18. Liebe auf den ersten Blick

24. Sep­tem­ber

Nach dem Auf­ste­hen reicht die Zeit gera­de noch für ein schnel­les Früh­stück, das aus einem Pfann­ku­chen mit Bana­ne und Honig und einer Tas­se Tee besteht.

Unser Fah­rer kann es offen­sicht­lich kaum erwar­ten, „aus die­sem mos­ki­to­ver­seuch­ten Terai raus und in die Ber­ge” zu kommen.

Wann wer­den wir denn etwa in Pokha­ra ankom­men?” fra­ge ich ihn beim Einsteigen.

So genau lässt sich das nicht sagen, aber auf jeden Fall lan­ge vor Ein­bruch der Dunkelheit!”

Fein, dann ste­hen die Chan­cen ja ganz gut, dass ich heu­te noch eine Dusche kriege!”

Und es dau­ert nicht lan­ge, da sind wir schon „in den Bergen”.

Der Unter­schied zum fla­chen, feucht-hei­ßen Terai ist einer wie zwi­schen Tag und Nacht. Plötz­lich ist alles grün, die Luft ist klar und frisch, und hin­ter jeder Kur­ve eröff­nen sich neue atem­be­rau­bend schö­ne Aus­sich­ten auf Täler, Ber­ge und Terrassen.

Ich kann mich gar nicht satt sehen. Es geht mir wie Lud­mil­la Tüting, der Autorin mei­nes inzwi­schen schon reich­lich zer­le­se­nen Rei­se­füh­rers „Nepal für Glo­be­trot­ter”: Nepal bedeu­tet auch für mich – „Lie­be auf den ers­ten Blick”.

Hin­ter einer Brü­cke, die ein Tal mit einem stei­ni­gen Bach­bett dar­in über­spannt, hält Rolf plötz­lich an.

Alles aus­stei­gen! Klei­ne Badepause!”

Bade­pau­se?

Er grinst breit, als er unse­re ver­wirr­ten Bli­cke sieht, und deu­tet in Rich­tung Beifahrertür.

Wenn man dem Bach­lauf ein Stück­chen folgt, kommt man zu einem net­ten Natur-Plansch­be­cken, das wir vor ein paar Jah­ren zufäl­lig mal ent­deckt haben,” erklärt er.

Jetzt kommst du sogar zu einem Voll­bad, Pau­la – und das in der mit Sicher­heit schöns­ten Frei­luft-Bade­wan­ne dei­nes Lebens!”

Das ist wahr­lich kei­ne Übertreibung.

Die „Wan­ne” ist in eine üppi­ge tro­pi­sche Pflan­zen­welt ein­ge­bet­tet und weist sogar eine „Dusche” in Form eines klei­nen Was­ser­falls auf. Juch­zend sprin­gen wir ins küh­le Nass und plan­schen aus­gie­big herum.

Als wir schließ­lich herr­lich erfrischt wie­der aus dem Becken klet­tern, müs­sen wir uns auf Cathe­ri­nes Geheiß gegen­sei­tig auf Egel („Lee­ches”) absu­chen, aber glück­li­cher­wei­se hat an kei­nem von uns so ein Blut­sauger angedockt.

Wir fah­ren wei­ter und kom­men wie­der in dich­ter besie­del­te Gegenden.

Die Men­schen hier sehen völ­lig anders aus als die in Nord­in­di­en, sie sind zier­lich, haben schräg ste­hen­de Man­del­au­gen und hohe Wan­gen­kno­chen. Und sie schei­nen von früh bis spät zu lachen oder zu lächeln! Die Frau­en tra­gen Röcke und Wickel­blu­sen in wun­der­ba­ren Far­ben, viel dunk­les Wein­rot und leuch­ten­des Tür­kis, und haben rote Bän­der in ihre lan­gen schwar­zen Zöp­fe hineingeflochten.

Auch die Ort­schaf­ten, durch die wir kom­men, gefal­len mir weit bes­ser als die in der indi­schen Tief­ebe­ne, die wir ges­tern durch­quert haben. Hier sehen wir reet­ge­deck­te Häus­chen aus oran­ge­far­be­nem Lehm statt grau­er Beton­klötz­chen und schä­bi­ger Bret­ter­bu­den, und zu fast jedem Haus gehört ein ummau­er­ter Gar­ten. Die Mau­ern, so erfah­re ich von Cathe­ri­ne, die­nen vor allem dem Schutz der in den Gär­ten gedei­hen­den Gemü­se­pflan­zen und Blu­men vor den frei umher­lau­fen­den Kühen.

Gegen Mit­tag hal­ten wir in einem der Dör­fer an, um etwas zu essen. Das „Restau­rant” ist eine zur Stra­ße hin offe­ne Küche, geges­sen wird auf der über­dach­ten Veran­da, wo nied­ri­ge höl­zer­ne Tische und Sitz­bän­ke stehen.

Es gibt kei­ne Spei­se­kar­te, son­dern nur ein ein­zi­ges Gericht – „Dal Bhat”. Das heißt „Lin­sen mit Reis” und ist so etwas wie das nepa­le­si­sche Natio­nal­ge­richt, erfah­re ich – und ab sofort ist es mei­ne neue Leib­spei­se! „Dal Bhat” ist vege­ta­risch, lecker gewürzt und sät­tigt auf eine sehr befrie­di­gen­de Wei­se, ohne schwer im Magen zu lie­gen. Es wird meist auf einem in drei bis vier Fächer unter­teil­ten Tel­ler aus Edel­stahl oder Weiß­blech ser­viert, und es gibt, so sagt man mir, unend­lich vie­le Varia­ti­ons­mög­lich­kei­ten, bei denen das gel­be Lin­sen-Mus und der Reis mit Gemü­se­cur­rys, diver­sen Chut­neys oder Pick­les kom­bi­niert werden.

Am Nach­mit­tag errei­chen wir Pokha­ra. Die Stadt Pokha­ra, die sogar einen eige­nen klei­nen Flug­platz hat, inter­es­siert uns aller­dings wenig; Rolf fährt gleich zur „Lake­si­de” am Fewa-See hin­un­ter, an des­sen Ufern die meis­ten Unter­künf­te liegen.

Unse­re Lodge nennt sich „New Green Lake Hotel” und besteht aus drei huf­ei­sen­för­mig ange­ord­ne­ten, lang­ge­streck­ten Gebäu­den. Im mitt­le­ren Gebäu­de sind Rezep­ti­on, Küche und ein klei­ner Spei­se­raum unter­ge­bracht, die zwei Flü­gel links und rechts davon bestehen aus anein­an­der gereih­ten Zwei- und Dreibett-Zimmern.

Im „Innen­hof” zwi­schen den Gebäu­de­flü­geln befin­det sich ein Son­nen­dach, unter dem die Hotel­gäs­te sit­zen und sich Tee, Cola oder klei­ne Snacks (wie bei­spiels­wei­se „Bana­na Frit­ters”) ser­vie­ren las­sen können.

Unser Fah­rer hat die­se Unter­kunft natür­lich wegen des weit­läu­fi­gen Grund­stücks aus­ge­wählt, auf dem er im 608 cam­pie­ren kann. Neben der Ein­fahrt steht bereits ein Wohn­mo­bil mit Ber­li­ner Kennzeichen.

Die Fami­lie, die das Hotel führt, wohnt in einem Haus am hin­te­ren Ende des Grundstücks.

Als ich die­ses Haus am frü­hen Abend foto­gra­fie­ren will, bevor es dun­kel wird, fällt mir auf, dass die dicken wei­ßen Wol­ken, die wäh­rend des gan­zen Nach­mit­tags dort am Hori­zont auf­ge­türmt waren, ver­schwun­den sind.

Was da jetzt in nörd­li­cher Rich­tung fern und weiß in den Him­mel ragt, sind kei­ne Wol­ken. Es sind die Gip­fel des Anna­pur­na-Mas­sivs.

Ich kann es noch gar nicht fas­sen. Ich bin tat­säch­lich in Nepal ange­kom­men – an einem para­die­si­schen Ort mit Blick auf den Hima­la­ya.

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