18. August
Auch die zweite Nacht in Jugoslawien haben wir alle im Bus verbracht.
Diesmal allerdings nicht abseits der Transit-Strecke, sondern auf einem großen Parkplatz hinter einer der „Raststätten”, wo während der ganzen Nacht Busse und LKWs ankommen und losfahren, so dass wir nach einigen wenigen Stunden unruhigen Schlafs schon im Morgengrauen wieder startbereit sind.
Während Rolf noch schnell auf seinem Campingkocher die tiefschwarze Koffein-Brühe zubereitet, von der er sich hauptsächlich zu ernähren scheint, ziehen Rosi und Agnes los, um die Toiletten zu inspizieren. Sie wollen sich unbedingt „frisch machen”.
Inge und ich haben ihnen gestern zwar von den Plumpsklos des Grauens erzählt, aber Rosi meint, das langgestreckte graue Gebäude zwischen Parkplatz und Piste mache doch einen ganz ordentlichen und sauberen Eindruck. Vielleicht sei es hier ja gar nicht so schlimm.
Als die Beiden nach wenigen Minuten zurück kommen, leicht grün im Gesicht, verzichte ich darauf, mir – auf leeren Magen! – die Schilderung ihres Toiletten-Abenteuers anzuhören.
Selbstverständlich hätte keiner von uns etwas gegen fließendes Wasser einzuwenden.
Schließlich sinken die Temperaturen auch nachts kaum unter dreißig Grad, und da wir uns seit dem Morgen unserer Abfahrt in Hamburg nicht mehr gewaschen haben (der Inhalt des großen Wassertanks im Bus ist Trinkwasser und darf höchstens mal zum Geschirrspülen benutzt werden), haben wir alle angefangen, etwas zu müffeln…
Aber wenn man durch übelriechenden Schlamm waten muss, um einen Wasserhahn zu erreichen, kommt man schnell dahin, den Geruch von Schweiß und Käsefüßen als das kleinere Übel anzusehen.
Außerdem hat Rolf uns ja auch versprochen, dass wir in einer oder höchstens zwei Stunden die griechische Grenze erreicht haben werden. Und da geht es dann schnurstracks ans Mittelmeer – „ich kenn’ da einen wirklich netten, ruhigen Strand …”.
Hinter der Grenze, die wir tatsächlich schon um sechs Uhr morgens überqueren, schreibe ich rasch eine Ansichtskarte an meine Eltern: „Jugoslawien liegt hinter uns. Alles bestens, mir gehts gut, Töchting”.
Ich kenne bisher nur das (billige, aber schmackhafte) Essen in den griechischen Restaurants im Hamburger Karo-Viertel; in Griechenland selbst war ich noch nie.
Zuerst scheinen mir die kargen, ausgedörrten Landschaften und die kleinen, wie ausgestorben wirkenden Dörfer denen im Süden Jugoslawien sehr ähnlich, aber als das Leben in den Häusern und Straßen erwacht, bemerke ich immer mehr Unterschiede.
Die Menschen wirken heiterer, die Gebäude gepflegter, und die Baustellen und halbfertigen Häusern sehen – im Gegensatz zu denen auf der anderen Seite der Grenze – aus, als würde dort tatsächlich gearbeitet.
Und überall grünt und blüht es…. Selbst die baufälligsten Behausungen sind von pinkfarbenen, violetten oder weißen Bougainvillea umrankt, und in alten Kochtöpfen, verbeulten Olivenöl-Kanistern und allen erdenklichen Behältnissen leuchten rote Geranien und andere bunte Blumen um die Wette.
Als dann vor uns das Ägäische Meer auftaucht, ebenso überirdisch blau wie der wolkenlose Himmel darüber, habe ich endgültig mein Herz an dieses Fleckchen Erde und seine Bewohner verloren. Alle sind selig, dass das Meer endlich erreicht ist, und Rolf legt eine kleine Pause ein, damit wir aussteigen, uns „satt sehen” und fotografieren können.
Hinter Thessaloniki, wo wir einige Drachmen einwechseln, entfernen wir uns wieder von der Küste, und ich werde ganz hibbelig. Wir wollten doch im Mittelmeer baden?! Aber Catherine beruhigt mich – in ein paar Stunden werden wir den Strand, von dem Rolf gesprochen hat, erreicht haben.
Tatsächlich ist zu unserer Rechten bald wieder das große Blau zu sehen. Gegen Mittag hält der Bus neben einem Garten-Restaurant in einem kleinen Fischerdorf. Der Wirt ist hocherfreut, acht so ausgehungerte Gäste begrüßen zu dürfen, und serviert uns eine herzhaft-deftige Mahlzeit, die mir köstlicher erscheint als alles, was ich in meinem ganzen Leben gegessen habe. Sicher, wir haben seit Tagen nur Müsli mit H‑Milch, kärglich belegte Knäckebrote, Tomaten und gelegentlich etwas Obst zu uns genommen, und dann schmeckt einem wohl jedes warme Essen phantastisch – aber abgesehen davon leuchtet mir ein, dass griechisches Essen in Griechenland (noch) leckerer ist als „beim Griechen” in Hamburg…
Am Nachmittag ist es dann endlich soweit: Wir haben den Strand erreicht und stürzen uns in die Fluten. Das Wasser ist kristallklar und warm, aber trotzdem wunderbar erfrischend, und ich mag gar nicht mehr rauskommen.
Schließlich gehe ich doch zum Bus, aber nur, um mein Shampoo zu holen. „Du kannst dir doch mit Salzwasser nicht die Haare waschen,” sagt Rosi verblüfft.
„Ich probier’s einfach mal,” antworte ich – und siehe da, es klappt besser als gedacht. Das teure Shampoo aus dem „Schwarzbrot”, dem Naturkostladen im Uni-Viertel, schäumt sogar ein bisschen.
Zum Ausspülen lege mich mit dem Rücken auf das Wasser und lasse mich von den sanften Wellen wiegen. Das ist so entspannend, dass ich richtig schläfrig werde; also entschließe ich mich nun doch, aus dem Wasser zu kommen.
Catherine hat unterwegs Tomaten, Zucchini und Auberginen eingekauft und Spaghetti mit Gemüsesauce gekocht. Dazu gibt es Weißbrot und Schafskäse.
Als wir satt und zufrieden neben dem Bus sitzen, schlägt Agnes vor, eine Liste zu erstellen, die festlegt, wer an welchem Tag fürs Essen zuständig ist – „und wer den Abwasch macht, das sollte am Besten jemand anders sein”. Catherine verdreht die Augen und fängt an, die Schalen und Becher einzusammeln. Wir tragen das Geschirr hinter den Bus, wo der Wasserkanister steht. Sie spült, ich trockne ab.
Schweigend reicht sie mir die Sachen hinüber, und ich empfinde plötzlich wieder dieses Gefühl von Leichtigkeit, das mich schon in dem verwunschenen Garten in Flottbeck überkommen hat.
Es ist ja nicht so, dass ich nichts von Plänen und Theorien halte. Eigentlich bin ich sogar ein ziemlicher „Kopf-Mensch”. Aber ab und zu ist es besser, das Denken, Theoretisieren und Voraus-Planen mal sein zu lassen.
Und einfach nur zu machen. 🙂
An diesem Abend schlafe ich am Strand mit meiner Brille auf der Nase ein. Ich kann nämlich nicht aufhören, zu den Milliarden von unglaublich hell glitzernden Sternen emporzuschauen, bis mir schließlich die Augen zufallen…