gerne nur das Gute.”

„Wir wollen in See stechen, Baronin”, sagte Schönow jetzt. „Wollen Sie nicht mittun?” Maria zögerte.

„Da wir ja hier frei sind wie die Vögel”, antwortete sie schließlich, „und da die Form hier keine Rolle spielt, möchte ich lieber bleiben und fertigmalen. Wenn ich Zeit habe, werde ich Ihnen winken, und wenn Sie Schiffbruch leiden sollten hier in der Gegend, werde ich Hilfe holen. Das genügt im Augenblick meinen Bedürfnissen nach Gesellschaft.”

Mit einem Winken verabschiedete sich Schönow — offenbar wollte er eine Wiederholung des Handkusses vermeiden, den er vorhin, alter Gewohnheit folgend, praktiziert hatte und der anscheinend auch unter die unerwünschten und verabschiedeten „Formen” zu rechnen war. Er und Anka gingen weiter.

Maria berührte mich am Arm und legte den Finger auf die Lippen. Ich bewegte bejahend die Augenlider: ja, ich hatte verstanden. Die Formen verabscheute sie, aber auch zur Wahrheit wollte sie sich nicht bekennen, so wie sie Titel und Namen nicht abgelehnt hatte, die sie doch nicht mehr führen wollte. In einem unwirklichen Zwischenreich wollte sie bleiben, hier die sein, und dort eine andere. Aber so frei, dachte ich, so frei ist kein Mensch. So konnte man Freiheit nicht missbrauchen.

„Wir werden ein Pfand lassen müssen”, sagte Anka eben, als ich zu den beiden stieß. „Gib halt deine Uhr, aber richt’ sie erst, sonst wird der Charon misstrauisch.” Heimlich und eilig richtete Schönow seine Uhr nach dem Altstädter Wasserturm drüben am Ufer, dann traten wir in Verhandlungen um ein Boot ein und bestiegen bald darauf das lange schmale Gefährt.

Schönow schlug vor, wir sollten losen um den Posten des Rudergängers.

„Wir können würfeln”, sagte ich und zog meinen Würfel hervor. „Ich hab ihn grad gefunden oben auf der Karlsbrücke. Die Sechs lag nach oben.” Das gefiel Anka. Sie nahm ihn auf und ließ ihn auf die Bank rollen.

„Ist er nicht herzig?” Die Sechs lag nach oben. „Es ist ein Sechsenwürfel”, meinte sie. Aber das war er nicht; Schönow warf eine Vier und ich eine Eins, so dass der Zufall genau entschieden hatte über die Rangordnung.

Wie üblich machte es mir Mühe, aus dem Bootshafen hinauszustoßen ins freie Wasser, und mit etwas Bangen sah ich die breiten hölzernen Eisbrecher an der Brücke und die Brückenbogen, so dass ich vorschlug, wir sollten uns moldauaufwärts halten, aber Anka bestand darauf, die Certovka zu befahren, man fühle sich da wie in Venedig.

„Was brauchst du in Prag dich wie in Venedig zu fühlen?” fragte Schönow, der meine Bedrängnis sah. Aber sie wischte das weg mit großer Geste gegen das Wasser hinaus, das von hier riesig schien, viel gewaltiger noch als vom Ufer her. Die Stadt, die so lebendig sich auf und ab hob und senkte, wenn man durch sie hinging — jetzt sah sie flach aus, war hingesunken bis auf einen schmalen bedeutungslosen Rand, der ferne das Wasser umgrenzte. Es war merkwürdig, wie hier vor einem sich alles Andere zurückzog, wie jedes so voll zu seinem Recht kommen und seinen Platz ganz für sich beanspruchen durfte, während alles andere bescheiden zur Seite trat, wie es dann Kulisse blieb und Rahmen.

Ängstlich steuerte ich einer der Durchfahrten zu, brachte das Boot in die richtige Richtung und zog dann die Ruder ein, um es treiben zu lassen. Aber ich hatte nicht bedacht, dass ich auf der linken Seite geblieben war. Drei Schleppkähne zogen moldauaufwärts in derselben Fahrtrinne. Langsam, aber gewichtig hielten sie auf uns zu, und während der steinerne Bogen über uns vorbeiglitt, machte ich eilig meine Berechnungen, welches der Ruder ich in welcher Richtung bewegen müsse, um uns in Sicherheit zu bringen.

Glücklicherweise trafen meine Berechnungen zu, der Nachen trieb nach links hinüber, obwohl ich üblicherweise nach rechts hätte ausweichen müssen, aber der Umweg um die Reihe der Schleppkähne schien mir doch zu gewaltig, da ja die Einfahrt in die Certovka so nahe war.

Als sie nahe herangekommen waren, sahen wir, dass eine Frau am Steuer stand. Ein halbwüchsiger hochaufgeschossener Bursche hockte neben ihr auf dem Geländer und sah neugierig zu uns herüber. Wir sahen, wie er seine Mutter anstieß, sie solle auch zu uns sehen, und da sagte Anka auch schon:

„Ach, die Frau vom Frantisek, da schau her. Liebe Güte, da fährt sie jetzt allein mit ihrem Kahn. Bloß den Jara hat sie noch zum Helfen. Den Mann haben sie ihr erschossen im vorigen Herbst, ein Baby hat sie am Schürzenbandel, das war noch nicht geboren, da war der Vater schon tot.”

Sie winkte hinüber, die Frau hatte indessen dem Burschen das Ruder übergeben, kam zur Reling und rief etwas auf tschechisch herüber. Anka antwortete. Die fremde Sprache in dem bekannten Munde mutete mich sonderbar an. Es ging so eine Weile hin und her; die Frau lief den Schleppkahn entlang, um neben uns zu bleiben. Es lag ihr offenbar viel dran, noch etwas zu sagen. Dann blieb sie zurück. Die Kähne tauchten in den Schatten des Brückenbogens und zogen gelassen weiter stromauf.

Auch wir trieben weiter, ich rührte manchmal leise mit dem Ruder im Wasser, um die Richtung zu halten, ganz beschäftigt damit, wie Anka zu dieser ärmlichen Frau gesprochen hatte. Das Anspruchsvolle war nämlich plötzlich wie fortgewischt aus ihrem Gesicht; war es, dass sie hier ihren Anspruch nicht stellte, oder dass er hier erfüllt war. Ihr Gesicht war plötzlich wie gesprungen, ja, es schien mir, als hätte sie vielleicht geweint, wären wir nicht dagewesen.

„Die arme Haut”, sagte sie endlich, und ihre Stimme war rauh, „jetzt hat sie bloß noch den Jara, und der ist so lang und so breit, dass ihm die Sachen nicht passen von ihrem seligen Mann, wie sie immer sagt. Jetzt will sie die Sachen tauschen; es ist so rührend, man muss sie ja nehmen, wenn einem auch keiner was gibt für das abgetragene Zeug. Aber das kann man ihr ja nicht sagen, zu Tode gekränkt wär sie, geschenkt will sie nichts. Ich denk’, wir haben schon was zu Hause vom Christoph, der zieht’s eh’ nicht mehr an. Aber geschenkt will sie’s nicht, sie will ihres dafür geben.”

Die Certovka war jetzt da; ich rührte das Ruder mehr, um den langen schmalen Kahn um die Ecke zu lenken hinein in die enge Gasse von Wasser zwischen den weißen Häusern. Aus schmalen Stücken Hof wuchs auch hier Efeu auf und nieder an den Mauern, hing über Türen, die sich zutraulich zum Wasser wandten wie auf die Straße, rankte sich um die Fenster, die der Sonne offenstanden.

Anka hatte sich vorgeneigt und ließ ihre Hand durchs Wasser gleiten. „Das Leiden tötet oder wird getötet selbst durch den Leidenden. — Dann ist’s getan! Das ist Venedig, das ist Prag, das ist überall in der Welt.”

„Der Mann — ist er im Krieg gefallen?” fragte ich.

„Oh nein, gefallen ist er nicht. Der Herr Reichsprotektor, als er voriges Jahr anfing, dieses Land zu ‚beschützen’ ” — sie sagte es scharf und kalt, „hat zur Begrüßung ein paar hundert Mann erschießen lassen. Mein Onkel hat’s in den Akten gelesen oben auf der Burg. Es waren über vierhundert. Einer von ihnen war der Frantisek. Mich hat er einmal aus dem Wasser gezogen, als ich noch ein kleines Ding war. Deswegen hat sie mich auch nur gebeten. Sie weiß, dass ich das nicht vergeß. Und dann ist er selber gestorben von einer deutschen Kugel, weil er verdächtig war.”

Sie fuhr sich durch das Haar, das in der Sonne glänzte. „Ach was, reden wir nicht davon. Wir können ihn nicht mehr lebendig machen. Erzähl was Lustiges, Uhrengeneral!” — „Uhrengeneral — was für ein Wort!” Sie warf den Kopf zurück in einem plötzlichen Umschwung der Stimmung. Zögernd, aber unaufhaltsam hob sich der Schatten, der sich gesenkt hatte auf den hellen Tag. Es wurde wieder Licht zwischen den weißen Mauern, die die Wärme der Sonne festhielten und ausstrahlten. Alles schien ihr zu gehorchen, sie konnte es dunkel und hell werden lassen.

Bis zur Karlsbrücke schifften wir, dann wieder rückwärts durch das enge Gewässer, und ich war froh, als wir wieder im Strom draußen waren; die Bogen der Karlsbrücke kamen mir jetzt breit vor. Ich passierte sie rudernd gegen den Strom. Da saß Maria im blauen Kleid mit weißen Tupfen.

„Wir leben noch”, winkte Anka hinüber, wie seit Jahren mit ihr bekannt — ja, was denn? Mich sah sie ja auch erst zum zweiten Mal, und doch fuhr ich hier mit ihr im Kahn, als gehöre es sich so und sei immer so gewesen.

„Ein Stückel noch aufwärts bis zur Schützeninsel”, sagte sie bittend und dehnte sich nach rückwärts, fast übers Wasser. „Eine Pracht ist das, so faul sein und gefahren werden. Am Laurenziberg blüht’s jetzt bald — hast’s schon gesehen, Uhrengeneral? Wir müssen mal rauf, am Abend, wenn die Lichter an sind.”

Ich lenkte den Kahn nach links in die Mitte des Stromes. Ja, richtig, dort oben blühte es, fing an, zu blühen. Noch war hinter dem weißen Schleier das Grün des Rasens sichtbar, das Schwarz von Zweigen und Stämmen, das Grau der Wege. Aber bald würde man sicher nichts mehr sehen, bald würde der ganze Berghang ein weißes Meer sein. Seltsam, dass ich es über all dem andern noch nicht hatte dort oben blühen sehn!

Wir blieben noch lange auf dem Wasser. Möwen glitten manchmal zu uns her, weißglänzende Bettler, glitten vorbei, da sie enttäuscht wurden und strichen an den Zweigen der Trauerweiden entlang wieder hoch hinauf ins Blau, schwebten über die Brücke und kehrten endlich in weitem Bogen zu ihren Plätzen zurück, drüben auf den Holzböcken des Wehrs. Hier auf dem Wasser war es still, die Stadt war rund um uns und doch fern, nur die Bäume am Ufer standen nahe und redeten vom Frühling.

Wir lasen den Cornet: „Le chant de l’amour et de la mort du Cornet Christoph Rilke” — Anka laß es mit tönender Stimme, weit ausholend zu den Vokalen, manche der Konsonanten mit besonderem Nachdruck hervorstoßend; sie las es sehr französisch, aber eben doch nicht völlig französisch, da sie es war, die es las. Sie wiederholte diesen wunderlichen Zwieklang „de l’amour et de la mort”, und die beiden Worte, ganz verschiedenen Stammes, wurden in ihrem Munde miteinander verwandt.

Auch andere Worte, lange bekannt, gaben sich erst jetzt in der fremden Sprache wirklich zu erkennen. Ihre Schönheit wurde deutlicher — wunderlicherweise — als sie ausgetauscht waren gegen die Worte der fremden Sprache. Nie hatten wir gedacht, dass diese Sprache übersetzbar wäre, aber sie war es, war noch vorhanden in der fremden Sprache, noch mehr vorhanden beinahe, obwohl das merkwürdig klingt.

Manchmal legten wir an irgendwo am Kai; wir kamen auch zu dem Schleppzug der Frantiseks, die ausluden und auf neue Ladung warteten. Anka machte einen kurzen Besuch drüben, dann kehrten wir um. Drei Stunden waren wir unterwegs gewesen; der Uhrengeneral hatte eine gewaltige Zeche zu bezahlen. Er nahm seine Uhr im Empfang und stellte sie gelassen wieder zurück.

Maria war gegangen. An einem tiefhängenden Zweig schaukelte ein Zeichenblatt im Winde. „Liebe Seeleute, auf Wiedersehn. Ich muss in die Vorlesung. Maria.”

Es lag mir doch daran, Linde zu sehen, zu wissen, dass sie unversehrt war. Ich sah sie auch. Sie hockte auf einem altväterlichen, mit rotem Plüsch bezogenen Sessel am Fenster ihrer Mansardenstube, in die wir alle drei eindrangen — ich wäre lieber allein gegangen, aber was ließ sich sagen gegen Anka, noch dazu in ihrem Haus?

Etwas erschrocken sah Linde uns kommen, ausgewärmt und müde von Sonne und Wind und so viel mehr am Leben als sie. Als ich sie da hocken sah, musste ich an Menschen denken, die — mit verletztem Rückgrat — nur weiterleben können, weil ein metallenes Gestänge sie aufrechthält. Dieses Gefühl behielt ich lange Zeit, wenn ich Linde sah. Sie hielt sich aufrecht, sie täuschte Leben vor, aber es war nur ein künstlich aufrechterhaltenes Leben, eine einzige Mühsal, bis sie sich fallen ließ.

Sie versuchte es, Anka standzuhalten — das war das Schwierigste, obwohl Anka sich zurückhielt, obwohl sie es zu wissen schien. Aber was half das, wenn sie es nicht begreifen, nicht nachfühlen konnte? Die Gesunden, die Unverletzten konnte sie alle mitreißen — sie wollte es nicht einsehen, dass sie über Lindes Art zu leiden keine Macht hatte. Das brachte sie auf. Man merkte ihr an, dass sie sich zurückhalten musste, um nicht ungerecht zu werden.

„Grüß Dich, Linde. Was ist? Kommst mit ins Konzert heute Abend?”

Sie hockte auf der Schreibtischplatte, nahm eins von den trockenen Keks, die da auf einem Teller lagen. Man sah ihre kräftigen Zähne. Die Sonne spiegelte aus einer Fensterscheibe schräg herüber und ließ ihr Haar aufleuchten. Draußen vor dem Fenster ragte die Kirche mit Turm und Kuppel auf — Sankt Niklas. Um ein Vielfaches überstieg sie die stattlichen Häuser an ihrem Fuße; breit und hoch ragte sie in das Flimmern des Nachmittags. Weißgrün leuchtete die Patina der Kuppel.

„Geh, sei nicht bös, Anka”, sagte Linde. „Ich mag keinen Mozart heut Abend. Fränzi, magst du nicht mit?”

„Ach, Fränzi, der Notnagel”, sagte ich, zweifelnd, ob es richtig sei anzunehmen. Lust hatte ich schon, aber schließlich war es Anka, die die Karten vergab. „Vielleicht gibt’s noch andre, die gern möchten!”

„Geh, sei so nett und sei ein Notnagel, Fränzi”, sagte Anka kauend — „puh, das Zeug schmeckt wie Sand. — Die Karten waren eh schon teuer genug, soll ich jetzt noch damit hausieren gehn? Ich muss jetzt zum Boden, Christophs Sachen suchen. Die Frantiseks wollen sie holen heut abend. Kommst mit, Uhrengeneral? Kannst mir die Truhen aufhalten. Da braucht’s einen starken Mann.”

Der Uhrengeneral, zweifelnden Blicks, ballte die Fäuste, zog die Unterarme an und ließ sie wieder sinken. Anka rutschte vom Schreibtisch.

„Komm nur, drück dich nicht. Dazu reicht’s schon.” Fort war sie. Linde lächelte.

„Ein Goldkerl ist sie, die Anka. Versteht nicht, warum ich mich so haben kann wegen der Vogelscheuche — so nennt sie ihn jetzt, hat ihn wahrscheinlich im Stillen immer so genannt. — Ich versteh’s selber nicht.”

„Ich glaube, es ist schlimm, wenn man etwas nicht bekommt, was man haben möchte. Aber vielleicht ist es noch schlimmer, wenn man etwas nicht geben kann, was man geben möchte.”

„Laß nur, Fränzi, ich komm schon wieder heraus. Es dauert halt seine Zeit.”

„Vielleicht wär’s besser, du würdest schreien und weinen?”

Sie schüttelte den Kopf. „Laß nur, Fränzi, es kommt schon alles wieder.”

„Ist es wahr, dass er dich auf einmal soviel arbeiten lässt?”

Sie nickte und lächelte bitter. „Ich kann ja nichts sagen, jetzt erst recht nicht. Stell’s dir doch nur mal vor! Es weiß ja auch keiner außer mir Bescheid in dem Zettelkram, nicht mal er kennt sich richtig aus.”

„Ich möchte dich mal wieder richtig draußen haben in Luft und Sonne; richtig wandern müssten wir mal, damit du wieder die Alte wirst”, sagte ich.

Sie zuckte die Achseln. „Zu Pfingsten vielleicht. Die Elbe entlang, das wollt ich schon immer gern.”

„Wollen wir’s nicht gleich festmachen?”

Sie nickte und sah müde aus. „Machen wir’s nur.”

Es war fünf. Wenn ich zum Konzert pünktlich sein wollte, musste ich jetzt nach Hause, mich umziehen. Ich fragte Anka nach der Karte, sie hatte sie lose in der Jackentasche und steckte auch den Geldschein, den ich ihr gab, lose in die Tasche. Dann ging ich.

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Die Geister der Moldau — Kapitel 3 Die Marionette https://stefan-soyka.de/?p=1402 Sun, 15 Nov 2015 11:38:25 +0000 https://stefan-soyka.de/?p=1402 Die Geister der Moldau — Kapitel 3 Die Marionette weiterlesen]]> Der nächste Tag war ein Sonnabend, also keine Vorlesungen für mich. Maria hatte eine um acht in einem Institut in der Nähe. Sie studierte Medizin, unsere Studienpläne liefen auf ganz verschiedenen Gleisen. Ich streckte mich und drehte mich noch einmal auf die andere Seite im Bett, als sie fortgegangen war. Dann fiel mir das Wort ein, das Maria im Schlaf gesagt hatte, und machte mich hellwach. Warum rief sie nach ihrem Mann, warnte ihn, hatte Angst um ihn? Sie hatte doch gesagt, sie liebe ihn nicht, hatte den Ring abgetan. Wovor hatte sie Angst? Es war mir klar, dass die Briefe mit ihrer Angst zu tun, dass sie sie ausgelöst hatten. Was für Briefe konnten das sein? Warum hätte ich sie lesen können und andere nicht?

Schlaf und Ruhe waren mir jetzt vergangen. Ich stand auf und fing an, meinen kleinen Haushalt in Ordnung zu bringen. Ein kleines Häufchen von Strümpfen und Wäsche hatte sich angesammelt, das nach Hause zu schicken sich nicht gelohnt hätte. Ich nahm Seifenpulver, Waschzeug und die Wäsche aus dem Schrank, dazu den größten meiner Töpfe, und ging hinüber in den Waschraum. Während ich mich wusch, fing das Wasser auf dem Gaskocher draußen in der Kochnische an zu sausen. Ich zog mich an, machte die Lauge zurecht, und bald danach hing alles, im Frotteetuch säuberlich ausgedrückt, auf einer Leine vor den geöffneten und festgehakten Fensterflügeln in unserem Zimmer. Danach ging ich hinunter in die Konsumfiliale, um alles für das Wochenende einzukaufen, und deckte den Tisch. Wir wechselten uns ab, Maria und ich. Jede hatte eine Woche lang für das Nötige zu sorgen.

Bürgerhäuser in der Spornergasse
Bürgerhäuser in der Spornergasse

Maria kam. Sie hatte sonst helle Haut, ohne dabei blass auszusehen. Heute war sie blass. Ich vermisste die blaue Blume am Aufschlag ihres Kostüms, oder vielmehr: ich vermisste sie nicht, ja, ich hätte sie im Stillen dazu beglückwünscht, hätte ihre Blässe mir keine Angst gemacht.

Sie war eilig die Treppe heraufgekommen und trat ins Zimmer wie auf der Flucht vor irgendetwas, obwohl es keinen vernünftigen Grund dafür zu geben schien. Aber ich hatte das Gefühl, als hätte sie am liebsten den Schlüssel im Türschloss hinter sich umgedreht.

Sie hatte ein Sträußchen von Himmelschlüsseln in der Hand, auf mich wirkte es wie der Versuch, mir Behaglichkeit und Muße vorzutäuschen. Denn wer bleibt schon an einer Straßenecke stehen bei einer Frau mit einem Blumenkorb oder auch am Blumenmarkt, um Blumen zu kaufen, wenn er nicht Muße hat und sich behaglich fühlt?

„Ah! Milchbrötchen”, sagte sie mit einem Blick auf den gedeckten Tisch, aber es klang nicht, als hätte sie viel Freude dran. Sie nahm ein Glas aus dem Schrank, holte Wasser im Waschraum. Sie stellte es mit den Himmelschlüsseln auf den Tisch zwischen ihren Platz und meinen.

„Wie zu Hause”, sagte ich. „Da haben wir sie immer gepflückt, zu Ostern oben im Gebirge. Dort waren die Wiesen ganz golden.” Aber es klang nicht viel munterer. Flau und fade war die Luft im Zimmer. Maria zog sich die Jacke aus und setzte sich.

„Ich glaube, ich habe mich blöd aufgeführt gestern abend”, sagte sie im Tone der Entschuldigung. „Ich wollte Sie ja nicht beleidigen, ich war bloß so — so nervös. Es tut mir leid jetzt.”

„Ach, lassen Sie doch, reden wir nicht mehr davon.” Ich strich mein Brötchen, mir schmeckte es.

„Nein, nein”, beharrte sie, „es muss Ihnen schon komisch vorgekommen sein. Vielleicht kann ich es Ihnen erklären eines Tages –” sie zuckte die Schultern, „Nur — bis dahin — bitte sprechen Sie zu niemanden davon ja? Es ist komisch”, fuhr sie fort, um meine Bemerkung abzufangen, dass eine solche Mahnung nicht nötig sei, „zu Ihnen habe ich Vertrauen. Ich weiß nicht, wieso.”

Die Mahnung zum Schweigen hatte mich allerdings gekränkt. Als ginge ich wie eine Elster von Haus zu Haus, das Neueste auszutratschen. „Vielleicht hängt das mit meinem ehrlichen Gesicht zusammen”, meinte ich etwas spöttisch. „Und so sehr groß ist das Vertrauen ja nun auch wieder nicht.”

Sie überhörte meine Aufforderung zur mehr Offenheit.

„Manchmal möchte ich weit weg”, sagte sie, „am liebsten übers Meer. Hier bleibt man immer in allem drin, man kann nicht davor weglaufen.”

„Auf dem Meer ist es nicht gemütlich, jetzt, mitten im Krieg”, sagte ich.

„Für mich ist es hier auch nicht mehr sehr gemütlich”, erwiderte sie und rührte in ihrer Teetasse. Nun stand das Geheimnis wieder im Raum, an dem ich keinen Anteil hatte. Plötzlich hatte ich keine Lust mehr, mehr darüber zu erfahren. Es war, als müsste es den sanften Schleier zerreißen, der über diese Stadt geworfen war. Nein, ich wollte mir von Hirngespinsten diesen Zauber nicht zerstören lassen.

Deshalb antwortete ich etwas schnippisch „Also, persönlich fühle ich mich hier wunderbar”, und wir beendeten unser Frühstück in Schweigen.

Maria lag den Vormittag über auf ihrem Bett, ein paar Bücher um sich her. Ich bemerkte, dass ihr Blick oft über den Buchrand hinweg ins Leere schweifte. Ich sah das, weil ich selber zuweilen vor mich hin ins Leere sah, über meinen Zettel mit den Versen gebeugt und den Kopf in beide Hände gestützt. Mühsam hatte ich wieder zusammengeholt, was mir am Abend vorher eingefallen war. Aber neue Gedanken wollten sich nicht einstellen. Ich fühlte mich elend. Ich glaubte sicher, dass Maria sich ausgesprochen hätte, dass sie zumindest vage ihre Sorgen mir geschildert hätte, hätte ich sie nicht so angefahren. Es war meine eigene Schuld, dass sie jetzt weiter alles mit sich abzumachen hatte, obwohl ich noch am Morgen gewünscht hatte, es möchte mit den Heimlichkeiten ein Ende haben. Aber jetzt, da sie mir nahe kamen, diese Heimlichkeiten, konnte ich plötzlich doch nicht mehr wünschen, sie zu wissen. Denn immer noch hatte ich ihren angstvollen Ausruf im Ohr: „Nicht doch, Götz, sie brennen dich!”

Gegen Mittag brach die Sonne durch die Wolken. Sie zeichnete vor dem Fenster einen hellen und warmen Fleck aufs Linoleum, und die Scheiben der gegenüber gelegenen, geöffneten Fenster spiegelten sie auch in die ferneren Winkel unsres Zimmers. Maria zündete sich jetzt seltener eine Zigarette an und blies den Rauch nicht mehr so heftig, fast zornig aus. Endlich stand sie vom Bett auf und rückte sich einen Stuhl ans Fenster in die Sonne. Behaglich lehnte sie sich zurück und genoss die Sonnenwärme. Es schien so, als wiche der Alb der Nacht langsam von ihr, als flüchteten die düsteren Geister aus unseren vier Wänden, die sich den Morgen über so zähe festgesetzt hatten.

Endlich schlug sie vor, wir sollten gemeinsam zum Mittagessen gehen. Die Vegetarna schien uns für den Feiertag zu bürgerlich. Wir beschlossen, uns aus der reichhaltigeren und vielseitigeren Tageskarte eines Büfetts ein kleines Menü zusammen zu pflücken, das in allgemeinen nicht viel teurer war als die gebratenen Gemüseklopse in der Vegetarna, die Fleisch vortäuschten, ohne Fleisch zu sein. So wandten wir uns nicht abwärts zur Stadt, sondern aufwärts zu einen nahe gelegenen Platz, wo sich die großstädtische Betriebsamkeit des Wenzelsplatzes auf einem provinzielleren Grunde abspielte.

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Die Geister der Moldau — Kapitel 2 Prager Tag https://stefan-soyka.de/?p=1385 Sun, 15 Nov 2015 09:15:15 +0000 https://stefan-soyka.de/?p=1385 Die Geister der Moldau — Kapitel 2 Prager Tag weiterlesen]]> Vorlesungen und Seminare hatten inzwischen angefangen. Aus den engen und beschränkten Räumlichkeiten des Studentenwerks hatten wir, versehen mit allen notwendigen Stempeln und Bescheinigungen, die Alma Mater betreten. Mit diesem Schritt tat sich auch der Glanz der Stadt vor mir auf, eine verhüllte, von Nebeln durchfeuchtete Herrlichkeit von Kirchen und Klöstern, von Palais’ und figurengeschmückten Portalen. Eine Straßenbahn schien ein ärmliches Gefährt, einen hineinzuführen in solche Pracht. Meinen Schimmel hätte ich mir gewünscht mit dem Bernsteinblick.

Kleinseitner Ring mit St. Niklas
Kleinseitner Ring mit St. Niklas

Kurz vor dem Kreuzherrenplatz stieg ich an diesem Morgen aus der Bahn. Hoch über der Moldau und den Steinfiguren der Karlsbrücke sah ich den Hradschin aufragen, zwölf Türme ragten da, zusammengefasst in ein einziges Bild, ganz zu schweigen von all den kleinen Türmchen, die sich noch hinein drängten in das Gewirr der Kleinseitner Dächer. Über und vor die langgestreckten Trakte der Burg waren die Türme gesetzt wie Zeichen, die einer schwermütigen Melodie ihren Rhythmus geben sollten. Eine jener böhmischen Melodien musste es sein, langgedehnt aufsteigend über herbstliche Felder, auf denen Kartoffelfeuer brennen.

Aber unter dieser Melodie schäumten in begleitenden Terzen und Sexten und manchmal anschwellend zu hunderttönigen Akkorden die Wasser der Moldau übers Wehr und sangen das Vielstimmige der Stadt gegen die einsame Stimme der Burg.

Es war dasselbe Bild, das ich, aufgedruckt auf die blauen Hundertkronen-Scheine, in meiner Tasche trug. Ein Bild, das sich nie erschöpfte, nie abnutzte, reichte man auch hunderttausende davon im ganzen Land über die Ladentische, zahlte man auch täglich damit für Brot, Wohnung und Kleidung.

100-Kronen-Schein während der deutschen Besatzung. Quelle: https://www.papirovaplatidla.cz
100-Kronen-Schein während der deutschen Besatzung. Quelle: https://www.papirovaplatidla.cz

Am Anfang hatte es mich merkwürdig angemutet, dass man die Schönheit der Stadt so auf Scheinen abgriff Tag für Tag. Aber sie wurde nicht abgegriffen. Unter Flecken, Rissen und dem Daumendruck schmutziger Finger blieb das Bild doch immer, was es war. Das Ewige und Unzerstörbare der Stadt wurde und blieb sichtbar auf dem Vergänglichsten, das wir kennen, auf dem Geldschein, der heute Reiche und Mächtige macht und sie morgen stürzt, dass sie Bettler werden.

Die Stadt war geblieben. Sie hatte Minnesänger, Kaiser und Feldherren überlebt. Sie überlebte Mächtige und Bettler. Mord, Rache und Verrat hatte sie gesehen. Es war, als sei dies alles eingegangen in ihr Bild. Lange stand ich und schaute und wusste nicht, dass ich ein Stück ihrer Geschichte selber mit ansehen sollte.

Eilig ging ich dann über die leeren Höfe des Clementinums.

Ich war spät dran. Weit vor mir sah ich mit langen Schritten Professor Malon dem Hörsaalgebäude zustreben. Immerhin war ich nicht die letzte. Vom anderen Eingang, vom Goldenen Brunnen her, kam noch ein junger Mann, eilig wie ich. Sein Gesicht fiel mir erst auf, als er vor der Tür anhielt, um mir lächelnd den Vortritt zu lassen.

Es war nicht mehr das Gesicht eines Jungen, aber doch ein sehr junges Gesicht. Nichts darin war abgebraucht oder eingeschliffen. In seinem Lächeln schien es plötzlich durchsichtig zu werden. Etwas schimmerte dahinter auf, ungreifbar, nicht zu benennen. Als er mich anschaute, erschrak ich ein wenig.

Eben, als das grüßende Klopfen verstummt war und Professor Malon sein Heft aufschlug, betrat ich den Hörsaal und setzte mich nahe zur Tür, ängstlich bedacht, Aufsehen und Unruhe zu meiden. Der junge Mann dagegen, der hinter mir die Tür schloss, begab sich auf langem Umweg um die hinteren Bankreihen und mit nicht geringem Aufwand an Lärm, den die knarrenden Dielenbretter hergaben, zu seinem Platz. An mehreren Studenten vorbei zwängte er sich auf seinen Sitz, von vielen Augen, nicht nur von meinen, etwas vorwurfsvoll verfolgt. Aber ehe er sich setzte, wandte er sich noch einmal um und sein Blick flog prüfend die Reihen entlang, bis er mich gefunden hatte. Zwar lächelte er nicht. Es lag auch durchaus nichts Unverschämtes in diesem Blick. Trotzdem wandte ich mich eilig meinem leeren Blatt zu und dann Professor Malon, dessen blaue Augen nicht ganz so gelassen und gütig blickten wie voriges Mal, während er mit etwas erhobener Stimme seinen Vortrag begann.

Ellen Brand, die ein paar Reihen vor mir gesessen hatte, wusste natürlich seinen Namen. Ich glaube, es gab kaum etwas dieser Art, was sie nicht gewusst hätte. Nach der Vorlesung erkundigte ich mich: er käme mir bekannt vor, ich wüsste aber nicht recht, wohin ich ihn stecken sollte. Als ich sah, wie sie über meine fadenscheinige Ausrede lächelte, bereute ich es sofort. Es wurde noch schlimmer, als sie unverhohlen und fast unverschämt zu ihm hinüberblickte, als hätte mein Interesse auch ihres geweckt. Jetzt schämte ich mich, neben ihr zu stehen. Plötzlich mochte ich ihr von der Natur so überdeutlich geschminktes Gesicht nicht mehr, die scharf gezogenen Lippen und Augenbrauen und das viele wilde lockige Haar, das ihr in seiner Unordnung etwas Zügelloses gab.

„Lassen Sie nur, ich weiß schon”, sagte ich hastig. „Ich glaube, er sieht dem Mann von Maria Jensen etwas ähnlich, aber es ist auch wieder ein anderes Gesicht.”

Mein Zweck war erreicht. Erstaunt wandte sie sich zu mir. „Die Nixe ist verheiratet?” fragte sie. „Aber davon weiß ja kein Mensch!” Etwas warnte mich, noch mehr zu sagen. Ellens Art, Bescheid zu wissen, verriet, dass sie sehr gut zu fragen verstand.

„Ich weiß auch nicht mehr”, sagte ich also und meinte, es diplomatisch angefangen zu haben.

Ellen schüttelte den Kopf und musterte mich misstrauisch. „Aber es ist doch keine Schande, verheiratet zu sein. Warum macht sie dann so ein Geheimnis draus? Meiner Meinung nach trägt sie nicht mal einen Ring.”

Irgendwie war es ihr gelungen, ihn abzutun. Sicher wollte sie damit auch ihre Vergangenheit abtun und begraben. Was für ein Recht hatte ich, diese Vergangenheit, die mir einmal so flüchtig bekanntgeworden war, so auszubreiten und auch Anderen bekanntzumachen? Aber ich war im Lügen nicht geübt. In dem Bemühen, nun doch eine einigermaßen zureichende und ausführliche Antwort zu geben, machte ich meinen schlimmsten Fehler.

„Ich weiß auch nicht, was dran ist”, sagte ich und zuckte die Achseln. „Vielleicht ist sie auch nur verlobt. Ich sah heute das Bild eines Mannes auf dem Boden liegen, es muss ihr aus dem Schrank gefallen sein. Vielleicht ist sie auch nur verliebt. Ich kümmre mich nicht drum. Wir reden nie über solche Dinge.”

„Sie sieht nicht aus, als wäre sie verliebt”, meinte Ellen verächtlich, als wäre das ganz und gar unmöglich. Inzwischen bewegten wir uns mit den Studenten, die die Vorlesung verließen, durch den breiten Gang mit den hochliegenden Fenstern hinaus zum Hof. Hier teilte sich die Menge nach rechts und links durch die Torbogen. Die meisten gingen wie wir geradeaus über die Höfe des Clementinums. Ein paar hatten sich hier und da auf die runde Balustrade von Stein gesetzt, die die Rasenstücke mit ihren Büschen gegen das Pflaster des Hofes abgrenzte. Die Sonne fing sich hier in dem luftigen Raum zwischen den Gebäuden. In den vollen verschlafenen Knospen der Büsche schien es sich zu rühren unter ihrem Licht, das, von langen Fensterreihen gespiegelt, hin und her wanderte über die Wände. Von dem behäbigen Turm, der schräg herunterschaute über das Gewinkel der Dächer, schlug es zehnmal. — Professor Malon war mit seinem Stoff zu zeitig fertig gewesen.

„Ich geh jetzt zu Wiggert ins Proseminar”, sagte ich und hegte dabei die Hoffnung, von meiner Begleiterin loszukommen. Aber es zeigte sich, dass sie dasselbe Ziel hatte.

„Wir haben noch lange Zeit. Wollen wir uns nicht auch hersetzen?” fragte Ellen. Es schien mir merkwürdig, dass sie fragte, da sie ja quasi hier zu Hause war und ich der Neuling, der in alle Gebräuche und Umstände erst eingeführt werden musste. Aber sie musste meiner Stimme angehört haben, dass ihre Begleitung mir nicht sehr lieb war, und sie war es in diesem Augenblick weniger als je zuvor, denn der junge Mann, dem ich vorhin an der Tür begegnet war, ging jetzt an uns vorüber, da wir in der warmen Sonne stehengeblieben waren. Er grüsste Ellen flüchtig und abwehrend, wie man unerwünschte Bekannte grüßt, und ich meinte, mich entschuldigen zu sollen, dass ich mit ihr hier stand.

„Nein, ich möchte lieber schon nach oben gehen”, sagte ich deshalb übertrieben laut und entschlossen, so dass er es kaum überhören konnte. Er schien dasselbe Ziel zu haben wie wir.

„Übrigens kann er nicht der Mann von Maria Jensen sein”, bemerkte Ellen jetzt halblaut, hinwegspringend über die Zwischenzüge im Gespräch. „Er heißt Felix Erlach und ist aus Hamburg, soviel ich weiß. Wir waren voriges Semester zusammen im kunsthistorischen Seminar. Er ist sehr emsig”, — sie sprach das Wort etwas spöttisch hin, verächtlich beinahe, „aber hübsche Leute sind das oft.”

Auch ich konnte diesen Zug nicht besonders liebenswert finden. Aber dass sie ihn so tadelnd erwähnte, machte mich widerspenstig.

So sehr sie mir am ersten Morgen willkommen gewesen war, so sehr ihre Einführung mir genutzt hatte, so gerne wäre ich jetzt wenig ohne sie gewesen.

Vielleicht waren es nur die Augen, die allzu lebhaft hin und her gingen, neugierig auf der Jagd, so schien es, oder auf der Flucht. Was von beiden, konnte man schwer unterscheiden. Vielleicht war es beides.

Hatte Maria schon wenig von dem, was ich mir unter einer Studentin vorgestellt hatte, so schien bei Ellen das Studieren gar nur Vorwand: ihre Art, Bekannte zu grüßen hier und da, ihnen kokett entgegenzusehen, ihnen nachzuspähen, machte den sonnewarmen, aber nüchternen Hof der Universität zum Theaterfoyer. Ihr aufdringliches Parfüm übertönte den feinen, noch kaum wahrnehmbaren Duft von Frühling, der mit jedem Lufthauch sich aus dem hellen Himmel niedersenkte.

Ich strebte jetzt ernstlich, von ihr loszukommen, und es schien, als sei mir das Schicksal günstig: sie wandte sich jetzt von mir fort zwei Mädchen zu, die nicht aus der Vorlesung, sondern von draußen durch den links gelegenen Torbogen über den Hof herkamen. Aber als ich zu den beiden hinsah, bemerkte ich, dass meine Hoffnung mich trog. Denn eine der beiden kannte ich schon, und ich sah, dass auch sie mich wiedererkannte -

„Fränzi!” rief sie — nie hatte sie sich von dieser lächerlichen Abkürzung abbringen lassen, und was ist das auch schon für ein Name: Franziska, was kann man daraus schon Gutes machen?

„Grüß’ dich, Fränzi!” so rief sie jedenfalls über den halben Hof hin, und die Augen aller, die da auf dem Steinrand saßen, vorbeigingen, oder in der Nähe standen, richteten sich belustigt auf mich. „Was machst denn du hier?’

Ich freute mich, freute mich sehr, hier in dieser fremden Welt Linde wiederzufinden, Linde Glanzrath aus Bodenbach, mit der ich zwei Jahre vorher ein paar Ferienwochen lang in den Felsen der sächsischen Schweiz herumgestiegen war. Tagelang waren wir durch Wälder gestreift, hatten in Gebirgsbächen gebadet und aus Quellen getrunken, hatten unser trockenes Bauernbrot dazu gegessen und einmal sogar eine ganze Nacht in einer selbstgebauten Hütte aus Zweigen verbracht, weil wir den Weg nicht finden konnten.

Ja, da stand sie, dieselbe Linde, ein bisschen schmaler, blasser, im ganzen städtischer geworden. Die Traurigkeit in ihren Augen war damals nicht gewesen, die war neu und erschreckte mich.

Wie anders ihre Freundin, der ich gleich präsentiert wurde:

„Schau, das ist die Fränzi, mit der ich mal biwakiert hab am Schellenberg, weißt noch?” Da war sie wieder, diese Sprache, nach der ich immer hinhorchte, wenn sie mir ans Ohr schlug, dies zart zugespitzte R, der weiche Ton, das wohlige Dehnen der Vokale. Da waren diese Verkürzungen, die einen Satz spielerisch machten, und doch konnte man dies Ganze um alles an der Welt nicht nachahmen. Mitgeboren musste es sein. Zu lernen war es nicht. Wienerisch, Bayrisch, Tirolerisch — all das konnte man sicherlich nachäffen bis fast zur Vollkommenheit. Aber diese Sprache war zu — leicht, entzog sich der Beschreibung. Auch die Stadt, meinte ich, fing erst jetzt an zu leben, wo ein Mensch darin so zu mir sprach. Es war die Sprache dieser Stadt, ohne jeden groben Zug, der leicht nachzupinseln gewesen wäre.

„Da schau her”, streckte die Freundin mir ihre Hand hin, „da hätten wir also die Fränzi!”

Ich fühlte mich verlegen vor dem Blick dieser Augen. Da gab es keinen Vordergrund und Hintergrund. Allerdings aber gab es eine Tiefe darin, die sich ganz und voll auf den Angesprochenen richtet, eine Art, Menschen und Dinge wichtig zu nehmen, der ich mich sofort unterlegen fühlte.

Ich war nicht allzu selbstbewusst in diese Stadt gekommen. Auch der Studienbetrieb hatte mich manchmal unsicher gemacht, der Zwang zu wählen, sich zu entscheiden, der Krieg mit Formularen. Aber bei all dem hatte ich doch ein bescheidenes Bewusstsein meines eigenen Wertes behalten.

In meinem Beruf hatte ich — wie nur wenige in meinem Alter — schon ein paar bescheidene Schritte gemacht. Ich fühlte mich weder dumm noch hässlich. Aber das alles wog hier nicht. Hier wog ich zu leicht. Hier war ich „die Fränzi”, vielleicht — wenn es hoch kam, Gegenstand für eine kleine Glosse hin und wieder, ein junges unerfahrenes Ding. Was war es nur?

Die mir gegenüberstand, mochte nur zwei, drei Jahre älter sein als ich, nicht mehr. Viel an Erfahrung konnte sie mir nicht voraushaben. Was war es nur ? Sie trug das helle Haar kurzgeschnitten, man konnte sie hübsch nennen, obwohl ihre Nase ein wenig kurz und stumpf war wie ein Gedanke, der in dem sonst so ausgeprägten Gesicht nicht ganz zu Ende gedacht war. Aber auch diese Hübschheit, umstanden von dem kurzen goldflimmernden Haar, machte es nicht aus. Gekleidet war sie ein wenig wie zur Jagd: eine kurze Lederjacke, ein derber Rock, und — im Näherkommen hatte ich’s gesehen — wollene Söckchen in festen Schuhen. Auch die Kleidung, an der man nichts ausgefallen oder besonders reizvoll nennen konnte, war es also nicht. Was war es nur ?

Ich gab Auskunft über das Woher, Wo und Wozu. Plump kam ich mir dabei vor und unbeholfen. Keine witzige, geistvolle Wendung wollte mir glücken. Wie fatal war mir die Alltäglichkeit, in der ich so vor ihr stand. Ich hätte mich gefühlt wie im Examen durchgefallen, wäre da nicht Linde Glanzrath noch gewesen, die tröstlich zur Seite stand, die da offenbar ein altverbrieftes Recht hatte, und die mir endlich auch einhalf, während ich im Stillen daran rätselte, wer es wohl sein mochte, mit dem ich sprach.

Denn bisher war, wie bei einer hohen Persönlichkeit, die zu kennen sich für alle am Rande versteht, nur ich vorgestellt worden.

„Das ist Anka Waldenfurth”, flocht sie ein in die entstehende Stille, und es schien mir, als spräche sie etwas beschämt, dass man diese Tatsache erst erwähnen müsse.

„Von ihr hab ich dir damals auch erzählt.”

Wie Schuppen fiel es mir da von den Augen. Sie war es also, die große Freundin, die da auf Goldgrund irgendwo in Lindes Nähe stand. Damals hatte sie mir den vollen Namen genannt: Anka Bourlon de Franqueville, Gräfin zu Waldenfurth. Anka, dies Böhmisch-Bäurische, Anspruchslose, verknüpft mit den klangvollen Adelstiteln — schon damals hatte ich in diesem Namen etwas Außerordentliches gefunden. Da waren wieder die Akkorde von Moldau und Stadt, von Kirchen und Palästen aufsteigend voller Pracht, und hoch darüber die einsame böhmische Melodie.

Jetzt erst gab sie mir die Hand. „Die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde”, sagte sie mit einem leichten ironischen Unterton. „Nenn’ mich halt Anka.” Die Wände rundum schienen sich zu weiten, der Himmel schien höher geworden, die Sonne schien wärmer und goldener. Was war das nur? War es der Name? Nein, der nicht, denn es war schon vorher dagewesen, schon vor dem Namen. Die Stadt fing an zu leben um mich und ich in ihr. Die Mauern, die Türme und Portale, schon vorher schön, aber stumm, fingen an, ihre Sprache zu reden von weither. Menschen mussten der Schlüssel sein zu der Stadt, nicht fremd und abgeschlossen wie Maria, nicht so wie Ellen, spähend und flüchtig -

Ellen, ach ja, da stand sie noch neben mir. Ich musste sie wohl bekanntmachen miteinander, die drei, die wie von drei Enden der Welt herkamen. In meinem Kopfe wandte ich es um und um, wie das anzufangen sei, förmlich natürlich, aber auch wieder nicht so lächerlich förmlich.

Offenbar aber war das nicht nötig: sie kannten sich vom Kunstgeschichtsseminar her, wie ich hörte, gaben einander die Hand, Ellen beflissen und überströmend, ein wenig widerstrebend die beiden anderen.

Inzwischen war der Zeiger an der Turmuhr oben weitergewandert. Es wurde Zeit, zu gehen. Auch Anka und Linde kamen mit. beide zwar schon vorgerückte Semester, aber das Thema lockte sie, ‚Lyrik-Interpretationen’, und bei Professor Wiggert mussten sie beide früher oder später ins Examen steigen. Da war es gut, vorher alle seine Schliche auszukundschaften, meinte Anka, und einfach auch: sich sehen zu lassen.

Ich war überrascht, was man beim Studieren alles bedenken musste.

Im Gange vor dem Hörsaal, unter einem flachen, sanft tragenden Gewölbe, wimmelte es schon. Im Vorbeigehen sah ich in einer der tiefen Fensternischen wieder Felix Erlach stehen, im Gespräch mit einem Studenten, wie ich fröhlich im Stillen vermerkte. Auf Lindes Rat gingen wir zuerst ins Büro, wo die Liste der Titel für die Seminararbeiten auslag — die beiden wollten sehen, ob sie sich beteiligten oder nicht. Ich müsste es wohl oder übel, meinte Linde, wenn ich später zu einem Seminar zugelassen werden wollte. Mir war es nicht so eilig damit. Das Gewimmel im Gange ängstigte mich. Eine eigene Arbeit vortragen vor so viel fremden Ohren schien mir ein Gräuel. Aber Linde beruhigte mich: zu viele hatten sich eingeschrieben. Nur ein Teil der Arbeiten würde vorgelesen werden. Halb war ich unwillig, so gestoßen zu werden, halb dankbar, und wählte eins der ausgelegten Blätter mit zwei kurzen Gedichten von Rilke und Johannes Schlaf.

Auf dem Weg zum Hörsaal begegnete ich schon wieder einem Blick von Felix Erlach, der sich aus seiner Fensternische eben auch herüberwandte — es schien mir, als sehe er mich auf eine besondere Weise an, aber vielleicht konnte er auch nicht anders, dieser Blick, der eine freundliche, wenn auch unverbindliche Beziehung herzustellen sucht zum Unbekannten. Und doch fing es wieder an, um mich herum zu tönen: die weißen Wände, die sanfte Rundung der Decke und draußen vor den tiefen Mauern die Stadt in ihrer Sonnenwärme.

Im Gegensatz zu Malon, dem biederen Lehrer alten Schlages, an dem nichts anderes auffiel als das treuherzige Blau seiner Augen, war an Wiggert alles auffallend. Einem Kranich gleich stand er da vor uns, ein lächerlich kleiner Kopf mit einer lächerlich großen, ausgebogenen Nase auf einem langen hageren Körper, an dem die Arme meist hilflos herabhingen wie gebrochene Flügel. Er mochte das selbst empfinden. Darum vielleicht hatte er die theatralischen Gesten der Hände eingeübt, die einen merkwürdigen Widerspruch, eine Art von Entschuldigung zu bilden schienen für die Schärfe, die häufig in seinem Tonfall und in seinen Worten klirrte. Seine Leiblichkeit — das konnte man sofort sehen — musste ihm sehr zur Last sein, er hatte ständig über sie hinwegzuspringen, über ihre Kuriosität und Ausgefallenheit, musste sie ständig vergessen machen, und so war ein gewisses Maß seiner Kräfte schon da verbraucht, wo andere frisch und ausgeruht sich ans Werk machen.

Er pflegte übrigens — das hörte und sah ich erst später — sogar seine Fingernägel zu lackieren, was seine Persönlichkeit, statt sie zu glätten und abzurunden, noch kurioser und bedenklicher erscheinen ließ. Man hätte ihn vielleicht bedauern mögen, aber eben das konnte er nicht dulden. Seine ausfällige Art, seine Manier des Angriffs als Verteidigung ließ dazu keinen Raum.

Dieser Mann also war es, dem ich meine erste Arbeit zur Prüfung vorlegen sollte. Von diesen kleinen harten Augen sollte ich sie beurteilen lassen. Möglicherweise — aber daran dachte ich eigentlich nur am Rande — sollte ich sie hier vorlesen vor einem Auditorium von fast achtzig Hörern, zu denen auch Anka und Linde gehören würden, und Felix Erlach.

Es roch wie in der Schule: nach dem Holz der Bänke, die in einem riesigen Kreise rund um den Saal aufgereiht waren. Es roch — merkwürdig genug — nach der Tinte, mit der ich als Kind emsig und in Verzückung meine ersten Hefte vollgekritzelt hatte. Nie mehr in späteren Schuljahren war ich diesem Geruch begegnet. Hier war er wieder: kräftig und streng und voll, keinem andern Geruch zu vergleichen. Insgeheim spähte ich aus, woher er kommen mochte, ob irgendwo ein offenes Tintenfass ihn ausströmte, oder ob er einfach im Raume war. Felix Erlach hatte seinen Stuhl aus der Reihe am Tisch gegen das Fenster hin zurückgeschoben. Wieder begegneten sich unsere Blicke. Über die Weite des leeren Raumes zwischen den beiden Tischreihen kam dieser Blick zu mir herüber, nachdenklich, aber freundschaftlich und offen in aller Nachdenklichkeit. Der Blick schnitt uns beide heraus aus der Menge der Hörenden, nahm uns fort aus dem Saal. Aber nichts Bedrohliches lag darin, plötzlich mit ihm allein zu sein wie unter dem Himmel und an den Wassern der Moldau. Es war kein abschätzender oder fordernder Blick, sondern der wärmende Blick eines Menschen, der um Einverständnis wirbt, um ein durchaus vorläufiges Einverständnis noch, das erst durch die Nähe zu prüfen und zu erhärten sein würde.

Nein, nichts wäre zu fürchten gewesen in diesem Blick. Nur vor meinen Gedanken wurde ich bange: warum traf sein Blick gerade mich, die Fränzi, dieses kleine unbedeutende Nichts, dass ja erst anfangen wollte, zu leben, zu denken, zu sein?

Längst sah ich wieder Professor Wiggert zu, wie er flügelschlagend und mit funkelnden Brillengläsern dozierte. Hier saß ich wieder auf der Schulbank, und um mich war der Geruch von frischem Holz und von Tinte. Zu lernen hatte ich wieder, und was ich in der Schule meist mit der linken Hand abgetan hatte, stellte sich jetzt als notwendig heraus, wenn ich etwas gelten wollte: ich musste arbeiten. Aber wichtiger schien mir jetzt, was ich in den Augen meiner Mutter gelesen hatte beim letzten Abschied auf dem Bahnhof: zu leben musste ich lernen, abzuwägen, ja oder nein zu sagen zu den Menschen. Sie hatte mich nicht mit Ratschlägen beladen, nicht einmal mit Warnungen, und ich war ihr dankbar dafür. Sie war sicher, dass ich es richtig machen würde. Würde ich es immer richtig machen?

Nun endlich lenkte ich den Kahn meiner Gedanken wieder um in den Strom von Professor Wiggerts Rede und bemerkte mit Schrecken, dass ich schon eine ganze Anzahl von Leitsätzen und Grundgedanken verpasst hatte, die er uns gab für die Anfertigung unserer Arbeiten. Ich fing an, mir flüchtig zu notieren, was er als wichtig unterstrich. Aber dabei schwamm es doch immer neben meinem Kahn her wie ein Wasserstrudel, der sich nicht lösen will. Würde ich es richtig machen, dies und das und alles?

Ellen Brand verlor sich im Gedränge nach dem Seminar, obwohl sie neben uns gesessen hatte. Ich atmete erleichtert auf. Auch ich wollte mich verabschieden, aber Linde nahm mich am Arm.

„Geh, du kommst mit uns. Wir holen den Hartmuth und gehen zusammen essen in die Zeltnergass. Kennst doch den Hartmuth noch von damals? Der wird schauen!”

Ja, der Hartmuth, ich kannte ihn noch: einen hochaufgeschossenen Jungen mit kurzen Lederhosen und mit vielen Sommersprossen auf der hübschen langen Nase, Lindes älterer Bruder, zwei Jahre älter war er wohl — und unzertrennlich von ihr, damals jedenfalls.

Anka sprach es aus: „Wie Kastor und Pollux sind sie, die zwei. Kannst sie nicht auseinanderbringen. Ich hab’s schon versucht, wollte ihn ein bissel in mich verliebt machen und dachte, sie wird vielleicht eifersüchtig werden, eine kleine Kratzbürst. Hat aber nichts getaugt, die ganze Geschichte. Er kennt mich zu gut!”

Linde lachte. „Ich dächte, es wär umgekehrt gewesen. Er war verliebt in dich und du wolltest es ihm austreiben!”

Wir gingen die Treppen hinunter, die breiten flachen Stufen, so sanft abfallend, wie das Gewölbe drüber sich wölbte. Es war ein einschmeichelndes wunderliches Gehen auf den Stufen einer Zeit, die nach dem Nützlichen noch nicht fragte, nach dem praktischen Schnitt einer Stufe, die dem Fuß und der Eile am bequemsten wäre. Diese Stufen, diese Treppen, mochte man sich auch manchmal mit den Schritten verhaspeln und für eine Stufe zwei Schritte brauchen, waren schön. Ich ging gern auf ihnen.

Wir waren am Ende der Treppe angelangt, kamen in dem kühl-feuchten Flur mit den vergitterten Fenstern, durch die unzählige schmale Bäche von stäubendem Sonnenlicht hereinflossen, gingen über den Hof, und die Beiden nahmen mich hinein in die Stadt, in ihre Stadt.

Sie gingen Wege durch das verschlungene Gassengewirr der Altstadt, die ich allein nie gefunden hätte und die auch mir bald ganz vertraut wurden und lieb. Zunächst einmal bogen wir durch einige Gassen kreuz und quer — ich sah manchmal zurück und hinauf, um mir Zeichen der Erinnerung festzuhalten: ein hoher schmaler Hausgiebel, um dessen Fenster in jedem der drei Stockwerke sich Sandsteinfiguren einander zuneigten wie Mitbewohner, die heimlich, aber voller Wohlwollen den Wohnenden in die Fenster spähen. Zur Linken ein Portal, gekrönt von Vasen, auf denen steinerne Putten sich im Nichtstun dehnten und müßig auf die Gasse hinunter blickten, wo unter ihre steinerne Last vier muskelstarke Männer sich beugten.

Dann wieder blieb mein Blick hängen an einem bizarren Nebeneinander von Giebeln, die ganz offenbar einander den Rang streitig machen wollten, Fischschwanzzinnen, die sich auf das zweistöckige bescheidene Häuschen wie auf die Mauern einer Burg aufsteckten, ein hochgespitztes Dach daneben mit allerliebsten ovalen Mansardenfenstern, wieder daneben eine Art von barocker Palastfront, und darüber sitzend ein zierliches Häubchen von Dachziegeln.

Aber was ich eben bei mir als Besonderheit vermerkt hatte, an der ich den Faden der Straße wieder zurückspinnen könnte, das kehrte schon an der nächsten Straßenecke wieder, nur in geringer Abwandlung. Was die Eintönigkeit ist bei modernen Neubaureihen, das war hier die Vielfalt: es schien unmöglich, all die kleinen lebendigen Schnörkel am Bilde der Gassen zugleich zu vermerken und zu unterscheiden. Ich verzichtete bald darauf und ließ mich gehen, wie die andern gingen. Unvermerkt nahmen mich die beiden denn auch aus der Wärme der Gassen hinein in die Kühle eines Haustors.

Es schien eine Tordurchfahrt wie andere auch, aber es war ein Weg hinein in die Tiefe der eng verschachtelten Altstadthäuschen über ihre halbdunklen Höfe hinweg, und erst weit hinten, am Ende, sah man das Licht der Gasse wieder wie den Lichtbogen am Ende eines Tunnels.

Die Häuser aber verschlossen sich nicht etwa denen, die vorübergingen, wie das in Tordurchfahrten zu geschehen pflegt. Nein, sie spähten nach den Passanten aus in geradezu kindlicher Neugier durch breite niedrige Glasfenster, des Anstands wegen behängt mit altmodischen Klöppelvorhängen, die vergilbt waren von Staub und Alter. Manche waren auch der wärmeren Luft draußen geöffnet, denn die Mauern strömten noch die Feuchtigkeit und Kälte des Winters aus, während es schon fast sommerlich hereinwehte in die Durchgänge. Auch manche der Türen standen offen, und dahinter sahen wir sie bei ihrer Arbeit sitzen: Schuster, über Lederstücke gebeugt mit krummem Rücken, der sich ein Leben lang der niedrigen Zimmerdecke hatte fügen müssen, Schneider im Türkensitz auf ihrem Tisch, mit kurzem Fädchen emsig nähend unter trüber Lampe, Kürschner vor einer Wand voller Felle, die ergeben ihr altes Leben abgetan hatten und unter einer Schicht von Staub auf das neue warteten, das kommen sollte, alte Frauen, strickend hinter dem winzigen Schiebefenster ihrer Kramlädchen und über die Ränder der Brille hinweg nach uns hinspähend. Wie aus alten Holzschnitten hergenommen, saßen sie alle da aufgereiht im Halbdunkel der Flure, zufrieden, dass sie ihre Hände noch regen konnten.

Von wildem Wein umsponnen, und gelassen wie ihre Schützlinge, blickten aus den Nischen der Höfe Sandstein-Heilige zu den Fremden her, still einverstanden und zufrieden mit der unscheinbaren Rolle, die ihnen aufgetragen war. Wie ein stilles Licht lag Genügsamkeit über den gläsernen Veranden und Fenstern der Höfe. Die Armut, die ohne Zweifel hier zu Hause war, machte sich nicht breit. Anspruchslos blieb sie für sich hinter den Mauern.

Über das Rauschen eines Brunnens am Wege drang jetzt ein süßer Ton zu uns her, das Lied eines Vogels eigentlich, aber so viel seliger, soviel bewusster der aufsteigenden und anwachsenden Sonne, soviel dichter angefüllt von Sehnsucht und Hoffnung, dass davor selbst das Lied einer Nachtigall hätte verblassen müssen. Es war auch nicht das eitle Brillieren einer Konzertflöte, sondern ein seidenfeiner, himmelhoher biegsamer Ton, als wäre ein Sonnenstrahl zur Stimme geworden, die silbern aufwärts wanderte, oben sich hin und her wendete und lächelnd sich bespiegelte in der klaren Luft, um dann mit leichtem Schritt wieder hinabzusteigen, zu verweilen hier und da, noch einmal ein wenig höher zu klimmen, als Triller hin und her zu hüpfen und dann gemach sich wieder hinunter zu begeben ins Gewöhnliche.

Als wir aus dem Torbogen der Passage traten, sahen wir den Mann. Er trug ein spitzes Hütchen von verschossener Farbe, auf dem eine kurze bunte Feder schwankte und schillerte. Er hatte es nicht nach Art jener Leute, die auf eilige und vorübergehende Barmherzigkeit spekulieren, vor sich hingelegt, sondern es saß ihm auf dem Kopf wie weiland dem Rattenfänger von Hameln das seine. Was er eben jetzt vom Munde absetzte, sah freilich einer Flöte recht ähnlich, aber es hätte ebenso gut ein zurechtgeschnitztes Weidenrohr sein können. Eilig steckte er es weg in die Brusttasche seiner blankgescheuerten und ausgebeutelten Jacke, wie man einen Schatz verbirgt. Man hätte sich unschwer denken können, dass die Jacke auch den Rest seiner fahrenden Habe barg, denn wo die Taschen sitzen, zeigte sie bedenkliche Schwellungen, die mit seiner hageren Statur nicht in Einklang zu bringen waren.

Nachdem er solchermaßen die Sonne besungen hatte, als sei er selber einer ihrer Strahlen, lüftete er nun doch das Hütchen mit der Feder für die Spenden, die freilich nur in bescheidenem Maße hineinregneten. Denn die meisten seiner Anhänger, wahrscheinlich schon durch mehrere Höfe auf seiner Spur, waren Kinder, so dass sich auch von dieser Seite die Erinnerung an den Rattenfänger aufdrängte, einen Rattenfänger freilich ohne Arg und Bosheit, also doch wieder keinen, denn wie hätte der von Hameln sich in der Erinnerung erhalten wollen ohne den grausamen Kinderzug, den er am Ende der Geschichte anführte ? Vergessen hätte man ihn wie alle Wohltäter, die ohne Dank ausgehen.

Ich kramte in meiner Kollegtasche. Ein Schein fiel mir in die Hände, nicht eben gewaltig, aber doch für ihn sicher ein schönes Stück Geld und für mich ein kleines Opfer, das ich gerne brachte, obwohl es gleich in meinem Innern leise zu nagen anfing: sieben Erdbeertörtchen weniger in diesem Monat! Ich legte den zusammengefalteten Schein in den Hut, er sah nicht nach viel aus, aber die Vorsicht war auch unnötig. Er sah gar nicht danach hin. Mit seinen wasserhellen Augen schien er irgendwohin nach schräg oben zu horchen, während die sonnenbraune Haut des Gesichts sich spannte, als könnte von dorther, über die winkeligen Dächer herunter, ein neues Lied zu ihm kommen.

Im Weitergehen fragte ich mich, warum er denn gerade hier seinem Geschäfte nachgehe — wenn man es ein Geschäft nennen wollte — hier an dieser abgelegenen, wenig benutzten Passage, während nicht allzu weit von dieser Stelle, an Graben und Wenzelsplatz, die Menschen zu Dutzenden und Hunderten vorbeiströmten und sein Spiel ihm also auch mit Leichtigkeit ein Dutzendfaches einbringen konnte von dem, was dort in dem abgelegenen Gässchen für ihn abfiel. Aber ich erschrak, als ich mir die selige Vogelstimme vorstellte, ankämpfend gegen das vielfache Hupen, Klingeln und das Schnurren der Motoren, gegen das Gezeter der Zeitungsverkäufer und das hundertstimmige Geschwätz der eiligen Menge. Und dann dachte ich daran, wie er nur bereit war, von denen etwas anzunehmen, die sein Stück bis zu Ende anhörten, wie er nicht einmal hinsah nach dem, was ihm zufiel. Wunderliche Menschen, wunderliche Stadt, bis an den Rand voller Wunder.

Das Haus am Obstmarkt, zu dem wir kamen, kannte ich schon. Das Zeitungswissenschaftliche Institut hatte dort seine Räume; ärmliche Räume in einem baufälligen Gebäude, ärmlich eingerichtet auch, aber anheimelnd in ihrer Unordnung. Es roch nach den Zeitungen, die im Flur an den Wänden gestapelt waren. Der Kreis war klein, schnell lernte man die Gesichter alle. Es war eine behagliche Luft von Arbeit und Lernenwollen ohne übergroßen Ehrgeiz.

Im selben Hause amtierte auch Hartmuth Glanzrath, Doktor der Philosophie inzwischen geworden, Assistent am musikwissenschaftlichen Institut. Das hatte ich nicht gewusst. Gespannt sah ich ihm entgegen, als er die Treppe herunterkam, von einer Klingel im Flur gerufen. Lang-kurz-lang-kurz — das hieß: Komm zum Essen. Ich lernte es bald.

Da war er also! Aus dem Jungen in kurzen Lederhosen war ein Mann geworden. Ich fragte mich im Stillen, ob ich wohl auch so viel älter geworden sei in der Zwischenzeit. Freilich: die lange hübsche Nase war immer noch voller Sommersprossen. Das gab dem gesetzten Doktor der Philosophie etwas Lausbubenhaftes, das mir Spaß machte. Er schaute allerdings, wie Linde vorausgesehen hatte, aber eine Unsicherheit war in seinem Benehmen, die sicher nichts mit mir zu tun hatte. Es war offenbar nicht ganz so üblich, wie ich gedacht hatte, dass Anka mit den Beiden essen ging. Es schien vielmehr, als hätte er sie längere Zeit nicht gesehen, und ich erinnerte mich an das Gespräch vorhin im Clementinum, das ich mehr für Spaß und Wortspielerei gehalten hatte. Ganz offenbar war Hartmuth viel mehr bemüht, Anka gegenüber den richtigen Ton zu finden als mich, die so ganz Unerwartete, in der fremden Stadt willkommen zu heißen.

Es kränkte mich nicht. Als wir damals zusammen wanderten, hatte ich Hartmuth fast so gern gehabt wie Linde — hätte ich mir einen Bruder gewünscht, er hätte so sein sollen, kameradschaftlich, zu Späßen aufgelegt, aber auch zum Ernst, wie es gerade kam, klug, ohne sein Wissen und seine Gedanken aufzudrängen, in einem inneren Gleichgewicht, das jetzt gestört schien. Schon aus wenigen Worten konnte man das hören.

Hartmuth ging neben mir, es gab sich so. Er schien froh, das Gespräch mit Anka zu vermeiden, die sich jetzt mit Linde über den Termin der Seminararbeiten unterhielt. Offenbar waren wir alle nicht sehr aufmerksam gewesen, auch sie wusste nichts Genaueres. Wiggert hätte gemeint, vier Wochen als Frist wären eben recht, sagte Linde schließlich, jedenfalls wäre es ihr so in Erinnerung. Für die ersten vier Wochen hätte er wohl schon im vorigen Semester ein paar Themen vergeben.

„Eine merkwürdige Erscheinung ist das, dieser Professor Wiggert”, sagte ich, mehr um das Gespräch fortzuspinnen, als weil ich mir unbedingt über ihn Auskunft hätte holen wollen.” Er erinnert mich an den Ichabod Kranich in irgendeiner Geschichte von Washington Irving.”

Hartmuth zupfte mich am Arm, und als ich verstohlen zu ihm hinübersah, bemerkte ich, dass er verneinend die Augenlider senkte und unmerklich den Kopf schüttelte. „Ich meine, ich kann ihn gar nicht beurteilen. Er sieht mir nur so aus, als wäre er nicht sehr glücklich.” Ich sagte es eilig und verlegen, unsicher geworden, welche Rolle er in diesem kleinen Kreise spielen könne.

„Er hat ganz beachtliche Sachen geschrieben über die Literatur zu Anfang des Jahrhunderts”, erklärte Anka. „Besonders der Naturalismus hat es ihm angetan. Kein Wunder, wenn einer trübsinnig wird über so öder Lektüre.”

„Vielleicht hat er sich auch ausgesucht, was ihm entspricht”, gab ich zu bedenken.

„Du hast ganz recht, Fränzi”, sagte Linde jetzt, und an ihrem Ton und ihren Worten merkte ich, wer von den dreien von diesem Thema besonders betroffen war. „Er ist unglücklich, und er war schon immer so. Ich habe ihn schon als kleines Kind gekannt, er kam oft zu unsern Eltern. Damals war er Student, und ich ging gerade das erste Jahr zur Schule. Mich hatte er immer sehr gern, damals schon. Ich denke immer, wenn ihm einer helfen kann, müsste ich es sein.”

„Und in dieser Rot-Kreuz-Meinung wirst du deine Jugend vertrauern, mein Liebes”, setzte Anka dazu in ihrer blanken Art, die Dinge beim Namen zu nennen.

Man beschloss, nicht in die Vegetarna in der Zeltnergasse zu gehen — das wäre ein großer Umweg gewesen — sondern in die Gaststätte der KLV in der Hiberner Gasse.

„Es gibt da ein Schild an der Tür, darauf steht ‚Nur für Teilnehmer der Kinderlandverschickung’ ”, klärte Hartmuth mich auf. „Deshalb fühlt sich Anka dort so zu Hause. Uns kennen sie schon. Du machst dir am besten Zöpfchen, Fränzi, dann glauben sie dir vielleicht, dass du eine Legale bist”. Dabei warf er freilich einen zweifelnden Blick auf mein kurzes Haar. „Ich glaube, es reicht nicht”, meinte ich kleinlaut.Zeltnergasse_mit_Pulverturm

Straßenbahnen und Autos, von der Altstadt herkommend, fädelten sich durch das Spitzbogentor des Pulverturms wie aus der alten in die neue Zeit. Auch hier gab es noch Figuren an Portalen, ja, sogar vom Gesimse der Dächer blickten Figuren herab, eine steinerne Gesellschaft von Außenseitern, die da hinaufgeflüchtet schien vor dem Ansturm der Moderne, denn die Straßen hier weiteten sich, bauschten sich auf, ihrer Bedeutung bewusst, das Neue herbeizuführen und dem Neuen Raum zu lassen, fade Großstadtstraßen, wenn man eben noch den Reiz von Gassen und Winkeln gekostet hatte. Die Hiberner Gasse war keine Gasse mehr, sondern eine Straße, wie man sie in jeder anderen Großstadt hätte finden können. Die Gaststätte der KLV — na ja, ein Restaurant eben, genau so möglich in Wien, Berlin oder Paris. Anka trat vor uns ein, strich sich das Haar aus der Stirn und stellte sich herausfordernd neben das ominöse Schild „Nur für Teilnehmer der Kinderlandverschickung”, weil daneben an einer Säule der Speiseplan angeschlagen war. Wir mussten auch, wie sich zeigte, selber am Buffet antreten, um unsere Wünsche zu melden, das Essen in Empfang zu nehmen und zu zahlen, denn so sehr Restaurant war es nun wieder nicht.

Hartmuth fuhr sich mit dem Finger zwischen Hals und Kragen. Soviel wusste ich schon, dass Männer damit meist eine gewisse Verlegenheit verbergen wollen. Wir marschierten zu unserm Tisch, das Essen balancierend. Der Aufwand hatte sich gelohnt. Es waren nicht die ersten Zwetschgenknödel, die ich aß, aber zum ersten Mal offenbarte sich mir — wenn man das auf eine so profane Sache anwenden darf — die Idee der Zwetschgenknödel an sich: zart und duftig der Teig, leicht wie Schnee und doch nicht schwammig oder zerfließend, ein wohlgeordnetes kleines Kosmos, sonnengleich unter einer dichten Decke von fettigen gerösteten Semmelbröseln und Zucker, schwimmend in einem kleinen See von Butter, der allein schon verschwenderisch anmuten musste in solchen Kriegszeiten.

Da saßen wir in dieser Allerweltsstraße, in diesem Allerweltsrestaurant, und doch — und doch: von den duftenden Tellern stieg es auf, zu den breiten hochgeschobenen Fenstern

strömte es herein, mit uns bei Tische saß es, unverkennbar, unnennbar und unverlierbar — Pulverturm und Zwetschgenknödel, Dom und Burg und der Mann mit dem Weidenholz, blasend, singend die Melodie der Stadt.

Nach Tisch trennten wir uns. Zwar gab es für uns alle vier oder vielmehr für uns drei als Hörer und für Hartmuth als Assistent eine Vorlesung im musikwissenschaftlichen Institut. Aber Anka meinte gähnend, sie werde sich stattdessen einen Mittagsschlaf genehmigen.

Wir anderen, vom Essen her träge und behaglich gestimmt, schlenderten dem Obstmarkt zu. Ich wurde eingeladen, Hartmuths Reich zu besehen, eine Art niedriger, winkeliger Wohnung, in der die Instrumente zuhauf standen, unter ihnen auch ein Cembalo, das freilich gegen Missbrauch verschlossen war.

Ob ich ein Missbrauch wäre, fragte ich etwas ängstlich, aber doch begierig. Nie hatte ich solch ein Instrument unter den Händen gehabt. Dagegen konnte Hartmuth nicht an. Mit der Sorgfalt eines Schatzhüters brachte er den Schlüssel und sperrte das Schloss auf.

Ich hatte Klavier studiert einen Winter und einen Sommer lang nach vielen Jahren laschen, vergeblichen Unterrichts. Aber es wollte mir nie gelingen, mit den genauen Tonlängen auf guten Fuß zu kommen. Ich dehnte hier, wo mir etwas behagte („Genießen macht gemein”, sagte mein Klavierlehrer), dehnte auch wohl, wo die Finger dem allzu schwarzen Notenbild nicht mehr nachkamen, und eilte, wo die Finger leicht liefen und besondere Schönheit nicht zu erwarten war. Das Cembalo war über all diese Verstöße ein strenger Richter. Sein kurzer Silberton, nicht zu dehnen durchs Pedal, duldete kein Verweilen und vermerkte jede Unregelmäßigkeit genauer, als mein Lehrerinnen und Lehrer es getan hatte.

Aber statt mich darüber zu ärgern, freute ich mich an der Zensur und versuchte mehr und mehr, ihr Genüge zu tun. Denn was daraus entstand, — eine Bach’sche Fuge — schien mir wie Begütigung und Trost für alles Schmerzliche des Morgens, das mich bekümmerte, obwohl es mich nicht betraf. Hier, in der Musik, war die Welt in Ordnung, und man fühlte deutlich, dass es keine erlogene, keine erträumte Ordnung war, wenn auch vielleicht eine, die jenseits unserer Wahrnehmungskraft lag. In der Musik aber wurde sie hörbar, trat näher und bot sich an als das Heilmittel für alle Zerrissenheit. Was heute Schrecken ist, schien sie zu sagen, wird morgen Freude sein. Alles ist bedacht und abgewogen in dieser besten aller Welten.

Hartmuth war wieder in sein Büro gegangen. Linde stand an Fenster. Sie hatte die Flügel nach draußen aufgestoßen, und die Luft, die hereinwehte, vertrieb den leisen Geruch von Moder, der in diesen Häusern unausrottbar angesiedelt schien und sofort wiederkehrte, wenn man das Fenster schloss. Ich stand auf und ging zu ihr. Es war freilich, wenn ich es recht bedachte, nicht zu hoffen, dass der Trost, der mir genügte, auch ihr genügen würde.

„Du hast dich sehr verändert, Linde”, sagte ich.

Sie wandte sich zu mir. Ihr Gesicht, das freilich nie eine sehr lebhafte Farbe gehabt hatte, war durchsichtig geworden. Es war noch schöner, als ich es in Erinnerung hatte: die Mandelform der dunklen, graublauen Augen schien jetzt genauer gezogen, der Mund schöner geschwungen, und des braune Haar lag in kleinen Locken über der hohen Stirn und um die Schläfen, die etwas eingesenkt waren zu den Augen hin und von zarten bläulichen Äderchen durchzogen. Ihre Schönheit war freilich nicht gemein — wer Leidenschaft und Lebenslust in einem Gesicht suchte, konnte sie hier nicht finden. Sie erinnerte mich an die Nonnen mit weißen Flügelhauben, denen ich zu Hause in einem Kloster häufig begegnet war, wenn ich zu Schwester Irmgardis ging, um bei ihr Latein zu lernen. Sie alle — und auch Schwester Irmgardis — glichen einander wie Schwestern, und auch das Gesicht hier glich ihnen wie das einer Schwester. So nannten sie sich ja auch — Schwestern. Waren es nur die Hauben, die sie einander so ähnlich machten? Oder war es dies, dass sie die Sucht und das Jagen nach Genuss und Vergnügen ausgeschlossen hatten aus ihrem Leben und stattdessen wahre Freude gefunden hatten ? War es diese Freude, die sie einander so ähnlich machte?

Das hätte bedeutet, dass auch Lindes Gesicht damals das einer Verzichtenden war, und so mag es wohl gewesen sein. Nur dass ich damals diesen Gedanken noch nicht zu Ende dachte. Im Gegenteil: es brachte mich auf, dass es einen Mann gab, dem diese Schönheit nicht gut genug war, den sie nicht erlösen konnte aus seiner linkischen weltfremden Art, aus seiner Schärfe und Ironie. Es empörte mich, dass diese Schönheit vertan sein sollte in Düsternis und Hoffnungslosigkeit.

Linde hatte nicht geantwortet auf das, was ich zu ihr sagte. „Ich will dich nicht drängen, Linde, es geht mich ja auch nichts an. Aber du bist nicht mehr dieselbe wie damals. Du bist schöner geworden — dir kann man das ja ruhig sagen, du bist nicht eitel. Aber man sieht, dass du unglücklich bist. Jeder sieht das.”

Linde schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht unglücklich. Lass nur, Fränzi, du wirst nichts dran ändern. Ich bin nicht unglücklich, aber ich bin auch nicht glücklich, damit hast du recht.”

„Aber es scheint doch, als könntest du nichts erreichen. Ich meine: ihm helfen. Kannst du dich da nicht einfach wegwenden, in eine andere Richtung sehen?”

Linde lächelte. Es war ein Bild aus alter Zeit. Nein, Linde passte nicht in diese Zeit, die immer nur hastig nach dem Ihren greift. Es war mir früher nie so aufgefallen, dass sie aus einer solchen Ferne kam.

„Ich kann ihm schon helfen. Du glaubst nicht, wie er anders ist, wenn ich bei ihm bin. Ich helf’ ihm bei einer Kartei für seine Arbeit, weißt du. Er bat mich mal darum. Wie gesagt, wir kennen uns ja lang, und es war eigentlich ganz natürlich. Aber das hätt’ er nicht tun sollen. Du glaubst nicht, wie das ist, wenn man einen Menschen so sehr sich verwandeln sieht. Das zieht an wie ein Magnet, man möcht’ es immer wieder erleben, und es schert einen gar nicht, wenn die andern ihn hässlich und unbeholfen und sarkastisch nennen. Hätt’ ich ihn nur als Professor gesehen auf dem Katheder und im Seminar, dann wäre sicher alles anders gekommen. Aber ich hab ihn eben gesehen, wie ihn die andern nie sehen. Ich denk mir, wenn ich mich wegwende von ihm, dann kann er nie mehr ganz er selber sein. Denn vor den andern ist er’s ja nicht.”

„Also doch eine Art Rot-Kreuz-Manier, wie deine Freundin Anka das nennt”, meinte ich.

Sie wehrte ab. „Ach, Anka! Anka ist ein feiner Kerl, ich hab sie sehr gern, wirklich, aber sie will immer alles über einen Kamm scheren. Sie zieht die Männer am Bändel herum, und ich soll’s auch so machen.”

Zweierlei hätte ich gerne gefragt, aber ich wusste nicht recht, wie ich es in Worte fassen sollte: Liebst du ihn?

Diese Frage konnte ich mir eigentlich selber beantworten. Ja, die Linde liebte ihn, den einen jedenfalls, der sozusagen ihr Werk war — oder sie selber sah es jedenfalls so an, und bis zu einem gewissen Grade war es sicher so, dass er nur bei ihr er selber sein konnte. Aber liebte sie auch den andern, hilflos, linkisch, flügelschlagend und ironisch? Konnte man ihn überhaupt lieben? Und wenn sie ihn heiratete — aber das lag ja im weiten Felde, hing ab von der Antwort auf die zweite Frage, die ich im Sinne hatte — wenn sie ihn also wirklich hätte heiraten sollen, dann würde sie mit beiden verheiratet sein, nicht nur mit einem.

Ja, die zweite Frage, offenbar wichtiger als die erste: liebte er sie? Oder war sie am Ende für ihn nur, was für andere Leute Morgenrock und Pantoffeln sind, in denen sie sich gehen lassen können und dann „natürlich” sind, wie man das so nennt?

Ich beschloss, meine Frage anders zu stellen. „Meinst du denn, dass eure Beziehung zueinander sich jemals ändern wird?”

Sie sah aus dem Fenster. Ihre Finger tippten nervös auf das abgeblätterte Weiß des Fensterbretts. Die Antwort fiel ihr schwer. Machte sie sich etwas vor? Oder würde sie versuchen, mir etwas vorzuspiegeln, was sie selber nicht glaubte?

„Ich weiß nicht”, sagte sie schließlich. „Ich weiß wirklich nicht.”

„Wäre es dann nicht besser, du wärst jetzt eine Weile unglücklich, damit du später glücklich werden könntest?”

Sie lachte kurz auf und zuckte die Schultern.

„Das hört sich sehr vernünftig an, Anka sagt’s auch. Aber er ist außerdem noch mein Professor, verstehst du? Was soll ich ihm sagen, wenn ich nicht mehr komm und ihm seine Kartei mach? Soll ich sagen, ‚Herr Professor, ich möcht’ später mal glücklich sein, deshalb kann ich jetzt nimmer zu Ihnen kommen.’ Er würde doch denken, ich habe meine Sinne nicht mehr beieinander. Wir haben ja nie von sowas geredet. Er hat keine Ahnung von dem allen, was ich dir gesagt hab. Es ist auch ganz unmöglich, dass ich’s ihm sag. Verstehst du nicht?” Und nach einer Weile fügte sie hinzu, als müsse auch das noch gesagt sein, da alles andre gesagt war: „Man kann bloß beten.”

Erstaunt sah ich sie an. Auch sie sah mich an, sie lachte, und das Lachen war nicht so traurig, wie ich erwartet hätte. „Gelt, da schaust du?” Ja, ich war erstaunt. Nie wäre mir der Gedanke gekommen, dass man einer Liebe wegen beten könnte. Überhaupt kam mir selten der Gedanke zu beten. Es fehlten der Anlass, die Notfälle und die Überzeugung.

„Ich find es schön”, sagte ich lau, insgeheim zweifelnd, ob einem das Beten die Verantwortung zum eignen Handeln abnehmen könne. „Bet’ nur auch ums Richtige!” Und ich dachte, sie sollte besser um das beten, was ihr jetzt Schmerzen machen würde als um das, was sie für ein Glück halten könnte. Aber ich sagte nichts weiter.

Nach der Musikvorlesung ging ich hinüber ins Zeitungswissenschaftliche Institut. Es tat für heute gut, diese nüchterne, sachliche Luft, die keinerlei Ansprüche stellte, der Geruch von Druckerschwärze, die unverbindlich bekannten Gesichter. Dies hier war die normale Welt, in der sich voraussichtlich nichts weiter ereignen würde, als dass ich mir den Stoff für mein Referat zusammensuchte und hier und da ein paar belanglose Worte wechselte.

Als ich in die Kollegtasche griff nach dem Federhalter, fiel mir der Zettel mit den beiden Gedichten in die Hände. Ach ja, dafür waren nur vier Wochen Zeit, mit dem zeitungswissenschaftlichen Referat brauchte ich mich nicht so zu beeilen. Aber ich hatte weniger Lust als je zu dieser Arbeit. Voller Widerwillen war ich gegen Professor Wiggert, dieses Vogelgesicht. Ich warf einen Blick auf die Texte. Gedichte eben, Frühlingsgedichte. Zehn Seiten darüber mindestens, zwanzig höchstens. Zehn Seiten? Zehn Seiten über zwei Gedichte? Jetzt verstand ich erst, erschrak. „Interpretationen” hieß es, soviel war bei mir haften geblieben. Keine Inhaltsangabe bitte, auch nicht das Leben des Autors, auch keine zeitliche Einordnung. Zehn Seiten Interpretation über 25 Zeilen. Ich hatte mir das kürzeste ausgesucht, was ich liegen sah, es schien mir am bequemsten so. Jetzt wünschte ich, ich hätte das längste gewählt. Zehn Seiten über fünfundzwanzig Zeilen, das hieß: fast eine halbe Seite über jede Zeile. „Schon kehrt der Saft aus jener Allgemeinheit …” Also bitte, eine halbe Seite! „Schon kehrt der Saft …” Mir wurde schwindlig. Eine halbe Seite über jede Zeile, soviel musste man schon rechnen, manche Zeilen mochten auch fast gar nichts hergeben, also — wieviel Zeilen hat eine halbe Seite? Man musste das nachzählen. „Schon kehrt der Saft …” Unmöglich, Linde zu fragen. Unmöglich, Anka zu fragen. Meine Arbeit war das, ich konnte sie nicht abgeben, wie man eine Kinokarte weggibt.

Ich steckte den Zettel wieder in die Tasche. Das musste sich finden. Irgendwie würde es sich schon finden. Jetzt saß ich hier und würde mir meinen Stoff zum Fontane-Referat zusammensuchen, und wenn der Himmel einfiel. Eine kindische Aufgabe, wenn man’s bedachte. Ein ganzes Leben abzuhandeln auf, nun ja, sagen wir ruhig auch auf zehn Seiten. Und dort: zehn Seiten lang reden über fünfundzwanzig Zeilen, die zwei Leute wahrscheinlich in ein paar Minuten aufs Papier gesetzt hatten.

Fast zwei Stunden verbrachte ich damit, herumzukramen nach Material. Es stand alles wüst durcheinander. Auch die Assistentin wusste wenig Bescheid. Dies hier sollte nur eine vorläufige Unterkunft sein, sagte sie. Es würde alles bald viel besser und größer und schöner. Das nützte mir wenig. Es war fast sechs, als ich meine magere Ausbeute beisammen hatte. Im deutschen Seminar musste ich mir noch holen, was es dort gab.

Ich überlegte. In anderthalb Stunden war Collegium musicum drüben im Institut. Linde und Hartmut hatten gesagt, ich solle nur kommen, nicht gerade gebeten, aber der Chor schien klein, man würde mir’s vielleicht verübeln, wenn ich fernbliebe. Aber ich war müde. Das Vielerlei des Tages drängte sich hinter meiner Stirn, überschlug sich, verwirrte mich.

Auf den Straßen war Frühling. Das Brausen der Stadt tönte wie die Stimme des Meeres herüber zum Obstmarkt, dessen kleine Geschäftigkeit sich mehr in der Stille vollzog. Ich hatte jetzt Lust, Menschen zu sehen, viele Menschen, die ich nicht kannte, mich wegtragen und irgendwo anspülen zu lassen, auf provisorische Weise meinen Hunger zu stillen. Ich schlenderte zum Wenzelsplatz hinüber. Nach einem Restaurant stand mir jetzt nicht der Sinn. Ich wusste hier auch keines, in das ich mich überhaupt hätte setzen mögen. Ich trieb vorbei an den weit offenen Türen der Büfetts. Über ganze Häuserbreiten hin standen sie offen, lockend die Unbehausten, bequem, schnell und billig sich ein Mahl zu wählen aus der Fülle des Gebotenen, unverbindliche und liebenswürdige Stätte für den, der gern auf die bürgerliche Konvention verzichtet, Jacke oder Mantel am Kleiderständer aufzuhängen, sich zu setzen, die Speisekarte zu besehen, obwohl er von vornherein zu Palatschinken entschlossen ist, dem Ober zu winken, ihm das Gesuchte aufzutragen und in Geduld und Demut zu verharren, bis es ihm in aller Form serviert wird, sodann wieder sich in Geduld zu üben, bis es ihm gelingt, den Kellner herbeizuwinken und noch einmal, bis der Kellner geruht, ihm die Rechnung zu präsentieren, womöglich des Kleingelds ermangelt und daher noch einen Weg machen und wiederum Gelegenheit zu irgendeinem kleinen Aufenthalt finden kann.

Hier war alles anders. Ich war nicht die Untergebene eines Kellners, der mich warten lassen wollte. Der Kellner in bürgerlichen Lokalen sollte eigentlich für mich da sein, aber in Wirklichkeit bin ich es ja, die von ihm abhängt, die am Ende noch seine saure Miene schlucken muss, wenn das Trinkgeld seinen Erwartungen nicht gerecht wird.

Dies alles mag ungerecht sein, was die Kellner betrifft, denn wenn sie auch bis zum äußersten ihre Pflicht erfüllen, so sind ihnen doch nicht mehr als zwei Beine und nicht mehr als zwei Arme gegeben, was notwendig mitunter zu Aufenthalten und Verzögerungen führen muss. Aber es schien mir damals und scheint mir noch heute, dass alle diese Umstände das Büfett empfehlen, besonders dem, der es eilig hat oder dem, der es aus irgendeinem andern Grunde an Geduld fehlen lassen könnte.

Mir schien es an diesem Abend, als könne ich es vielleicht an Geduld fehlen lassen, denn sie war von dem übervollen Ablaufe des Tages fast völlig erschöpft. Ich war nicht gewöhnt an solche Fülle. Auch in dieser Stadt war sie mir bisher nicht vorgekommen. Und hatte es mir am Morgen geschienen, als erhebe sich nun die Stadt um mich und fange an zu tönen und zu leben, so schien sie mir jetzt schon von einer fast hektischen Betriebsamkeit, angefüllt bis zum Rande von tragischen oder widrigen Schicksalen, die unverändert und unveränderlich ihre Bahn weiterliefen wie Planeten.

An diesen Gedanken spann ich eben, als ich Professor Wiggert sah. Er war nicht allein. Neben ihm ging eine Dame, nicht sonderlich vertraut mit ihm, so schien es, aber die Möglichkeit, zur Vertraulichkeit fortzuschreiten, lag in beiden Gesichtern. Wiggert zu verkennen oder zu verwechseln war ausgeschlossen. Fast um eine Kopfeslänge überragte er die Menge der Passanten. Daher war dieser Kopf, die Vogelaugen, die Vogelnase, schon weithin zu erkennen. Ich warf deshalb, ehe ich abbog, noch einen eiligen Blick auf das weibliche Wesen — Mädchen, Frau, Dame — schwer zu sagen. Jedenfalls war sie nicht hübsch, erst recht nicht von Lindes Art. Aber sie hatte die frischen Farben, den lebhaften Blick, der Linde fehlte. Sie würde sich nicht mit weltfremden Träumen begnügen. Sie würde aus ihm, der ein Vogel ohne Seele war, gehätschelt mitunter in Lindes Zaubergarten, einen Menschen machen, einen Mann. Und Linde würde übrig sein.

Jetzt war ich nahe und warf rasch noch einen Blick auf ihn, von der unnötigen Angst gepeinigt, er könnte erkennen, was ich dachte, was ich alles wusste. Aber er sah mich gar nicht. Es war mir, als löse die graue, vertrocknete Schale sich von ihm ab, sein Gesicht nahm schon natürlichere Dimensionen an, die eingeübten theatralischen Gesten seiner Hände wurden unnötig.

Rasch wandte ich mich jetzt ab und trat in das Büfett, das sich zu meiner Seite öffnete, einladende Zuflucht, stiller Strand, an dem die Wasser keine Gewalt mehr hatten. Ich wählte ein Kartoffelgericht mit Sauce. Keine Marken waren dafür nötig, es versprach, mich zu sättigen, das genügte mir. Ich sah, wie der sahnige Kartoffelbrei aus dem Topf auf den Teller geschöpft wurde, ein verheißungsvoller wohlgerundeter kleiner Hügel, von einer Gabel mit kleinen Querkanälen versehen, in die die goldbraune Sauce floß. Wie schnell, wie leicht und vergnüglich war das alles bewerkstelligt. Keinerlei Umstände, keinerlei Küchenheimlichkeiten hinter verschlossenen Türen! Ich entrichtete meinen Obolus — solche Gerichte waren lächerlich billig — und zog mich an einen der Tische zurück, wo man auf Hockern vor der hohen Spiegelwand saß, die das Büfett auf einer Seite begrenzte.

Die Beschläge von Chrom an der Theke spiegelten. Alles war sauber, neutral und ohne allen Anspruch. Wie sehr zu preisen war doch diese Einrichtung, die einem erlaubte, alles Ungelöste vor der Tür zu lassen, wie man einen Hund draußen anbindet. Während man im Restaurant das Bedürfnis fühlt, in einer Gesellschaft bei Tisch zu sitzen, war es hier das Natürliche, allein zu sein. Selten ging man in Gesellschaft ins Büfett. Wenn es doch geschah, war doch da jedenfalls nicht dieses falsche Vortäuschen einer Wohnlichkeit. Es handelte sich nicht darum, sich niederzulassen auf unbestimmte Zeit. Es handelte sich darum, satt zu werden.

Ich wurde satt, der Brei schmeckte köstlich. Ich erwog, noch eine Kleinigkeit folgen zu lassen, aber dann erinnerte ich mich des Fünfzig-Kronen-Scheins, den ich dem Flötenbläser in den Hut gelegt hatte und beschloss, jetzt gleich mit dem Verzichten anzufangen, um es bald hinter mich zu bringen.

Ich bummelte die Reihen der Schaufenster entlang, vorbei an hellerleuchteten Hoteleingängen, überdacht, bewacht von hochmütigen Subjekten in Livree, deren Mienen sich nur dann plötzlich zu bewegen anfingen, wenn eine Taxe, ein Fiaker ihre viel versprechende Last entluden. Ich spähte in die Büfetts, halb bewusst jenes letzten Restes von Hunger, der nicht ganz gestillt war. Aber zu Hause lag noch Obst. Brot und Aufstrich war auch da. Nach dem Chor würde ich mir noch ein kleines zweites Abendbrot genehmigen.

Im Chor waren wir zu elfen. Noch herrschte die flaue Stimmung von Semesteranfang — es war alles noch nicht richtig ins Rollen gekommen. Die Akustik der niedrigen Räume ließ sehr zu wünschen übrig. Auch dieses Institut sollte umziehen in einiger Zeit, hochherrschaftlich, ins Palais des Malteser Großpriorats auf der Kleinseite. Breite Aufgänge mit Steinfiguren, Riesensäle, besseres Mobiliar. Nur Hartmuth sah dem Umzug mit einigem Bangen entgegen: die Bibliothek und Noten waren zu verpacken und tausenderlei Kram. Eine Sache für eine Hausfrau, eigentlich.. Er wusste nicht recht, ob er sich dem gewachsen fühlen sollte. Immerhin war noch Zeit bis dahin.

Der Professor, der die Vorlesungen hielt, leitete auch den Chor. Er erinnerte mich an meinen Vater. Aber wahrscheinlich hielt man ihn für älter, als er war. Müde schien er zu sein über seine Jahre hinaus. Seine Müdigkeit tönte nach in den Madrigalen und Chorsätzen, die wir probten.

Während wir sangen, fiel mir Professor Wiggert wieder ein, die Dame neben ihm, und ich sah zu Linde hinüber. Vielleicht hatte ich mich auch getäuscht, vielleicht war es seine Schwester — ach nein, das doch kaum. Aber irgendeine Verwandte vielleicht, eine Bekannte, die Frau eines Kollegen. Ich versuchte mich zu überreden, aber es überzeugte mich nicht. Sie waren nicht so nebeneinander gegangen, als gingen sie einander nichts an. Erwartung war in den Gesichtern gewesen, Hoffnung sogar. Wiggert schien sich durchaus kein Gewissen daraus zu machen, mit einer Dame den Wenzelsplatz hinunter zu promenieren. Wie sollte er auch? Wer konnte ihm das Zölibat abverlangen? Ich war jetzt überzeugt, dass er Linde nicht liebte, nie so geliebt hatte, wie sie es verstanden haben mochte, dass er in seiner Weltfremdheit auch Lindes Liebe nie bemerkt hatte. Wie würde sie diese Erkenntnis hinnehmen?

Wir blätterten weiter, stimmten an. Ein Lied vom Abschied war es und sollte das letzte sein für diesen Abend. Ich fing mit an zu singen, aber plötzlich stieg es mir würgend in die Kehle. Ich musste aufhören. Der Professor sah erstaunt zu mir herüber. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Was war das nur? Mitleid mit Linde, der Gedanke an den Abschied, den sie würde nehmen müssen ohne ein Wort, ohne ein Zeichen? Nein, das konnte es nicht sein, denn ich glaubte fest daran, dass dieser Schnitt ihr am Ende heilsam sein müsste. Was es nur war? Es war kein Heimweh, nicht der Gedanke an irgendeinen Abschied, den ich jemals genommen hatte.

Nein, im Grunde wusste ich, was es war und wollte es mir nur nicht eingestehen, weil es zu bizarr war, zu unbegreiflich. Ich hatte Sehnsucht nach der Stadt, in der ich lebte. Während ich hier war und draußen rundum die Stadt, zum Greifen nahe, während ich wusste, dass ich in wenigen Minuten durch ihre Straßen gehen würde, trieb mir der Gedanke an ihre Schönheit das Schluchzen in die Kehle, zerriss mich die Vorstellung, dass ich eines Tages aus ihr fortgehen müsste.

Die Milchglaskugel in unserem Zimmer brannte noch, als ich eilig über den Platz nach Hause kam. Das freute mich. In ein dunkles Zimmer zu kommen war unbehaglich, gleichgültig, ob Maria noch nicht da war oder schon schlief. Zwar konnte man auch die kalkweiße Beleuchtung nicht gerade behaglich nennen, aber in ihrer Nüchternheit entsprach sie doch unserem provisorisch zusammengezimmerten Studentendasein. Allerdings besaß Maria für „behagliche Zwecke”, wie sie das nannte, noch eine Nachttischlampe, aber für mich reichte der Lichtkreis natürlich nicht. Ich hatte auch immer im Sinn, mir mal eine schicken zu lassen oder zu kaufen. Aber es kam nie dazu.

Ein merkwürdiger Anblick bot sich mir, als ich ins Zimmer trat. Auf dem Tisch lag noch das Bild, wie ich es hingelegt hatte, offenbar unberührt. Marias Schranktür stand offen, Maria selber saß auf dem Bett, noch im Kostüm, an dessen Aufschlag völlig sinnloser Weise eine künstliche blaue Blume befestigt war. Das Kostüm hätte elegant sein können. Die Blume machte alles zunichte. Ich staunte immer wieder, auf welche altmodischen, manchmal geradezu gewöhnlichen Gedanken sie verfiel, um ihrem Mangel an Farben aufzuhelfen.

Absurd aber wurde der Anblick erst dadurch, dass sie das Haar schon aufgewickelt trug, auf weiße Bänder, die wie ein Kranz ihr Gesicht um Standen. Die Tätigkeit des Aufwickelns schien sie schon vor einer Weile beendet zu haben, denn jetzt rauchte sie, was ihren Anblick nicht weniger lächerlich machte.

Das Einzige an ihr, was man auf keinen Fall hätte komisch nennen können, war ihr Gesicht. Ich hatte sie nie so ernst gesehen.

Als ich ‚Guten Abend’ sagte, drückte sie ihre Zigarette aus. Meinen Gruß erwiderte sie erst, nachdem sie mich eine Welle unverwandt gemustert hatte.

Ich setzte die Kollegtasche auf das Ende meinen Bettes. Meine Daunendecke war, ebenso wie die von Maria, tagsüber zu einer Wurst zusammengerollt, an die Wand geschoben und über das ganze Bettgestell eine Wolldecke gebreitet, so das es einen einigermaßen zulängliches Sitz- oder Liegemöbel abgab.

„Was ist?” fragte ich, noch im Stehen, denn ich dachte jetzt an die Brot- und Obstvorräte, und es kam mir der Gedanke, ich könnte mir eigentlich noch ein Ei in die Pfanne schlagen, obwohl das bei der seltenen Zuteilung von Eiern schon Verschwendung gewesen wäre. Aber ich hatte das Gefühl, es sei vorher etwas zu klären, und ich könne mich nicht so mir nichts dir nichts ans Essen machen. ‚Ist was passiert?” fragte ich nochmal.

Maria bis sich auf die Lippen. Offenbar wusste sie nicht, welche Worte sie wählen sollte, wusste vielleicht überhaupt nicht, ob sie reden sollte.

„Aber warum sagen Sie denn nichts?” drängte ich schließlich. „Was ist denn so furchtbar?”

Sie schien sich jetzt zu besinnen, dass es unklug sei, die Sache dramatischer darzustellen, als sie normalerweise gewesen wäre. „Jemand hat in meinen Briefen gelesen”, sagte sie.

„In Ihren Briefen?” Ich verstand nicht.

„In den Briefen, die in meinem Schrank liegen. Und das Bild, wie kommt das Bild auf den Tisch?”

Ich lachte. „Wenn Sie sonst keine Sorgen haben, können Sie sich die auch sparen. Es muss Ihnen herausgefallen sein heute früh. Ich sah es auf dem Boden liegen, und damit niemand drauf tritt, habe ich es aufgehoben. Ich habe mir überlegt, wo ich es hintun soll. Ich hatte es zuerst auf Ihren Nachttisch gelegt”, ich lachte verlegen, dass ich ihr — mehr oder weniger wider Willen — diesen kleinen Schnörkel jetzt doch nicht vorenthalten hatte, ”aber ich dachte, es wäre Ihnen vielleicht nicht recht, Sie fänden es — irgendwie — ungezogen. In den Schrank wollte ich es auch nicht legen, denn ich mache nicht gern andrer Leute Schränke auf. Da habe ich es also auf den Tisch gelegt. Es liegt noch genauso da, wie ich es hingelegt habe.”

Etwas Erleichterung sah ich in ihrem Gesicht. „Aber die Briefe”, sagte sie ratlos. Ich merkte jetzt, dass ich durch die Beichte mit dem Bild mich auch hinsichtlich der Briefe verdächtig gemacht hatte. Konnte es nicht so gewesen sein, dass ich das Bild hätte in den Schrank legen wollen, dabei die Briefe gesehen hätte, sie gelesen und dann beschlossen, das Bild lieber doch nicht in den Schrank zu legen, weil sonst dieser Gedanke so nahe lag? Es entging mir nicht, dass Maria erleichtert schien, weil die Sache sich auf so harmlose Weise erklärte.

„Ich bitte Sie, es ist doch nur eine Lappalie, eine Kinderei, wenn Sie es nur waren. Mir wäre ein Stein vom Herzen. Ich würde es Ihnen niemals nachtragen, ich verspreche es Ihnen.’

Ich schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Ich lese fremde Briefe nicht. Nicht mal, wenn sie offen herumliegen. Vielleicht war es der Drachen — sie schnüffelt doch so gern — oder die Aufräumefrau. Warum muss es denn unbedingt jemand so Schreckliches sein?”

Sie schüttelte den Kopf, und ihre Stirn runzelte sich wieder. „Aber es wäre so ein merkwürdiger Zufall — die Briefe und das Bild — an einem Tag!”

Dieser versteckte Vorwurf, ich hätte gelogen, machte mich ärgerlich. Ich ging zum Schrank und nahm Serviette und Esswaren heraus, um sie auf den Tisch aufzubauen. „Sie brauchen mir nicht zu glauben” sagte ich gereizt. „Aber es wäre besser, wenn Sie mir glauben würden. Ich denke nicht daran, hier ein Semester lang mit Ihnen zu wohnen, wenn Sie bei der Meinung bleiben, dass ich fremde Briefe lese und Sie noch dazu belüge. Ich habe sehr gut bemerkt, dass Sie froh wären, wenn ich’s gewesen wäre. Ich weiß nicht, wieso. Es ist mir auch egal. Aber ich kann Ihnen nichts vorlügen, nur um Sie zu trösten. Das ist zu viel verlangt — ”

Ich hatte mir ein Brot gestrichen und aß dazu einen Apfel. Das Verlangen nach einem Ei war mir vergangen. Ich sah nicht, wie wir beide aus dieser Zwickmühle herauskommen sollten. Zwar war es richtig, dass ich unter diesen Umständen keine Lust mehr hatte, hier wohnen zu bleiben. Aber eine ganz andere Frage war, wo man so schnell ein Zimmer finden sollte.

Ich stand auf, um mir noch die Wurst aus dem Schrank zu holen. Als ich mich wieder hinsetzen wollte, streifte ich Maria mit einem Blick. Da sah ich etwas Erstaunliches: sie weinte! Ich stellte den Wurstteller auf den Tisch und ging zu ihr hinüber. Was ich nie vorher getan hatte — ich setzte mich neben sie aufs Bett und legte den Arm um sie.

„Hören Sie auf zu weinen, Maria. Ich war’s nicht, ich würde es Ihnen gerne sagen, wenn’s so wäre. Aber ich war’s wirklich nicht. Vielleicht können wir zusammen herauskriegen, wer es war.”

Wir konnten es nicht herauskriegen. Wir konnten es nicht einmal ahnen. Ich selber erfuhr es erst viel später, als alles vorbei war. Aber hätten wir es damals gewusst, es hätte uns nicht froher gemacht und hätte nichts mehr hindern können.

Erst im halben Schlaf kam mir noch einmal der Gedanke an Felix Erlach. Den ganzen Tag lang hatte ich nicht mehr an ihn gedacht. Ob er mich auch so sehr vergessen hatte wie ich ihn? Ein heller Ausblick war jetzt der Gedanke, ihn wieder zu sehen, eine zärtliche Zuversicht lag darin.

Die Geige schwieg heute nacht. Ein warmer Wind hatte sich aufgemacht in den Straßen und bewegte die Fenster, die leise klirrten. Ich stand noch einmal auf, um sie festzuhaken. Es roch nach Frühling.

Das Gedicht fiel mir ein, die ganze erste Strophe war plötzlich da.

„Schon steigt der Saft aus jener Allgemeinheit,
die dunkel in den Wurzeln sich erneut,
zurück ans Licht und speist die grüne Reinheit,
die unter Rinden noch die Winde scheut.”

Ein langer Satz, ein umständlicher Satz, vollgepackt und nichtssagend eigentlich — aber das dürfte man vielleicht nicht sagen, schließlich war es Rilke. Rinden — Winde — eine Art Binnenreim im letzten Satz. Allgemeinheit — Reinheit — verschwommene Worte, man konnte sich nichts darunter vorstellen. Na ja, man müsste es etwas milder ausdrücken, was wieder bedeuten würde, dass es etwas mehr Platz einnimmt.

Sollte ich es noch aufschreiben? Ach nein, es würde mir schon morgen wieder einfallen. Zuversichtlicher geworden, wickelte ich mich in meine Daunendecke. Eine ganze Weile lag ich noch wach. Zwei Zeilenpaare als Gegensätze, das Zweite aber entspringend aus dem ersten und — sozusagen — genährt vom ersten. Da würde mir schon was einfallen. Allerdings, zehn Seiten?

Maria schlief jetzt ruhig. Auch ich war eingeschlafen, als ein Schrei mich aufschreckte. Maria war hochgefahren. „Nicht doch, Götz! Sie brennen dich!”

Ich erschrak, lag still, hielt den Atem an. Sie durfte nicht wissen, dass ich wach war. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. aber vielleicht wusste sie selber nicht, was sie gesagt hatte. Nach einer Weile hörte ich, wie sie nach dem Röhrchen griff, das auf ihrem Nachttisch lag. Sie nahm Schlaftabletten. Ich wartete, dass sie aufstehen würde, um ein Glas Wasser zu holen. Dann könnte ich mich rühren, Atem holen, aber sie stand nicht auf. Sie schluckte die Tabletten ohne Wasser. Dann wurde es wieder still im Zimmer. Aber die Stille war voller Angst.

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Die Geister der Moldau — Kapitel 1 Ankunft https://stefan-soyka.de/?p=1316 Wed, 24 Jun 2015 17:25:36 +0000 https://stefan-soyka.de/?p=1316 Die Geister der Moldau — Kapitel 1 Ankunft weiterlesen]]> Es gibt Augenblicke, in denen wir plötzlich um vieles älter werden, um dann wieder lange anzuhalten und zu bleiben, was wir sind, bis wir den nächsten großen Schritt tun. Solch ein Augenblick war es, als ich zum ersten Mal ins Semester fuhr. Ich hatte gedacht, dass meine Mutter weinen würde. Aber das tat sie nicht. Schon manchmal war ich abgereist, aber immer nur, um über kurz oder lang wiederzukommen. Diesmal ging ich für immer fort. Von jetzt an würde ich zu Hause nur noch Besuch sein. Als ich zum Abschied in das ruhige, freundliche Gesicht meiner Mutter sah, erkannte ich, dass es Zeit für mich war, heranzuwachsen.

Meine ältere Schwester stand neben ihr und schob ihren Arm in den meiner Mutter, als der Zug zu rollen anfing. Es war gut, dass Mutter nicht allein heimgehen musste an diesem neblig-feuchten Morgen. Noch heute sehe ich sie dort auf dem Bahnsteig stehen und winken, und ich danke ihr, dass sie es ohne Tränen tat. Damals war ich eigentlich nur betroffen, im Innersten sogar ein wenig gekränkt, dass sie, die mich so sehr liebte, mich so gehen ließ.

Die fremde Stadt empfing mich in Nachmittagslicht. Aus einem Nebenausgang des Hauptbahnhofs trat ich hinaus in die Sonne. Verwundert sah ich, die ich aus dem Flachland kam, die breite Großstadtstraße sich talwärts neigen und alles, was sich auf ihr bewegte, wie in sanfter Überredung mit sich hinunternehmen, während sie zur linken Hand alles bergwärts lockte.

Ich kannte mich nicht aus in dieser Stadt. Mein Blick fiel auf einen der Fiaker, die damals das Geschäft der Autotaxen besorgten. Ein Schimmel stand davor, nicht gebückt ins Joch der Dienstbarkeit wie Droschkengäule sonst, im Gegenteil: mit erhobenem Kopf schien er das Licht der Sonne zu genießen, in die ich hinein geraten war aus dem heimischen Regengrau. Er trug einen Strauß am Ohr, Wiesenblumen nur, wie man sie am Feldrain findet, und schon ein wenig welk, als hätten sie die Mühe des Gauls auf sich genommen. Dieser Schimmel mit dem Strauß am Ohr scheint mir immer wie ein Bild der Stadt, in der er mich willkommen hieß.

Zögernd nannte ich, des Tschechischen nicht mächtig, dem Kutscher Straße und Hausnummer auf Deutsch. Dass er sich darauf mit dem Peitschenstiel am Kopf kratzte, konnte entweder bedeuten, dass die Straße sehr entlegen war oder dass er mich nicht verstanden hatte. Da er aber seinen Schimmel antrieb, ohne weitere Auskünfte einzuholen, nahm ich an, dass wir einen sehr weiten Weg vor uns hätten. Ich lehnte mich in die abgeschabten Polster zurück und fragte mich, ob ich die Fahrt am Ende bezahlen könnte.

Der Schimmel bewegte sich mit seinem leichten Gefährt indessen bergwärts, hinauf gegen ein gründerzeitliches, kuppelgekröntes Ungetüm von grauem Stein. Ihm auszuweichen, neigte die Straße sich ein wenig abwärts. Zwischen zwei Häuserreihen senkte sich zur Rechten ein breiter Platz nach unten.

Es war, als atme hier überall die Erde. Ich hatte schon Städte gesehen, die sich aus einem Tal über Hügel hochzogen, auch alte Städtchen, die die Schrift ihrer Gassen steil auf und ab gekritzelt hatten auf ein missgünstiges Gelände. Aber hier schien es mir, als atme die Erde noch unter der Stadt, als sei sie lebendig geblieben unter der Decke von Stein. Staunend sah ich hinunter auf den Platz, über dem die Sonne im blauen Abendlicht schwamm.

Der Schimmel hielt plötzlich inne mitten im Trab, als hätte er meine Gedanken gelesen. Da standen wir, und um uns her wogte weiter das hauptstädtische Treiben. Hinter uns wurden ärgerliche Stimmen laut. Mein Kutscher, nachdem er sich anfänglich nur mit dem Peitschenstiel verlegen den Kopf gekratzt hatte, versuchte es nun mit dem Surren der Peitschenschnur. Passanten kamen lachend über den Damm und redeten dem Pferde gütlich zu in ihrer fremden Sprache. Der Kutscher selbst stieg endlich ab, um es am Zaume weiterzuführen. Ich selber hatte inzwischen Zeit, den Platz zu begrüßen. Um ihn her war nichts, was man hätte schön nennen können. Das steinerne Ungetüm, das mit seiner Kuppel über ihm thronte, war ebenso wenig schön wie die Reihen grauer Mietshäuser zu beiden Seiten. Aber da war dieses Reiterstandbild, das bereit schien, als nächstes über den Platz zu traben — der heilige Wenzel, wie ich später hörte — und der Platz neigte sich zwischen grünen Bäumen der Abendsonne gegen, raunend von Leben und Freude.

Als ich davon genug gesehen hatte, setzte der Schimmel gelassen seinen Weg fort. Am oberen Rande des Platzes führte die Straße weiter bergan, und nach kurzer Zeit hielten wir vor dem grauen Haus, das mich beherbergen sollte. Ein graues Haus in einer grauen Straße, so schien es mir damals. Später vergaß ich, dass es so hässlich war. Ich liebte es einfach, und noch heute sehe ich im Traum seine Zimmer.

Der Kutscher kratzte sich wieder mit dem Peitschenstiel am Kopf. Ich sah jetzt, dass es überhaupt nichts bedeutete. Ich trat noch einmal zu dem Schimmel. Ich hätte ihm gern ein Stück Zucker gegeben, wenn ich nur eines gehabt hätte.

Er wandte den Kopf und sah mich an. Im Bernsteingelb seiner Augen war etwas bezauberndes. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Es war, als wäre er nur eben dagewesen, um mich willkommen zu heißen.

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