24. September
Nach dem Aufstehen reicht die Zeit gerade noch für ein schnelles Frühstück, das aus einem Pfannkuchen mit Banane und Honig und einer Tasse Tee besteht.
Unser Fahrer kann es offensichtlich kaum erwarten, „aus diesem moskitoverseuchten Terai raus und in die Berge” zu kommen.
„Wann werden wir denn etwa in Pokhara ankommen?” frage ich ihn beim Einsteigen.
„So genau lässt sich das nicht sagen, aber auf jeden Fall lange vor Einbruch der Dunkelheit!”
„Fein, dann stehen die Chancen ja ganz gut, dass ich heute noch eine Dusche kriege!”
Und es dauert nicht lange, da sind wir schon „in den Bergen”.
Der Unterschied zum flachen, feucht-heißen Terai ist einer wie zwischen Tag und Nacht. Plötzlich ist alles grün, die Luft ist klar und frisch, und hinter jeder Kurve eröffnen sich neue atemberaubend schöne Aussichten auf Täler, Berge und Terrassen.
Ich kann mich gar nicht satt sehen. Es geht mir wie Ludmilla Tüting, der Autorin meines inzwischen schon reichlich zerlesenen Reiseführers „Nepal für Globetrotter”: Nepal bedeutet auch für mich – „Liebe auf den ersten Blick”.
Hinter einer Brücke, die ein Tal mit einem steinigen Bachbett darin überspannt, hält Rolf plötzlich an.
„Alles aussteigen! Kleine Badepause!”
Badepause?
Er grinst breit, als er unsere verwirrten Blicke sieht, und deutet in Richtung Beifahrertür.
„Wenn man dem Bachlauf ein Stückchen folgt, kommt man zu einem netten Natur-Planschbecken, das wir vor ein paar Jahren zufällig mal entdeckt haben,” erklärt er.
„Jetzt kommst du sogar zu einem Vollbad, Paula – und das in der mit Sicherheit schönsten Freiluft-Badewanne deines Lebens!”
Das ist wahrlich keine Übertreibung.
Die „Wanne” ist in eine üppige tropische Pflanzenwelt eingebettet und weist sogar eine „Dusche” in Form eines kleinen Wasserfalls auf. Juchzend springen wir ins kühle Nass und planschen ausgiebig herum.
Als wir schließlich herrlich erfrischt wieder aus dem Becken klettern, müssen wir uns auf Catherines Geheiß gegenseitig auf Egel („Leeches”) absuchen, aber glücklicherweise hat an keinem von uns so ein Blutsauger angedockt.
Wir fahren weiter und kommen wieder in dichter besiedelte Gegenden.
Die Menschen hier sehen völlig anders aus als die in Nordindien, sie sind zierlich, haben schräg stehende Mandelaugen und hohe Wangenknochen. Und sie scheinen von früh bis spät zu lachen oder zu lächeln! Die Frauen tragen Röcke und Wickelblusen in wunderbaren Farben, viel dunkles Weinrot und leuchtendes Türkis, und haben rote Bänder in ihre langen schwarzen Zöpfe hineingeflochten.
Auch die Ortschaften, durch die wir kommen, gefallen mir weit besser als die in der indischen Tiefebene, die wir gestern durchquert haben. Hier sehen wir reetgedeckte Häuschen aus orangefarbenem Lehm statt grauer Betonklötzchen und schäbiger Bretterbuden, und zu fast jedem Haus gehört ein ummauerter Garten. Die Mauern, so erfahre ich von Catherine, dienen vor allem dem Schutz der in den Gärten gedeihenden Gemüsepflanzen und Blumen vor den frei umherlaufenden Kühen.
Gegen Mittag halten wir in einem der Dörfer an, um etwas zu essen. Das „Restaurant” ist eine zur Straße hin offene Küche, gegessen wird auf der überdachten Veranda, wo niedrige hölzerne Tische und Sitzbänke stehen.
Es gibt keine Speisekarte, sondern nur ein einziges Gericht – „Dal Bhat”. Das heißt „Linsen mit Reis” und ist so etwas wie das nepalesische Nationalgericht, erfahre ich – und ab sofort ist es meine neue Leibspeise! „Dal Bhat” ist vegetarisch, lecker gewürzt und sättigt auf eine sehr befriedigende Weise, ohne schwer im Magen zu liegen. Es wird meist auf einem in drei bis vier Fächer unterteilten Teller aus Edelstahl oder Weißblech serviert, und es gibt, so sagt man mir, unendlich viele Variationsmöglichkeiten, bei denen das gelbe Linsen-Mus und der Reis mit Gemüsecurrys, diversen Chutneys oder Pickles kombiniert werden.
Am Nachmittag erreichen wir Pokhara. Die Stadt Pokhara, die sogar einen eigenen kleinen Flugplatz hat, interessiert uns allerdings wenig; Rolf fährt gleich zur „Lakeside” am Fewa-See hinunter, an dessen Ufern die meisten Unterkünfte liegen.
Unsere Lodge nennt sich „New Green Lake Hotel” und besteht aus drei hufeisenförmig angeordneten, langgestreckten Gebäuden. Im mittleren Gebäude sind Rezeption, Küche und ein kleiner Speiseraum untergebracht, die zwei Flügel links und rechts davon bestehen aus aneinander gereihten Zwei- und Dreibett-Zimmern.
Im „Innenhof” zwischen den Gebäudeflügeln befindet sich ein Sonnendach, unter dem die Hotelgäste sitzen und sich Tee, Cola oder kleine Snacks (wie beispielsweise „Banana Fritters”) servieren lassen können.
Unser Fahrer hat diese Unterkunft natürlich wegen des weitläufigen Grundstücks ausgewählt, auf dem er im 608 campieren kann. Neben der Einfahrt steht bereits ein Wohnmobil mit Berliner Kennzeichen.
Die Familie, die das Hotel führt, wohnt in einem Haus am hinteren Ende des Grundstücks.
Als ich dieses Haus am frühen Abend fotografieren will, bevor es dunkel wird, fällt mir auf, dass die dicken weißen Wolken, die während des ganzen Nachmittags dort am Horizont aufgetürmt waren, verschwunden sind.
Was da jetzt in nördlicher Richtung fern und weiß in den Himmel ragt, sind keine Wolken. Es sind die Gipfel des Annapurna-Massivs.
Ich kann es noch gar nicht fassen. Ich bin tatsächlich in Nepal angekommen – an einem paradiesischen Ort mit Blick auf den Himalaya.
Weiterlesen » 19. Ein himmlisches Picknick