8. Afghanische Kavaliere

31. August

Das Abho­len der für den 608 erfor­der­li­chen Papie­re und unse­rer Visa am Mor­gen ist eine Sache von nicht ein­mal fünf­zehn Minuten.

Wäh­rend er den Bus aus der Stadt her­aus steu­ert, erläu­tert Rolf, was uns an der ira­nisch-afgha­ni­schen Gren­ze erwartet.

Also, bei den Per­sern gibt es eine inter­es­san­te Aus­stel­lung, wo sie über­all schon Haschisch in Autos und Gepäck­stü­cken gefun­den haben. Falls ihr Zeit habt, guckt euch die ruhig mal an, ist echt fas­zi­nie­rend, auf was für Ideen man­che Leu­te da so gekom­men sind… Die­se Schau­käs­ten sind natür­lich als Abschre­ckung für Rei­sen­de gedacht, die aus Afgha­ni­stan kom­men und zurück nach Euro­pa wol­len, aber glaubt ja nicht, dass wir des­halb weni­ger miss­trau­isch beäugt wer­den! Die Zoll­han­sel wis­sen zwar auch, dass nur ein kom­plett Schwach­sin­ni­ger ver­su­chen wür­de, Dope quer durch den Iran und dann nach Afgha­ni­stan zu schmug­geln, aber wenn sie mei­nen, du benimmst dich nicht respekt­voll genug, las­sen sie trotz­dem die Pas­sa­gie­re eines gan­zen Rei­se­bus­ses Kof­fer aus­pa­cken. Also, nicht ver­ges­sen: immer höf­lich, immer lächeln!”

Was die afgha­ni­sche Sei­te angeht,” fährt unser Fah­rer fort, „da wird es total unbe­re­chen­bar. Afgha­ni­stan ist ein noch ärme­res Land als Per­si­en, des­halb ver­an­stal­ten die auch die­sen Visa-Zir­kus, um ein biss­chen Geld in ihre Staats­kas­se zu krie­gen. Man sieht das auch gleich, an den maro­den Gebäu­den und an den Uni­for­men der Zöll­ner… Aber das dürft ihr sie auf gar kei­nen Fall spü­ren las­sen, da sind die mäch­tig emp­find­lich. Die sind bet­tel­arm und kor­rupt bis in die Kno­chen, aber nichts­des­to­trotz unge­mein stolz.”

Bei ira­ni­schen Zoll geht es dies­mal über­ra­schend schnell, so schnell, dass ich es gera­de noch schaf­fe, die Toi­let­te zu fin­den und kurz dar­in zu ver­schwin­den, denn ich habe – aus­ge­rech­net! – just an die­sem Mor­gen mei­ne Peri­ode gekriegt. Für die von Rolf beschrie­be­ne „Aus­stel­lung” habe ich daher kei­nen Blick übrig.

Als ich wie­der aus dem Ört­chen her­aus­kom­me, haben die Ande­ren schon nach mir zu suchen begon­nen; unser Fah­rer scheint zu befürch­ten, dass die per­si­schen Zöll­ner sich doch noch ein paar Schi­ka­nen ein­fal­len las­sen, wenn wir uns län­ger hier auf­hal­ten. Wie eine klei­ne Schaf­her­de treibt er uns zusam­men und in den Bus.

Nach weni­gen Metern wird er auf der afgha­ni­schen Sei­te der Gren­ze an den Stra­ßen­rand gewun­ken, wo schon min­des­tens ein Dut­zend Bus­se und LKWs hin­ter­ein­an­der auf­ge­reiht stehen.

Ach du Schei­ße – sieht ganz so aus, als hät­ten wir für die Ein­rei­se nach Afgha­ni­stan einen schlech­ten Tag erwischt,” stöhnt Rolf.

Wir stei­gen aus und fol­gen ihm auf einen nied­ri­gen Gebäu­den umsäum­ten Platz, auf dem vor einer Bara­cke schon zwei Men­schen­schlan­gen war­ten, jede gut zwan­zig Meter lang.

Das kann hier den gan­zen Tag dau­ern,” befürch­tet Catherine.

Wir stel­len uns hin­ten an.

Rolf, den Ord­ner mit Car­net und Fahr­zeug­pa­pie­ren unter den Arm geklemmt, ver­schwin­det in einer wei­te­ren Bara­cke am ande­ren Ende des stau­bi­gen Plat­zes, um sich erst ein­mal die dafür nöti­gen Stem­pel zu besorgen.

Nach einer hal­ben Stun­de sind gera­de mal drei Leu­te in die Bara­cke hin­ein- und wie­der her­aus­ge­kom­men, und die Men­schen­schlan­ge hat sich höchs­tens einen hal­ben Meter vor­an bewegt.

Es geht mir nicht gut. Ver­mut­lich habe ich einen leich­ten Sonnenstich.

Inzwi­schen ist es Mit­tag, und die senk­recht über uns ste­hen­de Son­ne scheint mein Hirn zu kochen. Ich habe das Gefühl, als wür­de mein Kör­per gera­de liter­wei­se Blut ver­lie­ren. Mei­ne Zun­ge klebt am Gau­men, mir ist flau, und am Ran­de mei­nes Gesichts­fel­des beginnt es grün­lich zu flimmern.

Ich ken­ne das – seit jeher habe ich einen nied­ri­gen (nach Auf­fas­sung unse­res Haus­arz­tes „dra­ma­tisch nied­ri­gen”) Blut­druck und bin schon als Schü­le­rin gele­gent­lich mal umge­kippt, bei­spiels­wei­se im voll­be­setz­ten Schul­bus – meis­tens dann, wenn ich grad mei­ne Tage bekom­men hat­te… Die grün­lich flim­mern­den Stern­chen am Ran­de mei­nes Gesichts­fel­des sind ein Warnsignal.

Ich muss mich jetzt ganz schnell an irgend­ei­ner Wand zu Boden rut­schen las­sen, sonst knal­le ich der Län­ge nach hin…. oder… wenn ich mich irgend­wo anleh­nen und hin­set­zen könn­te, wer­de ich viel­leicht doch nicht ohnmächtig…

Schwan­kend sche­re ich aus der Rei­he aus und tor­ke­le auf den brei­ten, dunk­len Ein­gang der Bara­cke zu, vor der wir alle warten.

Ich höre, wie Inge – oder ist es Anna? – irgend­et­was zu mir sagt, aber ich ver­ste­he nicht, was. Auch ande­re in der Schlan­ge War­ten­de spre­chen zu mir, ein regel­rech­tes Geschnat­ter hebt an, aber ich ver­ste­he sie alle nicht; zu laut rauscht das Blut in mei­nem Kopf. Ich sehe nur das dunk­le Recht­eck des Bara­cken-Ein­gangs vor mir.

Dort ist Schat­ten… ich muss raus aus der Sonne…

Ich habe es fast geschafft, da löst sich eine Gestalt aus dem Rechteck.

Ver­schwom­men sehe ich ein dunk­les, schnurr­bär­ti­ges Gesicht mit freund­li­chen brau­nen Augen, dar­un­ter eine graue Uni­form­ja­cke. Auch die­ser Mann sagt etwas Unver­ständ­li­ches. Da er aber nun mal zwi­schen mir und dem Schat­ten-Recht­eck steht, bin ich gezwun­gen, ihm zu erklä­ren, dass ich unbe­dingt dort­hin muss.

Ich stau­ne, wie klar und deut­lich die Wor­te aus mei­nen aus­ge­trock­ne­tem Mund kom­men: „Excu­se me, Sir, may I sit down in there?”

Er ant­wor­tet mit einem Schwall von Wor­ten, die mög­li­cher­wei­se eng­li­sche sind, viel­leicht aber auch zu einer der in Afgha­ni­stan gespro­che­nen Spra­chen gehö­ren. Wich­ti­ger als das, was er sagt, ist mir aber ohne­hin, was er tut – er ergreift mei­nen Unter­arm, stützt mich behut­sam ab, und führt mich in die Bara­cke hinein.

Mei­ne Knie sind wie But­ter, und einen Moment lang scheint es unver­meid­lich, dass ich – hof­fent­lich gra­zi­ös – vor dem in der Bara­cke befind­li­chen Schreib­tisch zu Boden sinke.

Doch da sind schon meh­re­re Uni­for­mier­te vor und hin­ter dem Schreib­tisch auf­ge­sprun­gen, und mein Ret­ter bug­siert mich auf einen der dadurch frei gewor­de­nen Stühle.

Der Offi­zier hin­ter dem Schreib­tisch, der ein­zi­ge, der auch eine Uni­form­müt­ze trägt, ruft eine Anord­nung, und im nächs­ten Moment drückt mir jemand ein gro­ßes Glas Was­ser in die Hand. Ich höre wie­der, wie Rolf auf dem Infor­ma­ti­ons­abend vor Beginn unse­rer Rei­se sagt: „Nie­mals Was­ser trin­ken, das ihr nicht selbst min­des­tens zehn Minu­ten lang abge­kocht habt!” – und trin­ke das Glas gie­rig leer.

Thank you, thank you so much! You are very, very kind!” ver­si­che­re ich dem Offi­zier und den übri­gen besorgt drein­bli­cken­den Zöllnern.

Wenn sie mich nur noch einen Moment lang hier sit­zen las­sen, hier im Schatten.

Viel­leicht könn­te ich dar­um bit­ten, hier drin­nen war­ten zu dürfen?

Ich könn­te mich doch dort an der Wand auf den Boden setzen…

Whe­re are you from?” fragt mich der Offizier.

I am from Ger­ma­ny,” ant­wor­te ich und schen­ke ihm das rei­zends­te Lächeln, das ich in die­ser Ver­fas­sung zustan­de brin­gen kann.

Which car you came with?”

Oh, I came with a white Mer­ce­des bus…”

Der Offi­zier ruft wie­der irgend­ei­ne Anord­nung und fragt dann:

How many people?”

So ganz hat mein Hirn offen­bar noch nicht wie­der auf Nor­mal­be­trieb geschal­tet, jeden­falls fin­de ich unse­re Kon­ver­sa­ti­on etwas verwirrend.

Ich über­le­ge noch, wie sei­ne letz­te Fra­ge wohl gemeint ist, da steht plötz­lich Rolf neben mir und sagt:

Eight per­sons, Sir.”

Hin­ter ihm sehe ich Cathe­ri­ne, Anna und Inge im Tür­rah­men auf­tau­chen, und höre, wie Rolf ihnen halb­laut sagt, sie soll­ten die ande­ren drei auch her­ho­len – „… aber ganz schnell!”

Und dann geht wirk­lich alles ganz schnell.

Unser Fah­rer steht am Tisch und brei­tet sei­ne Unter­la­gen vor dem Offi­zier aus, der sie kurz durch­blät­tert und dann mit meh­re­ren Stem­peln versieht.

Anschlie­ßend winkt Rolf sämt­li­che Pas­sa­gie­re nach­ein­an­der zum Tisch, und die zei­gen ihre Päs­se vor, der eben­so zügig abge­stem­pelt wer­den. Zuletzt nimmt er mir – die ich immer noch ganz ver­dat­tert auf dem Stuhl hocke, umringt von freund­lich lächeln­den Zöll­nern – mei­nen Brust­beu­tel aus der Hand und lässt auch mei­nen Pass abstempeln.

So, Pau­la, und nun komm… es geht doch jetzt schon wieder?”

Anna hakt mich unter, und wir gehen über den gro­ßen, stau­bi­gen Platz in Rich­tung 608.

Was für eine bil­li­ge Num­mer!” höre ich einen lang­haa­ri­gen Deut­schen abfäl­lig sagen, der immer noch in der sen­gen­den Son­ne wartet.

Na ja, für so eine Show muss man natür­lich die rich­ti­ge Tus­si dabei haben…”

Das war kei­ne Show,” sage ich ver­är­gert und will ste­hen blei­ben, um die Sache klar zu stellen.

Aber Anna zieht mich wei­ter, um hin­ter den vor­an­stür­men­den Rolf zu blei­ben. Wir krie­gen noch eini­ge gif­ti­ge bezie­hungs­wei­se nei­di­sche Kom­men­ta­re aus der Rei­he der War­ten­den zu hören, aber dann sind wir schließ­lich am Bus und stei­gen ein.

Unser Fah­rer hat kein Wort mehr gesagt, seit wir die Zoll-Bara­cke ver­las­sen haben.

Erst als die Grenz­sta­ti­on hin­ter uns liegt und vor uns die san­di­ge Stra­ße nach Herat, löst sich sei­ne Anspan­nung, und es bricht aus ihm heraus:

Ich kann ein­fach nicht glau­ben, was da eben pas­siert ist! Pau­la, das war der Ham­mer! Das war spit­zen­mä­ßig, super, groß­ar­tig! Das musst du unbe­dingt an der Gren­ze zu Paki­stan noch mal abzie­hen – da stel­len die sich manch­mal auch fürch­ter­lich an!”

Moment mal,” pro­tes­tie­re ich, „das war wirk­lich kei­ne Show! Mir war kot­zel­end, ich war tat­säch­lich kurz davor, aus den Lat­schen zu kip­pen! Ich hab näm­lich einen extrem nied­ri­gen Blut­druck, und außer­dem grad’ mei­ne Tage gekriegt.”

Ja, ja, ist ja schon gut,” Rolf zwin­kert mir gut­ge­launt zu. Er hält mei­ne Erklä­run­gen wohl für einen Teil der Vorführung.

Aber dann erklärt Anna ihm, sie habe gese­hen, wie ich aus der War­te­schlan­ge her­aus getor­kelt wäre:

Ich hab mich total erschro­cken, als ich Pau­la da gese­hen habe. Sie war wirk­lich weiß wie ‘ne Wand, und ihr Blick – voll­kom­men gla­sig, als wäre sie schon halb hin­über… So etwas kann man nicht mar­kie­ren. Das hät­te auch nicht funk­tio­niert, wenn’s nicht echt gewe­sen wäre. Die sind doch nicht blöd, die Afghanen.”

Och, das ist aber schade…”

Offen­sicht­lich fällt es unse­rem Fah­rer schwer, sich von der Idee zu ver­ab­schie­den, dass ich uns an jeder Gren­ze zu einer so hur­ti­gen Abfer­ti­gung ver­hel­fen könnte.

02_afgh.jpg